Dr. Eva Kreisky, Institut für Politikwissenschaft - Universität Wien
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Kreisky, Eva, Männlichkeit regiert die Welt


Eva Kreisky:

Männlichkeit regiert die Welt


Ein Exemplarischer Rückblick: der Krieg im Kosovo als Arena von Männlichkeiten. Zur Relevanz der Dekodierung von Geschlechtlichkeit




Männlichkeiten werden politisch-diskursiv hergestellt. Mehr als je zuvor markieren heute mannigfaltige, asynchron geschichtete Männlichkeiten die einzelnen Geschlechterregime. Männlichkeitskonstruktionen haben Traditionalismen eingekapselt, zur selben Zeit spiegeln sie auch verschiedene Grade an Modernisierung.


Der Krieg im Kosovo inszenierte sich auch als ein Krieg von Männlichkeiten. So stand "modernisiert-archaische" Männlichkeit der Serben in Konfrontation mit "archaischer" Männlichkeit der kosovarischen Albaner und über beiden Kontrahenten schwebte drohend und aggressiv die technologisch hochgerüstete postmoderne Cyber- und Super-Männlichkeit der NATO. Den unmittelbaren Kriegshandlungen zuvorgegangen war ein "maskierter", weil zunächst völkerrechtlich gebändigter oder vielleicht sich auch nur verstellender, jedenfalls aber "noblerer" kriegerischer Gestus der Männlichkeit europäischer und us-amerikanischer Diplomatie.


Diese grob geschnittene Typologie, der auch eine Hierarchie von Wertsetzungen unterlegt ist, ließe sich weiter auffächern: in die in der NATO-Öffentlichkeit als ungebärdig imaginierte "serbische Soldateska" und ihren gnadenlosen Führer (Milosevic), der die Kosovaren und die "westliche Welt" in Geiselhaft hielt, in die "heroische" Entschlossenheit der wilden Männlichkeit der UCK und in das "Unheroische" des Präsidenten eines machtlosen Schattenstaates (Rugova), in "sauber" bleibende virtuelle Krieger, denen wesentlich rauhere Männerhorden, genannt "Bodentruppen", folgen hätten sollen, um das schmutzige Geschäft dieses Krieges zu einem Ende zu bringen1.


Gerade Madeleine Albright, die ehemalige, nebenbei bemerkt: erste weibliche, US-Außenministerin, allemal tonangebend im schrillen Kriegsgeschehen auf dem Balkan, illustriert die grundlegende Einsicht von Gender Studies, daß Männlichkeitskonstruktionen in gesellschaftlichen Diskursen erzeugt, in sozialen Praktiken generiert und verdichtet werden und daher nicht unbedingt auf "biologisches" Geschlecht als Fundus angewiesen sind.


Auch Krieg ist eine - wenngleich besonders hohe humane Kosten einfordernde - Form politischen "Diskurses" und sozialer "Praxis". Er ist ebenso Folge patriarchalen Geschlechterarrangements wie er auch an dessen Nachjustierung und Kontinuität beteiligt ist.


Die meisten Debatten über den Krieg im Kosovo wiesen der geschlechtlichen Inszenierung jedoch keine besondere Bedeutung zu. Gelegentlich wurden zwar Vergewaltigungen von Frauen öffentlich thematisiert, sie wurden aber ebenso rasch auch wieder zum Anathema, weil sie als für jeden Krieg typisch gelten. Dieser taktlose Modus der Banalisierung entkriminalisiert Gewalt an Frauen, legitimiert sie als kriegsrechtgemäßes Handeln und integriert sie bagatellisierend als "Kavaliersdelikt" in männliche Erlebniswelten. In ihr realisiert sich also zugleich der "Beweis" eigener Männlichkeit wie auch absichtsvolle Verwundung gegnerischer Männlichkeit.


Es ist aber auch unerläßlich, den zwingenden Zusammenhang von Nationalstaatlichkeit2 und institutionalisierter Gewalt- bzw. Kriegskultur ins Auge zu nehmen. Beide sind nämlich nicht nur Ausdruck von Männlichkeitskonstruktionen, sondern wurzeln überdies in ihnen. Charles Tilly (1993, S. 76) hat anschaulich vorgeführt, wie männlich inszenierte Kriege sukzessive das europäische Netzwerk der Nationalstaaten geformt haben. Europäisierung und Globalisierung setzen aktuell diesem souveränen, männlich gestylten Nationalstaat einigermaßen zu.




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Das Geschlecht als politische Institution


Mit den einführenden aktuellen Bezügen sind wir auch schon mitten im Themenfeld: In welcher Weise fundiert Geschlecht (zugegeben: neben auch anderen Faktoren) moderne wie "postmodern" globalisierte Staats- und Politikverhältnisse? Es ist evident, daß Struktur- und Handlungsaspekte in der sozialen Realität als Amalgamierungen auftreten. Es ist daher die Biformität des Problems in Erinnerung zu behalten: Gilt es doch einerseits, Geschlecht in seiner strukturierenden Bedeutung, vergeschlechtlichenden Relevanz, als politische Institution also zu entdecken. Gleichzeitig sind politische Institutionen als strukturierte Gegebenheiten auch über ihr Geschlecht zu identifizieren. Institutionen sind vergeschlechtlichte Phänomene.


Staat und Politik gelten gemeinhin als geschlechtsneutrales Territorium und sie werden - insbesondere in der Politikwissenschaft - auch im Sinne dieser Fiktion fortgeschrieben. Alle Sicht- und Verfahrensweisen bleiben an einem entgeschlechtlichenden Navigationssystem ausgerichtet, denn jede Geschlechterperspektive würde doch nur männliche Dominanzverhältnisse, weibliche Marginalisierungen und in Institutionen wie Verfahren "abgelagerte", sedimentierte Männlichkeiten zutage fördern. In diesem Sinne wurde Geschlechtsneutralität zu einem Überlebensparadigma maskuliner Hegemonie in der Politikwissenschaft.


Das "Unsichtbare", nämlich Frauen, ihre Lebenswelten und ihre Geschichte, sichtbar zu machen, galt bzw. gilt als eine der ersten Absichten feministischer Forschung. Im Falle politischer Institutionen und Prozesse muß jedoch dieses erkenntnispolitische Programm versagen. Die formelle und informelle Exklusion von Frauen war so umfassend und nachhaltig, daß die institutionell verfaßte Welt der Politik immer noch als vorwiegend männliche Lebenswelt fortbesteht und somit "das Weibliche" nicht sichtbar zu machen ist. Feministische Forschung muß daher methodisch "invers" vorgehen: Wenn es das "sichtbar Unsichtbare" in Staat und Politik freizulegen gilt, so ist dieses Verborgene gerade nicht "das Weibliche", denn der weibliche Lebenszusammenhang wie seine kulturellen Normen haben sich in dieser Sphäre kaum einschreiben können. Wenn etwas offenzulegen ist, dann ist es "das Männliche", das sich unter dem Deckmantel der "Neutralität" bis in die innersten Schichten der politischen Institutionen verborgen und festgesetzt hat. Man könnte dies auch als Methode feministischer "Institutionenarchäologie" benennen (vgl. Kreisky 1992, S. 55).


Angesichts der Tatsache, daß der National-Staat historisch wie aktuell eine der größten Konzentrationen patriarchaler Macht und Gewalt "verkörpert" (Hearn 1987, S. 116), erscheint es paradox, wenn die das Feld der Staats- und Politikanalysen dominierenden Mainstream-Strategien staats- und politikkonstituierende Männlichkeitskonstruktionen verheimlichen.




