Dr. Eva Kreisky, Institut für Politikwissenschaft - Universität Wien

Nachlese Politsche Theorien - Hermeneutik



Thesen, Themen und Materialien zur sechsten Vorlesungseinheit vom 14.11.2002



Hermeneutik

Hermes, in der griechischen Mythologie der Botschafter der Götter, Sohn von Zeus und Maia, der Tochter des Titanen Atlas. Als spezieller Diener und Kurier von Zeus besaß Hermes geflügelte Sandalen, einen geflügelten Hut und trug einen goldenen Kerykeion oder magischen Stab, der von Schlangen umwunden und von Flügeln gekrönt war. Er führte die Seelen der Toten in die Unterwelt, und man glaubte, dass er magische Kräfte über Schlaf und Träume besaß. Hermes war auch der Gott des Handels sowie der Beschützer der Händler und Herden. Als Gott der Athleten sorgte er für den Schutz der Sportstätten, und man glaubte, dass er für Glück und Wohlstand verantwortlich war. Trotz seiner tugendhaften Eigenschaften war Hermes auch ein Gauner und Dieb. Am Tage seiner Geburt stahl er das Vieh seines Bruders, des Sonnengottes Apollon, und verwischte die Spuren, indem er die Herde rückwärts laufen ließ. Als er von Apollon gestellt wurde, stritt Hermes den Diebstahl ab. Die Brüder wurden schließlich wieder versöhnt, als Hermes Apollon seine neuerfundene Leier gab. In der frühen griechischen Kunst wurde Hermes als erwachsener, bärtiger Mann dargestellt. In Darstellungen der klassischen Kunst erscheint er als athletischer junger Mann, nackt und ohne Bart.
"Hermes", Microsoft(R) Encarta(R) 98 Enzyklopädie. (c) 1993-1997 Microsoft Corporation. Alle Rechte vorbehalten.




  1. Hermeneutik?
  2. Brüche und Kontinuitäten
  3. Schleiermacher
  4. Dilthey
  5. Heidegger
  6. Gadamer
  7. Habermas
  8. Dogmatische - Zetetische Hermeneutik
  9. Hermeneutischer Zirkel
10. Hermeneutische Differenz
11. Literatur
12. Links zum Thema
13. Begriffe der Einheit





1. Hermeneutik?

___ Die Hermeneutik hat viele Gesichter. Sie ist:
- philosophische Disziplin
- Methode der Geisteswissenschaften
- Sinndeutung oder Interpretation.

Das "Verstehen" ist der gemeinsame Nenner der verschiedenen Auslegungen und Spielarten der Hermeneutik.
Der Gegenstand der Hermeneutik ist der Text, etwa ein Buch oder ein Brief. Als Texte können jedoch auch Gespräche, Bilder, Gesetze, Filme, Sitten, Institutionen oder Handlungen verstanden werden.

Die Hermeneutik als wissenschaftliche Methode ist als strukturiertes, planmäßiges Vorgehen zu verstehen. Das Wissen um die Bedeutung soll hierbei eine präzise Interpretation z.B. eines Briefes ermöglichen.
In der politischen Theorie ist Hermeneutik als philosophisches Teilgebiet zu verstehen, das der Frage nach den Grundlagen von Bedeutung, Sinn und Interpretation nachgeht.
Die Hermeneutik beschäftigt sich mit:

- dem Text an sich und seinem Autor (z.B Roman oder Talkshow)
- dem Medium, das die Botschaft übermittelt (z.B. Buch oder TV-Sendung)
- dem Subjekt der Betrachtung (z.B Leserin oder Zuschauer)

Die Beschäftigung mit der Hermeneutik ist nicht auf die Wissenschaften beschränkt. Da es um Bedeutung, Interpretation und Verstehen geht, wundert es nicht, dass die Hermeneutik und ihre Ergebnisse für viele Gebiete von Interesse sind.
Kunst, Kunstkritik, Werbung, Pädagogik oder Medien sind nur einige Bereiche, die sich mit Texten (im weitesten Sinne) und deren Interpretation beschäftigen.



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2. Brüche und Kontinuitäten

Im Übergang von der Klassik zur Moderne, also Ende des 18. Jahhunderts (--> Franz. Revolution, Aufklärung) erlebt die Hermeneutik eine Neuformulierung:

Untersucht werden nun nicht mehr ausschließlich biblische (und ähnlich autoritative) Texte. Das Interesse gilt nun allen Texten.
Dieses neue Interesse entspringt dem Geist der Aufklärung. Die Gabe der Schöpfung wird nun nicht mehr (ausschließlich) in Gott gesehen, sondern (auch) im menschlichen Wirken.
Auf allen Gebieten tritt der Mensch in den Vordergrund. Die Kunst ist nun nicht mehr lediglich Abbild (und Huldigung) der Schöpfung Gottes, sondern die schöpferische Kraft wird im Künstler erkannt. Die Figur des Künstlers als Genie kann ab diesem Zeitpunkt erscheinen.
Strukturgleich verhält es sich in der Ökonomie. Die Wertbildung ist nun nicht mehr als Gabe der Natur (Gottes) verstanden, sondern der Wert bildet sich durch menschliche Arbeit (diese Umwälzungen im Verständnis der Wertbildung ist datierbar mit Adam Smith).

Diese Verschiebung hin zum Menschen als Schöpfer von Bedeutung, Sinn und Wert ist die Vorraussetzung dafür, dass das Feld der Hermeneutik erweitert werden kann.

Der Aufbruch, der durch die Aufklärung initiiert wurde bringt neue Tendenzen mit sich, die sich auch im Feld der Heremeutik niederschlagen:

Die Tendenz zur Historisierung und die Tendenz zur Psychologisierung [--> Schleiermacher und Dilthey]. Sehr vereinfacht gesprochen: Wenn die Bedeutung eines Textes nicht mehr direkt von Gott kommt, dann muss sie im Leben, der Geschichte und der Intention des Autors und des Rezipienten liegen. Gesucht wird nach einem Ursprung, nach einer Vergangenheit oder bildlich gesprochen - nach dem (eigenen!) Gesicht. Die untersuchten Texte offenbaren meist eine Kontinuität des (eigenen) Geistes in die Vergangenheit hinein.

Eine Konsequenz der Zentrierung auf den Menschen ist, dass das Verstehen nicht nur für eine Textinterpretation grundlegend sein kann, sondern die Grundstruktur des menschlichen Daseins selbst sein muss [--> Heidegger].

Die Hermeneutik tritt somit aus dem begrenzten Tätigkeitsfeld autoritativer (schriftlicher) Texte und in eine weite Konzeption von Interpretation als Welterschließung ein.
Sie öffnet sich somit einer Theorie der Kommunikation [--> Habermas] und Fragen der Wahrheit und der Macht [vgl. Einheit zu Diskuranalyse / Michel Foucault].


