Nachlese Politsche Theorien - Die Macht des Diskurses - Michel Foucault
Thesen, Themen und Materialien zur neunte Vorlesungseinheit vom 12.12.2002
[Nachlese von
Albert Kraler (Allgemein) und Thomas Iacopino (Foucault)
--> Impressum]
"In den Diskurs, den ich heute zu halten habe, und in die Diskurse, die ich vielleicht durch Jahre hindurch hier werde halten müssen, hätte ich mich gern verstohlen eingeschlichen. Anstatt das Wort zu ergreifen, wäre ich von ihm lieber umgarnt worden, um jedes Anfanges enthoben zu sein. Ich hätte gewünscht, während meines Sprechens eine Stimme ohne Namen zu vernehmen, die mir immer schon voraus war: ich wäre es dann zufrieden gewesen, an ihre Worte anzuschließen, sie fortzusetzen, mich in ihren Fugen unbemerkt einzunisten, gleichsam, als hätte sie mir ein Zeichen gegeben, indem sie für einen Augenblick aussetzte. Dann gäbe es kein Anfangen. Anstatt der Urheber des Diskurses zu sein, wäre ich im Zufall seines Ablaufs nur eine winzige Lücke und vielleicht sein Ende."
(Michel Foucault, Inauguralvorlesung am Collège de France, 2. Dezember 1970, erschienen unter dem Title "Die Ordnung des Diskurses", Frankfurt/M: Fischer, 72000)
Inhalt:
1a. Linguistische Diskursbegriffe
1b. Der Foucault'sche Diskursbegriff
1c. Der Diskursbegriff bei Laclau/ Mouffe
1d. Zusammenfassung: Analytische Ansätze der Diskursanalyse vis-à-vis dem Habermas'schen Diskursbegriff
2a. Epistemologie
2b. Annaleschule
2c. Der Strukturalismus
2d. Neostrukturalismus/ Poststrukturalismus
2e. Postmoderne
3.Aspekte der Foucault'schen Theorie: Archäologie und Genealogie
3a. Archäologie
3b. Geneaologie
3c. Eine exemplarische Studie: Sexualität und Wahrheit
Diskurs ist seit den Siebziger Jahren ein fast inflationär gebrauchter Begriff, mit dem ganz allgemein bestimmte Sprachmuster bezeichnet werden. Ob damit nun lediglich ein thematisch zusammengehörendes "Diskursfeld" gemeint ist (z.B. der Umweltdiskurs, der Flüchtlingsdiskurs....), was genauso gut mit "Thema" o.ä. bezeichnet werden könnte, lässt der Begriff zunächst offen, ebenso ob "Diskurs" bestimmten Institutionen bzw. Trägern zugerechnet wird (" Mediendiskurs" , "juristische Diskurse" - Träger des Diskurses sind: Medien, das Justizsystem) oder eben gerade nicht (Foucault). Ob mit dem Begriff "Diskurs" lediglich Spezialsprachen bezeichnet werden (" systemtheoretischer Diskurs" usw.) ist a priori oft ebenso wenig klar wie die Frage, ob nicht im Gegenteil, "Diskurs" im Sinne Foucaults als etwas sehr "mächtiges" , keineswegs auf sprachliche Äußerungsmuster beschränktes Phänomen, als Phänomen der "Praxis" gedacht wird .
Der Begriff "Diskurs" ist mittlerweile fest in der (gebildeten) Alltagssprache verankert. In den Sozialwissenschaften werden meist bestimmte Konzepte bzw. theoretische Strömungen damit verbunden, v.a. jene in Gefolge Foucaults und der kritischen Diskursanalyse. In den Achtzigern und Neunzigern sind diskursanalytische Ansätze auch in Österreich auf breite Resonanz gestoßen - in der österreichischen wissenschaftlichen Öffentlichkeit dominiert allerdings ein bestimmter Diskursansatz der mit der Sprachwissenschaftlerin und Wittgensteinpreisträgerin Ruth Wodak verbunden ist und der mit dem Forschungszentrum "Diskurs, Politik, Identität" an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften auch einen eigenständigen institutionellen Ausdruck gefunden hat.
Dennoch ist der Begriff zunächst vieldeutig und seine konkrete Bedeutung nicht von vornherein erschließbar. Er leitet sich vom lateinischen "discursus" her (" das Sich-Ergehen über etwas" ) und wurde bis ins 20.Jh. vor allem für gelehrte Abhandlungen gebraucht (so wie in Jacques Rousseau "Diskurs über die Ungleichheit" ). Im Französischen bedeutet er zudem "Rede" - auch diese Bedeutung floss in die deutsche Bildungssprache ein, allerdings modifiziert als (dialogische) Rede - als lebhafte Auseinandersetzung.. Es ist dieser Bedeutungsaspekt, der von eher textinteressierten SprachwissenschaftlerInnen aufgenommen wurde und dann als "tatsächlich realisierte Äußerung" (im Gegensatz zu den potentiell möglichen Äußerungen - der Gegenstand der allgemeinen/ theoretischen Sprachwissenschaft) in die Linguistik übertragen wurde.
Moderne sprachwissenschaftliche diskursanalytische Ansätze definieren "Diskursanalyse" gewöhnlich als Strukturanalyse von Texteinheiten, die größer als ein Satz sind (dem "gewöhnlichen" Forschungsgegenstand der Sprachwissenschaft). Diskursanalyse kann dabei immer noch verschiedenes bedeuten. Zudem gibt es daneben noch andere sprachwissenschaftliche Ansätze, die sich mit Texten auseinandersetzen, etwa die "Pragmatik" (aufbauend auf der gleichnamigen US-amerikanischen Richtung der Philosophie) und die Textlinguistik. Zwei Hauptströmungen der sprachwissenschaftlichen Diskursanalyse können unterschieden werden:
Diskursanalyse als Gesprächsanalyse: Dabei geht es darum, systematische Strukturen tatsächlicher Gespräche/ Kommunikationssituationen zu untersuchen, also so etwas wie eine Grammatik von Texten zu erstellen, m.a.W. die Regeln von Gesprächen offen zu legen. Diese Version von Diskursanalyse bezieht sich stark auf in der linguistischen Pragmatik entwickelte Konzepte/Methoden sowie auf Analyseansätzen, die in der soziologischen Konversationsanalyse entwickelt worden sind. Diskurs bezeichnet dabei die "Großeinheit" , d.h. den Gesamtzusammenhang einer stattfindenden Kommunikation, der weiter in einzelne Sprechhandlungssequenzen zerlegt werden kann. Die einzelnen Sequenzen (z.B. eine Begrüßungssequenz) besteht wiederum aus sprachlichen Kleinformen. Diskurse zeichnen sich dadurch aus, dass sie typischerweise aus einer Anordnung bestimmter Sprechhandlungssequenzen bestehen (und nicht aus anderen), d.h. dass sie regelhaft ablaufen. Die Regeln werden dabei wesentlich durch das Setting/ den Kontext der Diskurse bestimmt, z.B. im Gerichtsdiskurs oder im Unterrichtsdiskurs: Spontane "Diskussionen" haben im Unterricht keinen Platz, typischerweise besteht die Interaktion zw. LehrerIn und SchülerInnen aus einem klar definierten Frage-Antwort Spiel, der/die LehrerIn erteilt Redezeit und strukturiert das Gespräch usw...... VertreterInnen: Konrad Ehlich, Michael-Becker-Mrotzek, Jochen Rehbein.
Kritische Diskursanalyse: Wie der Name schon suggeriert, verficht die Kritische Diskursanalyse (auf Englisch: Critical Discourse Analysis, häufig abgekürzt als CDA) ein gesellschaftskritisches Projekt. Mehr als die Gesprächsanalyse, ist sie gesellschaftstheoretisch fundiert. Ihr geht es darum, wie bestimmte Inhalte sprachlich realisiert werden; auf welche Mechanismen dabei zurückgegriffen wird; ob Inhalte manifest oder implizit geäußert werden; ob und in welcher Form bestimmte Textformen zukünftige Texte präjudizieren usw.
Unter Diskurs wird dabei die
"Summe institutionalisierter und interpersoneller 'Texte' und Dialoge [verstanden], und diese wieder als konkrete bedeutungstragende soziale Handlungen, als Einzelfälle einer sozio-kulturellen, politischen und ideologischen Praxis, die gesellschaftliche Systeme und Strukturen bestimmen" (Bernd Matouschek, Ruth Wodak,; Franz Januschek (1995): "Notwendige Maßnahmen gegen Fremde? Genese und Formen von rassistischen Diskursen der Differenz" Wien: Passagen, p.45).
Der Gegenstand ist somit die Summe der zu einem geschichtlichen Zeitpunkt relevanten Texte und Dialoge eines Bereiches (etwa: der Mediendiskurs). Texte beziehen sich dabei "immer auch auf verschiedene Vergangenheiten, auf andere Texte (Intertextualität), auf bestimmte Zeiträume und Orte in der näheren oder weiteren Vergangenheit. Die Texte stehen damit in diskursiven Beziehungen zueinander, die sich linguistisch nachweisen lassen. Nach dem britischen Diskursanalytiker Norman Fairclough (1995, "Critical Discourse Analysis: The Critical Study of Language" , London; New York: Longman, p.1f) bedeutet Diskursanalyse auch Machtanalyse: "Power is conceptualized both in terms of asymmetries between participants in discourse events, and in terms of unequal capacity to control how texts are produced, distributed and consumed (and hence the shapes of texts) in particular sociocultural contexts [Macht wird zum einen als Asymmetrie in Diskursereignissen begriffen, zum anderen als die ungleich
verteilte Fähigkeit aufgefasst, Herr darüber zu sein, wie Texte in bestimmten soziokulturellen Kontexten produziert, verteilt und konsumiert werden. Meine Übersetzung A.K.]" . Der Ansatz hat ein gewisses Naheverhältnis zu den britischen Cultural Studies und kann, so wie diese, als eine programmatische Richtung der (alltagsorientierten) Ideologiekritik verstanden werden. Sie bietet sich daher auch für politikwissenschaftliche Fragestellungen im allgemeinen und ideengeschichtliche Ansätze im besonderen an. (VertreterInnen: Ruth Wodak, Teun van Dijk, Norman Fairclough).
