Dr. Eva Kreisky, Institut für Politikwissenschaft - Universität Wien
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Eva Kreisky (1999): Marie Jahoda. Eine Laudatio, in: L'Homme. Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft, 10. Jg., Heft 2


Universität Wien

25.11.1998


Marie Jahoda. Eine Laudatio



Liebe Marie Jahoda, 1926 haben Sie Ihr Studium an der Universität Wien aufgenommen und 1932 mit Dissertation und Rigorosum abgeschlossen. Wie wenig vermitteln diese spärlichen "Eckdaten" studentischer Biographien, wie sie zwischen Aktendeckeln des Universitätsarchivs aufbewahrt werden, über Ihr in Wahrheit so vielfältiges Wirken und reiches, aber ebenso kompliziertes Leben in einer überaus schwierigen Zeit. Ihre Person, Ihr wissenschaftliches Leben würdigen zu wollen, bedeutet weit auszuholen, in Ihrer Biographie, in der politischen Geschichte Österreichs, aber auch in der Geschichte moderner Sozialforschung.


Und es bedeutet vor allem, der außerordentlichen Tatsache Rechnung zu tragen, daß Sie wegen ihres praktischen Eintretens für Demokratie im Jahre 1937 von einem Tag auf den anderen aus Österreich vertrieben wurden. Ihnen wurde die Staatsbürgerschaft aberkannt, sie wurden von ihrer Familie, für Sie besonders schmerzlich, von Ihrer Tochter getrennt. Der Nationalsozialismus stellte Ihr Exil auf Dauer und auch die wiederhergestellte Republik unternahm nach 1945 keinerlei Anstrengungen, Sie in angemessener Form nach Österreich zurückzuholen. Desgleichen ist Ihnen in Österreich akademische Anerkennung mehr oder minder versagt geblieben. Keine österreichische Universität hat Sie bis zum heutigen Tage geehrt, selbstkritisch haben wir einzubekennen: auch nicht die Wiener Universität, an der Sie studiert haben. Ihre akademische Wertschätzung haben Sie durchwegs in der angelsächsischen Welt erfahren. Im deutschsprachigen Raum reagierte man nur zögerlich: 1991 hat Sie die "Österreichische Gesellschaft für Soziologie" zu ihrem Ehrenmitglied gemacht. 1993 erhielten Sie das Silberne Ehrenzeichen der Republik Österreich. An der Bochumer Ruhr-Universität wurde 1994 eine internationale Gastprofessur für Frauenforschung eingerichtet, die Ihren Namen trägt.


Das im Wien der Zwischenkriegszeit so vielversprechend begonnene wissenschaftliche Wirken konnte Marie Jahoda nur im Ausland, in England und in den USA, fortführen. Im Österreich der Nachkriegsära hatte man sie, so müssen wir beschämt eingestehen, für lange Zeit einfach vergessen. Erst ab den siebziger Jahren, mit beginnender kultureller Liberalisierung, universitärer Modernisierung und wissenschaftlicher Internationalisierung zeigte eine neue sozialwissenschaftliche Generation zunehmend Interesse an der Arbeit von Marie Jahoda. Marie Jahoda wies in einem Interview dieses neu erwachte Interesse an ihr und ihrer Arbeit in Bescheidenheit und mit Erstaunen zurück: "(...) all das Schreiben über mich in Österreich scheint mir eine indirekte Bestätigung, daß nicht viel Neues geschaffen wird. Einige meiner Arbeiten sind sicher ganz gut und verdienen auch gegenwärtiges Interesse, aber nicht soviel, wie ihnen gezollt wird. Was geht bloß in der Gegenwart vor, wenn so eine Konzentration auf die Vergangenheit ist?"


Wie recht hatte Marie Jahoda mit ihrem schlichten Einwand. Gewaltige politische Einschnitte hatten mit einem Schlage das, was sie und ihr Freundeskreis behutsam entwickelt hatten, brutal zunichte gemacht. Die Wunde, die Austrofaschismus und Nationalsozialismus der damals erst zarten Pflanze einer österreichischen Sozialwissenschaft zugefügt haben, war tiefer und schmerzhafter als von offizieller Seite je einbekannt worden ist. In den fünfziger und sechziger Jahren geisterten noch die wildesten Zerrbilder über Sozialwissenschaften durch die Lande: So warnte noch Ende der sechziger Jahre das Gutachten eines Grazer Rechtshistorikers nachdrücklich vor einer "geradezu staatsgefährdenden Sache" wie der Einführung der Studienrichtung Politikwissenschaft. Und eine medizinische Fakultät faßte damals gar den Beschluß, "mit einer so anrüchigen Disziplin wie der Politikwissenschaft nicht unter einem Dach der Universität zusammenleben zu wollen". Es ist also nicht irgendein Zufall, wenn viele der sozialwissenschaftlichen Studienrichtungen in Österreich erst nach 1970 eingerichtet werden konnten. Bis dahin standen anti-moderne "Westdistanz", wissenschaftlicher Provinzialismus, Anti-Intellektualismus, Stigmatisierung gesellschaftskritischer Positionen, ja auch Antisemitismus der akademischen Etablierung moderner Sozialwissenschaft entgegen.