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3. Schleiermacher



Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst (1768-1834), deutscher Theologe und Philosoph. Schleiermacher wurde am 21.November 1768 in Breslau geboren. Er wurde in den Anstalten der Herrnhuter Brüdergemeine erzogen, wo er die klassischen Werke der Antike schätzen lernte und einen ausgeprägten Sinn für das religiöse Leben entwickelte. Allerdings empfand er die Lehre der Herrnhuter als zu einschränkend, da sie die Beschäftigung mit zeitgenössischen philosophischen Richtungen ablehnte. 1787 begann er an der Universität Halle Philosophie zu studieren. Er beschäftigte sich eingehend mit Aristoteles und Immanuel Kant. 1794 wurde er Professor und 1796 Prediger an der Berliner Charité. Dort kam er mit dem Kreis der Romantiker in Berührung, wo er Freundschaft mit Friedrich von Schlegel schloss. In dieser Zeit begann er mit der Übersetzung von Platons Werken (veröffentlicht 1804-1828). Dessen Denken prägte das philosophische Werk Schleiermachers entscheidend, in welchem er der Hermeneutik eine wichtige Stellung einräumte. Hauptsächlich setzte er sich in seiner Philosophie jedoch mit Fragen der Ethik auseinander, so in dem Jugendwerk "Über das höchste Gut, Über die Freiheit, Über den Wert des Lebens" (1789-1793), in dem unter einem Pseudonym erschienenen Titel "Theorie des gesellschaftlichen Betragens" (1799), in den berühmten "Monologen" (1800) und in den "Grundlinien einer Kritik der bisherigen Sittenlehre" (1803).

"Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst", Microsoft(R) Encarta(R) 98 Enzyklopädie. (c) 1993-1997 Microsoft Corporation. Alle Rechte vorbehalten.



Die Hermeneutik war bis Schleiermacher auf "klassische", "autoritative" oder "heilige" Schriften beschränkt.
Schleiermacher erweitert das Wirkungsfeld der Hermeneutik auf alle Texte und Produkte des Geistes. Diese Erweiterung ist folgenschwer für das Verständnis von Wahrheit. Die Wahrheit (dieser heiligen Texte) wird von Schleiermacher nicht mehr kommentiert und vervielfältigt, sondern auf ihren Gehalt hin befragt. Dass nun alle Texte interpretiert werden, relativiert die Wahrheit der heiligen oder klassischen Texte. Wahrheit liegt nun nicht mehr in den Texten selbst, sondern wird in der von Schleiermacher angestrebten Methode des Sinnverstehens erarbeitet. Die Texte erhalten mit Schleiermacher eine Entstehungs-, Wirkungsgeschichte und einen Autor und sind somit Produkte des Geistes und des Lebens. Sie werden Gegenstand des Verstehens und dadurch auch Gegenstand von Missverständnissen.
Die Texte werden nun als Ausdruck der Intention, des Lebens und der geschichtlichen Epoche des Autors verstanden. Verstehen bedeutet ein Wiedererleben des Bewusstseins, des Lebens und des geschichtlichen Moments, dem die Texte entstammen.

TEXT:
'Hermeneutik und Kritik' (1838)



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4. Dilthey



Dilthey, Wilhelm (1833-1911), Geschichts- und Kulturphilosoph. Er ist einer der Hauptvertreter der Hermeneutik und führte die erkenntnistheoretische Methode in die Geisteswissenschaften ein (siehe Erkenntnistheorie). Dilthey wurde am 19.November 1833 in Biebrich (heute zu Wiesbaden gehörend) geboren. Nach einem Studium der Theologie und Philosophie in Heidelberg und Berlin lehrte er als Professor für Philosophie in Basel (1867/68), Kiel (1868-1871), Breslau (1871-1882) und Berlin (nach 1882). Dabei setzte er sein subjektives Konzept der Geisteswissenschaften gegen den naturwissenschaftlichen Bereich objektiver Erkenntnisse. Nach Dilthey sollten sich die Geisteswissenschaften mit der sozialen und historischen Wirklichkeit der menschlichen Erfahrungswelt befassen (historische Schule). Erkenntnis vollzieht sich im Bewusstsein geschichtlicher Entwicklung: Bedeutung wird erkannt, indem ein vorgegebenes, systematisiertes Ganzes (Institutionen, Wertvorstellungen, Konventionen, Kunstwerke) hinterfragt und bereits vorhandener Sinn rekonstruiert wird. Allein dieser Prozess macht dem Interpreten sein geschichtliches Wesen erfahrbar. Dieser auf Subjektivität bezogene Akt symbolischen Erkennens unterscheidet den Gegenstandsbereich der Geisteswissenschaften vom objektiv gültigen der Naturwissenschaft. Die Form der (hermeneutischen) Erkenntnis bezieht sich nach Ansicht Diltheys auf drei Aspekte menschlicher Kommunikation: auf Sprache, Handlung sowie auf Ausdrücke mimischer und gestischer Art.
Neben seinen Arbeiten zur Literatur hatte Diltheys Erkenntniskonzept großen Einfluss auf die Entwicklung von Psychologie, Wissenschaftstheorie und Sozialwissenschaft im 20. Jahrhundert. Unter anderen wurden die Philosophen Edmund Husserl und Martin Heidegger sowie der Pädagoge und Kulturphilosoph Eduard Spranger von seiner Theorie beeinflusst. Dilthey starb am 1.Oktober 1911 in Seis bei Bozen.

"Dilthey, Wilhelm", Microsoft(R) Encarta(R) 98 Enzyklopädie. (c) 1993-1997 Microsoft Corporation. Alle Rechte vorbehalten.



Schleiermachers Biograph Wilhelm Dilthey beabsichtigt eine theoretische Fundierung der verstehenden Geisteswissenschaften ("moral sciences" John Stuart Mill 1863) in Abgrenzung zu den rein erklärenden Naturwissenschaften.
Dilthey stellt mit seiner Kunstlehre (die Hermeneutik) eine Methode in Aussicht, die die (historische) Distanz zum Text zu überwinden vermag. Möglich sei dies durch das Hineinversetzen und Nacherleben des Schöpfungsaktes des Textes. Diltheys Erkenntnistheorie ist stark psychologisierend und setzt nicht zuletzt eine Genialität des Auslegers voraus:

"Die Auslegung ist ein Werk der persönlichen Kunst, und ihre vollkommenste Handhabung ist durch die Genialität des Auslegers bedingt; und zwar beruht sie auf Verwandtschaft, gesteigert durch eingehendes Leben mit dem Autor, beständiges Studium. So Winckelmann mittels Plato (Justi), Schleiermachers Plato usw. Herauf beruht das Divinatorische der Auslegung." (Die Entstehung der Hermeneutik)

Diltheys Auffassung, durch Einfühlung ein unmittelbares Verstehen zu erreichen und somit die hermeneutische Differenz zu überwinden, kann aus heutiger Sicht als überholt angesehen werden. Seit Gadamer gilt die (historische) Distanz oder Differenz zum Text als Teil jeder Interpretation.

Diltheys Verdienst liegt in der Problematisierung der Geisteswissenschaften und dem Versuch der Ausarbeitung einer genuin geisteswissenschaftlichen Methodik.

Diltheys Ansatz, dem Text in seiner Wirkung zu verfallen und zu folgen, und nicht seinem Kontext und seiner Wirkungsgeschichte, werden ihn für die Literatur(wissenschaft) und die Philosophie interessant und/aber umstritten machen.