Der in den Sozialwissenschaften wohl wirkmächtigste Diskursbegriff ist jener von Michel Foucault. Paradoxerweise - angesichts der breiten Resonanz der Foucault' schen Diskursanalyse - hat Foucault keinen konsistenten, klar gefassten Begriff von Diskurs. Diskurse sind nach Foucault jedenfalls mehr als bloße Sprache. Das Hin- und Herlaufen konkretisiert sich im Begriff der Beziehung. Über das bloße Benennen hinaus charakterisiert den Diskurs die Fähigkeit, Beziehungen zwischen
"Institutionen, ökonomischen und gesellschaftlichen Prozessen, Verhaltensformen, Normsystemen, Techniken, Klassifikationstypen und Charakterisierungsweisen herzustellen" (Michel Foucault, Archäologie des Wissens, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1997 (1969), p.68).
Geheimnisvoll wiederum die Verortung dieser Fähigkeit: weder innerlich noch äußerlich, sondern an den Grenzen des Diskurses. Über den sprachlichen Kern hinaus, an den Grenzen, beinah kaum zu hören etabliert sich das Gesagte als Praxis. Es interessieren Foucault daher diese Grenzen und in weiterer Folge die Institutionen und Praktiken, durch die Diskurse gegenüber anderen abgegrenzt werden. Diskurse sind jedenfalls nichts zufälliges, arbiträres. In seiner programmatischen Schrift "Die Ordnung der Diskurse" (Frankfurt/M: Fischer, 72000, pp.35) streicht Foucault vier Begriffe als zentral für die Analyse von Diskursen heraus: Ereignis, Serie, Regelhaftigkeit und Möglichkeitsbedingung. Sein Interesse liegt in der Folge in der Untersuchung der Beschränkung/ Begrenzung von Diskursen: um Ausschluss und Verbot. Kontroll- und Disziplinierungspraktiken setzen die Regeln für Diskurse und diesen gilt seine Aufmerksamkeit:
Ich setzte voraus, dass in jeder Gesellschaft die Produktion des Diskurses zugleich kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert wird - und zwar durch gewisse Prozeduren, deren Aufgabe es ist, die Kräfte und die Gefahren des Diskurses zu bändigen, sein unberechenbar Ereignishaftes zu bannen, seine schwere und bedrohliche Materialität zu bannen (Die Ordnung des Diskurses, p.10f).
Foucault interessiert sich insgesamt wenig für methodologische Fragestellungen - wie Diskurse dingfest gemacht werden können, sagt er nicht. Insofern teilt er die methodologische Schwäche des Paradigma/ Traditionsbegriffes der Cambridge School (Siehe dazu Achte Einheit, letzter Eintrag der Literaturtipps). Allerdings präzisiert er zumindest, wie Diskursregeln festgestellt werden können, denn
(...) der Diskurs wird konstituiert durch die Differenz zwischen dem, was man korrekt in einer Epoche sagen könnte (nach den Regeln der Grammatik und denen der Logik) und dem, was tatsächlich gesagt wird (Foucault, zitiert nach Thomas Lemke, "Kritik der politischen Vernunft. Foucaults Analyse der modernen Gouvernementalität, Hamburg, 1997, p.46).
Für Foucault bedeutet die Untersuchung von Diskursen immer auch die Untersuchung von Macht. Denn Macht strukturiert Diskurse, sie lässt manche wahrscheinlicher sein als andere, sie legitimiert sich mittels Diskurse. Die Foucault' schen Kernbegriffe Diskurs, Macht, Disziplin, Wissen, Wahrheit erschließen so ein relativ offenes Forschungsfeld, das seine Offenheit gerade daraus gewinn, dass keine eindeutigen, präzisen Definitionen erfolgen. Unter dem Blickwinkel von Diskursen können Ideengeschichte und gesellschaftliche Entwicklungen gleichzeitig ins Blickfeld genommen werden, während dabei die Frage der Macht im Vordergrund bleibt. Exemplarisch für diese Vorgehensweise soll ein Zitat aus Foucaults Studie zur Geschichte des Gefängnisses in Moderne, "Überwachen und Strafen" wiedergegeben werden. Darin untersucht Foucault an einer Stelle das Hegemonialwerden der Idee des "Individuums" im 18. und 17. Jh. und stellt fest:
Man sagt oft, das Modell einer Gesellschaft, die wesentlich aus Individuen bestehe, sei den abstrakten Rechtsformen des Vertrags und des Tausches entlehnt. Die Warengesellschaft habe sich als eine vertragliche Vereinigung von isolierten Rechtssubjekten verstanden. Mag sein. Die politische Theorie des 17. und 18. Jahrhunderts scheint diesem Schema tatsächlich häufig zu entsprechen. Doch darf man nicht vergessen, dass es in derselben Epoche eine Technik gab, mit deren Hilfe die Individuen als Macht- und Wissenselemente wirklich hergestellt worden sind. Das Individuum ist zweifellos das fiktive Atom einer "ideologischen" Vorstellung der Gesellschaft; es ist aber auch eine Realität, die von der spezifischen Machttechnologie der "Disziplin" produziert worden ist. Man muss aufhören, die Wirkungen der Macht immer negativ zu beschreiben, als ob sie nur "ausschließen" , "unterdrücken" , "verdrängen" , "zensieren" , "abstrahieren" , "maskieren" , "verschleiern" würde. In Wirklichkeit ist die Macht produktiv; und sie produziert Wirkliches. Sie produziert Gegenstandsbereiche und Wahrheitsrituale: das Individuum und seine Erkenntnis sind Ergebnisse dieser Produktion. (Michel Foucault, "Überwachen und Strafen" . Frankfurt/M: Suhrkamp, 1994 [1975]), pp.249f, Meine Hervorhebung, A.K.)
Abschließend kann gesagt werden, dass Diskurs bei Foucault ein Begriff ist, der sich auf die Regelmäßigkeit sozialer Handlungen bezieht. Letztere kann selbst wieder aus materiellem und sprachlichem/zeichenhaften "Symbolhandeln" bestehend gedacht werden. Soziale Handlungen laufen nie in einem "Zeitloch" ab, sondern beziehen sich immer auf vergangene Handlungen (und erwartete/erwartbare zukünftige Handlungen). Die in gesellschaftlichen und politischen Institutionen und Normen verdichteten vergangenen sozialen Handlungen stellen somit den Kontext dar, innerhalb dessen gegenwärtige Handlungen vollzogen werden. In dieser Perspektive erscheint die Analyse von institutionellen Entwicklungen und sprachlichen Äußerungen ("Ideen") tatsächlich als zusammengehörend.
Der Foucault' sche Diskursbegriff hat eine gewisse Nähe zu den Begriffen der "politischen Sprache" / "Tradition" / "Paradigma" der in der achten Einheit vorgestellten Cambridge School. Im Unterschied zu dieser interessiert sich Foucault weniger für explizit politische Theorien und praktisch überhaupt nicht für die "großen Namen" der politischen Theorie. Dies ist nicht nur Ausdruck eines simplen Disinteresses bzw. spezifischen Forschungsinteresses, das auf die Randzonen des Alltags (in der Form der Klinik, des Gefängnisses, des Wahnsinns..) zielt, sondern verweist auf die Foucault eigentümliche, programmatische und erst in seinen letzten Jahren abgeschwächte pessimistische Haltung bezüglich der Möglichkeit von intentionalem sozialen Handeln (und damit: Politik) überhaupt: So verschwindet bei Foucault auch
der Autor/Sprecher. Diskurse "sprechen" den Sprecher: sie und ähnlich konstruierte Begriffe (z.B. Machtnetze - Foucault verwendete gern den Ausdruck "Kapillaren" als Metapher für die Verästelungen von Macht) werden zu unpersönlichen, fundamentalen, aber doch veränderlichen Strukturen, auf deren Herstellung (=Nichtnatürlichkeit) er hinweist, gleichzeitig aber unterbelichtet lässt (Mehr zu Foucualt'scher Theorie, siehe kap 3)
Der Vollständigkeit halber soll noch ein weiterer Begriff von "Diskurs" erwähnt werden, der in den letzten Jahren auch verstärkt in Österreich, v.a. durch den Wiener Philosophen Oliver Marchart rezipiert wurde und mit den Namen Ernesto Laclau und Chantal Mouffe verbunden ist. Wenn auch nicht unbedingt der Diskursbegriff selbst, hat dieser Ansatz nach der blau-schwarzen Wende 2000 eine regelrechte Hausse erlebt. Die beiden letztgenannten Theoretiker haben 1985 (engl. Original) eine Arbeit vorgelegt (Ernesto Laclau, Chantal Mouffe, "Hegemonie und radikale Demokratie. Zur Dekonstruktion des Marxismus" , Wien: Passagen, 1991), in der es ihnen um eine Weiterentwicklung marxistischer Hegemonietheorie geht und in der sie das Funktionieren radikaler politischer Bewegungen (und ihrer Diskurse) untersuchen.
Ihr Diskursbegriff ist ein zeichentheoretischer. Bei Laclau/ Mouffe bezeichnet Diskurs eine Einheit divergierender Elemente, die von politischen Akteuren/ von politischen Bewegungen als in eine bestimmte Hinsicht gleich dargestellt werden. Die Einheit des Diskurses ist aber immer eine prekäre, weil die verschiedenen Diskurselemente jeweils eine Eigenlogik aufweisen, die nicht völlig auflösbar ist. Einerseits ist bei Laclau/ Mouffe Diskurs zwar grundsätzlich symbolisch, umfasst andererseits in gleicherweise Sprachliches wie Materielles, denn "[w]ie immer auch der ontologische Status einer bestimmten Klasse von Phänomenen bzw. einer bestimmten Art von Wirklichkeit, also z.B. 'die Gesellschaft' gefasst wird, ist die (physikalische, biologische, chemische, soziale, ökonomische...) Realität immer nur vermittelt wahrnehmbar, mit anderen Worten, eine Repräsentation. In zeichentheoretischer Hinsicht erweist sich jedes Objekt als diskursiv." (A.Kraler, Integration und
Ausschluss, Wien 2001, p.23). In der Diskurstheorie von Laclau/Mouffe geht es insgesamt weniger um Diskurs als Bezeichnung gesellschaftlicher Praxis, noch um einen sprachlichen Diskursbegriff, sondern um eine zeichentheoretisch fundierte Theorie der Kollektivität/ Identität. (Mehr zum theoretischen Ansatz und seiner Rezeption in Österreich nach der Wende 2000 findet ihr hier)
In Bezugnahme auf Foucault, sprachwissenschaftlichen diskursanalytischen Ansätzen, sprechakttheoretischen Ansätzen, unter Einfluss des Poststrukturalismus und in Fortführung älterer Analysemethoden und Theoriestränge wie der Ethnomethodologie und der Hermeneutik, hat sich ein übergreifendes Diskursparadigma herausgebildet, das trotz der Vielfältigkeit der Anknüpfungspunkte und Ansätze doch auch ein gemeinsames Programm erkennen lässt. Grundsätzlich geht es um Symbolanalyse, wobei unterstellt wird, dass symbolische Ordnungen eben nicht zufällig be-/entstehen, sondern systematischer Natur sind und Strukturen bzw. eine Regelhaftigkeit aufweisen, die der Analyse zugänglich sind. Gerade wegen der zur Verfügung stehenden Vielfalt der Zugänge und Ausgangspunkte, bietet sich ein diskursanalytischer Rahmen für eine weite Palette von politikwissenschaftlichen (nicht nur ideengeschichtlichen) Fragestellungen an. Im Konkreten dient "die" Diskursanalyse den methodischen Rahmen ab, während im Einzelnen und je nach konkreter Fragestellung, diese mit einer Reihe anderer interpretativer Analysemethoden verknüpft wird.