Und in der Tat war für die Generation der beginnenden siebziger Jahre, der auch ich angehöre, einiges an Erfahrung nachzuholen. Die spannenden Anfänge einer engagierten, kritischen Sozialwissenschaft, die noch dazu auch international bedeutsam geworden war, galt es erst wiederzuentdecken. Faszinierend war es für die aus und mit der Studentenbewegung sozialisierte Wissenschaftergeneration allemal, wie Gesellschaftskritik, politisches Engagement und avancierte Forschungsmethoden zu verknüpfen sind. Wir wurden neugierig auf das, was hierzulande zerstört worden ist und sich jahrzehntelang nicht wieder regenerieren konnte. Wir wollten nur allzu gerne den Faden aufnehmen, den man Ihnen aus der Hand gerissen hatte. Denn wir ahnten es: Ihre gewaltsam erzwungene Emigration - wie die Vertreibung kritischen Geistes überhaupt - fügte der Wissenschaftskultur Österreichs nicht wieder gutzumachende Verluste zu.


Lassen Sie mich nun einige Worte zum wissenschaftlichen Leben Marie Jahodas sagen: In ihr nur eine lebens- und praxisferne Wissenschafterin zu sehen, wird dem Lebenswerk fürwahr nicht gerecht. Marie Jahoda war zeitlebens eine couragierte, sozial und politisch engagierte Sozialforscherin - ob sie soziale Benachteiligungen von Arbeiterinnen, Arbeitern oder Arbeitslosen in Österreich oder England erforschte, ob sie Antisemitismus, Rassismus, autoritäre oder antidemokratische Politik- und Gesellschaftsstrukturen analysierte oder ob sie mit all ihrer Vehemenz in den USA gegen den damaligen McCarthyismus Stellung bezog. Immer hat sie Wissenschaft und Politik benutzt, um an einer humaneren Welt mitzuwirken.


Diese radikale Konsequenz, die die Persönlichkeit Marie Jahodas ausmacht, ist nicht nur überaus beeindruckend, sie hat zudem auch ihren besonderen wissenschaftlichen Zugang geprägt. Dieser praktische Habitus schlug sich in der Wahl ihrer Forschungsthemen wie auch in der Bündelung ihrer wissenschaftlichen Interessen nieder. Immer waren es drückende reale Probleme der Gegenwartsgesellschaft, die ihre wissenschaftliche Neugier provozierten. Das zentrale Thema ihres Lebens und ihrer Sozialanalysen war Arbeit und Arbeitslosigkeit; deren soziale wie psychische Folgen. Aber auch Visionen eines sozial gerechteren, menschenwürdigeren Lebens beschäftigten sie zeitlebens. Nie waren es lediglich wissenschaftsinterne Diskurse, die sie herausforderten, nie adressierte sie bloß die scientific community. Marie Jahoda betätigte sich immer als Grenzgängerin zwischen den Sphären von Gesellschaft, Politik und Wissenschaft. Es war ihre Erfahrung des Lebens in mehreren Welten, in der akademischen Sphäre und im sozialdemokratischen Umfeld, in Österreich und im angelsächsischen Raum, die diesen bewundernswerten, flexiblen, offenen und lebensnahen Wissenschaftsstil entstehen ließ.


Aufgewachsen im Wiener Milieu einer bildungsbürgerlichen Familie, die auch ihr als Frau alle Förderung zuteil werden ließ, führte sie ihr Weg schon früh in die sozialdemokratische Jugend- und Bildungsbewegung. Als Aktivistin der sozialdemokratischen Bewegung lernte sie die Welt sozialer Ungleichheit zunächst aus einem austromarxistischen Blickwinkel zu betrachten. "Osmotisch", wie Marie Jahoda es selbst ausgedrückt hat, habe sie auch das positivistische Denken des Wiener Kreises aufgenommen. Ihre gesellschaftspolitische Reformmotivation ließ sie die besondere Relevanz der Pädagogik sowie der Sozialpsychologie erkennen. Als Marie Jahoda 1926 neben einer Volksschullehrerausbildung auch ihr Psychologiestudium bei Karl und Charlotte Bühler begann, so tat sie dies, weil sie, wie sie selbst einmal sagte, "komplett überzeugt (war)", daß sie "einmal sozialistischer Erziehungsminister in Österreich werden würde".