TEXT:
'Die Entstehung der Hermeneutik' (1900)


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5. Heidegger



Heidegger, Martin (1889-1976), deutscher Philosoph. Er war ein Schüler von Edmund Husserl, dem Begründer der Phänomenologie. Heidegger wurde am 26. September 1889 in Messkirch (Baden-Württemberg) geboren. Zwischen 1913 und 1916 studierte er katholische Theologie und Philosophie in Heidelberg und schloss das Studium mit einer Habilitation bei dem Neukantianer Heinrich Rickert ab. Danach war er als Privatassistent Edmund Husserls tätig. 1923 erhielt Heidegger eine Professur für Philosophie in Marburg. Nach 1928 lehrte er als Nachfolger Husserls an der Universität Freiburg. Da er während des Dritten Reichs mit dem Nationalsozialismus sympathisiert hatte, durfte er von 1945 bis 1951 aufgrund eines Beschlusses der französischen Besatzungsmacht keinerlei Lehrtätigkeit ausüben. Im folgenden Jahr wurde Heidegger emeritiert. Er starb am 26. Mai 1976 in seiner Heimatstadt.

"Heidegger, Martin", Microsoft(R) Encarta(R) 98 Enzyklopädie. (c) 1993-1997 Microsoft Corporation. Alle Rechte vorbehalten.


Heidegger weitet den Begriff der Hermeneutik als einer Methode der Geisteswisenschaften aus.
Bereits bei Dilthey war die Textinterpretation eine (etwas verklärte) Seinsweise. Heidegger nun radikalisiert den Verstehensbegriff auf ein Seinsverstehen. Vom schriftlichen Text losgelöst ist das Verstehen die Grundstruktur menschlichen Daseins in seiner Endlichkeit.
Erst die eingene Endlichkeit und der Tod lassen die Vergangenheit in der Gegenwart wirkunsvoll sein. Die Endlichkeit prägt die Begriffe des Seins, des Wissens und der Wahrheit. Heidegger überführt somit die "einfache Textinterpretation" und stellt eine Beziehung zwischen Sein-Zeit-Verstehen her. Er öffnet die Hermeneutik somit für Analysen der Wahrheit und der Macht.

Texte zu Heidegger:
http://www.capurro.de/db.htm#Heidegger


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6. Gadamer

Gadamer, Hans-Georg (*1900), Philosoph. Gadamer wurde in Marburg als Sohn eines angesehenen Naturwissenschaftlers geboren. Er wuchs in Breslau auf, studierte nach dem Abitur 1918 Germanistik, Geschichte, Kunstgeschichte und Philosophie, zuerst in Breslau, dann in München und Marburg. 1922 promovierte Gadamer mit einer Arbeit über Das Wesen der Lust in den platonischen Dialogen bei dem Neukantianer Paul Natorp, dem Schulhaupt der so genannten Marburger Schule.
Im Folgenden studierte er ein Semester bei Edmund Husserl in Freiburg. Hier begegnete er Martin Heidegger, dem er zurück nach Marburg folgte, wo dieser eine außerordentliche Professur für Philosophie übernommen hatte. Unter Anleitung von Paul Friedländer holte Gadamer das Studium der Klassischen Philologie nach, bevor er 1929 bei Heidegger mit einer Arbeit über Platons dialektische Ethik habilitierte.
1939 folgte er einem Ruf an die Universität Leipzig, wo er 1946/47 zum Rektor ernannt wurde. Von 1947 bis 1949 lehrte er in Frankfurt und von da an bis zu seiner Emeritierung 1968 in Heidelberg. 1953 begründete er die philosophische Zeitschrift Frankfurter Hefte.
Gadamer, der 1960 mit seinem Hauptwerk Wahrheit und Methode Berühmtheit erlangte, ist Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Akademien im In- und Ausland. Er ist Träger des Sigmund-Freud-Preises der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie des Hegel-Preises der Stadt Stuttgart und seit 1971 Ritter des Ordens "Pour le mérite". Sein Name ist untrennbar mit der philosophischen Hermeneutik verbunden. Geprägt von Heidegger, für den das Verstehen ein fundamentales Existenzial des menschlichen Daseins ist, entwickelt Gadamer seine Lehre, wonach jedes Verstehen stets ein Auslegen, vor allem aber ein Sich-selbst-Verstehen (Applikation) ist. In Wahrheit und Methode führt er am Leitfaden der Erfahrung von Kunst, Literatur und Geschichte den Nachweis, dass sich Verstehen auf die Erfahrung von Wahrheit richtet und mithin jeder wissenschaftlichen Methodik vorausgeht. Der universale Anspruch der Geisteswissenschaften liegt darin begründet, dass das Phänomen des Verstehens alle menschlichen Weltbezüge durchzieht. Da das Verstehen sprachgebunden ist, ist der Mensch als verstehendes vor allem ein sprachliches Wesen. Sprache aber ist nur im Gespräch, d.h. in der jeweiligen Aktualität des Verstehensvollzugs.

Verfasst von: Martin F. Meyer

"Gadamer, Hans-Georg", Microsoft(R) Encarta(R) 98 Enzyklopädie. (c) 1993-1997 Microsoft Corporation. Alle Rechte vorbehalten.



Quelle des folgenden Textes: http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/hermeneutik/gadamer.htm

1960 veröffentlichte der Heidegger-Schüler Hans-Georg Gadamer sein Hauptwerk Wahrheit und Methode, den großangelegten Versuch einer "philosophischen Hermeneutik". Darin geht es ihm um "Wahrheit" statt "Methode" (verstanden als Verfahrensweise, die sachliche oder symbolische Zusammenhänge nach intersubjektiv kontrollierten Regeln, also nach dem Vorbild der mathematisch-naturwissenschaftlichen "Methode" zu analysieren sucht). Dieses Werk löste in der Folgezeit auch eine verstärkte hermeneutische Reflexion in der deutschen Literaturwissenschaft aus.

Hermeneutik ist für Gadamer mehr Geschehen als Verstehen. Sie ist die besondere Art und Weise, in der ein kulturell gewachsener Überlieferungs-, Traditions- und Normzusammenhang aufrechterhalten bzw. weiterentwickelt wird. Dabei akzentuiert Gadamer die Sprachlichkeit des hermeneutischen Geschehens, d.h.er betont die Vorgegebenheit eines Sprachsystems und die Teilhabe der Individuen daran. Durch das Lesen, Auslegen und Weitervermitteln von überlieferten Texten, vor allem auch durch ihre Neuinterpretation, schließen wir unsere Gegenwart immer aufs Neue an die soziokulturelle Tradition an.

Gadamer hebt die Bedeutung hervor, die der historische Ort des Verstehenden für dessen Verstehen besitzt. Diese Bedeutung erläutert er am Begriff des "Vorurteils". Er wird bei ihm nicht, wie in der Tradition der Aufklärung und auch noch bei Schleiermacher, negativ verstanden als Quelle des Mißverstehens. Das "Vor-Urteil" ist bei Gadamer die durch Lebensgeschichte und Bildungsgeschichte vorstrukturierte Verstehensfähigkeit des jeweiligen Subjekts, die es nun versuchsweise auf das neu zu Verstehende "entwerfen" kann und meist korrigieren wird. In diesem Sinn ist das Vorurteil für ihn nicht Störung, sondern geradezu produktive Bedingung des geschichtlichen Verstehens.

Produktiv und eine Bedingung fast allen hermeneutischen Geschehens ist für Gadamer daher auch der Zeitabstand (die hermeneutische Differenz) zwischen (gegenwärtigem) Leser und (überliefertem) Text, den ja noch Dilthey im Akt der Einfühlung überspringen wollte. Konkretisiert wird diese geschichtliche Grundstruktur des Verstehens von Gadamer in der Metapher des "Horizonts". Damit meint er den "Gesichtskreis, der all das umfaßt und umschließt, was von einem Punkte aus sichtbar ist" (S. 286). Der jeweils gegenwärtige Horizont ist in der historischen und kulturellen Traditon von früheren Horizonten jedoch nicht grundsätzlich verschieden, denn er bildet sich gar nicht ohne die Vergangenheit. Tatsächlich ist er in steter Bildung begriffen, da wir alle unsere Vorurteile ständig erproben. Die hermeneutische Tätigkeit ist eine mehr oder weniger bewußte Konfrontation mit der Tradition, die im Vollzug des Verstehens eine "Verschmelzung" des gegenwärtigen mit dem vergangenen Horizont vollbringt.