Von der Diskursanalyse (die, wie der Name bereits andeutet, ein Analyseansatz ist) unterschieden werden muss die normativ orientierte, v.a. von Jürgen Habermas in seinem Hauptwerk "Theorie des Kommunikativen Handelns" entwickelte Diskurstheorie. Ihr geht es darum, eine die Geltung liberaler Gerechtigkeitsvorstellungen theoretisch zu begründen. Der Habermas' sche Diskursbegriff zielt daher ganz wesentlich darauf, unter welchen Bedingungen innerhalb eines "Diskurses" (alternativ: einer Deliberation, daher deliberative Demokratietheorie) ein für alle Diskursteilnehmer akzeptables, d.h. legitimes Ergebnis zeitigen kann. Der Unterschied zu den oben angesprochenen Diskursansätzen könnte also radikaler nicht sein. Geht es jenen um die Konstruktion von Realität/ Repräsentationsstrukturen und wird die Möglichkeit von "Wahrheit" zumindest in Frage gestellt, wenn nicht überhaupt bestritten, geht es bei Habermas gerade darum,
um "Wahrheit" , "Gerechtigkeit" . "Rationalität" - um "große Erzählungen" , um die großen Versprechungen der Moderne. Es ist kein Zufall, dass Habermas sich immer wieder kritisch zum Diskurs der Postmoderne und ihren Theoretikern geäußert hat.
Foucault' s ideengeschichtliche und sozialkritische Theorieansätze sind vor dem Hintergrund mehrerer theoretischer Innovationen in den Sozialwissenschaften zu sehen, die ihren Ausgangspunkt in mehreren fruchtbaren Theoriedebatten in Frankreich haben. Zu diesen zählen der Strukturalismus, die Mentalitätsgeschichte der Annales-Schule und die französische Epistemologie in der Nachfolge Gaston Bachelards.
Die "Epistemologie" ist im Gegensatz zu der Annalesschule und dem Strukturalismus weder Schule noch Geistesströmung. Vielmehr ist die Epistemologie im Grunde eine Teildisziplin der Philosophie, die im Deutschen meist als Erkenntnistheorie bezeichnet wird. Grundsätzlich geht es in der Erkenntnistheorie es fundamental um die Frage, unter welchen Bedingungen und auf welcher Ebene (Empirie, Logik....) Erkenntis möglich ist. Erkenntnistheoretische Fragen waren seit jeher ein zentraler Gegenstandsbereich der Philosophie, man denke nur an die aristotelische Kategorienlehre und Logik und deren Widerpart, die platonische Ideenlehre - ein Gegensatz, der im Mittelalter als Gegensatz von "Nominalisten" und "Realisten" (siehe Fünfte Einheit) im sogenannten Universalienstreit weitergeführt wurde.
Die moderne Erkenntnistheorie knüpft dagegen meist an Kant und seine "Kritik der reinen Vernunft" (1781) an. Der darin vorgegebene Weg wurde von den sogenannten "Neukantianern" weiterentwickelt und für die Sozialwissenschaften fruchtbar gemacht. In der modernen Erkenntnistheorie steht vor allem die Frage im Vordergrund, wie weit auf Erfahrung (= Empirie) gegründetes Wissen als gesichert gelten kann. Um zu festzustellen, ob Erfahrungswissen als gesichert gelten kann oder ob es vielmehr aus Scheintatsachen besteht, bedarf es der Klärung fundamentaler erkenntnistheoretischer Fragen, und in weiterer Folge der Entwicklung angepasster Methodologien, die gewährleisten sollen, dass tatsächlich "wissenschaftliche" , d.h. seriöse Aussagen getroffen werden. Methodologien beschäftigen sich mit der Frage, welche Fragestellungen auf welchem Weg (= mit welchen Methoden) beantwortet werden können. Wissenschaftliche Methoden stehen daher unmittelbar im Zusammenhang mit erkenntnistheoretischen Fragestellungen und werden durch sie begründet. Im wissenschaftlichen Alltag greifen WissenschaftlerInnen in der Regel auf "bewährte" Methoden zurück, und stützen sich auf in Methodenlehren dargelegte "Instrumente" , ohne sich jedes Mal über erkenntnistheoretische Fragestellungen den Kopf zu zerbrechen. Andererseits führ(t)en erkenntistheoretische Überlegungen immer wieder zu wichtigen methodischen und theoretischen Innovationen - Foucault ist dafür ein gutes Beispiel.
Tatsächlich haben erkenntnistheoretische Fragen einen zentralen Stellenwert im Werk Foucaults, wenngleich er Gesellschaftsanalyse, Erkenntnistheorie und Ideengeschichte in einem einzigen Zugang vereint und somit Erkenntnistheorie radikal "soziologisiert" . Foucault war darin von einer psychologisch/ psychoanalytisch interessierten Erkenntnistheorie beeinflusst (er selbst hatte Psychologie und Philosophie studiert), wie sie in Frankreich seit den Dreißiger Jahren entwickelt wurde und deren wichtigster und einflussreichster Vertreter Gaston Bachelard (1884-1962) war. Foucault grenzte sich allerdings von dessen Unterscheidung zwischen wissenschaftlichem, verstandesgeleitetem Denken einerseits und poetisch-intuitivem Denken andererseits ab. Bachelard und Theoretiker in seiner Nachfolge interessierten sich besonders für die Schwelle zwischen Wissenschaft und Nichtwissenschaft. Poetisch-intuitives Denken sei nach Bachelard durch Traumerinnerung, Metaphern und Symbole geprägt,
wissenschaftliches Denken, versuche im Gegensatz dazu, die wissenschaftliche Sprache gerade von diesen "bildhaften" Elemente zu säubern. Foucault bestand dagegen auf eine fundamentale Einheit des Denkens (=von Wissensdiskursen). Die Wissenschaftlichkeit der Wissenschaft hat nach Foucault mehr mit Machtmechanismen bzw. Legitimationsmechanismen zu tun, die regeln, was gesagt werden kann und was nicht, als mit einer fundamentalen Differenz verschiedener Typen von Wissen an sich.
Die Annales-Schule ist, wie andere theoretisch-methodische Innovationen in den Geschichtswissenschaften vor dem Hintergrund der Krise des Historismus des 19.Jh. zu betrachten und der auf ihn aufbauenden, an den Universitäten institutionalisierten Geschichtswissenschaft. Die Annales-Schule ist nach der von den beiden "Gründungsvätern" der Schule, Lucien Febvre und Marc Bloch 1929 ins Leben gerufenen Zeitschrift Annales d' histoire économique et social (nach 1946: Annales. Economies. Sociétés. Civilisations.) benannt. Während zumindest die erste Generation der Annales-Historiker nie eine systematische Geschichtstheorie formulierte, stellten sie immer wieder grundlegende theoretische Überlegungen an bzw. gaben sie in ihren Forschungen und in der Zeitschrift Ausdruck. Zum einen zeichnet die Schule ein interdisziplinäres, sozialwissenschaftliches Vorgehen aus. Zum anderen verwarfen sie den dem Historismus eigenen "einfachen" Zeitbegriff (Zeit als Serie von Entwicklungen vom Zeitpunkt A - B) - Fernand Braudel hat den neuen Zugang zu Zeit mit seiner einflussreichen Unterscheidung von drei Zeitdimensionen: der Zeit des Ereignisses (der er die geringste Bedeutung zumaß), der "konjunkturellen Zeit (temps conjoncturelle) und der "langen Zeit" (longue durée), beredt Ausdruck verschafft.
Während die Annales-Schule vor dem zweiten Weltkrieg einen Kreis von Außenseitern darstellte, wurde sie nach dem zweiten Weltkrieg schnell institutionalisiert und erlangte großen Einfluss innerhalb der Geschichtswissenschaften. Die interdisziplinäre Ausrichtung der 1946 zunächst als eine Sektion der École Pratiques des Sciences Sociales (EPSS) institutionalisierten Annales-Schule - es gehörten der Sektion bald auch Anthropologen, Semiotiker und andere an - brachte neben individuellen innovativen Studien eine Reihe von neuen Forschungsrichtungen hervor, wie die Historische Anthropologie, die Geschichte des Imaginären und der Mentalitätsgeschichte.
Foucault - obwohl selbst nicht Teil der "Annales-Bewegung" - kannte diese natürlich und verfolgte insbesondere jene Strömungen innerhalb der Annales-Schule, die sich geistes- und ideengeschichtlicher Fragestellungen widmeten. Foucault selbst sah sich in einer Art "Geistesverwandtschaft" mit mentalitätsgeschichtlichen Ansätzen verbunden, deren grundsätzliches Ansinnen er einiges abgewinnen konnte. Philippe Ariès, einer der Proponenten der Mentalitätsgeschichte sowie Historiker des "Privaten" war dann auch Herausgeber der Thèse (Dissertation) Foucaults "Wahnsinn und Gesellschaft" .