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Männlichkeit als Thema der Frauen- und Geschlechterforschung: vom einzelnen Mann zu Männlichkeit als System


Männlichkeit wurde in der Frauenforschung anfänglich fast nur thematisiert im Gefolge der durch Frauenbewegung, Frauenpolitik und erste Frauenprojekte (Frauenhäuser) in Gang gesetzten Politisierung von Vergewaltigung und Gewalt gegen Frauen und Kinder. Trotz dieser neuartigen alltagspraktischen Politisierung des Phänomens durch die Frauenbewegung wurde es in der Frauenforschung noch überwiegend individualisierend und psychologisierend verarbeitet: Männliche Gewalt wurde als Gewalt einzelner Männer gesehen, ihnen auch nur "individuell" zugerechnet und dementsprechend eher "psychologisierend" interpretiert (vgl. auch Meuser 1998, S. 78f.). Gewalt von Männern gegen Frauen und Kinder, als Gewaltexzeß einzelner vermessen, wurde als "abweichendes" Verhalten etikettiert und sanktioniert und ließ infolgedessen die "Normalität" männlicher Dominanz, realer wie symbolischer Gewalt unangefochten. "Systemische" Dimensionen wurden nur unzureichend erkannt und gesellschaftstheoretisch kaum ausgeleuchtet.


Männlichkeit als komplexes soziales Arrangement und nachhaltig institutionalisierte Ideologie schien zunächst - von einem Frauenstandpunkt her - relativ bedeutungslos, galt es doch, "weibliche" Interessen zu verfolgen und dazu "das Weibliche" sichtbar zu machen. Geschlechterbezug meinte in dieser Textierung vorerst mit Absicht immer nur eine Seite, den weiblichen Pol im Geschlechterverhältnis. Das Relationale des Geschlechterverhältnisses war noch nicht im Fokus (vgl. Scott 1988, S. 28ff.). Eine diffuse Ahnung vom Umfassenden und Verursachenden fand sich jedoch in die feministisch-politische Kampfbegrifflichkeit, also in Symbolik und Rhetorik der Frauenbewegung, eingelassen: "das Patriarchat" als kampfbetontes Deutungsschema, aber bloßes Theoriesubstitut, weil noch bar jeder analytischen Tauglichkeit.


Diese frühen, empirisch-deskriptiven oder normativ-schematischen Varianten von Frauenforschung blieben jedoch - gemessen an gesellschaftstheoretischen Erklärungsabsichten - unterkomplex. Ab den achtziger Jahren wurde das politische Patriarchatsmotiv der Frauenbewegung zu einem analytischen Konzept transformiert, indem es gesellschaftstheoretisch erweitert wurde, mit ökonomischen Verhältnissen in Beziehung gedacht, aber auch als soziale Beziehungsstruktur unter Männern erfaßt wurde. Mit dieser Einsicht war die umfassendere Vorstellung vom "patriarchalen Regime" etabliert worden (vgl. Hartmann 1981, Cockburn 1991). Das "Patriarchat" wurde zusehends als System sozialer Strukturen und Praktiken bestimmt, in dem Männer Frauen unterdrücken, ausbeuten und dominieren (vgl. Walby 1990, S. 20). Männer wie Frauen haben auf Grund dieser systemischen Disposition keine Chance zu optieren: Frauen können aus dem Patriarchat nicht desertieren und Männer sind - ob sie wollen oder nicht - Begünstigte des patriarchalen Regimes (vgl. Cockburn 1991, S. 8). Und in Skandinavien skandierte man: Das "strukturelle Patriarchat", was meinte: der Wohlfahrtsstaat, wäre allemal besser als der Ehepatriarch (vgl. Hernes 1987, S. 31ff.). Die Schwierigkeiten mit der Konzeptualisierung des Patriarchats begünstigten den Paradigmenwandel hin zum Geschlechterverhältnis.


Geschlecht erschien nunmehr als die feministische Bezugnahme auf die soziale und politische Organisation der Geschlechterverhältnisse (vgl. Scott 1988, S. 42f.): Die Geschlechterverhältnisse bilden ein Hauptfeld, auf dem oder durch dessen Hilfe Macht artikuliert wird. Sie sind nicht das einzige Feld, aber ein sich hartnäckig reproduzierendes. Die Effekte des Geschlechts sind an allen sozialen und institutionellen Beziehungen und Arrangements, so u. a. auch an den politischen Kernstrukturen - wie etwa Staat, Militär und Bürokratie - ablesbar. Wegen besserer und überzeugenderer Konzeptualisierbarkeit sowie ihrer "analytischen Offenheit" (vgl. Meuser 1998, S. 82) setzte sich das Forschungsprogramm der Gender-Perspektive durch.




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Enttarnung als Methode der Geschlechterkritik


Männer und Männlichkeiten finden in der Politikwissenschaft nur implizit Erwähnung, auch wenn sie in der politischen Wirklichkeit zentral positioniert sind. Sie verbleiben untheoretisiert. Explikation, Benennung als Männer und Männlichkeiten, macht diese sichtbar, kehrt sie als maßgeblichen Teil des gesellschaftlichen und politischen Machtkontexts hervor und leistet auch dadurch ein Stück Dekonstruktion männlicher Hegemonie- und Machtverhältnisse.


Politische Ideen und politische Institutionen erweisen sich in ihrer zugespitzten Abstraktheit als nur noch tote Materie. Sie sind zwar einst aus einigermaßen vitalen Bedürfnissen und Interessen hervorgegangen, ihre Konversion zu Ideen oder Institutionen hat sie jedoch ausgetrocknet, ihnen die Vielfältigkeiten, Komplexitäten und Widersprüchlichkeiten konkreten Lebens entzogen, sie in jeglicher Hinsicht kondensiert, aber auch minimiert. Hinter abstrakt gehaltenen Begriffsfassaden verbergen sich aber vorrangig männliche Lebenswelten sowie männliche Wert- und Symbolordnungen. Männliche Lebenserfahrungen haben ihr tendenziöses Selektions- und Ordnungsraster dem Politischen nachhaltig aufgedrückt und damit die geschlechterpolitische Schieflage institutionalisiert. Wir haben diese Sedimentierung gewissermaßen rückgängig zu machen, die "Verpackung" wieder aufzuknüpfen und in ihre Elemente zu zerlegen. Die brüderlich eingeschworene politikwissenschaftliche Community hat weder im Sinne, verborgene Vergemeinschaftungen von Männern oder Ideologisierungen und Institutionalisierungen von Männlichkeit erkennbar zu machen, noch hat sie vor, ihr diesbezügliches Sensorium und konzeptuelles Instrumentarium zu schärfen (vgl. Kreisky 1997, S. 163).


Unter keinen Umständen soll nämlich augenfällig werden, daß Männer als "kollektive Vorteilsnehmer" des "Patriarchats" anzusehen sind (Kühne 1996, S. 9). Geschlecht soll unbedacht bleiben - nicht nur als weibliches, sondern viel mehr noch als männliches, denn mit seiner Visualisierung könnte auch eine prinzipielle Infragestellung zentraler Institutionen und Verfahrensweisen einhergehen. So könnte eine subkutane Erosion des harten autoritären Kerns politischer Institutionen eingeleitet werden. Vernebelung des tatsächlichen Geschlechts stützt nämlich zugleich auch die nach wie vor tendenziell absolutistisch verfaßte politische Herrschaftsarchitektur (vgl. Kreisky 1997, S. 163).


Wie verändern sich aber selbst ganz banale politische Zusammenhänge, wenn sie rückübersetzt und wieder als spezifische Geschlechteranordnungen gelesen werden? Die von mir angestrebte Entkleidung hegemonialer Männlichkeit durch insistierende Kritik an den maskulinen "Unterseiten" gängiger politischer Ideologien und Institutionen sehe ich als eine Art geschlechtsbezogener Dekonstruktionsarbeit, weil sie auf Dekodierung herrschender maskuliner Symbol- und Geschlechterordnungen in der Sphäre des Politischen besteht (vgl. auch meine Versuche der Aufdeckung maskuliner Unterseiten von Gerechtigkeits- und Solidaritätsdiskursen, Kreisky 1999a und 1999b).