Wenn nun nicht allein die einzelne hermeneutische Situation (also z.B. die Lektüre oder Auslegung eines überlieferten Textes) betrachtet wird, sondern auch die Tatsache, daß sie in aller Regel auf eine ganze Reihe von entsprechenden Situationen folgt und ihrerseits wiederum neue, nachfolgende hervorrufen kann, so eröffnet sich eine Dimension, die Gadamer Wirkungsgeschichte nennt. (An diese Überlegungen knüpft in den siebziger Jahren besonders die literaturwissenschaftliche Schule der Rezeptionsästhetik und -geschichte an.) Wirkungsgeschichtliches Bewußtsein hat die eigene Situation nicht naiv, sondern reflektiert an die Überlieferung anzuschließen. Es soll die Zugehörigkeit der Gegenwart zur Tradition artikulieren, aber nie vergessen, was sie von ihr trennt. Die Einschätzung Gadamers als eines eher konservativen oder eher vorwärtsweisenden Denkers hängt letzlich davon ab, wo der Akzent gesetzt wird: auf der Traditionsverbundenheit oder auf der Abgrenzung von der Tradition.

Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik, 3. Aufl., Tübingen 1972.


Quelle:
http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/hermeneutik/gadamer.htm


TEXT:
'Wahrheit und Methode' (1960)


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7. Habermas

Habermas, Jürgen (*1929), deutscher Soziologe und Philosoph. Habermas wurde in Düsseldorf geboren und studierte Philosophie, Geschichte, Psychologie, deutsche Literatur und Ökonomie in Göttingen, Zürich, Bonn und Marburg. Von 1955 bis 1959 war er Assistent am von Theodor W.Adorno und Max Horkheimer geleiteten Institut für Sozialforschung in Frankfurt. 1961 wurde er Professor für Philosophie in Heidelberg, 1964 übernahm er einen Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie in Frankfurt/Main. Von 1971 bis 1980 war er neben Carl Friedrich von Weizsäcker Direktor des Max-Planck-Instituts für die Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt in Starnberg. Habermas' Interesse gilt neben Methodenfragen der Sozialwissenschaften hauptsächlich historischen Untersuchungen zur Soziologie und politischen Philosophie. Er gilt als führender Vertreter der "zweiten Generation" der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule. In seiner weltweit beachteten Studie Erkenntnis und Interesse (1968) knüpfte er an die wissenschaftssoziologischen Fragen an, die bereits im Zentrum der erkenntniskritischen Arbeiten von Horkheimer und Adorno gestanden hatten. Der Diskurs der Wissenschaften ist nach Auffassung Habermas' in seinem Wesen eine Erscheinung der gesellschaftlichen Öffentlichkeit. Anders als Horkheimer und Adorno sieht Habermas in der Struktur der bürgerlichen Gesellschaft die Möglichkeit ihrer Kritik angelegt. Sie sollte an den Regeln des vernünftigen Gesprächs aller Bürger orientiert sein, deren Zustimmung Voraussetzung aller politischen Entscheidungen sei. Habermas hat sich deshalb immer wieder intensiv mit der Frage nach den Bedingungen und Möglichkeiten des vernunftgeleiteten Diskurses beschäftigt. Dabei liegt das Hauptaugenmerk auf der "kommunikativen Kompetenz" des Einzelnen und der Gesellschaft als der Kommunikationsgemeinschaft aller Bürger (Theorie des kommunikativen Handeln, 1981). In seinem jüngsten, groß angelegten Werk Faktizität und Geltung (1992) hat sich Habermas in konsequenter Fortsetzung seiner bisherigen Arbeit dem Gebiet der Rechtsphilosophie zugewandt.

"Habermas, Jürgen", Microsoft(R) Encarta(R) 98 Enzyklopädie. (c) 1993-1997 Microsoft Corporation. Alle Rechte vorbehalten.



Quelle des folgenden Textes: http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/hermeneutik/habermas.htm

Jürgen Habermas hat keine eigenständige oder ausgearbeitete hermeneutische Theorie vorgelegt, weil sein wissenschaftlicher Anspruch weiter zielt - auf eine Theorie des gesellschaftlichen Kommunikationsprozesses schlechthin und auf dessen Verflechtung mit anderen Instanzen der Vergesellschaftung, wie dem ökonomischen Prozeß und den sozialen und politischen Institutionen. In diesem Rahmen einer Theorie des kommunikativen Handelns haben dann allerdings auch hermeneutische Fragestellungen ihren Platz.

Wie Gadamer bestimmt auch Habermas das hermeneutische Problem des Textverstehens als Sonderfall des Gesprächs, geht also von der Annahme einer Verständigungsgemeinschaft aus. Aber anders als Gadamer ist Habermas davon überzeugt, daß wir im Dialog oder Textverstehen nicht ohne weiteres den "Sinn der Sache" annehmen müssen. Wir leben zwar in einer sprachlich strukturierten Gemeinschaft, in der wir aber als "individuierte Einzelne" kommunizieren. Die intersubjektive Geltung sprachlicher Symbole ermöglicht zweierlei zugleich: die gegenseitige Identifikation "als gleichartige Subjekte", aber auch das Festhalten an der "Nicht-Identität des eigenen Ichs mit dem Anderen" (S. 199).

Auf die Texthermeneutik bezogen, fordert Habermas' kommunikatives Modell daher eine doppelte Leistung: Rekonstruktion des historischen Sinns und eine gegenwärtige Stellungnahme zum Geltungsanspruch jenes Sinns, d.h. möglicherweise auch die im Horizont gegenwärtiger Erfahrung begründbare Abgrenzung von ihm. An Stelle von Sinnverstehen, das auf Einfühlung oder unbefragter Traditionsübernahme basiert, tritt eine geschichtsbewußte "Sinnkritik". (In diesem Sinn setzt sich Habermas in seinem Buch Erkenntnis und Interesse u.a. kritisch mit Diltheys Einfühlungshermeneutik auseinander.)

Diese Forderung basiert auf der Überzeugung, daß Sprache als Instanz der Vergesellschaftung keineswegs jenes allumfassend-autonome System ist, als das Gadamer sie noch sieht ("Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache"). Zwar ist es richtig, daß Sprache einerseits das Umgreifende ist, andererseits aber ist sie zumindest partiell durch materielle Gewalt der beiden Instanzen Arbeit und Herrschaft bestimmt (zum Beispiel: Sprache als Medium von Politik, Werbung, Sprache am Arbeitsplatz, in der Prüfung usw.). Die Möglichkeiten der Hermeneutik sollen präzisiert und dadurch erweitert werden, daß sie die Dimension der Ideologiekritik in sich aufnimmt. Der Begriff "Ideologie" wird bei Habermas in dem auf die ältere Frankfurter Schule (Theodor W. Adorno, Max Horkheimer) und weiter auf den frühen Karl Marx zurückgehenden Sinn von "notwendig falschem Bewußtsein" gebraucht. Gemeint ist in diesem Zusammenhang, daß reale Bedingungen der Vergesellschaftung (Familienstruktur, Arbeitsbedingungen, Klassenstruktur und politische Verfassung einer Gesellschaft usw.) in systematischer Weise ("notwendig") Bewußtseinsformen, Weltbilder und Deutungen hervorrufen, mit deren Hilfe die Individuen sich in jenen Verhältnissen zwar zurechtfinden, die ihnen aber zugleich die Einsicht in die tatsächlichen Strukturen verschleiern und verwehren.