Die Mentalitätsgeschichte (= Geschichte des Alltagsbewusstseins) grenzt sich scharf von einer traditionellen Ideengeschichte des Historismus à la Benedetto Croce oder Friedrich Meinecke, aber auch von der in den Jahren nach 1940 in den USA aufkommenden "intellectual history" ab. Gegenstand sind nicht Gedankensysteme einzelner Personen oder einzelner Denkrichtungen, sondern viel diffusere, "alltägliche" , aber unausgesprochene Vorstellungen (z.B. Vorstellungen vom Jenseits, wie sie in Testamenten für den Historiker erfahrbar werden) bzw. Einstellungsdispositive, die sich darauf beziehen, wie bestimmte Lebensbereiche vorstellungsmäßig miteinander verknüpft werden. Philippe Ariès illustriert die Stoßrichtung der Mentalitätsgeschichte mit dem Beispiel der Margarete von Navarra (Schwester des franz. Königs Franz I, 16.Jh.). Diese verfasste nacheinander eine Sammlung hocherotischer Geschichten und eine Sammlung geistlicher Gedichte. Ein herkömmlicher Historiker, der von einem aus der Moderne "rückprojizierten" Individuum ausgeht und dem historischen Akteur eine dem modernen "rationalen" Individuum grundsätzlich ähnliche Denkungsweise unterstellt, würde darin wohl einen moralischen Doppelstandard sehen. Die Mentalitätsgeschichte fragt im Gegensatz danach, ob die Gleichzeitigkeit von katholischer Frömmigkeit und Erotik statt als Doppelmoral nicht gewinnbringender in Hinblick auf eine gegenüber heute anderen Mentalität interpretiert werden soll: Die scheinbare Doppelmoral der Margarete von Navarra ist vielleicht eher darauf zurückzuführen, dass diese in einer vom modernen Menschen anderen Vorstellungswelt lebte, dass also auch individuelles Handeln innerhalb eines völlig anderen Handlungsrahmens (=Alltagsbewusstseins) ablief als heutzutage. Die These lautet dann, dass im 16.Jh. Einstellungen und Vorstellungen zu Sexualität und Religion vereinbar waren, die heute als widersprüchlich wahrgenommen werden:
Heutzutage wird die quasi gleichzeitige Bekundung einander widersprechender Gefühle nicht mehr stillschweigend geduldet. Trotz der Anstrengungen (z.B. mittels der Tiefenpsychologie) sie für zuverlässig zu erklären, wehrt sich die öffentliche Meinung dagegen, selbst wo es den Anschein hat, sie respektiere sie. Es handelt sich dabei nicht nur um den Unterschied zwischen einem gefühlsbetonten (...) und einem moralisch anspruchsvollen, rationalen Christentum. (...) Die Sitten heute tolerieren einen derartig naiven Doppelkodex nicht mehr. Bestimmte Dinge, die in einer bestimmten Epoche und in einer bestimmten Kultur möglich und unstrittig waren, sind dies in einer späteren Epoche nicht mehr. Dass wir uns heute nicht mehr mit der gleichen Gutgläubigkeit und Unbekümmertheit wie [Margarete von Navarra] verhalten können, zeigt an, dass inzwischen ein Mentalitätenwandel stattgefunden hat. Nicht so sehr deshalb, weil wir nicht mehr dieselben
Werte haben, sondern vielmehr, weil die elementaren Regungen nicht mehr dieselben sind. (Philippe Ariès, Die Geschichte der Mentalitäten, in: Jacques LeGoff, Roger Chartier, Jacques Revel (Hsg): Die Rückeroberung des historischen Denkens. Grundlagen der Neuen Geschichtswissenschaft, Frankfurt/M: Fischer, 1994, p.138f).
Es ist offensichtlich, dass sich Foucault durchaus einem ähnlichem Forschungsprogramm verpflichtet fühlt - seine Geschichte des Wahnsinns oder der Sexualität ist in diesem Sinne durchaus auch eine Geschichte der Mentalitäten. Im Gegensatz zur Mentalitätsgeschichte der Annalesschule jedoch, die tendenziell zu einer Minderbeachtung materieller Strukturen beiträgt bzw. den Konnex zwischen Mentalitäten und materiellen Strukturen zumindest unscharf fasst und damit Gefahr läuft, zu einer historischen Psychologie zu werden, versuchte Foucault genau dieses zu vermeiden. Foucault wollte kollektive Einstellungen und Verhaltensweisen und ihre Veränderungsbedingungen freilegen und bediente sich dabei eines Zugangs, der beides, Denkungsweise und materielle Strukturen/ Praktiken als zwei Seiten derselben Medaille betrachtet.
Auch im Strukturalismus zeigte sich die Leitfunktion der Sprachwissenschaften, die sie auch - allerdings in Bezugnahme auf anderen Theorieströmungen - im angelsächsischen Raum zuerst in der Philosophie und dann auch in den Sozialwissenschaften beanspruchen konnte ("Linguistic Turn" , siehe achte Einheit). Während die angelsächsische Debatte eher aus einer sprachphilosophischen Tradition (später Wittgenstein, Frege, Carnap usw.) bzw. aus der Sprechakttheorie (Austin, Searle) speiste, bezieht sich der Strukturalismus auf den Schweizer Linguisten Ferdinand Saussure (1857-1913), der mit seiner erst nach seinem Tod Vorlesung "Cours de Linguistique Génerale, dt. Grundfragen der Allgemeinen Sprachwissenschaft, veröffentlicht 1916), den "Stein des Anstoßes" für die Strömung gab - Aufgegriffen wurde "sein" Strukturbegriff (er selbst verwendet den Begriff Struktur kaum, vertrat aber durchaus ein entsprechendes Konzept) allerdings erst später, in den Dreißiger Jahren durch die Prager Schule der Sprachwissenschaft (Roman Jakobson, Nicolai Trubetzkoy) und dem dänischen Linguisten Louis Hjelmslev. Letzterer sprach in einem 1939 erschienen Artikel erstmals von "strukturaler Sprachwissenschaft" . Von dort eroberte das "strukturale Denken" zuerst die Anthropologie (Claude Levi-Strauss), Psychologie (Jacques Lacan, Jean Piaget), Literaturwissenschaften/ Semiologie (Roland Barthes, Tzvetan Todorov, Umberto Eco) Philosophie (Michel Foucault, Jacques Derrida, Julia Kristeva) und wurde schließlich zu einer überaus dominanten Strömung in den Sozialwissenschaften überhaupt (weitere bekannte Strukturalisten sind etwa Louis Althussser, siehe Achte Vorlesungseinheit, Nicos Poulantzas).
Während das Denken in Strukturen schon lange fixer Bestandteil der Sozialwissenschaften war (z.B. bei Karl Marx und Emile Durhkeim) meinte der Begriff im herkömmlichen sozialwissenschaftlichen Sprachgebrauch verfestigte, beständige soziale Formen. Bei Marx verweisen etwa die Begriffe Produktionsweise und Produktivkräfte auf solche Strukturen (" Basis-Überbau" ). Historisch blieb die Anwendung des Begriffs "Struktur" bis ins 17./18. Jh. auf die Architektur beschränkt (" Konstruktion" ) und wurde dann auf die Biologie (" Körper als Konstruktion" ) und andere Wissenschaften (Geologie usw.) übertragen. Der sozialwissenschaftliche Begriffsgebrauch lehnt(e) sich indes besonders an jenem der Biologie an. (Vgl. François Dosse, Geschichte des Strukturalismus, Bd.1, Hamburg: Junius, 1996, p.13). Im Gegensatz zum traditionellen Sprachgebrauch von Struktur als "Bauweise" , "systematische Beziehungen" , zielt der Strukturalismus auf "Bauprinzipien" , auf Regeln.
Das Innovative an Saussures Vorgehen bestand darin, dass er eine Sprache so definierte, dass man sie als in sich geschlossenes Zeichensystem verstehen konnte, ohne auf konkrete Bedeutungen (in der Semantik), Formen (in der Morphologie), Wortarten- und Wortfunktionen (in der Syntax) eingehen zu müssen. Saussure unterschied zwischen drei Elementen:
a. Signifikat (Vorstellungsinhalt, Begriff)
b. Signifikanten (das Laut- bzw. Schriftbild)
c. Referent (das Wirklichkeitsphänomen, auf den sich der Begriff bezieht).
Die Sprachwissenschaft behandle lediglich die Beziehung von Signifikant und Signifikat, während der Referent als irrelevant übergangen werden kann. Sprache ist also nach Saussure ein Zeichensystem, das nicht einen Begriff mit der Wirklichkeit verbindet, sondern einen Begriff (Signifikat) mit einem Begriffsinhalt (Signifikant) und zwar in arbiträrer (willkürlicher) Weise. Saussures Interesse lag in der Folge in der Analyse der Kombinatorik der zwei Dimensionen von Zeichen, sowie der Analyse der Kombinatorik innerhalb der jeweiligen Dimensionen.
Mit diesem Ansatz konnte - jedenfalls theoretisch - Sprache unabhängig von ihrer konkreten Form untersucht werden. Hatte man einmal die Zeichenhaftigkeit von Sprache akzeptiert, konnten verschiedenste Sprachen als gleichwertig wahrgenommen werden und trotz ihrer Verschiedenheit in Morphologie, Syntax, Semantik usw. mit einem prinzipiell gleichem Analyseapparat beschrieben werden. Saussure sprach sich damit auch für eine universelle Sprachwissenschaft aus und gegen die in seiner Zeit dominanten historisierenden Ansätze.
In der Sprachwissenschaft selbst wurde das universalistische Programm in den Sechziger und Siebziger Jahren vom amerikanischen Sprachwissenschaftler (und politischen Aktivisten) Noam Chomsky weitergeführt und ist unter dem Namen "Generative Grammatik" bekannt geworden.
Die Schlüsselfigur für den Höhenflug des Strukturalismus in den Sozialwissenschaften ist indes Claude Levi Strauss (geb. 1908). Als Anthropologe war sein Hauptbestreben, die Disziplin von der Humanbiologie zu lösen und allgemeiner, von biologisierenden/ naturalisierenden Erklärungsmodellen zu befreien. Während des Krieges bekam er eine Stelle in New York, wo er sich mit Roman Jakobson befreundete und die strukturale Sprachwissenschaft kennen lernte. Er übertrug die Methode der abstrakten Regelbeschreibung, wie sie in der Linguistik praktiziert wurde, auf die Beschreibung von Verwandtschaftsverhältnissen, die traditionell unter naturalisierenden Beschreibungsmodellen analysiert wurde, insbesondere, was die Erklärung des Inzest betraf (der als biologische Notwendigkeit usw. hingestellt wurde). Er zeigte, dass Verwandtschaftsmodelle als in sich geschlossene, symbolhafte Vergemeinschaftungsmodelle beschrieben werden können, nämlich als Ordnungssysteme, in denen Menschen nach Verwandten/Nicht-Verwandten (in verschiedenen Abstufungen) gruppiert werden. Unter dieser Perspektive war ein Rückgriff auf "natürliche" Erfordernisse nicht länger notwendig, denn die Erklärung für das So-Sein von gesellschaftlichen, selbst elementaren Ordnungssystemen wurde von einer realen Eben auf eine "symbolische" Ebene verschoben.