Die Genese des modernen souveränen Staates ist untrennbar verbunden mit der Konstruktion des modernen autonomen Subjekts. Für beide scheint interessanterweise das Konzept der "Regierung" von Bedeutung. Michel Foucault (1989, S. 121) richtet unseren Blick auf das politische Denken der Antike und führt vor, daß der Begriff des Regierens sowohl auf die "Führung" des Staates wie auch auf die "Selbstführung" anzuwenden ist: "(M)an kann nicht regieren, wenn man nicht selbst regiert ist". Nur wer sich selbst zu führen vermag, also die eigenen Leidenschaften wie auch das eigene Haus beherrscht, kann auch staatliche Regierungsagenden wahrnehmen und andere "richtig" führen (vgl. ebd., S. 120). Die "Kunst der Selbstbeherrschung" wird zum "politischen Faktor" schlechthin (ebd., 121). "Die Rationalität der Regierung über die anderen ist dieselbe wie die Rationalität der Regierung über sich selbst" (ebd.). Eine solche Zielgerichtetheit von Regierung fand sich freilich sowohl in der Antike wie auch später immer nur bei Männern.


Die Konstitution des (modernen) Subjekts wurde ebenso wie der (moderne) Staat ausschließlich männlich gedacht. Die synchrone Entwicklung des Individualitäts- und des Männlichkeitskonzepts wird aber in politikwissenschaftlichen Bearbeitungen zumeist verborgen gehalten, so wie Politikwissenschaft überhaupt offenbar nicht zur Kenntnis zu nehmen vermag, daß Männlichkeit den eigentlichen, aber - nicht bloß zufällig - verborgen gehaltenen Subtext ihres gesamten Erkenntnis- und Arbeitsfeldes abgibt.




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Moderne Männlichkeit: soziales und politisches Artefakt


Es wird mittlerweile zur Platitüde davon zu sprechen, daß Geschlecht keine natürlich-ontologische Kategorie abgibt, sondern als auch sozial und politisch bestimmbar anzusehen ist (vgl. Frevert 1995, S. 13f.): Weiblichkeit und Männlichkeit beruhen auf gesellschaftlichen und politischen Bauweisen (vgl. Kreisky 1997, S. 166). Eine ausschließlich "körperliche Grundierung“ von Geschlecht ist "fragwürdig" geworden, zumal ja Geschlecht und Geschlechterdifferenzen nicht unwesentlich diskursiv konstituiert erscheinen. Die Konstruktion der Geschlechter findet in verschiedensten alltäglichen gesellschaftlichen Praxen statt (vgl. Frevert 1995, S. 13).


Geschlecht ist aber auch einer jener zentralen Modi, in denen gesellschaftliche und politische Praxis selbst gestaltet wird. Die - als ideologisches Konstrukt zu deutende - dichotome Sicht der Geschlechter stellt somit ein tiefgreifendes gesellschaftliches Ordnungsprogramm dar (vgl. Kühne 1996, S. 11). Männlichkeit und Weiblichkeit bezeichnen historisch variable, kultur- und klassenspezifische Konfigurationen kollektiver geschlechtlicher Praktiken. Männlichkeit existiert niemals aus sich und für sich allein, sondern setzt ein "soziales Fundament" voraus (vgl. Frevert 1995, 29) und zieht zudem seinen sozialen und politischen Bedeutungsgehalt aus dem konstruierten Gegensatz zur Weiblichkeit (vgl. Mosse 1996, S. 8).


Mit der "individualisierenden" Moderne und der allgemeinen Suche nach Symbolen setzten sich jene Stereotypien durch, die im Zuge rasanten gesellschaftlichen Wandels die zunehmend abstrakter werdende Welt "konkret", zumindest mit "Vorurteilen" über sich selbst und andere, vermitteln sollten. Stereotypien visualisieren also Unsichtbares oder gar Unwirkliches, sie "veröffentlichen" aber auch Aspekte inbegriffener "Moralisierungen" (vgl. ebd., S. 5ff.).


Auch wenn neuerdings angesichts nicht zu übersehender politischer, sozialer und ökonomischer Krisentrends gerne wieder archetypische Männerbilder bemüht werden (vgl. die spirituellen Männlichkeitsbeschwörungen vieler Epigonen C. G. Jungs), ist das Konstrukt Männlichkeit realhistorisch ein junges Phänomen (vgl. Connell 1995, S. 68). Das soziale und politische Artefakt der Männlichkeit koinzidiert mit dem Kulminationspunkt westlich-moderner Gesellschaftsentwicklung: Die Tendenz zur Homogenisierung individueller Männer (aber auch Frauen) zu Typen setzte erst im Übergang von feudalen, traditionell-ständischen Vergemeinschaftungen zu modernen Gesellschaften ein (vgl. Mosse 1996, S. 5). Idee und Bild der Männlichkeit änderten damals ihre Ausrichtung bzw. steigerten sich überhaupt erst zur vereinheitlichten Konzeption: Über Ritualisierung kriegerischen Tuns von Männern (in Turnieren und Duellen) hatte eine sukzessive "Verfeinerung" männlicher Verhaltensregeln stattgefunden. Das Ideal der Männlichkeit wurde "mäßiger", seine Merkmale wandelten sich, etliche Gewaltmerkmale wurden von ihm abgestreift und in neue moralische Imperative eingebunden (vgl. ebd., S. 19). Das traditionelle Männlichkeitsbild wurde gezähmt und auf die Institution Ehe, Ehe als patriarchale Lebensform, hin transformiert (vgl. Frevert 1995, S. 28; Mosse 1996, S. 19): "Rohe", bloß "gewalttätige" Imaginierung von Männlichkeit wurde von einem auch "väterlich-schützenden" Männlichkeitsbild überlagert. Das kämpferisch-militärische Männlichkeitsideal konkurrierte fortan - was ja bis in die Gegenwart konstatierbar ist - mit der neuen "christlichen Begriffsprägung" von Männlichkeit (vgl. Frevert 1995, S. 34).


Männlichkeit ging also von einer zunächst nur "sozialen Figuration" (vgl. Amt-Mann, Dienst-Mann, Lehens-Mann usw.) in eine auch "moralische" Bedeutung (Moral im Sinne einer sittlich-gesellschaftlichen Instanz, vgl. Ehe-Mann, Kriegs-Mann, Schul-Mann, Kauf-Mann, Handwerks-Mann) und schließlich in eine nur als "Substanz" dingfest gemachte Bestimmung (vgl. das Wesen des "männlichen" Geschlechtscharakters) über (vgl. Frevert 1995, S. 13ff.). Zahlreiche der früheren Männlichkeitsideale überdauerten und schoben sich in die in anderen sozialen Kontexten neu gewichteten und anders konturierten Fassungen von Männlichkeit. Seither sind trotz aller Standardisierung dennoch immer "verschiedene Versionen von Männlichkeit auf dem Markt" (Frevert 1995, S. 34).


Die Konstruktion moderner Männlichkeit, die politische Vereinheitlichung diffuser und divergierender Männlichkeits- und Individualitätsideale sowie deren wertemäßige Aufladung kamen erst im Zuge kapitalistischer Industrialisierung und Formierung Bürgerlicher Gesellschaften auf die historische Agenda. Bauelemente dieser modernen Männlichkeit existierten selbstverständlich schon früher, aber sie wurden erst in diesem gesellschaftlichen Kontext zum Gesamtkunstwerk synthetisiert (vgl. Mosse 1996).


Politisch konstruierte Männlichkeit konnte jedoch mit der ebenfalls in der Ära der Neuzeit geschaffenen Figur des autonomen Individuums nur beschränkt koexistieren. Das maskuline Stereotyp reduziert, weil es ein stereotypes Geschlechtsrollenkorsett darstellt, in radikaler Weise die Gestaltungsgrade individueller Freiheiten und Freizügigkeiten. Nur durch symbolische und rechtliche Ineinssetzung von Männlichkeit und Individuum konnte dieses Paradox, wenn schon nicht behoben, so doch wenigstens verschleiert und einigermaßen abgefedert werden (vgl. Kreisky 1997, S. 169).


Zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit wurde nicht bloß dichotomisiert, sondern Männlichkeit wurde im Kontrast zu Weiblichkeit positiv stereotypisiert; sie wurde unverschämt überhöht, sollte sie doch auch als weiterer kräftiger Antrieb für die Arrangements neuer Nationen und moderner Gesellschaften fungieren. Der Nationalismus als größte politische Bewegung des 19. und 20. Jahrhunderts entstand nicht nur zeitgleich mit dem politischen Konstrukt moderner Männlichkeit, er inkorporierte zudem noch diesen neuen Maskulinismus als zusätzlichen ideologischen Impetus (vgl. ebd., S. 169f.).


Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war dann dieses aus Mittelschichtverhältnissen gespeiste normative Männlichkeitsbild so weit verbreitet, daß jede westeuropäische soziale oder politische Bewegung es als bestimmendes Orientierungs- und Ordnungsmuster hinzunehmen hatte. Das Stereotyp moderner Männlichkeit stellte zuletzt ein so "perfektes Konstrukt" dar, das Körper und Seelen von Männern, also "äußere" Erscheinungen und "innere" Tugenden (wie z.B. Willenskraft, Ehre, Mut), als "harmonisches Ganzes" zu standardisieren vermochte, so daß "Männlichkeit" scheinbar für jeden und auf einen ersten und raschen Blick hin verstehbar und bewertbar wurde (vgl. Mosse 1996, S. 5).


Spätestens im 19. Jahrhundert wurde Geschlecht politisiert, indem es explizit auch zu einem staatswissenschaftlichen Ordnungsbegriff wurde, der über politische Partizipationschancen und -rechte entschied. Geschlecht wurde also - neben nationalem Status und Alter - zum Kriterium, nach dem politische Rechte vergeben oder versagt werden (vgl. Frevert 1995, S. 59). In der Genese des neuzeitlichen Staates hatte bekanntlich Waffenfähigkeit politische Subjektfähigkeit generiert. Militär und Wehrpflicht gelten als jene politischen Innovationen, die politische Inklusion von Männern und politische Exklusion von Frauen nachhaltig zu steuern vermochten (vgl. Kreisky 1997, S. 170).


Männlichkeit nimmt im herrschenden Geschlechterregime unübersehbar eine hegemoniale Position ein. Das heißt selbstverständlich nicht, daß alle für uns erkennbaren Vertreter männlichen Geschlechtes auch tatsächlich an der institutionellen Macht "hegemonialer Männlichkeit" unmittelbar teilhaben können. Die alltägliche und dauerhafte Überwindung des "Spagats" zwischen realer und erträumter Männlichkeit macht den Knackpunkt patriarchaler Politik aus: Die Spitzenpositionen in Wirtschaft, Militär und Politik vermitteln eine überzeugende korporative Inszenierung von Männlichkeit. Sie nähren beim individuellen Mann die Illusion von der Möglichkeit tatsächlichen Abschöpfens einer materiellen und/oder ideellen Patriarchatsdividende (in Form von Ehre, Prestige, Befehlsgewalt, durchschnittlich höheren Männereinkommen, Eigentumsverteilung, Machtpositionen in der Politik). Warten auf männlichen Hoffnungsgewinn produziert und speist eine Ideologie, die als eine Art Volksaktie der Männlichkeit zu bezeichnen ist, die in der gesellschaftlichen Realität jedenfalls extrem ungleich eingelöst wird, dennoch aber die Kontinuität patriarchaler Herrschaft legitimatorisch sichert. Ganz ähnlich also zur sogenannten Volksaktie, die ja auch die herrschende Eigentumsordnung unangreifbar machen sollte, indem sie die Illusion von der Möglichkeit breiten Volkseigentums popularisierte (vgl. ebd., S. 173).


"Hegemoniale Männlichkeit" impliziert keineswegs bloß Unterwerfung von Frauen, sie beinhaltet auch eine äußerst fein abgestimmte soziale Hierarchisierung unter Männern selbst. Korrekterweise haben wir darum von "multiplen Männlichkeiten", einer Diversität der Männlichkeiten und einer Vielfalt von Patriarchaten zu sprechen, die simultan, überlagert, kohärent oder widersprechend agieren.


Für politikwissenschaftliche Erkenntnisarbeit erscheint mir also das Artefakt moderner Männlichkeit in zweierlei Hinsicht anerkennenswert, gilt es doch, Männlichkeit sowohl als Grammatik wie auch als Zeichensprache der Politik dingfest zu machen. Institutionalisierung und Metaphorisierung von Männlichkeit sind demnach als politikwissenschaftliches Forschungsfeld zu erschließen (vgl. ebd., S. 175).


Allen Begriffen sind Bilder sozialer und politischer Erfahrungen eingeschrieben, die zwangsläufig immer auch geschlechtsspezifische Erfahrungen sind. Die suggestive Kraft von Bildern kann politische Konzeptionen und Wertvorstellungen vorstellbar werden lassen. Die jeweils benutzte Metaphorik bietet Einsichten in politischem Handeln und politischem Denken zugrundeliegenden Logiken, Denkstrukturen und Wertsetzungen.


In der historischen wie aktuellen politischen Theorie werden mit Vorliebe männlich konnotierte Bilder zur Veranschaulichung des Politischen herangezogen. Politische Ideengeschichte stellt ein Archiv von Männlichkeitsbildern und männlich-nahen Figurationen politischer Akteure bereit.


Aber auch das alltägliche politische Denken des 20. Jahrhunderts richtet sich mit Vorliebe an männlichen Leitfiguren oder männlich genormten Sphären aus, etwa ablesbar an den Helden der Arbeit im mittlerweile untergegangenen staatssozialistischen Universum oder an den Regeln des Sports als Fairneßverständnis aktueller Tagespolitik. Politische Werte und Empfindungen wie Internationalismus oder Völkerverständigung werden überhaupt nur noch in der nationalistisch pervertierten Form von für die männliche Hälfte der Welt zugeschnittenen Fußball- und Sportereignissen angesprochen und transportiert, weshalb sich diese eben auch gleitend in ihr nur noch chauvinistisches und rassistisches Gegenteil verkehren können (vgl. Kreisky 1997, S. 177f.).




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Der männliche Habitus der Politik: Anleihen aus militärischen und sportlichen Sphären


Gegenwärtige Politik orientiert sich bei Selektion perfekter Idole, anzustrebender Ideale und ideal gestalteter Institutionen unausgesprochen an männlichen Erfahrungen, männlichen Vorlieben, männlichen Ehr- und Körpervorstellungen. Als das Männlichste überhaupt erscheint der militärisch-heroische Zuschnitt von Politik und Politikern, der sich jedoch in einer dem Ende zuneigenden Ära manifester militärischer Symbolik häufiger der - in gewissem Sinne ebenso militarisierten - Formen der Welt des Sports bedient (vgl. ebd., S. 179). Sowohl im Militär wie auch im Sport wird tendenziell männliche Überlegenheit ausgedrückt: Frauen werden ausgeschlossen oder Männlichkeit wird zur Norm erhoben.


Im folgenden soll an einzelnen Beispielen die besondere Prägekraft militärischer und sportlicher Erfahrungen als Indiz für männlichen Habitus der Politik illustriert werden. Außerdem verfügen die Rituale an den einschlägigen sozialen und politischen Orte über eine ihnen eigene Strahlkraft, die eben selbst auf Handelnde aus der Welt der Politik abzufärben und diese auf- bzw. abzuwerten vermag. Der Gebrauch von Bildern und die eigene Ikonisierung sind wichtige Instrumente zur Konstituierung und Verfestigung politisch imaginierter Männlichkeit, der immer auch eine abwertende Vergeschlechtlichung von Weiblichkeit korrespondiert (vgl. ebd., S. 179).