In ihrer Dissertation "Anamnesen im Versorgungshaus. Ein Beitrag zur Lebenspsychologie" verknüpfte Marie Jahoda ihr sozialpolitisches Erkenntnisinteresse mit dem Ansatz der Lebenslaufforschung Charlotte Bühlers. Indem sie sich mit Biographien von Obdachlosen und Ausgegrenzten befaßte, erweiterte sie Bühlers Modell auf untere soziale Schichten. Marie Jahoda schätzte zwar den Umstand, von den Bühlers ausgebildet worden zu sein, sie verstand sich aber nie als deren Schülerin. Sie blieb intellektuell an das sozialdemokratische Milieu gebunden und maß dem Universitätsstudium eher politisch-instrumentelle Bedeutung bei. Sozialpsychologie bedeutete ihr, "die soziale Struktur und das Individuum gleichzeitig zu verstehen".


1932 begann dann jene Kollektivarbeit im Rahmen der Wiener Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle, mit deren Publikation Marie Jahoda letztlich Weltruhm erlangen sollte. Die klassische empirische Studie über "Die Arbeitslosen von Marienthal", angeregt durch Otto Bauer, koordiniert durch Paul Lazarsfeld, erhoben durch MitarbeiterInnen der Forschungsstelle, der Endbericht aber im wesentlichen verfaßt durch Marie Jahoda. Mit dieser methodisch überaus originellen und vielseitigen, qualitativen wie quantitativen Untersuchung konnte erstmals die Realität von Resignation und Apathie als Folge von Arbeitslosigkeit erfaßt werden. Die Forschergruppe verfuhr nicht nach einem starren Forschungsplan, sondern entwickelte die methodischen Optionen aus der Situation oder wie Marie Jahoda es formulierte, "die Methoden erwuchsen aus der Konzentration auf das Problem, nicht um ihrer selbst willen". Schon in dieser Phase ist Jahodas Skepsis gegen vorschnelle und überzogene Quantifizierung erkennbar. Sie war fest davon überzeugt, daß man zu den Menschen selbst gehen und ihnen vor allem verständlich bleiben mußte. Marie Jahoda ist eine der PionierInnen qualitativer sozialer Forschung: Was heute als Biographieforschung, Oral History, offene Befragung oder Aktionsforschung firmiert, war damals bereits angedacht und umgesetzt. Ebenso stand der sensible Umgang mit den Bedürfnissen der Beforschten im Zentrum ständiger Reflexion. Auch in dieser Hinsicht war Marie Jahoda kritischer Sozialforschung um einige Jahrzehnte voraus.


Nach Paul Lazarsfelds Weggang in die USA leitete Marie Jahoda bis zu ihrer Verhaftung als illegale Sozialistin im Jahre 1936 die Forschungsstelle. Nach 9 Monaten Haft, die auch die sehr bittere Trennung von ihrer Tochter einleitete, kam Marie Jahoda zwar auf Grund internationalen Drucks vorzeitig frei, mußte aber sofort das Land verlassen. Sie ging ins Exil nach England und versuchte in der Forschung beruflich Fuß zu fassen. In dieser Zeit betätigte sie sich auch im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Selbst in der schwierigen Zeit des Exils versuchte Marie Jahoda - obzwar weitgehend isoliert von ihrem Bezugsfeld - die theoretischen und methodischen Erkenntnisse, die sie in ihrem intellektuellen Gepäck aus Wien mitgenommen hatte, in ihren Forschungsstrategien weiterzuentwickeln.


1945 wechselte Marie Jahoda dann in die USA. Diese Zeit betrachtet sie selbst als eine in sozialwissenschaftlicher Hinsicht besonders ertragreiche und spannende. Zunächst arbeitete sie 1945 bis 1948 bei Max Horkheimer im Rahmen seiner Studien zur "Autoritären Persönlichkeit". Dann arbeitete sie 1948/49 mit Robert Merton im Team. Alleine aus diesen konträren Kooperationen wird sichtbar, wie wenig sich Marie Jahoda als Adeptin einer bestimmten theoretischen Schule verstanden hat. Dogmatismus war nicht ihre Sache. Nie hat sie sich der intellektuellen Pflicht zur Kritik entzogen.