"[d]ie Struktur bildet einen strukturellen bzw. topologischen Raum (...). In ihm sind Plätze definiert, deren Kombinatorik ein strukturelles Sinnkriterium darstellt. Dieser relationale Sinn liegt möglichen Besetzungen durch Platzhalter realer oder fiktiver Art voraus. Strukturen sind unbewusst: Sie drücken sich in realen und imaginären Ordnungen aus und entziehen sich diesen doch auch, bleiben somit ein ständiges Problem." (Lexikon der Politik, Bd.1, Politische Theorien, München: CH. Beck, 1995, p.619).
Das Inzestverbot bzw. in weiterer Hinsicht, Heiratsverbote zwischen bestimmten Gruppen von näher verwandten usw. konnte Levi-Strauss mit seiner strukturalen Methode als Ergebnis eines strukturellen Codes ausweisen. Naturalisierende Erklärungen hatten damit ausgedient bzw. wurden durch einen neuen "Naturbegriff" (der Struktur) fundamental anders gedeutet.
Das Projekt "des" Strukturalismus - wie alle Theorieströmungen weisen die einzelnen dem Strukturalismus zugerechneten Ansätze im Konkreten eine große Heterogenität auf - war ein wissenschaftsreformatorisches. Der Strukturalismus versuchte grundsätzlich, in den Humanwissenschaften ein den Naturwissenschaften vergleichbares Maß an Wissenschaftlichkeit zu erreichen. In diesem Sinn entspringt der Strukturalismus einer dem u.s. amerikanischen Szientismus/ Positivismus (vgl. dazu Zweite Vorlesungseinheit) durchaus ähnlichen Ansinnen. Der klassische Strukturalismus à la Levi-Strauss hatte ein ausgesprochen universalistisches Programm - letztlich ging es auch darum, allgemeine kognitive Strukturen/Mechanismen zu erkennen, die den diversen Symbolsystemen zugrunde läge. Der Naturbegriff wurde sozusagen von ihrer somatischen/ materiellen Dimension befreit und auf reine, universelle Prinzipien beschränkt, die theoretisch in allen Wissenschaften (inklusive den naturwissenschaftlichen ) Gültigkeit beanspruchen könnten.
Der "Neostrukturalismus" bzw. "Poststrukturalismus" war in vielerlei Hinsicht bereits im Strukturalismus angelegt (z.B. bei Piaget, der auf die Entwicklung von Strukturen (im Sinne des Strukturalismus), also ihre Veränderlichkeit hinwies; aber auch bei Levi-Strauss, der sich in seinem Spätwerk dagegen verwahrte, dass man immer nur die gleichen Strukturen aufspüren müsste und betonte, dass Strukturen realiter durchaus weniger als universell verbreitet sein können).
Wenn Foucault überhaupt als strukturalistischer Denker bezeichnet werden wollte, dann hätte er sich wohl der poststrukturalistischen Strömung zugeordnet. Warum? Kennzeichnend für den Neostrukturalismus (der Ausdruck, obwohl der weniger geläufigere, ist der angemessenere, weil Neostrukturalismus das Denken in Strukturen nicht überwinden - wie das der Begriff Poststrukturalismus suggeriert -, sondern vielmehr den Begriff der Struktur radikalisieren will) ist, dass die Struktur selbst nicht mehr als unveränderlich und universell gedacht wird, sondern eben als veränderlich und gerade auch als veränderlich je nachdem, welche Perspektive durch den/die BetrachterIn eingenommen wird. Nicht nur wird die Struktur damit als veränderlich/ als offen wahrgenommen, sondern auch das Zentrum der Struktur verschwindet zusehends.
Ein (reales, gedachtes) Zentrum ist aber im klassischen Strukturalismus zentral, um die Strukturen überhaupt beschreiben zu können: es bedarf eines (meist impliziten und metaphysischen) Zentrums, d.h. eines analytischen Angelpunkts, um z.B. so etwas wie Verwandtschaftssysteme überhaupt als strukturbedingt beschreiben zu können. Ohne zumindest ein gewisses Gespür für ein Zentrum würde nicht klar sein, was denn Verwandtschaft überhaupt sei, noch könnte man/frau von einem Element der Struktur (hier z.B. Gatte/Gattin) zu allen beliebigen Elementen der realisierten Struktur fortschreiten, noch könnte man/frau sich sicher sein, dass ausgehend von allen Elementen tatsächlich die gleichen grundlegenden Codes wirksam werden. Es geht bei der Neupositionierung des Strukturbegriffs durch den Neostrukturalismus in gewisser Weise auch um das (für die Sozialwissenschaften klassische) Problem des Verhältnisses von BeobachterIn und Gegenstand der Analyse.
Der Neostrukturalismus integriert in gewisser Weise auch eine Chaosvorstellung (bzw. eine Vorstellung von Entropie - eine gern von neostrukturalistischen DenkerInnen mit Hang zur Systemtheorie gebrauchte Metapher ). Denn wenn es kein eindeutig angebbares Zentrum der Struktur mehr gibt, folgt daraus, dass sich die Struktur selber fortspinnt (das nennen die Systemtheoretiker "Autopoeisis" ), sie entwickelt sich nicht aus einem Zentrum, sondern ausgehend von den Elementen einer Struktur - wie, das ist von vornherein nicht determinierbar, ja ob eine solche dezentrierte Struktur überhaupt beobachtbar/ beschreibbar ist, stellen radikale Poststrukturalisten gerne in Frage. Das hat freilich auch eine Auswirkung auf den Subjektbegriff der Theorie bzw. den Stellenwert des Subjekts in ihr. Nicht unerwartet, schwindet mit dem Zentrum der Struktur auch das kohärente Individuum dahin und wird zu einem "dezentrierten" Subjekt. Als einer der wichtigsten neostrukturalistischen
Denker ist der französische Philosoph Jacques Derrida zu nennen.
Im Zusammenhang mit dem Aufkommen des Neostrukturalismus ist die Rede von der "Postmoderne" zu sehen, wobei neostrukturalistische Gedanken erst in einer bereits fortgeschrittenen Phase der Postmoderne-Diskussion in diese eingegangen ist. Kann der Neostrukturalismus zunächst - ebenso wie der klassische Strukturalismus - als wissenschaftsreformatorisches Projekt interpretiert werden, so geht die Postmoderne darüber hinaus. Letztlich steckt in der Rede von der Postmoderne eine moralische Kritik an der Fortschrittsgläubigkeit sowie dem homogenisierenden Charakter der (klassischen) Moderne. Nicht zufällig hat die Rede von der Postmoderne ihren Ursprung in verschiedenen Sparten der Philosophie der Kunst bzw. Kunsttheorien (Literaturtheorie, Architekturtheorie...), während sie erst relativ spät den Mainstream sozialwissenschaftlicher Theorieströmungen "erobert" hat (und noch später, die Politikwissenschaft).
Allerdings hat Amitai Etzioni (bekannt als Protagonist der Kommunitarismusdebatte) den Begriff bereits 1968 für die Soziologie fruchtbar gemacht und damit das Autonomwerden moderner Gesellschaften gegenüber technischen Zwängen im Sinne einer erhöhten Wahlmöglichkeit und folglich Pluralisierung gemeint. Als Vorläufer einer soziologischen Postmoderne Diskussion sind auch Daniel Bell (Theoretiker der "postindustriellen Gesellschaft" ) sowie Arnold Gehlen zu nennen. Letztere steht für den Begriff der "Posthistoire" , der oft synonym mit Postmoderne gebraucht wird. Allerdings bezeichnen die Begriffe durchaus verschiedene Dinge. Kurzgesagt, ist Posthistorie eine Version des "Endes der Geschichte" , allerdings nicht eine optimistisch naive wie bei Francis Fukuyama, sondern eine zynisch pessimistische; sie besagt, dass keine kulturellen Innovationen mehr zu erwarten sei, dass das kulturelle Leben der Spätmoderne daher in gewisser Weise schal und leer geworden ist:
Die geschichtlichen Möglichkeiten sind durchgespielt, und die Industriegesellschaften haben eine Reproduktionsform angenommen, die neue Konzepte, neue Werte, überhaupt neue Impulse weder braucht noch, wenn sie denn aufträten, beachten könnte. Was läuft und weiterläuft, ist der sozioökonomische Apparat der Versorgung ständig wachsender Menschenmassen. Alles andere - von der großen Schlüsselattitüde bis zum Parzellenprotest - ist Illusion, bleibt ephemer und epigonal. Die bewegenden Kräfte sind allein institutionell-technischer Art, die kulturell-geistigen bloß noch Theater." (Wolfgang Welsch, Unsere postmoderne Moderne, Weinheim: VCH. Acta Humaniora, 1987, p.17)
Unübersehbar steckt im Begriff der Posthistoire ein altes Muster konservativer Gesellschaftskritik, der letztlich den Verlust der "Würde" , "Individualität" , "Erhabenheit" des einzelnen betrauert.