Wie allseits geläufig, bedienen sich in Frankreich selbst zivile Politikinszenierungen mit Vorliebe militarisierter Rituale und Symbole. Die Liaison von zivilem und militärischem Feiern und Trauern war nirgendwo im politischen Westen der Nachkriegszeit so eng wie hier. Die Priorität, die militärische Gesten und Zeremonien in der Politik genießen, drückt einen dezidiert männlichen Gestus der Politik aus. Häufig sind es aber auch nur unscheinbare Bilder, mittels derer diese besondere Art der Vergeschlechtlichung zum Ausdruck gebracht wird. Anläßlich des Ablebens General De Gaulles im Jahre 1970 hielt George Pompidou eine Grabrede, deren verdeckter geschlechtsspezifischer Bedeutungsgehalt nicht in Abrede zu stellen ist: Pompidou übertrug damals nämlich das Klischee traditioneller Ehen und ihres Rollensplittings auf Staat und Gesellschaft in Frankreich, indem er ausführte: ”General de Gaulle ist tot. Frankreich ist Witwe” (Pompidou, zit.n. Schwartzenberg 1980, S. 35). General de Gaulle erschien in dieser schlichten Metapher, ohne daß das besonders akzentuiert werden mußte, nicht bloß als heroischer Macher der Grande Nation. Der Trick in der Wahl der Metapher bestand zudem darin, daß der heldenhafte General selbst als Inkarnation der an sich weiblich konnotierten - La - Nation erscheinen sollte. Helden sterben bekanntlich aufregend und hinterlassen Ratlosigkeit. De Gaulle hinterließ Frankreich. Das war der weibliche Teil des patriarchalen Arrangements, die amorphe Gesellschaft, die am Grab des männlichen Helden der Politik trauernd zurückblieb und der erwarteten passiven und sich fügenden Rolle treu blieb. Nur ein neuer Held der Politik würde also die Unentschlossenheit und Not der Grande Nation beheben können (vgl. Kreisky 1997, S. 180).


Offizielle Staatsakte bedienen sich der Zeichen- und Symbolsprache des Militärs (erkennbar an Uniformen, Talaren oder verpflichtender Ehrenkleidung, an militärischen Musikzeremonien, am Abschreiten von Ehrenformationen, am Niederlegen von Kränzen, an der Ritualisierung von Verdiensten und Ehren usw.), vielleicht auch noch der Kirche. Andere, säkulare Lebenswelten konnten kaum stilbildend wirken. Es dürfte auch kein bloßer Zufall sein, daß es gerade Magie und Symbolik expliziter Männerbünde sind, die staatliches Feiern oder Trauern inspirieren. Dieser unbewußte Rückgriff auf Zeremonien und Rituale transportiert automatisch eine Aufwertung des Männlichen zum Heroischen und Staatstragenden sowie eine Abwertung des Weiblichen zum Subsidiären, Schlichten und Privaten (vgl. ebd.).


Diese geschlechtsselektiven und geschlechtsverfestigenden Mechanismen schlagen sich aber nicht bloß in der abgeschlossenen großen Welt formell-öffentlicher Inszenierungen nieder, da gibt es darüber hinaus banalere soziale Orte, an denen dies ebenso aufzeigbar wird: Medienwirksame Präsentation von Politik spielt sich immer häufiger auf den Fußball- und Sportplätzen der Welt ab. Auch dies ist ein Exempel bildhafter Übersetzung politischer Idole und politischer Ideale in die Wertvorstellungswelt der Männer als sozialer Gruppe. Und unsere männlichen Helden der Politik nehmen gerne Bildanleihen bei gefeierten Sporthelden (vgl. ebd., S. 180f.).


Aber es ist nicht nur das vordergründige ins Bilddrängen der Politik, das für Politikanalysen aufschlußreich ist, es ist auch der viel tiefgründigere Sprach- und Wertetransfer, der aus der Welt des Fußballs in die Welt der Politik praktiziert wird (vgl. Wahlkampfslogans wie z.B. in Hamburg: "Gelbe Karte für rot-grün"). Männliche Überlegenheit und Härte speist sich in modernen Gesellschaften auch aus dem Universum des Sports. Sportmetaphern in der Politik sind verbale oder non-verbale Codes, die Frauen nicht unbedingt vertraut, oftmals sogar nur fremd sind, und die deshalb frauenexklusiv wirken. Unter den meisten Männern werden diese Codes freilich verstanden. Dies verbindet und vergemeinschaftet sie.


Die Verzahnung von männlich strukturierter Welt des Fußballs (oder des Sports überhaupt) und männlich gestyltem Feld der Politik ist eine vielfache: Da ist also einmal der soziale Ort Fußballplatz, an dem, weil er ja vorwiegend ein Ort der Männer ist, Politik - nicht zuletzt mittels der unterstützenden Bilder der Medien - anti- oder auch nur a-politischen männlichen Hirnen wieder in Erinnerung gerufen werden kann, indem sich Politiker als ganz normale Männer geben, die - wie eben andere Männer auch - auf den Fußballplatz gehen. Über dieses männliche Zusammengehörigkeitsgefühl wird die Illusion genährt, daß die politische Klasse eigentlich gar nicht so fremd ist. Männer werden für Männerpolitik mobilisiert. Fußballplätze weisen darum durchaus männerbündische Strukturmerkmale auf (vgl. Kreisky 1995, S. 109ff.). Die auf ihnen zusammentreffenden Männer verstehen sich eigentlich als Männergemeinschaften, die sich über soziale, politische oder altersmäßige Grenzen hinweg zumindest zu bestimmten Anläßen zu verbrüdern vermögen. Wenn Politik wirklich nach dem Kriterium Freund/Feind (vgl. Schmitt 1963) bestimmbar ist, dann haben auch Fußballplätze auffällig viel mit diesem Kriterium des Politischen gemeinsam. Immer gibt es natürliche Gegner, und wenn es solche nicht gibt, können während oder aber auch nach dem Match Gegner geschaffen werden. Es sind also schließlich auch die Verhaltenscodes des Fußballplatzes, die unsichtbar zur Politiknorm mutieren. Bestimmte Politiker nutzen auffällig gerne Anspielungen auf die soziale Sphäre des Sports, um sich ihrer politischen Klientel, der sozialen Gruppe der Männer verständlich zu machen. Dabei ist es gewiß kalkuliertes Risiko, daß damit vorwiegend nur männliche Erfahrungswelten angesprochen bleibt. Abgeschlossene Sprachcodes regulieren auf subtile Weise Ein- und Ausschließung (vgl. Kreisky 1997, S. 181f.).



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Die Probe aufs Exempel: Thematisierung von Maskulinismus als analytischer Zugewinn?



1. Re-Maskulinisierung der USA in der Post-Vietnamkriegs-Ära


Sowohl bei der Analyse gesellschaftlicher und politischer Gewaltkontexte wie auch bei der Dechiffrierung männlich gewirkter politischer Strukturzusammenhänge könnte ein expliziten wie impliziten Maskulinismus thematisierender Zugriff zusätzliche analytische Perspektiven erschließen. Das zeigen insbesonders einschlägige Analysen von Politik und Gesellschaft in den USA der Nach-Vietnamkriegs-Ära, die Männlichkeit und Maskulinismus explizit angesprochen haben.


So hat Susan Jeffords (1989) in ihrer eindrucksvollen Analyse von Trivialfilmen im Gefolge der Niederlage us-amerikanischer Männlichkeit im Vietnam-Krieg eine dramatische Remaskulinisierung der Zivilgesellschaft konstatiert. Jeffords hat durch Aufgreifen der Geschlechtsmächtigkeit von Bildern einen wichtigen empirisch gestützten, analytischen Befund zur geschlechtspolitischen Gesamtentwicklung der USA in der Nach-Vietnamkriegs-Ära sowie zum engen Zusammenhang zwischen erfahrener Realität des Krieges und zunehmender ziviler Gewaltkultur in der Nachkriegsgesellschaft geleistet. Filme und Bilder spiegelten also einen durchaus realen gesellschaftlichen Trend, der erst später als Backlash zum frauenpolitischen Slogan der neunziger Jahre wurde.


James William Gibson (1994) hat in seiner Studie über Gewalt und Männlichkeit im Nach-Vietnam-Amerika nicht nur eine gewaltige "paramilitärische Subkultur" belegt, sondern auch gezeigt, daß der auf Männlichkeit fundierte Paramilitarismus die essentielle zivilgesellschaftliche Grundlage der offiziellen staatlichen Politik insbesonders unter der Präsidentschaft von Reagan, aber auch von Bush war. So wird denn auch die Ära Reagan/Bush nicht nur von moralistischen und puritanischen, sondern auch von rassistischen und nazistischen Rechten zu einem goldenen Zeitalter verklärt (vgl. Martin 1996, S. 255). Der "chauvinistische Amerikakult" und ein "Wahn der Größe und Stärke", oft als Ramboismus etikettiert, waren in dieser Phase nicht nur auffallend zunehmend (vgl. ebd., S. 14), sondern zudem überaus stark mit maskulinistischen Idealen und Werten aufgeladen. Die Renaissance des Ku-Klux-Klan und die extreme politische Rechtsentwicklung in den USA wären ohne Remaskulinierung der Gesellschaft ebensowenig möglich gewesen wie die Restauration und Nachrüstung patriarchaler Gesellschaftsstrukturen.