Für Habermas ist es nun gerade die relative Offenheit des Sprachsystems, die es ermöglicht, den Geltungsanspruch sprachlich fixierter Traditionsansprüche zu problematisieren. Aber nicht in der Weise, daß - wie bei Gadamer - die eindeutige Geltung des tradierten Sinnes bekräftigt wird; vielmehr so, daß im Verstehen bzw. in seiner sprachlichen Explikation (z.B. in einer Text-Interpretation) gerade auch die Nicht-Identität, das Nicht-Einverständnis mit dem intendierten Sinn und seinem Geltungsanspruch artikuliert werden kann. Damit gewinnt auch das hermeneutische Verfahren Anteil am emanzipatorischen Erkenntnisinteresse.

Quelle:
http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/hermeneutik/habermas.htm

TEXT:
Zu Gadamers "Wahrheit und Methode" (1967)


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8. Dogmatische und Zetetische Hermeneutik



Quelle des folgenden Textes: http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/philo/herm.htm

I. Die dogmatische Hermeneutik ist die Methodologie des interpretierenden Umganges mit institutionell ausgezeichneten "autoritativen" Texten und Dokumenten. Zu diesen gehören in erster Linie sog. heilige Schriften und in Geltung stehende Gesetzestexte, die ihrerseits die Grundlage für die Ausbildung sog. dogmatischer Disziplinen wie Theologie und Jurisprudenz darstellen. Der Typus der dogmatischen Hermeneutik wurde seinerseits jeweils im Rahmen dieser Disziplinen als methodologische Teildisziplin entwickelt. Nach ihrem Beispiel sind (spätestens seit der Renaissance) auch die sog. Klassiker der Profanliteratur in der Philologie dogmatischen Interpretations-verfahren beim Übersetzen unterworfen worden. Hierbei sind im Laufe der Zeit die autoritativen Wörterbucher und Grammatiken zu hermeneutischen Regelkanons dafür geworden, wie ein und derselbe Sinn in zwei oder mehreren Sprachen durch Wörter und Wendungen ausgedrückt werden kann und soll. Dies gilt aber auch für die interpretierende "Aufführung" in den darstellenden Künsten und in der Musik, wo der Sinn der Rollen und musikalischen Notationen nicht in theoretischer Artikulation, sondern im lebendigen (Schau- und Musik-)"Spiel" vorgeführt wird, die man daher ebenfalls "Interpretationen "nennt. Was dabei in der sog klassischen Philologie und darüber hinaus in jedem Fache als "klassisch" gilt, verdankt diese Auszeichnung einer institutionellen Funktion als "bedeutsam, wichtig und maßgeblich" für die ganze Kultur oder Teilbereiche derselben. In der Moderne sind dann auch die literarischen Arbeits- und Lehrtexte aller Disziplinen, wie Lexika und Enzyklopädien, Lehr- und Handbücher, als "dogmatische" Texte behandelt worden, so daß der Umgang mit ihnen ebenfalls durch die dogmatische Hermeneutik gesteuert wird.
Schließlich ist darauf hinzuweisen, daß auch im Zusammenhang der naturwissenschaftlichen und der formalen (logischen und mathematischen) Methodologie vielfach von "Interpretation" die Rede ist: Interpretation bzw. Deutung von Fakten und Phänomenen (statistische Erhebungen, Versuchsprotokolle u.ä.) - die oft auch "Bewertung" genannt wird - einerseits, und von formalen Kalkülen andererseits. Ersichtlich geht es auch hierbei um Übersetzung bzw. Übertragung des strukturellen Sinnes von Formalismen (Kalkülen, Strukturkernen von Theorien) auf Phänomene und ihre Zusammenhänge, und umgekehrt von Eigenschaften und Zügen phänomenal-anschaulicher Gegebenheiten (Modelle) auf formale Strukturen. Auch diese stehen unter Regeln einer dogmatischen Hermeneutik (z. B. Theorien sind zu exhaurieren und nicht ohne Not aufzugeben; Phänomene sind zu "retten" und dürfen nicht ohne Not als artifizielle Produkte von Versuchsanordnungen oder gar Meßfehlern gedeutet werden; formale Kalküle müssen durch mindestens ein Modell deutbar sein u.ä.). Freilich sind diese hermeneutischen Einschüsse in der Methodologie der Naturwissenschaften, die auf die neuplatonische Tradition einer "interpretatio naturae" zurückgehen, noch keineswegs in einem angemessenen Klärungszustand. Gleichwohl wird man auch sie als Ausprägungen dogmatischer hermeneutischer Verfahren charakterisieren.

Die Einstellung des "Dogmatikers", sei er Theologie, Jurist oder Lehrer eines bestimmten Faches, ist - noch immer gut platonisch - die, daß er sein (wie immer und woher auch erworbenes) Fachwissen schon mitbringt und am jeweiligen Institutionentext (der Bibel, dem Gesetzbuch, dem Lehr- und Wörterbuch, dem "Klassiker") belegt und verdeutlicht, mithin sein "Vorwissen" anhand der Texte konkretisiert und dokumentiert. Und er tut es in der Regel nur ad hoc, aus gegebenem Anlaß zur Beantwortung einer bestimmten Glaubens- oder Gewissensfrage, zur Entscheidung eines Rechtsfalles, zur Aufführung eines bestimmten Schauspiels oder Musikwerkes oder zur Vergewisserung über einen bestimmten Lehrgegenstand. Die dogmatische Hermeneutik ist daher auch ihrer Natur nach:

1. streng und strikt fachgebunden (disziplinär), d. h. sie hat immer von den dogmatisierten Vorurteilen und Vorverständnissen des jeweiligen Faches auszugehen, die im Fache als sog. letzter Stand des Wissens gelten. Man verwechsle diesen Wissensstand nicht mit einer herrschenden Meinung im Fache oder einer bevorzugten Theorie einer Schule. Meinungsvielfalt und Theorienpluralismus in einer Disziplin, die der Fachmann überschauen und beherrschen muß, liefern vielmehr normalerweise gerade die maßgeblichen und zugelassenen Hauptgesichtspunkte (Topoi) für die jeweilige Einzelinterpretation der dogmatischen Texte, und sie erschließen damit sog. kanonische Spielräume für diese Interpretationen. Der Fachmann muß sie kennen und unterscheidet sie in der Regel sehr genau von allem "Allotria" dilettantischer, unfachlicher oder fachfremder Gesichtspunkte.