Schlüsselbegriffe der Postmoderne-Diskussion sind "Pluralität" / "Pluralisierung" , "Reflexion" bzw. "Reflexivität" , "Patchwork" , "Experiment" , "Unbestimmtheit" , "Fragmentierung" , "Ironie" , "Hybridisierung" , Verlusts von "Ich" usw. (Siehe Wolfgang Welsch, Einleitung in ders. (Hsg): Wege aus der Moderne. Schlüsseltexte der Postmoderne-Diskussion. Weinheim: VCH. Acta Humaniora, 1988, p.21). Nach dem wohl einflussreichsten Theoretiker der Postmoderne, Jean-François Lyotard [1924-1998] (1979, La Condition postmoderne, dt. Das postmoderne Wissen), war die Moderne durch "Metaerzählungen" (" große Erzählungen" , wie etwa die Emanzipation der Menschheit in der Aufklärung, Hermeneutik des Sinns im Historismus, Beglückung aller Menschen durch Reichtum im Kapitalismus, Befreiung der Menschheit zu Autonomie im Marxismus usw. und ihre "Catchwords" (Sozialismus, Liberalismus, Marxismus....) gekennzeichnet. Diese seien in der Spätmoderne zunehmend desavouiert worden und können nicht mehr den früheren universellen Erklärungs- und "Versprechungshorizont" beanspruchen. Lyotards programmatische Schrift ruft auf der Basis dieser Analyse auf, anstatt den Verlust zu betrauern und in Melancholie zu versinken (Gehlens Diagnose kann als so eine Art der Melancholie gelesen werden), den Moment der Befreiung vom Zwang der großen Erzählungen und der diesen innewohnenden totalitären Tendenzen positiv zu wenden: Im Nebeneinander vieler Weltanschauungen, in hybriden Theorieformulierungen usw. steckt eine Chance auf Freiheit, die in der klassischen Moderne so nie erreichbar war. Pluralität ist somit das Leitkonzept der Postmoderne, das selbst wieder auf einen Freiheitsbegriff verweist. In politischer Hinsicht kennzeichnet postmoderne Theoretiker (beispielsweise der englische Soziologe Zygmunt Bauman) eine eher "libertäre" (=extrem liberale) Haltung, die in normativer Hinsicht Freiheitforderungen höherwertig sieht als Gleichheitsforderungen.
Der Begriff "Postmoderne" suggeriert eine Überwindung der Moderne, den Anbruch einer neuen Zeit. Tatsächlich (postmoderne TheoretikerInnen geben das auch gerne zu) geht es - jedenfalls in philosophisch, normativer Hinsicht wohl mehr um das programmatische Betonen von bestimmten Aspekten der Moderne als um das Negieren derselben überhaupt. Viele der in der Postmoderne-Debatte eingebrachten "Ideen" und Bestandsaufnahmen wurden bereits von den frühen Kritikern der industriellen Moderne (Max Weber, Georg Simmel, Friedrich Nietzsche...) ausführlich erörtert; die andere, von der Postmoderne thematisierte Seite der Moderne war mithin immer ihr fester Bestandteil.
In den Sozialwissenschaften wird der Begriff Postmoderne oft im Zusammenhang mit diversen gesellschaftlichen Veränderung in der Nachkriegszeit in Verbindung gebracht - der Auflösung klassischer Milieus, der Pluralisierung von Lebensstilen, der zunehmenden Gebrochenheit von Erwerbsbiographien, der Auflösung traditioneller Wertegemeinschaften (zb. katholische Kirche) usw.
Der Begriff selbst wurde erstmals 1917 erwähnt, und später, völlig unabhängig davon, vom britischen Welthistoriker Arnold Toynbee aufgegriffen. Die moderne Postmoderne-Diskussion geht indes auf eine U.S.-amerikanische Literaturdebatte zurück, die 1959 eingesetzt hat und den Gegensatz der fragmentarischen Gegenwartsliteratur der Zeit zu den großen Werken der Moderne (Joyce, Pound, Eliot....) zum Thema hatte. Vorerst eher negativ gemünzt, nahm die Diagnose einer "postmodernen" Literatur gegen Ende der Sechziger Jahre eine positive Wendung, als die größere Massentauglichkeit des neuen Stils als Überbrückung von Massen- und Elitenkultur gefeiert wurde. Um 1975 wurde der Begriff Postmoderne auf die Architektur übertragen. Dort bezeichnete er die Qualität von Architektur als Sprache bzw. ihre Fähigkeit, als Sprache verschiedene Benutzerschichten anzusprechen. Verspieltheit und Stilzitate spielten bereits damals eine Rolle. Von dort
aus entwickelte sich ein reger Diskurs, der Anfang der Achtziger Jahre seinen Höhepunkt erlangte.
Das Werk Foucault kann in verschiedene Schaffensperioden unterteilt werden, innerhalb derer (für Foucault' sche Begriffe) relativ konsistente Konzepte und Begriffe verwendet werden. Hier sollen nur die zwei für ideengeschichtliche Zugänge relevante Schaffensperioden, die der archäologischen Schriften (Ordnung der Dinge, Archäologie des Wissens) und jene der Genealogie (Sexualität und Wahrheit) hervorgehoben werden. Die Darstellung an dieser Stelle soll lediglich als Hilfe verstanden werden. Sie bietet jedenfalls keine erschöpfende Darstellung Foucaults (diese wäre wohl auch nicht in einer ihm gewidmeten Vorlesungsreihe möglich), noch ist sie eine erschöpfende Darstellung dessen, was über die Focault' sche Programmatik in Hinblick auf ideengeschichtliche Fragestellungen gesagt werden kann. Es empfiehlt sich also gerade bei Focault ihn selbst bzw. Darstellungen seiner Theorie zu konsultieren (siehe Literaturtipps zu dieser Einheit).
Foucault präsentiert seine "Archäologie" als Form einer "allgemeinen Geschichte", die das historische Material nicht auf eine hermeneutische Tiefendimension bezieht, von der aus es seinen Sinn empfängt. Er versucht es in seiner "Oberflächlichkeit" bzw. "Positivität" zu "beschreiben". Foucault wollte keinesfalls die Idee einer "Synthese verschiedener Formen von Geschichte" aufgeben, um "nach einer Pluralität von nebeneinander stehenden und voneinander unabhängigen Geschichten" zu suchen. Foucault suchte vielmehr zu bestimmen,
"welche Bezugsform legitimerweise zwischen diesen verschiedenen Serien beschrieben werden kann; welches vertikale System sie zu bilden imstande sind, welches Spiel von Korrelationen und Dominanzen zwischen ihnen besteht" (Michel Foucault, Archäologie des Wissens, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1997 (1969), p.19f)
Foucault beschreibt in der Einleitung zur Archäologie des Wissens die traditionelle Geschichtswissenschaft als diejenige, die "es unternahm, die Monumente der Vergangenheit zu 'memorisieren', sie in Dokumente zu transformieren und diese Spuren sprechen zu lassen, die an sich oft nicht sprachlicher Natur sind oder insgeheim etwas anderes sagen, als sie sagen"(ebda, p.15) und somit es erreichte, die Dinge über die Sprache zu beherrschen, die historischen Tatsachen zu überschreiben und in der Interpretation einen Ursprung und eine Verheißung zu finden. Dies ist eine Strategie und auch eine Stimmung, die es ermöglicht im Rückblick die Gegenwart aufzuwerten und die zum Schweigen gebrachte Stimme in der Sprache des Dokuments noch zu entziffern (Ebda: 14). Dieser traditionellen Geschichtswissenschaft stellt Foucault eine neue gegenüber, die "die Dokumente in Monumente transformiert." (Ebda: 15)
Foucault besteht für die archäologische Untersuchung auf einem Verständnis der Dokumente als Monumente. Die Archäologie "behandelt den Diskurs nicht als Dokument, [...] sie wendet sich an den Diskurs in seinem ihm eigenen Volumen als Monument. Es ist keine interpretative Disziplin, sie sucht nicht einen 'anderen Diskurs', der besser verborgen wäre. Sie wehrt sich dagegen 'allegorisch' zu sein." (Ebda: 198).
Foucault untersucht zwar Dokumente, also Primärliteratur, doch nicht auf ihre sprachlichen oder historischen Feinheiten hin, er klammert die Autoren dieser Dokumente gewissermaßen aus seiner Arbeit aus und erhält nach allen Regeln, die in der "Archäologie des Wissens" dargelegt werden, Monumente. Er nimmt die untersuchten Schriften als gegebene und wirksame Ordnungen wahr. Er abstrahiert von der persönlichen Motivation zugunsten einer zu findenden Ordnung, die ihre Wahrhaftigkeit und Gültigkeit offenbart (und niemals verschweigt).
Die Archäologie "versucht nicht, die sprachlichen Performanzen zu umgehen, um hinter ihnen oder unter ihrer offenbaren Oberfläche ein verborgenes Element, einen heimlichen Sinn, der sich in ihnen vergräbt oder durch sie hindurch, ohne es zu sagen, an den Tag kommt, zu entdecken; und dennoch ist die Aussage nicht unmittelbar sichtbar, sie gibt sich nicht auf eine ebenso manifeste Weise wie eine grammatische oder logische Struktur (selbst wenn diese nicht völlig klar ist, selbst wenn diese sehr schwierig zu erhellen ist). Die Aussage ist gleichzeitig nicht sichtbar und nicht verborgen."(Ebda: 158). Diese Ordnung ist insofern immer auch eine symbolische, als sie in den Aussagen nicht verborgen, jedoch nicht sichtbar ist.
Foucault siedelte sein theoretisches Projekt zwischen einer Sozial- und Wirtschaftsgeschichte und einer Ideengeschichte an. Er grenzte sich von traditioneller Geschichtsschreibung ab, die zwischen materiellen Praktiken und immateriellen Ideen trennt. Foucault wollte die "Materialität des Unkörperlichen" bestimmen
Der Begriff Archäologie veranschaulicht das Projekt Foucaults, nicht Dokumente, sondern Dokumente als Monumente auszugraben, die Archäologie findet weder Psyche noch Rhetorik, sondern Gegenstände. Diese kühle Begrifflichkeit deutet an, dass eine Reduktion passiert ist. War das zu untersuchende Material vormals an Personen, Institutionen, Tagespolitik gebunden, also in der Realität verwurzelt, so will Foucault durch seinen Ansatz diesen Bedeutungsüberbau abtragen, um den Blick frei zu machen für das Denken einer Zeit, oder genauer für die Möglichkeiten des Denkens. Diese Möglichkeit nennt Foucault Episteme. Eine Klärung bietet Georges Canguilhem, der in Bezug auf "Die Ordnung der Dinge" den Begriff der Episteme beschreibt als: "... Grundlage einer möglichen Wissenschaft ... Sie [die Episteme] ist nicht mehr der primäre Code der abendländischen Kultur und noch nicht Wissenschaft ..."( Georges Canguilhem, , Tod des Menschen oder Ende des Cogito? (1967), in: Marques, Marcelo (Hg.), Der Tod des Menschen im Denken des Lebens, Georges Canguilhem über Michel Foucault, Michel Foucault über Georges Canguilhem, edition diskord, Tübingen 1988, S. 27).