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2. Leadership-Theorien und der in ihnen eingekapselte Maskulinismus


Die politikwissenschaftliche Verweigerung einer Thematisierung oder gar Konzeptualisierung von Männlichkeit zeigt sich an einem durchaus rezenten Theoriefeld: den sogenannten Leadership-Theorien, die seit einigen Jahren vorwiegend in der us-amerikanischen Politikwissenschaft und hier wiederum im Bereich der Internationalen Politik Konjunktur haben (vgl. Tucker 1981, Burns 1984, Blondel 1987).


Daß diese Debatte im deutschen Sprachraum noch nicht wirklich gegriffen hat, liegt wohl vor allem darin begründet, daß die politische Figur des Führers (leader) im mitteleuropäischen Kontext erheblich diskreditiert ist und es für solche theoretische Perspektiven daher eine besondere Hemmschwelle zu überwinden gilt. Zuviel der antidemokratischen und demokratiezerstörerischen Traditionen werden nämlich in diesem politischen Begriff transportiert. Allerdings verbirgt der im Deutschen traditionell gebrauchte Begriff mitnichten sein Geschlecht: Das Geschlecht ist dem "Staatsmann" wohl ohne weiteres anzusehen.


Es verwundert, daß us-amerikanische Leadership mit Selbstverständlichkeit in untadeligem demokratischem Kontext steht, während etwa lateinamerikanische Caudillos, wie zu erwarten, als dem Totalitarismus- oder Diktaturphänomen zugehörig gelten (vgl. Hamill 1992, S. 4). Der amerikanische Demokratiemythos entlastet selbst tendenziell autoritär-monokratische politische Führerfiguren, die durchaus - wie die letzten Jahrzehnte ja immer wieder gezeigt haben - sehr wohl auch potentes Militär direkt zur Hand haben (vgl. auch Ekkehart Krippendorff (1993, S. 46), der in diesem Zusammenhang von einem "Hollywood-Akteur im Vollbesitz des modernsten Kriegsspielzeugs" spricht). Politisch institutionalisierte Führungsmännlichkeit im westlich-demokratischen Kontext ist dennoch per se anders und besser konnotiert als politische Führer in spanisch-machistischer Machart. An dieser unterschiedlichen Bewertung ändert auch nichts, daß in der Vergangenheit an Errichtung und Aufrechterhaltung zahlreicher mittel- und südamerikanischer Diktaturen CIA und US-Army - zumeist mit Wissen ihres Präsidenten - mit nicht unerheblichen Interventionen beteiligt waren. Die brüderliche Allianz zwischen Leader und Caudillos funktionierte gegen etwaige demokratische Bewegungen oder Linksregierungen noch allemal. Interessant bleibt auch, daß der Demokratiekontext politischen Führern Sündennachlaß gewährt, sie als demokratiepolitisch korrekt erscheinen läßt, sie zähmt, sie harmlos macht, sie in gewissem Sinne entmännlicht, während das mittel- oder südamerikanische Ambiente den Machismo des Caudillo voll zur Geltung bringt und als nur diktatorische Politikform verkodet. Die fließenden Übergänge wären jedoch demokratietheoretisch überaus spannend: Was ist diktatorisch an politischen Leadern der USA? Inwieferne sind auch Caudillos nur durch persönliche Führungsqualitäten geprägt, wie sie gerade Leadership-Theorien forcieren?


Der krisenhaften Erschütterung der weltpolitischen Hegemonieposition der USA sowie dem politikwissenschaftlichen Theorem von zunehmender Unregierbarkeit politischer Systeme des Westens korrespondierte angebliche Dringlichkeit theoretischer Neufassung politischer Leadership-Qualitäten. Läßt man viele dieser Leadership-Theorien Revue passieren, so fällt die zwar besondere, jedoch immer nur implizit vermittelte Zentrierung auf us-amerikanische Vorstellungen politischer Führung sowie auf männlich-reduktionistische Führungsqualitäten auf. Wie systematisch als männlich aufgeladen Begriffe wie Führer (leader) oder Caudillos zu gelten haben, wird nicht zuletzt auch daran ersichtlich, daß die folgende Frage noch wissenschaftlich zu beschäftigen vermag: "Is a Caudilla possible?" (Navarro 1992: 270ff.). Nirgendwo taucht aber auch die umgekehrte, nämlich männliche Vergeschlechtlichung als Frage auf, sie ist vielmehr politische Realität, die nicht mehr thematisiert werden muß und dadurch bereits dethematisiert ist.


Das mysteriöse Paradox einer grundsätzlich zwar entsubjektivierenden, gleichzeitig aber männliche Persönlichkeit tendenziös stilisierenden Politikwissenschaft bedarf wohl analytischer Klärung: Im großen und ganzen kümmert sich Politikwissenschaft nämlich recht wenig um die subjektive Seite der Politik, um Personen und Persönlichkeiten. Und wenn sie es tut, dann macht sie es offensichtlich in männlich befangener Weise. Eine Hoch-Zeit der an maskulinen Werten abgesteckten Leadership-Theorien in den USA gab es in der Reagan/Bush-Ära. Politische Befähigung und politikgemäße Persönlichkeit wurden also gerade in jener historischen Phase, die zuvor als Periode der Remaskulinisierung plausibel gemacht wurde, in ausschließlich männlicher Façon geschnitten. Hinweise von Politikwissenschaftern auf die prinzipiell maskulin verzerrten Idealfiguren der Leadership-Theorien sucht man allerdings vergebens. Politikwissenschaft befestigt wieder einmal mehr, was sie gesellschaftlich vorfindet, statt es in seiner geschlechtsbezogenen Ideologieträchtigkeit kritisch zu durchdringen (vgl. Kreisky 1997, S. 186).


Es war also durchaus kein Zufall, daß ein Boom an Leadership-Theorien gerade in die Amtsperioden von Ronald Reagan und George Bush fiel. Was mit Reagan begann, konnte und mußte dann für Bush genutzt werden. Die Inkarnation von Hollywood-Männlichkeit früherer Jahrzehnte provozierte legitimierende, vorgeblich wissenschaftlich-systematisch und empirisch-analytisch gestützte Erhebungen allseitig akzeptierter Bewertungskriterien sogenannter politischer Führungsqualitäten, die dann auch zur Norm erhoben werden konnten. Empirisch-analytische Wissenschaft ließ sich also - in völligem Widerspruch zu ihren methodologischen Ambitionen - für normative Absichten gebrauchen (vgl. ebd.).


Es ging ja dabei nicht bloß um Feststellung empirisch vorfindbarer sozialer Erfahrungen oder Tatsachen, sondern intendiert war vor allem die nachhaltige Formung des Bildes idealer politischer Führer. In die Bildung des Maßstabes, an dem Politiker der Vergangenheit, der Gegenwart oder der Zukunft aus dem us-amerikanischen Kontext, aber auch in globalen Zusammenhängen beurteilt werden konnten und sollten, gingen lediglich partielle Lebenswelten und Lebenssichten ein: Die Leitbilder wurden aus den historischen Persönlichkeitsprofilen und dem empirischen Krisenverhalten der Präsidenten der USA gewonnen und zu einem normativen Ideal kondensiert. USA-Zentrismus, Ethnozentrismus und Androzentrismus gaben demnach die natürlichen, jedoch unsichtbar gehaltenen methodologischen Postulate der Leadership-Theorien ab. Bemerkenswert ist aber auch, daß empirisch-analytische Politikwissenschaft entgegen ihrer bisherigen Konvention gerade in diesem Arbeitsfeld sich für psychoanalytische Einsichten über frühkindliche Sozialisationsmechanismen erwärmen kann: Die jeweiligen Vater- und Mutterfiguren haben mehr oder weniger mittelbaren Einfluß auf ihr Söhne und damit auf das Führungs- und Entscheidungsverhalten in Weltkrisen. Gleichzeitig wird damit aber auch festgelegt, wie stark der Einfluß der Ehefrauen (z.B. Nancy Reagan) auf die Politikführung ist. Im Untergrund des Unbewußten existiert Weiblichkeit also selbst in Leadershiptheorien (vgl. ebd., S. 186 und S. 207).