1949 wurde Marie Jahoda Professorin für Psychologie an der New York State University. Den Höhepunkt ihrer wissenschaftlichen Laufbahn erfuhr sie nach ihrer Rückkehr nach England, wo sie zunächst 1958 in Brunel am College of Advanced Technology Professorin wurde, dann aber 1965 die ehrenvolle Aufgabe einer Gründungsprofessorin für Sozialpsychologie an der Sussex University übertragen erhielt, wo sie 1973 auch emeritierte. Wir wissen, daß damit ihr wissenschaftliches - und selbstverständlich auch politisches - Leben noch lange nicht beendet sein sollte.


Liebe Marie Jahoda, gestatten Sie mir, mit einer persönlichen Erinnerung zu enden: Ich hatte Sie einmal Ende der siebziger oder Anfang der achtziger Jahre eingeladen, einen Artikel über Ihre Erfahrungen als Frau im Wissenschaftsbetrieb zu schreiben. Sie werden sich gewiß nicht mehr daran erinnern. Sie hatten mir damals geantwortet, daß Sie diesen Beitrag nicht verfassen könnten, weil Sie nie als Frau benachteiligt worden wären. Ich war damals unzufrieden und habe vermutlich Ihre Antwort auch nicht wirklich verstanden. Nach genauer Lektüre Ihrer Lebenserinnerungen denke ich nun, Ihre damalige Ablehnung besser begreifen zu können.


Im Verlaufe Ihres Lebens hatten Sie immer wieder Partei genommen gegen vielfältige Erscheinungen von Frauendiskriminierung, es war aber nicht Ihre eigene Betroffenheit, die Sie sprechen ließ. In Ihrem Brief versuchten Sie mir damals eigentlich zu vermitteln, daß Sie das Glück in Ihrem Leben hatten, sich unter günstigen Bedingungen persönlich, politisch und wissenschaftlich entfalten zu können und eine unabhängige sowie selbstbewußte Frau zu werden. Sie haben Ihr Frausein daher niemals als Last empfinden müssen. In Sussex waren Sie unter 40 Professoren die einzige Frau. Sie schreiben darüber: "Vielleicht gerade weil ich die einzige war, habe ich weder dort noch sonst in meinem Berufsleben männliche Vorurteile persönlich erlebt". Umso mehr beeindruckt es mich, wie selbstverständlich Sie Ihr wirklich nicht leichtes Frauenschicksal ertragen haben, als alleinerziehende Mutter in einer sehr schwierigen Zeit Ihren Lebensunterhalt zu verdienen, das Studium erfolgreich zu beenden, sich politisch zu betätigen und gleichzeitig das Fundament einer wissenschaftlichen Laufbahn zu legen. Freilich waren Sie, wie Sie ja selbst schreiben, in dieser Zeit niemals wirklich frei von Schuldgefühlen - Ihrer Tochter, aber auch Ihrer wissenschaftlichen Arbeit gegenüber. Diesen inneren Konflikt teilen auch heute noch viele wissenschaftlich arbeitende Frauen mit Ihnen.


Die Universität Wien muß also stolz sein, eine so überaus imponierende Frau und international renommierte Sozialforscherin würdigen zu dürfen. Bedauerlicherweise hat es viel zu lange gedauert, bis Sie diese verdiente akademische Ehrung erleben durften. Diese Feier kann freilich nicht kompensieren, was Sie an Enttäuschungen und Verletzungen in Ihrem Leben hinnehmen mußten. Lernen können wir aber aus Ihren Lebenserinnerungen auch, mit welcher Leichtigkeit und mit wieviel Charme, Witz und Humor Sie schwierigste Lebenssituationen gemeistert haben - ob es damals war, als Ihre Tochter die ersten Seiten Ihrer Dissertation verspeiste oder, als Sie im Gefängnis darüber grübelten, ob wohl schon jemand die Sehschärfe von Wanzen wissenschaftlich untersucht hätte. Marie Jahoda, wir haben Ihnen zu danken.



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Eva Kreisky (1999): Marie Jahoda. Eine Laudatio, in: L'Homme. Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft, 10. Jg., Heft 2


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Literatur:

Fleck, Christian (1990), Rund um "Marienthal". Von den Anfängen der Soziologie in Österreich bis zu ihrer Vertreibung, Wien.


Jahoda, Marie (1994), Sozialpsychologie der Politik und Kultur. Ausgewählte Schriften, hg. von Christian Fleck, Graz–Wien.


Jahoda, Marie (1997), "Ich habe die Welt nicht verändert". Lebenserinnerungen einer Pionierin der Sozialforschung, hg. von Steffani Engler und Brigitte Hasenjürgen, Frankfurt/M.


Jahoda, Marie, Lazarsfeld, Paul F., Zeisel, Hans (1933/1997), Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosogkeit. Mit einem Anhang zur Geschichte der Soziographie, Frankfurt/M.


 







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