2. Vor allem macht die dogmatische Hermeneutik keine Wahrheitsansprüche und kennt auch keine Wahrheitskritien. Wenn gleichwohl in jeder Dogmatik mehr oder weniger emphatisch die "Wahrheit", z.B. der hl. Schrift, des Gesetzes, eines Kunstwerkes oder eines Lehrgehaltes, beschworen wird, so ist damit die jeweilige Kulturbedeutung des Artefakts, nicht aber das Erkenntnisverfahren gemeint Die dogmatische Hermeneutik richtet sich daher

3. ausschließlich nach Kriterien der Qualität und Effizienz. Eine dogmatische Interpretation kann daher gut oder schlecht, fachgerecht oder dilettantisch, elegant oder überzwerch, scharfsinnig oder dumm, im Grenzfall noch zulässig oder abwegig genannt werden, nicht aber wahr oder falsch. Das Effizienzerfordernis besagt, daß eine dogmatische Interpretation

4. immer gelingen muß (Non-liquet-Verbot) und somit ein Ergebnis zu zeitigen hat, das den Bezugstext als "sinnvoll und einschlägig" für die gewünschten Antworten erscheinen läßt. Dabei spricht man

5. gewöhnlich von einer "überschießenden Sinnfülle" des dogmatischen Bezugstextes, die grundsätzlich nicht auszuschöpfen ist: Die heilige Schrift ist "höher als alle Vernunft", das Gesetz ist "klüger als der Gesetzgeber", der Klassiker "hat uns immer noch etwas zu sagen", und auch das gute Lehrbuch "bietet mehr, als man ad hoc gerade verwenden kann".

Für die Durchführung von Einzelinterpretationen haben die älteren dogmatischen Disziplinen spezifische fachliche Regeln - sog. hermeneutische Kanons - entwickelt. Sie sind sämtlich darauf ausgerichtet, die jeweiligen dogmatischen Texte als Bezugstexte auszuzeichnen und von anderen Textsorten abzugrenzen und zugleich die Fachgebundenheit und Effizienz der Auslegungen zu gewährleisten. Für den ganzen Bereich der Lehre, soweit sie als dogmatische Interpretation kanonischer Lehrbücher betrieben wird, sind sie indessen noch keineswegs in übersichtlichem Zustand konsolidiert worden. Sie werden hier im besten Falle eher "kunstmäßig" und "taktvoll" und vielleicht auch mit "divinatorischem Gespür" praktisch beherrscht und befolgt. Da sie fachspezifisch sind, läßt sich nur am Beispiel zeigen, worauf es dabei ankommt. So hat die abendländische Theologie schon früh Lehren vom zwei- oder mehrfachen Schriftsinn ausgebildet. Der sog. buchstäbliche (Literal-)Sinn oder vordergründige Sinn wird vom eigentlichen (kerygmatischen) Sinn oder Hinter-Sinn (sensus mysticus) unterschieden, und letzterer kann seinerseits wieder in mehrere Sinnrichtungen verfolgt werden nach der bekannten Regel: Littera gesta docet, quid credas allegoria; moralis quid agas, quo tendas anagogia (Der buchstäbliche Sinn lehrt die Fakten, die Allegorie den Glaubensinhalt, der moralische Sinn das, was zu tun ist, der "erbauliche", wonach zu streben ist). Der Jurist seinerseits kann sich dogmatisch interpretierend nur auf die geltenden Gesetze beziehen (was nach nicht unumstrittener Lehre auch gelegentlich heißt, daß er "überpositives" - ungeschriebes - Recht in die positiven Gesetzestexte hineindeuten muß). Er interpretiert das Gesetz nur aus "gegebenem Anlaß" eines vorliegenden Falles, für dessen Beurteilung er sich auf eine oder mehrere gesetzliche Maximen berufen muß. Für die Konstruktion des inhaltlichen Sinnes der Maximen hat er die oben genannten kanonischen Spielräume zur Verfügung, die durch (meist alternative) Standardargumente eröffnet werden: Die Maxime ist entweder eindeutig gemäß "planem" Wortverständnis oder sie läßt mehrere Deutungen zu. Ist sie mehrdeutig, so wird sie nach vorgängigem Beispiel höherer Instanzen (Präjudiz) interpretiert (das ist am sichersten).
Diese Präjudizien sind selbst Interpetationen, die aus dem Kontext der behandelten Materie ("ratio legis") oder auch gemäß der historischen Intention des Gesetzgebers ("Wille des Gesetzgebers") gewonnen wurden. Verschränkt damit kann ein einzelner Gesetzesterminus gegebenenfalls im üblichen Wortsinn oder restriktiv (eingeschränkter Begriffsumfang) oder erweitert (ausgeweiteter Anwendungsbereich des Begriffs, im Strafrecht unzulässig!) interpretiert werden. Vielerlei Denkfiguren für die Verknüpfung von Rechtsbegriffen zu Auslegungstopiken lassen sich aus der Analogie zu Denkfiguren in jeweils anderen Rechtsbereichen gewinnen. Hierin bewährt sich am meisten juristischer Takt und Gespür für das, was unter besonderen Umständen als Argumentation für eine Interpretation überzeugen kann. Daß diese Spielräume nicht zu willkürlichen Gesetzesauslegungen (wohl aber zu effektiven Interpretationen) führen, liegt heute eher am Gewicht der Präjudizien der höheren Instanzen auch im kontinentaleuropäischen Recht, während die Präjudizien im angelsächsischen Recht schon immer diese vereinheitlichende Funktion hatten. Gleichwohl dürfte die zunehmende Unberechenbarkeit richterlicher Auslegungen und Entscheidungen in schwierigeren Fällen zeigen, daß die dogmatische Hermeneutik der Jursiprudenz an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit gelangt ist.

Als wesentlich wird bei der dogmatischen Hermeneutik gewöhnlich der "applikative Aspekt" - die Anwendungsbezogenheit - herausgestellt, der sich daraus ergibt, daß sie nur ad hoc, d.h. zur Beantwortung bestimmter Fragen und zur Lösung von bestimmten Problemen (Rechtsfälle) eingesetzt wird. Durch die dogmatische Interpretation wird ein (institutionell gestützter) Textsinn so aufbereitet, daß er für die Anwendung auf praktische Fragen nutzbar wird. Gleichwohl sollte man auch hier genau zwischen der eigentlichen Interpretation und der Anwendung des dadurch gewonnenen Textsinnes auf die Probleme unterscheiden. Die Anwendung auf den Fall unterliegt ihrerseits nicht hermeneutischen, sondern logischen Regeln der Subsumption des Einzelnen und Besonderen (des Falles bzw. des Problems) unter das Allgemeine (des hermeneutisch festgestellten Textsinnes): Der festgestellte Textsinn liefert die logischen Prämissen für die schlußmäßige Deduktion einer Antwort auf die gestellten Fragen bzw. eines Urteils über den anstehenden Fall.


II. Die zetetische Hermeneutik ist aus der dogmatischen entstanden. Sie verdankt sich geradezu der Kritik an der Verengung des Blickwinkels der dogmatischen Ausleger heiliger Schriften, der Gesetze und klassischer Autoritäten, wie sie schon die antiken Skeptiker, insbesondere Sextus Empiricus mit seiner Schrift "Adversus dogmaticos", vorführten. Von Sextus Empiricus stammt auch die hier zugrundegelegte Unterscheidung von zetetischer (forschender) und dogmatischer (autoritätsgebundener, schulmäßig oder fachlich eingeschränkter) Einstellung. Da aber die kritische und forschende Einstellung im modernen Wissenschaftssystem weithin als einzig angemessene gilt, bestehen erhebliche Widerstände gegen die Verwendung auch nur des Terminus "dogmatisch" im Zusammenhang wissenschaftstheoretischer Erörterungen, und so wird gerne jede Art von Auslegung für eine "forschende" gehalten. Gleichwohl dürfte die Abgrenzung der dogmatischen Hermeneutik von der zetetischen unverzichtbar sein, wenn man eine große hermeneutische Tradition und tatsächlich geübte methodische Verfahren adäquat beschreiben will.