Foucaults Arbeitsweise ist also die Archäologie, welche Diskurse als Monumente innerhalb einer bestimmten Episteme ausgräbt, oder um es prägnant mit Gilles Deleuze zu sagen: "Foucault interessiert sich für den Raum der Knappheit, in dem nur eine bestimmte Anzahl von Aussagen gemacht werden können, die in ihrem Kern auf einer Diagonale angeordnet werden können. Diese Diagonale ist ein interdiskursiver Raster, der in einer bestimmten historischen Formation wirksam ist. Wobei die Analyse dieser Diagonale die Archäologie ist."(Gilles Deleuze, Foucault, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1995 (1986), S. 12).
Die Methode der Rekonstruktion von Diskursen als Elemente des "Archivs" einer Kultur versteht also Foucault als "Archäologie". "Archiv" bezeichnet ein empirisches und historisches Gesetz von Aussagen und Diskursen. Es regelt das historische Erscheinen (und nicht etwa formale Voraussetzungen oder Bedingungen des Wissens), die "Positivität" dessen also, was in einer bestimmten Epoche oder Kultur in Heterogenität und Koexistenz gedacht oder gesagt werden kann (Archäologie, 182).
Die "Genealogie" betrachtet Diskurse nicht als Produkt anonymer Regelstrukturen und gesellschaftlicher Prozeduren. Sie erkennt in Diskursen eine Verschränkung formierender Regeln des Wissens und die sie stabilisierenden bzw. destabilisierenden Machtverhältnisse. Die "Genealogie" kümmert sich daher vornehmlich um das Verhältnis von Wissen und Macht. Dazu analysiert sie die strategischen Kämpfe um Macht-Wissenspositionen auf dem Feld des Wissens wie des Sozialen (z.B. Frauenbewegung und Feminismus).
Foucault trachtete also danach, wahrheitskonstitutive Regeln des Diskurses, aber auch seine immanenten Ausschlussmechanismen systematisch aufzudecken. Seine "Archäologie" konzentrierte sich daher auf Freilegung des systematischen Gehalts von Aussagen, des Systems diskursiver Regelmäßigkeiten. Foucault sucht nach den diskurskonstituierenden Regeln. Das macht den eigentlichen Kern von Foucault "Archäologie des Wissens" aus.
Zugleich wollte Foucault mit Hilfe der "genealogischen" Untersuchung auch die dazugehörigen Machtpraktiken offen legen, in deren Strukturen der den jeweiligen Diskursen zugrundeliegende "Wille zur Macht" und "zur Wahrheit" zum Ausdruck kommt. In dieser Hinsicht analysiert Foucault Diskurse als Machteffekte. Diskursive Regelmäßigkeiten entstehen aus historisch sich verändernden Machtkonstellationen und Machtspielen. Die "Genealogie" sollte die diskontinuierliche Abfolge diskursiver Praktiken erklären.
In Anlehnung an Nietzsche will Foucault einen Blick auf die Geschichte entwerfen, der die Problematik der Kontinuität und des Ursprungs zur Grundlage seines Sehvermögens macht. Die Genealogie ergänzt die Archäologie indem sie die Macht der Geschichtsbetrachtung, die Kraft sich einen Ursprung und somit eine Verheißung zu setzten, zum Bestandteil der Auseinandersetzung mit Geschichte macht. "Im Gegensatz zur Zurückführung einer vielfältigen Nachkommenschaft auf eine einzige gewichtige Ursache handelt es sich hier um eine Genealogie: es handelt sich darum, die Erscheinungsbedingungen einer Singularität in vielfältigen bestimmenden Elementen ausfindig zu machen und sie nicht als deren Produkt sondern als deren Effekt erscheinen zu lassen." (Michel Foucault, Was ist Kritik?, Merve Verlag, Berlin 1992 (1990), S. 37; Vgl. auch Foucault, Michel, Nietzsche, die Genealogie, die Historie, in: Ders., Von der
Subversion des Wissens, Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1996 (1974), S. 69-91). Die Genealogie ist mithin die bewusste Miteinbeziehung der Analyse der Macht in die Methoden der Archäologie.
1976 wird Sexualität und Wahrheit, Der Wille zum Wissen veröffentlicht. Es ist eine Untersuchung über die Sexualität im Viktorianischen Zeitalter. Das Gerede über die Sexualität transportiert den Mythos der unterdrückten Sexualität und damit ein Geheimnis: die Befreiung des Selbst über die Befreiung der unterdrückten Sexualität. Foucault entlarvt diesen Mythos und entdeckt die Sexualität als einen sich ausbreitenden Diskurs. Nicht Repression, sondern Anreiz zum Sprechen findet er in den Akten, Verhören, medizinischen Abhandlungen. Die Sexualität ist die vom Sex abstrahierte oder transzendierte diskursive Formation, welche sich als eigenständiges Feld etabliert. Dieses Feld wird nicht (wie Foucault den Kritikern gegenüber beschwichtigt - nicht ausschließlich) unterdrückt, sondern im Gegenteil explodiert es geradezu. Je mehr geredet wird, desto größer wird dieses diskursive Feld. Worüber geredet, wird ist prinzipiell egal, es geht nicht um die Wertungen oder die Moral, sondern um eine Intensivierung der Diskurse über den Sex, es geht darum, dass geredet wird. Vom Sex ausgehend entsteht also ein Thema, die Sexualität, welches mit seinem zunehmenden Umfang auch an Macht gewinnt. Bereits in vorangehenden Untersuchungen angeklungen, beschäftigt sich Foucault in Sexualität und Wahrheit nun eingehend mit Macht. Im Kapitel "Motiv" wird ein historischer Blick vorgeschlagen, welcher den archäologischen ergänzen soll.
"Räumen wir einmal ein, [...] daß die Macht in den modernen Gesellschaften die Sexualität tatsächlich nicht über das Gesetz und die Souveränität beherrscht hat; nehmen wir an, daß die historische Analyse das Vorhandensein einer wirklichen 'Technologie' des Sexes enthüllt hat, die viel komplexer und vor allem viel positiver ist als eine bloße 'Verteidigung': zwingt dann nicht dieses Beispiel - [...] zu analytischen Grundsätzen hinsichtlich der Macht, die nicht vom System des Rechts und von der Form des Gesetzes herrühren?" (Michel Foucault, Der Wille zum Wissen, Sexualität und Wahrheit 1, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1983 (1976), p. 112)
Foucaults historische Analyse der Technologie des Sexes ist erfolgreich. Die Hypothese eines konstanten Feldes der Sexualität und seiner Repression kann verworfen werden, zugunsten der Annahme eines mehrpoligen, also keineswegs nur unterdrückten, und variablen Feldes der Sexualität. Das Gerede über den Sex wird aus unterschiedlichen Motiven und Haltungen heraus aufgeladen und fungiert als Dispositiv, als Vorrichtung oder Brennpunkt, an dem weit über das Thema Sex hinaus Macht ausgehandelt wird. So verändert etwa die Pathologisierung von Sexualpraktiken oder die Institutionalisierung des Zusammenlebens die Definitions- und Repräsentationsmöglichkeiten des Menschen. Das Konzept des Diskurses erhält also eine Ausweitung. Unter Diskurs war bislang ein von Autor und Kontext loszulösendes Set von Aussagen zu verstehen, die innerhalb einer Episteme, also einer Wissensformation wirksam sind. Nun verschiebt sich diese Definition in Richtung der Beziehungen, die der Diskurs eingeht und die Mächtigkeit, die er aus diesen Beziehungen erlangt. Diskurs kann nicht losgelöst von Macht gedacht, beschrieben oder analysiert werden. Die Macht ist Bestandteil des Diskurses. Die Definition von Macht, die uns Foucault gibt, ist jedoch ebenso vage wie diejenige des Diskurses selbst: "Macht ist der Name, den man einer komplexen strategischen Situation in einer Gesellschaft gibt." (ebda: 114). Die Macht ist laut dieser Aussage also nicht eine feste Größe, die eine Situation einfriert und die eine klare Trennung in Mächtige und Ohnmächtige erlauben würde. Macht wird aus der Situation heraus erzeugt, im Spannungsverhältnis. Vielleicht ist das Schachspiel ein gültiges Beispiel, hier werden aus der Situation heraus, aus der Beziehung, welche die Figuren auf ihren Plätzen einnehmen Spannungen erzeugt. Die strategische Situation von der Foucault spricht. Doch weiter: "Die Macht ist nicht etwas, was man erwirbt, wegnimmt, teilt, was man bewahrt oder verliert; die Macht ist etwas, was sich von unzähligen Punkten aus und im Spiel ungleicher und beweglicher Beziehungen vollzieht." (ebda: 115). Diese weite Definition von Macht vereinnahmt auch den Widerstand, selbst dieser steht nicht außerhalb, sondern ist Teil der Macht, indem er in Beziehung zu ihr Spannung erzeugt: "Wo es Macht gibt, gibt es Widerstand. Und doch oder vielmehr gerade deswegen liegt der Widerstand niemals außerhalb der Macht." (ebda: 116). Macht ist also nicht das eine und einzigartige Feld, die Person oder Position gegen die opponiert werden könnte, aus der "Nicht-Macht" heraus. Macht ist die Spannung gerade aus diesen Widerständen und Verbindungen. Ebenso liegen Diskurse nicht außerhalb der Macht, sondern sind ihr immanent. Widerständig oder nicht, obliegen auch die Diskurse den Spannungen und gehen Beziehungen ein. Mächtige Diskurse etablieren sich innerhalb des Macht- und Wissenskomplexes und firmieren als Wahrheit. Diskurse sind kurz gesagt mehr als Gesagtes. Das Wort Wahrheit enthält dieses mehr. Die Wahrheit offenbart sich als Heil und als Bedrohung (die Nähe zum Göttlichen ist nicht verkennbar), sie ist der Prototyp der mächtigen Diskurse, die ihre Kraft aus der Reibung zu anderen Diskursen ziehen. Eine der einleitenden Fragen der Archäologie des Wissens: "Wie kommt es, daß eine bestimmte Aussage erschienen ist und keine andere an ihrer Stelle?" (Michel Foucault, Archäologie des Wissens, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1997 (1969), p. 42). findet nun einen Anknüpfungspunkt zur Beantwortung. Die Episteme einer Zeit ergibt sich aus den diskursiven Kräfteverhältnissen und ermöglicht in einer bestimmten Vernetzung nur das aktuelle Denken. Es ist diese strategische Situation, die Aussagen hegemonial oder opponierend erscheinen läßt. Der Begriff der Episteme kann über die Analyse der Macht neu definiert werden. In Sexualität und Wahrheit wird er ersetzt durch den Begriff Dispositiv: "Das Dispositiv ist also immer in ein Spiel der Macht eingeschrieben, immer aber auch an eine Begrenzung oder besser gesagt: an Grenzen des Wissens gebunden, die daraus hervorgehen, es gleichwohl aber auch bedingen. Eben das ist das Dispositiv: Strategien von Kräfteverhältnissen, die Typen von Wissen stützen und von diesen gestützt werden." (Michel Foucault, Dispositive der Macht, Über Sexualität, Wissen und Wahrheit, Merve Verlag, Berlin 1978, p. 123).
