SE 'Staatszerfall, Parastaatlichkeit und Bandenkriege', Dr. Eva Kreisky, Institut für Politikwissenschaft - Universität Wien, 2003/2004
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"Nation Building" - "Staatsbildung"

Einschätzungen über die Brauchbarkeit eines Begriffs




Eine Auseinandersetzung mit dem Begriffs der "Staatsbildung" muss bei der Frage nach der jeweiligen Interpretation von "Staat" bzw. "Nation" beginnen. Dabei fällt als Erstes auf, dass es sich dabei nicht zwangsläufig um ein und dasselbe handeln muss. Denn, wie Wolfgang Reinhard in seiner Arbeitsdefinition des europäischen Staates erklärt:


"Die Einheitlichkeit des Staatsvolks kann, muss aber nicht ihren Niederschlag im Bewusstsein der Menschen finden, einer gemeinsamen Nation anzugehören. Moderne Staaten innerhalb und außerhalb Europas sind per definitionem Nationalstaaten oder behaupten das jedenfalls, denn Staat und Nation brauchen keineswegs deckungsgleich zu sein." 1


Wir haben also zwei Begriffe, "nation building" und "Staatsbildung", die wohl beide dasselbe meinen, aber nicht grundsätzlich miteinander übereinstimmen. Auf der einen Seite die "Staats"-bildung, wobei vom westlich geprägten Verständnis des Staates ausgegangen und


a) ein Staatsgebiet als ausschließlichen Herrschaftsbereich,

b) ein Staatsvolk als sesshaften Personenverband mit dauernder Mitgliedschaft und

c) Souveränität nach innen und außen


voraussetzt werden muss, andererseits der "nation"-Begriff. Zwar wird im Englischen sehr wohl zwischen "nation building" und "state building" differenziert, in der Regel wird aber auch ersterer zumeist als "Staatsbildung" übersetzt. Dabei handelt es sich um ein generelles Problem, das mit der Herkunft der Quellen zusammenhängt, die solche Definitionen im Allgemeinen hervorbringen. Ein Großteil der Literatur, die sich mit politikwissenschaftlichen Fragestellungen auseinandersetzt, stammt aus dem englischsprachigen Raum, vor allem aus den Vereinigten Staaten. Diese Einseitigkeit hat, neben anderen Auswirkungen, auch zur Folge, dass sich die korrekte Übernahme der verwendeten Begriffe, etwa in den deutschen Sprachraum, nicht selten als äußerst schwierig gestaltet. Bei Verwendung der Bezeichnung "nation building" müsste also richtigerweise die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs im Sinne der "Nationsbildung" vorausgesetzt werden Dass diese nicht zwangsläufig die Existenz einer Staatsstruktur im Sinne des westlich bzw. europäisch geprägten Verständnis voraussetzt, sondern vielmehr die Herausbildung gemeinsamer Identitätsstrukturen bzw. die Schaffung kollektiver Identifikationsmuster meint, zeigt sich etwa am Beispiel der Schwarzen Bevölkerungsgruppe in den Vereinigten Staaten. Als Angehörige einer heterogenen sozialen Gruppe, der es seit jeher an kollektiven Identitätsstrukturen mangelt, welche eine Artikulation gemeinsamer Forderungen bzw. allgemeine, politische Handlungsbereitschaft erst ermöglichen würden, versuchen sich seit Jahrzehnten verschiedene Akteure durch Begründung verschiedener politischer Vereinigungen im "nation-building". Erwähnt sei an dieser Stelle die "Nation of Islam", eine Organisation mit staats-religiösem Charakter, die als wahrscheinlich wichtigster Vertreter eines "Schwarzen Nationalismus" gilt und sich bereits durch ihren Namen eindeutig zu einem neuen "Schwarzen Selbstwertgefühl" bekennt, das auf der Schaffung einer gemeinsamen, "nationalen" Identität beruht.2 Der Begriff des "nation building" kann also auch auf einzelne soziale Gruppen bzw. Bevölkerungsteile angewandt werden, die über kein eigenes Territorium verfügen. In diesem Sinne ist es aber nicht korrekt, den Begriff der "Staats"-bildung zu verwenden, da entscheidende Voraussetzungen für die Existenz eines Staates nach westlich- europäischer Definition schlichtweg fehlen.


Hier zeigt sich schon die erste Schwierigkeit im Umgang mit einem Begriffspaar, das zwar nach unserem Verständnis für ein und den selben politischen Prozess einsteht, sich de facto aber bereits in den Grunddefinitionen unterscheidet.


Diese formale Diskrepanz erweist sich aber als nahezu harmlos im Vergleich mit den enormen Unterschieden in der praktischen Auslegung des Staats- bzw. Nationskonzepts in den unterschiedlichen Teilen der Welt. Die Modifikation des europäischen Nationalstaatsmodells am afrikanischen Kontinent, oder in islamisch geprägten Kulturen beispielsweise erweist sich zumeist als äußerst schwierig, wenn nicht gar völlig unmöglich. Zu verschieden sind die Auffassungen eines funktionierenden Staatsapparats, der in den einzelnen Kulturkreisen völlig anders ausgelegt wird. Die Auswirkungen der Konferenz in Berlin von 1884 bis 1885, bei der mehr als zehntausend afrikanischen Königreiche, Föderationen und Stammesgemeinschaften ohne Rücksichtnahme auf vorhandene, politische und soziale, Strukturen in vierzehn Kolonien aufgeteilt wurde, sind bis heute spürbar. Ob das Bestreben der USA, in Ländern der arabischen Welt demokratische Staatsstrukturen nach westlichem Verständnis zu etablieren von Erfolg

gekrönt ist, wird sich noch zeigen, darf aber stark angezweifelt werden. Ohne eine breite politische Zustimung zur Durchführung solcher Operationen, die nicht zuletzt auf einem wissenschaftlichen Konsens über ein derartiges Vorgehen beruht, würde sich der angestrebte Export des europäischen Staatsmodells wohl als schwieriger erweisen.


An diesem Punkt kommen wir wieder zurück zu den Quellen, in denen entsprechende Konzepte wie jenes des "nation building" diskutiert und erarbeitet werden, die als Grundvoraussetzung für die allgemeine Akzeptanz und die praktische Umsetzung solcher Strategien angesehen werden können.

Es bleibt also festzuhalten, dass sowohl aufgrund der Ausdifferenzierung, als auch bezüglich des einseitig geprägten Entstehungsumfelds, Vorsicht bei der Anwendung und Operationalisierung der Begriffe "nation building" bzw. "state building" geboten ist.




1 Verstaatlichung der Welt? Europäische Staatsmodelle und außereuropäische Machtprozesse. Schriften des historischen Kollegs Herausgegeben von Wolfgang Reinhard R. Oldenburg Verlag München 1999 (Einführung, S. XI)

2 E.U. Essien-Udom Black Nationalism. A search for identity in America Chicago University Press 1962 Paperpack 1972