Die zetetische Hermeneutik beruht auf Prinzipien, die sich - aus der Kritik an der dogmatischen Hermeneutik entwickelt - als deren genaue Alternativen darstellen. Sie setzt voraus, daß grundsätzlich alles Textmaterial, darin eingeschlossen auch die dogmatischen Texte, und darüber hinaus auch alle Arten von Kulturdokumenten, in ihren Gegenstandsbereich fallen. Ebenso setzt sie voraus (und darin weitgehend durch die realistische Einstellung bestimmt), daß alle Dokumentarten in ihrem Zeichenvorrat schon bestimmten Sinn und Bedeutung enthalten, den es in der jeweiligen Interpretation "auszuschöpfen" und mittels der "Interpretation" wiederzugeben, zu "rekonstruieren" oder auch "abzubilden" gelte. Kritisch-zetetische Einstellung wird dabei wesentlich in vorurteilsloser Offenheit und Unvoreingenommenheit gegenüber dem, was sich als Sinn der Texte zeigen soll, gesehen. Ihr Ziel ist daher auch die Erstellung von Interpretationstheorien, die diesen Sinn eindeutig, vollständig und adäquat darstellen. "Hermeneutische Wahrheit" wird dabei gemäß der realistischen Korrespondenztheorie der Wahrheit aufgefaßt. In idealistischer Einstellung handelt es sich jedoch um Bildung und "kohärente" sowie "komprehensive" Konstruktion des Sinnes nach Maßgabe der Kohärenztheorie der Wahrheit.

Als Prinzipien der zetetischen Hermeneutik lassen sich herausstellen:

1. Sie ist als Methodendisziplin grundsätzlich interdisziplinär - im Gegensatz zur Fachgebundenheit der dogmatischen Hermeneutik. Das schließt nicht aus, daß spezielle Text- und Dokumentarten zum Gegenstandsbereich jeweils spezifischer Disziplinen gehörten. Interdisziplinarität meint einerseits die "Universalität" und ubiquitäre Anwendbarkeit der Methodologie in grundsätzlich allen Disziplinen. Andererseits bedeutet sie auch, daß das zum zetetischen Verstehen notwendige Wissen grundsätzlich aus allen jeweils einschlägigen Disziplinen gleichsam zusammengeholt werden muß. Der wirkliche "Gelehrte" muß in der Lage sein, auch über seine Fachgrenzen hinaus "Vorwissen" aufzunehmen und sich für seine Verstehensbemühung zunutze zu machen.

2. Ist sie strikten Wahrheitskriterien unterworfen. Das heißt, daß nur die Resultate zetetischer Interpretationen als wahr, falsch oder ggf. auch als wahrscheinlich gekennzeichnet werden können. Hier ist vor allem von der verbreiteten falschen Einschätzung zu warnen, zetetische Interpretationen seien schon deshalb wahr (oder sogar grundsätzlich wahr), weil und insofern sie einen "sinnvollen Wahrheitsgehalt" aus einem Text entnähmen (oder in ihn hineinlegen). Derartige Qualifizierungen gehören vielmehr zum rhetorischen Repertoire der dogmatischen Hermeneutik. In der zetetischen Hermeneutik kommt es, wie viele ihrer Klassiker schon frühzeitig bemerkt haben, haufig darauf an, bei überhaupt wahrheitsrelevanten Texten (meist wissenschaftlichen Dokumenten) neben der evt. Wahrheit auch evtl. Falschheit zu beurteilen, so daß eine sog. wahre Interpretation durchaus gerade auch die Falschheit eines sinnvollen Gedankens verständlich macht. Als eigentliche Wahrheitskriterien kommen nur die Kriterien der logischen Kohärenz und der Umfassendheit (Komprehensibilität) der jeweiligen Interpretationstheorie in Frage, wenn man davon ausgeht, daß die Interpretation nicht einen von ihr unabhängigen (und von ihr unterscheidbaren) Textsinn "korrespondierend" abbildet, sondern daß die Interpretation selber dieser Sinn ist.

3. Spricht man überhaupt von der Qualität einer zetetischen Interpretation, so kann es sich nicht um gut oder schlecht, zulässig oder unzulässig u.ä. handeln wie bei der dogmatischen, sondern ausschließlich um die Wissenschaftlichkeit der Methodenverwendung und der Einbettung der vorgeschlagenen Interpretation in den Kontext des einschlägigen interdisziplinären Wissens. Von einer zetetischen Interpretation wird man daher mit Recht verlangen können, daß sie sich "auf dem letzten Stand der Wissenschaft" befindet und das Fachwissen dabei vermehrt und vertieft.

4. Ist bei zetetischen Interpretationen gegebenfalls auch mit einem Non liquet ("nicht klar"), also negativen Ergebnissen zu rechnen wie auch sonst in jedem Forschungsunternehmen. Dies ist ein heikler Punkt, den bekanntlich kein Forscher gerne eingesteht, weil er allzu leicht individueller Inkompetenz angelastet wird. Ein vager "Sinnlosigkeitsverdacht", wie er haufig polemisch geäußert wird ("das verstehe ich nicht" oder "Nonsens") genügt in keinem Falle, und selbst wenn er substanziiert und bewiesen würde, so würde er den Interpretationsgegenstand nur aus der Klasse der Artefakte ausschließen und in die der "sinnfreien" Gegenstände befördern. Gleichwohl kommt es nicht allzu selten vor, daß trotz bestehendem "Sinnhaftigkeitsverdacht" von Texten und Artefakten der genuine Sinn mangels einschlägigem Wissen nicht festgestellt werden kann. Die Sinnvermutung kann dann allenfalls zu hypothetischer Wahrscheinlichkeit der zetetischen Interpretation führen.

5. Setzt man beim zetetisch zu interpretierenden Dokument historisch und systematisch beschränkten Sinngehalt voraus, so daß - wie Kant schon bemerkte - in der Regel "der Autor besser verstanden werden kann, als er sich selbst verstanden hat".

Die Kanons bzw. Regeln der zetetischen Hermeneutik sind heute nichts weniger als unumstritten, und die Verabsolutierung des einen oder anderen Kanons unter Vernachlässigung anderer bestimmt nachhaltig die Kontroversen über das, was eigentlich Hermeneutik sei. Manche Autoren - wie etwa H-G. Gadamer - gehen sogar davon aus, daß es hierbei überhaupt keine Regeln geben könne, da das forschende Interpretieren eine Sache des Taktes, der kühnen Hypothesen, der Divination oder gar der "künstlerischen" Intuitionen sei.
Um sich jedoch über die faktischen Regeln zu vergewissern, tut man auch heute noch gut daran, sich an dem von Aristoteles für alle Forschung aufgestellten Schema der sog. Vier Ursachen zu orientieren, welches "Erklärungsgründe", d.h. auch Interpretationsargumente, in vier verschiedenen Dimensionen aufzusuchen empfiehlt. Es gilt demnach:

a. die "materiale" Textbasis eines zu interpetierenden Dokumentes bibliographisch und kontextuell zu sichern,
b. die "formalen" Bedingungen der Textgestalt (Disposition, Gattungszugehörigkeit) und die die Ausdrucksformen prägenden Ideen in ihrer grammatischen und logischen Form zu eruieren,
c. den "Ursprung und die Herkunft" des Textes (ggf. von einem Autor, aus einer Schule, aus einer Epoche) nach Anlaß und Umständen seiner Entstehung und den Wirkfaktoren bzw. Traditionen, die hierauf "Einfluß" ausübten, festzustellen, und
d. den Zweck bzw. die Intention eines Textes (man sagt allerdings meist: des Autors) zu klären, wozu man sich bei älteren Texten der Einbeziehung der sog. Wirkungsgeschichte bis auf das eigene gegenwärtige Interesse des Auslegers an seinem Text versichern muß.