Für die Analyse der Diskurse impliziert diese Formulierung eine neue Tiefe. Das begrenzte Feld des Denkens, auf dem sich die Diskurse abspielen, ist als strategisches Feld zu verstehen, das ein bestimmtes Wissen ermöglicht und verteilt. Aus dem Spannungsverhältnis heraus, das aus der Knappheit des Wissens entspringt und sich in der Beziehung der Diskurse manifestiert, erhalten die Diskurse ihre Mächtigkeit und die Fähigkeit sich im Feld des Wissens zu etablieren.
Einen guten und gerafften Überblick über das Werk Foucaults bzw. seine theoretischen Ansätze bietet der von Markus S. Kleiner hg. Sammelband "Michel Foucault. Eine Einführung in sein Denken" (Frankfurt/M: Campus, 2001). Insbesondere ans Herz gelegt werden sollen die Beiträge zu Archäologie und Genealogie sowie zum Machtbegriff/ zum Begriff der Gouvernementabilität bei Foucault (letztere waren nicht Teil der Vorlesung, gehören aber zum notwendigen Rüstzeug für PolitologInnen).
Auch Foucault kann als politischer Theoretiker gelesen werden, der nicht nur Aussagen über die Natur von Macht tätigt, mithin Werkzeuge zur Analyse von Machtstrukturen entwickelt, sondern auch durchaus andeutet, wie politische Praxis auszusehen hat bzw. aussehen kann. Allerdings bleibt die Foucault' sche Machtanalyse für an Veränderung der Verhältnisse interessierte LeserInnen defizitär, Foucault dekonstruiert den Begriff "politisches Handeln" geradezu, unpersönliche Strukturen dominieren die Handlungswelt (agency) des Individuums, an dessen Wirklichkeit Foucault nicht glaubt. Gleichzeitig war Foucault selbst politisch aktiv, so war er maßgeblich an der Reform französischer Gefängnisse beteiligt. Er hatte also praktisch durchaus eine Sinn für Mögliche und das Wünschenswerte. Dem hat er allerdings in seinen Schriften kaum Ausdruck verschafft. Zur Problematik Foucault als Theoretiker der Praxis gibt der einfach geschriebene, durchaus foucaultkritische und teilweise ironische Aufsatz von Michael Walzer "Die einsame Politik des Michel Foucault" in seinem Buch "Zweifel und Einmischung. Gesellschaftskritik im 20.Jh." (Frankfurt/M: Fischer, 1997, pp.261-286) interessante Einblicke. Empfehlung!
Zur Diskursanalyse siehe den Eintrag im Lexikon der Politik, Bd. 2, Politikwissenschaftliche Methoden, München: CH.Beck, 1994, p.85f. Außerdem sei die Website des Forschungsschwerpunkts Diskurs, Politik, Identität empfohlen (http://www.oeaw.ac.at/wittgenstein/ )
Zum Strukturalismus siehe den entsprechenden Eintrag im Bd. 1 des Lexikons der Politik (Politische Theorien), München: C.H. Beck, 1995, p. 619f). Außerdem gibt es eine relativ gute, leicht lesbare, allerdings sehr umfangreiche "Geschichte des Strukturalismus" von François Dosse (Hamburg: Junius, in 2 Bänden, 1996/1997).
Zur Postmoderne (und Politik) sei ebenfalls auf den entsprechenden Eintrag im Lexikon der Politik, Bd.1 verwiesen. Eine Textsammlung von Schlüsseltexten der mittlerweile in die Jahre gekommenen Diskussion bietet der von Wolfgang Welsch redigierte Sammelband "Wege aus der Moderne. Schlüsseltexte der Postmoderne-Diskussion." (Weinheit: VCH, Acta Humanoria, 1988).
Zur Mentalitätsgeschichte siehe den oben auch zitierten und kurz gefassten Aufsatz von Philippe Ariès, "Die Geschichte der Mentalitäten" , in: Jacques LeGoff, Roger Chartier, Jacques Revel (Hsg): Die Rückeroberung des historischen Denkens. Grundlagen der Neuen Geschichtswissenschaft, Frankfurt/M: Fischer, 1994, pp.137-165. Darin werden auch exemplarisch Studien diskutiert, die die Veränderung der Mentalitäten im Übergang vom Mittelalter zur Moderne anhand verschiedener Bereiche aufzeigen; z.B. anhand die Veränderung der Zeitsysteme analog zur Herausbildung/Ausweitung von unselbständiger Beschäftigung oder die veränderte Einstellung gegenüber Steuern und Abgaben: im Hochmittelalter symbolisierten letztere mehr eine Gabe (im Sinne Marcel Mauss' ), die ein Tauschverhältnis zwischen Herrschern und Beherrschten Ausdruck verliehen, als dass sie als Abgaben im ökonomischen Sinn verstanden wurden. Sie symbolisierten Unterordnung, die Macht des Herrschers und der Anerkennung dieser Tatsache durch die Herrschaftssubjekte. Gleichzeitig drückten sie auch die Verantwortung des Herrschers gegenüber seinen Untertanen aus. Heute hingegen werden Abgaben in der Regel rein ökonomisch gedeutet: Steuern und Abgaben korrespondieren mit bestimmten Kosten, die dem Staat/ dem Herrscher erwachsen korrespondieren.
Zur Annalesschule im allgemeinen vergleiche den Überblick bei Georg Iggers, "Geschichtswissenschaft im 20.Jh." , 1993, Göttingen: Vandehoeck & Ruprecht, pp.41-50. Das Büchlein soll insgesamt jedem ans Herz gelegt werden, der etwas mehr über die Entwicklung der Geschichtswissenschaft im 20.Jh. hin zu einer historischen Sozialwissenschaft erfahren möchte, nicht zuletzt weil geschichtswissenschaftliche Methoden einen wichtigen Zugang (wenn auch nur einer der vielen möglichen Zugänge) zur Analyse von Politik darstellen.
Primärliteratur:
Foucault, Michel, Die Ordnung der Dinge, Eine Archäologie der Humanwissenschaften, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1995 (1966)
Foucault, Michel, Archäologie des Wissens, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1997 (1969)
Foucault, Michel, Die Ordnung des Diskurses, Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1996 (1972)
Foucault, Michel, Von der Subversion des Wissens, Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1996 (1974)
Foucault, Michel, Dies ist keine Pfeife, Hanser Verlag, München-Wien 1997 (1974)
Foucault, Michel, Überwachen und Strafen, Die Geburt des Gefängnisses, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1995 (1975)
Foucault, Michel, Der Wille zum Wissen, Sexualität und Wahrheit 1, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1983 (1976)
Foucault, Michel, Dispositive der Macht, Über Sexualität, Wissen und Wahrheit, Merve Verlag, Berlin 1978
Foucault, Michel, Der Mensch ist ein Erfahrungstier, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1996 (1980)
Foucault, Michel, Martin, Rux, Wahrheit, Macht, Selbst. Ein Gespräch (25. Oktober 1982), in: Martin, Luther H., Gutman, Huck, Hutton, Patrick H., Technologien des Selbst, Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1993 (1988), S. 15-23
Foucault, Michel, Was ist Kritik?, Merve Verlag, Berlin 1992 (1990)
Strukturalismus
Poststrukturalismus/ Neostrukturualismus
Postmoderne
Epistemologie
Erkenntnistheorie
Diskurs, Diskursanalyse
Signifikat/ Signifikant/ Referent
Erfahrung/ Empirie
Ethnomethodologie
Methode, Methodologie
Große Erzählungen, Metaerzählungen
Posthistoire
Geneaologie
Mentalitätsgeschichte
arbiträr
Exemplarische Begriffsklärung:
--> Methode. f. 'systematisches Vorgehen nach bestimmten Grundsätzen und Regeln, folgerichtiges Herangehen an eine Aufgabe' (17.Jh.; vgl. frz. méthode, 16.Jh) entlehnt aus lat. methodus f., griech. méthodos (...) f. 'nach bestimmten Regeln geordnetes Verfahren' , eigentl. 'das Nachgehen, Verfolgen, Nachforschen, Untersuchen' ; vgl. griech. hodós (..) 'Weg' uns s. meta-. Bereits im 16.Jh. indt. Texten mit lat. Flexion für 'Lehrart, Unterrichtsverfahren' . - methodisch Adj. 'planmäßig, systematisch, einer Methode entsprechend' (18.Jh.), lat. methodicus, griech. methodikós (...) 'nach bestimmten Regeln und Grundsätzen verfahrend' . Methodologie f. 'Lehre, Theorie der wissenschaftlichen Methoden, Gesamtheit der Methoden' (um 18000); dazu: s.-logie. Methodik f. 'Wissenschaft von der wissenschaftlichen Verfahrensweise, Lehr-, Unterrichtskunde, festgelegte Art des Vorgehens' (19.Jh.), vgl. greich. Methodiká (...), Titel einer untergegangenen Schrift von Aristoteles (eigentl. Neutr.Plur. von griech. methodikós, s.oben)
(aus: Wolfgang Pfeifer (Hsg), 2000, Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, München: DTV)
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Nachlese Politsche Theorien - Die Macht des Diskurses - Michel Foucault
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Die "Nachlesen" zur Vorlesung "Politische Theorien" sind im Wintersemester 2002/2003 entstanden. Die Nachlesen bilden einen guten Einstieg in Themen und Problemstellungen der politischen Theorie. Vielen Dank an den Autor der meisten Nachlesen, Albert Kraler.
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