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3. Männliche Globalisierung - Globalisierte Männlichkeit


Abschließend soll eine geschlechterkritische Lesart am zukunftsrelevanten Problemfeld der Globalisierung versucht werden. Darunter ist gemeinhin der vor sich gehende Wandel nationalstaatlich eingespielter Regelungsmuster und Regelungsapparate zu verstehen. Auch der "manische" Globalisierungsdiskurs der Gegenwart bewegt sich, wie immer wieder bekundet wird, auf vermeintlich geschlechtsfreiem Terrain. Entgeschlechtlichung ist auch hier methodisches Programm. Selbst in globalisierungskritischen Diskursen bleibt nämlich zumeist verdrängt, daß nationalstaatliche Regulierung kapitalistischer Ökonomie nicht nur Bedingungen der Kapitalakkumulation in einem begrenzten Raum gestaltet und ebensowenig bloß abfedernder Ausgleich zwischen Kapital und Arbeit ist, sondern als Gesellschafts-, Arbeits- oder Geschlechtervertrag sowie über den staatlichen Gewaltapparat auch eine klassische Form der Einhegung und Privilegierung von Männlichkeit abgibt (vgl. Kreisky/Sauer 1997, Sauer 1998).


Wenn Nationalstaatlichkeit augenblicklich einen epochalen Bedeutungs- und Formwandel durchmacht, könnten damit auch Transformationen männlich-geschlechtlicher Einschreibungen einhergehen. Globalisierung wäre möglicherweise nicht nur als bedrohliche Entwicklung zu fürchten, sondern vielleicht auch eine Chance, daß sich die im Nationalstaat institutionalisierten Männlichkeitsformen auflösen. Zwei Szenarien sind vorstellbar und sollen hier auch kurz skizziert werden.


Erstens ein zuversichtliches Szenario, in dem feministische Transformationsanliegen Rückhalt finden: Mit tendenzieller Demontierung nationalstaatlicher Macht werden auch die in ihr eingekapselten männlichen Hegemoniemuster dekonstruiert. Mit dem erodierenden westlich-industriegesellschaftlichen National- und Sozialstaat schwindet auch die Privilegierung von Männlichkeitsmustern, die ja durch ihn erst etabliert und in ihm fest verankert wurde. Daraus könnten sich auch Chancen auf mehr Geschlechtergerechtigkeit entwickeln.


Zweitens ein eher skeptisches Szenario: Die in den nationalstaatlichen Strukturen konservierte, überhöhte Männlichkeit erodiert keineswegs automatisch. Vielmehr verschiebt sich Männlichkeit auf andere Ebenen und re-strukturiert sich auf ihre gewohnten Muster hin. Globalisierung wird nämlich auch gegenläufige Trends auf lokalen/regionalen, nationalstaatlichen und supra-/transnationalen Ebenen freimachen und aus diesen Konfliktlagen eine Re-Maskulinisierung staatlich-politischer Zusammenhänge stimulieren. Die institutionell eingeschlossene Männlichkeit überdauert also die nationalstaatlichen Zerfallstendenzen.


In diesen Fragestellungen deutet sich ein Perspektivenwechsel an, der den starren Blick auf die gleichsam unausweichlich erscheinenden "barbarischen" Aspekte der Globalisierung flexibilisieren und auch auf Paradoxien und Ambivalenzen in diesem Prozeß aufmerksam macht. Globale Vereinheitlichung des Kapitalismus ist auch mit Fragmentierung und Auflösung tradierter Geschlechterordnungen verbunden.


An Phänomenen wie Globalisierung und Aushöhlung nationalstaatlicher Regelungsmuster sind auch Indizien neuerlichen Auflebens herrschaftsträchtiger Geschlechterdisparitäten und neuer Vergeschlechtlichungen zu identifizieren. Hierbei geht es nicht nur um weibliche Betroffenheiten, die durch ökonomische, politische und/oder kulturelle Globalisierungprozesse ausgelöst werden, nicht nur um Frauen als "Modernisierungsverliererinnen". Mit der Frage nach dem Geschlecht der Globalisierung und der Kritik an der Vergeschlechtlichung der Globalisierungsdebatte gilt es vielmehr auch, Männer, Männlichkeiten und Maskulinismus in den Blick zu nehmen. Globalisierung ist kategorial als immanentes Segment im Wechselspiel mit der ebenfalls (global) vor sich gehenden Maskulinisierung - gegebenenfalls sogar auch Re-Maskulinisierung - zu verschränken.


Männlichkeit rastet in die Szenarien auseinanderfallender Nationalstaatlichkeit unterschiedlich ein:


  1. Als Verfeinerung herkömmlicher Männlichkeit durch institutionalisierte Anhebung auf eine vermeintlich "höhere", den engen Horizont nationalstaatlicher Provinzialität überwindende Entwicklungsstufe, nämlich auf das diplomatische Parkett internationaler Organisationen und Gremien, als global operierendes Management oder durch Eindringen in das "Allerheiligste" der internationalen Finanzmärkte, in die Welt der internationalen Börsen und transnationalen Banken. Als "Weltmännlichkeit" (Connell) erfährt Männlichkeit in neuer Form privilegierte Einhegung, sie wird modernisiert und globalisiert. Den Frauen wird die irrelevant werdende Politikebene des Nationalstaates "überlassen", während sich eine Art "Kasino-" oder "Turbo-Maskulinismus" als "höchstes Stadium" der Männlichkeit breitmacht und vertraute maskulinistische Muster in den supranationalen und globalen politischen Regulierungen eine neue Heimat finden.


  1. Hegemonial-privilegierte Männlichkeit zerbröselt mit der Auflösung jener Strukturen, die diese Form von Männlichkeit eingekapselt und bewahrt haben. Das könnte wiederum zweierlei heißen: Die Dehegemonialisierung bewirkt Verunsicherung und führt letztlich erst recht wieder zu Bildung modifizierter Hegemonialstrukturen. Oder: Globalisierung gibt (auch) anderen Männern, etwa in anderen Regionen der Welt, Chance auf privilegierende Männlichkeit.


  1. Ein vermeintlich "primitiver Rückfall" in angeblich "rohe", "barbarische" oder "archaische" Formen von Männlichkeit auf dem Felde kriegerischer Auseinandersetzungen, als wildes Rebellen- oder Banditentum, wie bei der Auflösung von Nationalstaaten, in Jugoslawien oder in bestimmten Regionen der ehemaligen Sowjetunion oder in Albanien. Auch der Maskulinisierungsschub durch zunehmende "Mafiogenisierung" staatlicher Strukturen wäre zu bedenken.


Bemerkenswert ist, daß die ersten beiden Punkte kaum und der dritte fast nur in seinen geschlechtlichen Dimensionen akzentuiert wird. Wenn in aktuellen Debatten Männlichkeit thematisiert wird, dann in der Regel die "archaische", vormoderne Männlichkeit. Diese Differenz wertenden Sehens und Benennens bedarf der Aufklärung: Es scheint durchaus so zu sein, daß Männlichkeit - wenn überhaupt - nur in ihren "rohen", "wilden", "barbarischen", vielleicht auch "exotisch" naturalisierten Formen und Facetten tatsächlich auch als Männlichkeit identifiziert wird. Es fällt offenbar männlicher Neugier und Entdeckungslust erheblich leichter, etwa im "Orientalismus" und islamischen Fundamentalismus auch eine maskuline Ideologie zu erkennen oder aber "wilde Männer" auf dem "Balkan" in ihrer ungehemmten kriegerischen Geschlechtlichkeit zu entdecken, als auch die Sphären internationaler Ökonomie und Politik als Schlachtfeld sich zu bewährender Männlichkeit überhaupt zu bemerken und in ihrer zutiefst geschlechtlichen Bedeutung auch anzusprechen.


