Vorlesung 'Mafia, Staat und Männlichkeit', Dr. Eva Kreisky, Institut für Politikwissenschaft - Universität Wien, 2003
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Thesen, Zitate und Literatur zur Vorlesung Mafia, Staat und Männlichkeit

[Diese Vorlesungsnachlese ist eine leicht revidierte und zusammengeführte
Fassung früherer Vorlesungsunterlagen aus dem SS 2001, © Georg Spitaler,
überarbeitet von Albert Kraler]


5. Vorlesungseinheit, 8.April 2003

Die Mafia im Film - Filmbeispiele




Vorbemerkung: Warum sind Filme für die Politikwissenschaft interessant?



Filmbeispiele:


In allen drei Filmbeispielen werden gemeinsame Elemente verhandelt: Autorität, Herrschaft, Gewalt, Geschlecht, Klientelismus und Gerechtigkeit(sansprüche).



Filmbeispiele/ Kurzbeschreibung:

The Godfather/Der Pate

USA 1972

R: Francis Ford Coppola

Marlon Brando (Don Vito Corleone), Al Pacino (Michael Corleone)


F.F. Coppola: Zusammen mit Martin Scorsese wichtiger Vertreter des Amerikanischen Autorenkinos der 70er Jahre (und danach), gleichzeitig entscheidende Beiträge zum Mafia/Gangster-Genre (Scorsese: Mean Streats, GoodFellas, Casino, außerdem z.B. Brian de Palma: The Untouchables, Scarface)


Der Pate als vielleicht erfolgreichster Mafia-Film aller Zeiten; 2 Fortsetzungen (1974, 1990)

Gangster-Figuren nun mehr als soziale Abziehbilder, differenzierte Figuren und Geschichten


Erzählt wird die wechselvolle Geschichte des italo-amerikanischen Corleone-Clans bzw. die Übergabe der Macht vom Vater (Don Vito, Marlon Brando) auf seine Söhne


Szene 1:

Erste Szene des Films, Hochzeit der Tochter, an diesem Tag, so bekommt man erklärt, kann kein Sizilianischer Vater einem anderen Mann einen Gefallen abschlagen;

Verhältnis Staatsbürgerschaft/Loyalität zum Clan:

Der Totengräber bittet Don Vito um die Bestrafung einiger Männer, die seine Tochter mißbraucht haben, vor Gericht aber mit Bewährung davonkamen

Gerechtigkeit, wo der bürokratische Staat dem einzelnen scheinbar nicht zu seinem Recht verhilft: Gegenkonzept Freundschaft, definiert als gegenseitige Gefallen, die zu Loyalität verpflichten



City Hall

USA 1996

R: Harold Becker

Al Pacino (Bürgermeister John Pappas), John Cusack (Kevin Calhoun)



Staatliche Vertretung und mafiöse Freundschaftkonzepte müssen nicht unbedingt als Gegensatz aufgefaßt werden, sondern können auch Hand in Hand gehen:

Klientelistische Politik- bzw. Vertretungsmodelle


Szene 1:

Mr. Anselmo, der klientelistische Bezirkspolitiker in New York (und Mafia-Verbindungsmann) kümmert sich um die Sorgen seiner Wähler


Szene 2:

City Hall als klassisches Spiel mit dem amerikanischen Monomyth (zentrale Erzählung amerikanischer politischer Kultur):

Der einfache Bürger (in diesem Fall: der junge Politiksekretär, die Anwältin) kämpft für die Wiederherstellung der harmonischen (Kleinstadt-)Gemeinschaft (wenn die Institutionen versagen) und tritt nach erfolgreicher Mission wieder in die Rolle des normalen Bürgers zurück. Der im Film explizit vorgenommene Verweis auf die athenische Polis versucht dieses Modell auf die Großstadt New York zu übertragen


„Menschkeit“ (jiddischer Begriff; in etwa: Handschlagqualität – „the bond of honor between two men - about what happens between the two hands in a handshake“.) vs. Bürgerethos:

Bürgermeister Pappas (Al Pacino) mußte aus Loyalität zu alten Seilschaften und pragmatischen Machtüberlegungen zu Gunsten eines Mafiagangsters intervenieren, der dadurch nur zu einer Bewährungsstrafe (sic!) verurteilt wurde, und in der Folge ein Kind und einen aufrechten Polizeibeamten erschießt. Der Sekretär des Bürgermeisters (John Cusack) muß im Lauf seiner Ermittlungen erkennen, wer für diesen Fehler verantwortlich ist und emanzipiert sich von seinem Mentor, der am Ende des Films zurücktreten muß.



Kamenskaja: Auf fremdem Terrain (Fernsehfilm)

 

RUS 2000

R: Jurij Moroz

Jelena Jakowlewa (Kamenskaja)


Nach einem Roman von Alexandra Marinina, einer sehr erfolgreichen russischen Bestsellerautorin und ehemaligen Polizistin (die russische Donna Leon?), Fernsehfilm mit etwas spekulativer Handlung


Kommissarin Kamenskaja aus Moskau ist auf Urlaub in einem Sanatorium in der russischen Provinz. Als dort eine Mordserie stattfindet (inklusive Mädchenhandel und Snuff-Movies) beginnt sie auf eigene Faust zu ermitteln.


Zusammenspiel der Kommissarin und des lokalen Mafiabosses, um die Ordnung bzw. das Recht wiederherzustellen (realpolitischer Kompromiß):


Szene 1:

Mafia-Boss (mit Untergebenen und dem korrupten Milizchef), gibt der Polizei den Auftrag die Mordserie aufzuklären und schließt einen Pakt mit der Kommissarin.

Die Mafia als Instanz, die aus pragmatischen Gründen nicht immer bekämpft werden kann und als realer Ordnungsfaktor auftritt, mit dem auch Allianzen geschlossen werden müssen