Das heraufdämmernde Finale nationalstaatlicher Regelungsfähigkeit läßt neue Institutionen zur Regulierung von Kapital- und Finanzströmen entstehen. Aushöhlung des Nationalstaates läßt Maßnahmen und politische Entscheidungen immer mehr von supra- und transnationalen Organen bestimmen. Der Erosionstrend gilt freilich nicht für alle Nationalstaaten. Nicht wenige der ökonomisch und militärisch potenten Staaten werden durch internationale Kooperationen und supranationale Dominanz (in IWF, Weltbank, NATO, UNO oder EU) tendenziell sogar stärker.


Die neuen über-nationalstaatlichen Strukturen werden weiterhin mit einem nationalstaatlichen Netz bürokratischer Strukturen zu tun haben und in dieser Verbindung mit eingekapselten männlichen Praxen weiterarbeiten. Selbst die Tendenz zum "Verhandlungsstaat", der Trend zum Entscheiden jenseits demokratisch legitimierter Institutionen, wird den Maskulinismus stärken. Die Sphären der Entscheidungslosigkeit werden dagegen "demokratisiert" und Frauen geöffnet.


Nicht mehr die Anarchie der Einzelstaaten, sondern neue mächtige Netzwerke einer "Weltmännlichkeit": der "global player", der einsame Wolf der Börse sind die neuen Heroen globaler Eroberung. Auch ökonomische und politische Globalisierung bedarf neuer Männlichkeitsmuster: Nicht mehr die "Krieger", nicht militärische Helden, sondern der Typ des Börsianers und globalen Managers sind die "Raubritter" der Globalisierung.


Wahrscheinlicher, als daß mit Auflösung national- und sozialstaatlich regulierter Männlichkeit ein neues Geschlechtsmodell am Horizont erscheint, ist, daß der Sozialstaat seine Funktion der Abfederung ausgebeuteter Männlichkeit nicht mehr erfüllen kann. Nicht nur Frauen, auch Männer kommen vermehrt in die Position Marginalisierter. Solidarische Muster der Massenintegration weichen der Entsolidarisierung und Individualisierung: Der männliche Einzelkämpfer wird zum Kulturmuster. Dadurch entstehen neue Anforderungen an Männlichkeit, die der Sozialstaat nun nicht mehr vertritt, konkrete Männer geraten in Identitätsschwierigkeiten, weil der "patriarchale" Staat als Männlichkeitsersatz entfällt.


Es ist zudem absehbar, daß die globale Ökonomie und Politik den Nationalstaat gar nicht in all seinen Belangen funktionslos werden lassen wird. Gerade innerstaatlich "herrschaftsmächtige Institutionen" werden nicht unbedingt "verkümmern". Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß sich in gewisser Hinsicht die "Herrschaftsmacht" des Nationalstaates sogar noch ausweiten könnte. Im Prozeß der Internationalisierung von Politik findet auch eine Verlagerung auf exekutive Abteilungen des Staates, Polizei und Militär, statt (vgl. Schengen und die Folgen, NATO und Balkanpolitik): "Neue Staatlichkeit" formt sich aus den vergleichsweise männerbündischen Strukturen, während demokratische und partiell feminisierte politische Institutionen wie Parlamente tendenziell entmachtet werden. Supranationale Staatlichkeit wiederholt die bürokratische männerdominierte Staatsbildung der Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts. Entdemokratisierung heißt Zuwachs von Maskulinismus und Männlichkeitszentriertheit.


Die Qualität von Männlichkeit als Institution und Deutungsmuster liegt im Globalisierungprozeß darin, daß neue gesellschaftliche Komplexitäten reduziert und auf Standardformen zurückgeführt werden. Männlichkeitsmuster können soziale Trennlinien unter Männern dem (ersten) Blick entziehen und gegenüber Frauen, Weiblichem und als nicht männlich imaginierten Anderen Identität und Gemeinsamkeit konstruieren. Männlichkeit war und ist ein Mittel gesellschaftlicher Integration, das heute eine "neue Chemie" erhält, es wird nicht verschwinden, sondern ebenso Teil wie Resultat des globalen Transformationsprozesses sein. Daß bereits neue Bilder von Männlichkeit entworfen werden - die wilde, südländische, schwarze, fundamentalistische Männlichkeit und ihr Gegenentwurf, der Mann, der Frauen und Kinder vor dieser wilden Männlichkeit schützt, deutet auf Reaktivierung von Männlichkeit als soziale Kohäsionsressource hin. Es ist der "kleine Mann auf der Straße", der solche Schutzfunktionen übernimmt und daraus erneut "Ehre" zu schöpfen vermag. Rechtspopulistische Parteiungen profitieren davon.




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Schlußbemerkung


Es gibt wenig andere gesellschaftliche Bereiche, in denen das Artefakt Männlichkeit in einem solchen Maße strukturbildend gewirkt hat wie in Staat und Politik. Es sollte uns daher empirisch und theoretisch die Frage bewegen: Sind das alles bloß zufällige Koinzidenzen mit gesellschaftlich idealisierten und glorifizierten Bildern von Männlichkeit? Oder ist es nicht eben gerade diese Männlichkeit, die die Standardform von Staat und Politik abgibt?


Wenn wir etwa die in jüngerer Vergangenheit inganggesetzten Veränderungen der Politikform durch kompensatorische Quotierungs- und Gleichstellungspolitik in ihrer Nachhaltigkeit im Sinne androgyner Politikstrukturen evaluieren und sie - wie eine russische Puppe - Schichte für Schichte abbauen, stoßen wir dann nicht im innersten Kern noch immer auf etwas, das uns als das ewig Männliche bekannt ist?


Warum weigert sich der Malestream der Politikwissenschaft eigentlich so beharrlich, die Politikrelevanz des Faktums seiner Geschlechtlichkeit zur Kenntnis zu nehmen? Ob hier Vater Freud seinen politikwissenschaftlichen Söhnen weiterhelfen kann?


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Kreisky, Eva, Männlichkeit regiert die Welt


[--> Impressum]


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   evakreisky.at


Inhalt:


Das Geschlecht als politische Institution

Männlichkeit als Thema der Frauen- und Geschlechterforschung: vom einzelnen Mann zu Männlichkeit als System

Enttarnung als Methode der Geschlechterkritik


Moderne Männlichkeit: soziales und politisches Artefakt

Der männliche Habitus der Politik: Anleihen aus militärischen und sportlichen Sphären


Die Probe aufs Exempel: Thematisierung von Maskulinismus als analytischer Zugewinn?

1. Re-Maskulinisierung der USA in der Post-Vietnamkriegs-Ära

2. Leadership-Theorien und der in ihnen eingekapselte Maskulinismus

3. Männliche Globalisierung - Globalisierte Männlichkeit

Schlußbemerkung

Literaturverzeichnis





Fussnoten:

1 In vielen Zeitungen vom Juni 1999 wurde diese in ihren Startlöchern scharrende militärische Männlichkeit freilich getarnt, indem etwa Bilder britischer weiblicher Leutnants gezeigt wurden, die allem Anschein nach auf "ihren" Einsatz nur "warteten" (z.B. in der österreichischen Tageszeitung Kurier, 8.6.1999).

2 Unter Nationalstaat ist der ab der frühen Neuzeit vor allem in Westeuropa sich herausbildende moderne Verfassungsstaat zu verstehen, für den die territoriale Zentralisierung aller gesellschaftlichen Gewalt hin zu einer öffentlichen, also staatlichen, und auch rechtlich gezähmten Gewalt strukturtypisch ist. Herausbildung moderner Staaten bezeichnet demnach den "Vorgang einer ständigen Hinzufügung einzelner 'moderner' Elemente zu vormodernen Staaten" (vgl. Gerstenberger 1990, S. 11).





Literatur:



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