Man kann sie gewiß noch weiter differenzieren, gerät damit aber nur in Details, auf die man wegen ihrer Trivialität gewöhnlich nicht achtet, und die doch nach festen Regeln der wissenschaftlichen Fairness und des geisteswissenschaftlichen "know how" getätigt werden. Zum ersteren gehört etwa die Regel der "hermeneutischen Billigkeit" (charity principle), nach der man einem Autor bis zum Beweis des Gegenteils selber Redlichkeit darin unterstellt, daß er auch gemeint habe, was er sage, und umgekehrt, daß man also nicht mit "malitiösen" Unterstellungen auslege. Zum allgemeinen know how dürfte das Prozedere nach dem "hermeneutischen Zirkel" gehören, der in der hermeneutischen Literatur vielfach verhandelt wird. Er besagt, daß man sich beim Interpretieren vom Einzelnen und Besonderen zum Allgemeinen und Ganzen erheben und von da wieder zum Einzelnen hinabsteigen müsse. Er beschreibt damit sehr zutreffend logische Induktion und Deduktion als Verfahren, die wie in jeder Theoriebildung so auch in der geisteswissenschaftlichen Interpretationsgewinnung anzuwenden sind. Das Einzelne und Besondere sind hier die Elementarbedeutungen der Wörter eines Textes, von denen man zum Satz- und Argumentsinn bis zu zum Sinn des ganzen Textes - und gegebenfalls darüber hinaus bis zum Gesamtsinn eines umfassenden Kontextes - fortschreitet (Induktion), während man umgekehrt wieder vom Gesamtsinn als Resultat der Induktion oder auch als hypothetisch-antizipierende Sinnvermutung zur Bedeutungsfestlegung der Einzelheiten herabsteigen kann (Deduktion).
In der Praxis handelt es sich freilich kaum jemals um einen einzigen induktiv-deduktiven Kreislauf, sondern um viele in Antizipationen und Bestätigungen sich gegenseitig kontrollierende Schritte, so daß eher von "hermeneutischen Kreiseln" zu reden wäre. Damit wird jedenfalls gesichert, daß die zetetische Interpretation eines Dokumentes sich als widerspruchslose und kohärente Theorie aufbauen läßt, was seinerseits eine notwendige Bedingung ihrer Wahrheitsfähigkeit darstellt.

Die gegenwärtige Lage der Disziplin Hermeneutik ist durch außerordentlich lebhafte und kontroverse Diskussionen und damit ineins durch eine kaum mehr übersichtliche thematische Literatur und Nomenklatur gekennzeichnet. Man tut daher gut daran darauf zu achten, wovon jeweils die Rede ist.

Zu unterscheiden ist auf jeden Fall zwischen:
1. Interpretation im Sinne der Sinndeutung, Auslegung (Exegese) bzw. Verstehensexplikation einzelner Textstellen oder Texte und Kontexte nach den genannten kanonischen (dogmatischen oder zetetischen) Regeln.
2. Die Theorie dieser Regeln bzw. Kanons selber, die zur hermeneutischen Methodologie gehören.
3. Hermeneutik im Sinne der methodologischen Disziplin.

Der Schwerpunkt der Debatten dürfte beim letzteren Punkt liegen. Es geht um die Einschätzung des Status und der wissenschaftlichen Dignität der Hermeneutik überhaupt. Auf der einen Seite wird vom analytisch-positivistischen Lager aus die Hermeneutik - vor allem wegen ihrer dogmatischen Verfahren - als un- oder vorwissenschaftliche Pseudomethodologie verworfen (H. Albert) oder allenfalls als heuristische Vorstufe für die "logische Rekonstruktion" von Theoriesinn anerkannt (W. Stegmüller). Auf der anderen Seite stehen hermeneutizistische Ansätze, die die "Universalität der Hermeneutik" in allen Erkenntnisfragen behaupten (F. Nietzsche: Alles ist Interpetation; M. Heidegger: Verstehen als existentialer Weltentwurf; Lenk: Philosophie als Interpretations-konstruktionismus, H.-G. Gadamer: Unhintergehbarkeit des sprachlichen Verstehens).
Insgesamt dürften von der gegenwärtigen Hermeneutikdiskussion im Spannungsfeld solcher Extreme wesentliche Beiträge zur Entwicklung der Wissenschaftstheorie der Geisteswissenschaften und darüber hinaus der allgemeinen Wissenschaftstheorie zu erwarten sein.


Prof. Dr. Lutz Geldsetzer [http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/philo/geldsetz.html]

Quelle: http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/philo/herm.htm



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9. Hermeneutischer Zirkel



Quelle: http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/hermeneutik/hzirkel.htm

Eine hermeneutische Grundregel besagt, daß das Ganze aus dem Einzelnen und das Einzelne aus dem Ganzen verstanden werden muß. Dieses Prinzip wird traditionell als hermeneutischer Zirkel bezeichnet. Es ist zurückzuführen auf die antike Rhetorik, genauer auf den Topos: Es kann von den Teilen auf das Ganze geschlossen werden.

Die Autoren der philosophischen Hermeneutik definieren den Charakter und die Reichweite der Zirkelbewegung unterschiedlich. Schleiermacher sieht den hermeneutischen Zirkel sowohl in der "grammatischen Interpretation" (z.B. zwischen Wort und Satz, Satz und Absatz, Absatz und Textganzem usw.) als auch in der "psychologischen Interpretation" (zwischen dem Text als Ausdruck bzw. Teil des Seelenlebens des Autors und dem Ganzen seines Seelenlebens) gegeben. Für Gadamer beschreibt der Zirkel das Verstehen als Aneignung der Überlieferung durch den Interpreten, der sich zunächst in einer Position zwischen Fremdheit und Vertrautheit befindet. Die Vertrautheit, die sich aus seiner kulturellen Zugehörigkeit ergibt, erlaubt es ihm, den Sinn des Textes zu antizipieren, um dieses 'Vorurteil' mit zunehmendem Verständnis des Textes jeweils zu korrigieren.

Jürgen Habermas möchte die Zirkelbewegung um die ideologiekritische Komponente erweitert wissen. Für ihn verläuft sie nicht einfach vom Ganzen zum Teil und zurück zum Ganzen des Textes, sondern von einem vorläufigen, sprachlich-grammatischen Verständnis über das Problem 'dunkler Stellen' zur sachlichen (historisch-empirischen) Klärung und schließlich zu einem komplexeren Textverstehen. Nach Habermas berücksichtigt die ideologiekritische Interpretation sowohl die Zeitgebundenheit eines Textes als auch seine (potentielle) Aktualität. Das kritische Verstehen historisch ferner Texte liefert demnach nicht lediglich Auskunft über die Vergangenheit, sondern auch über die Gegenwart. Diese dialektische Erfahrung ist gemeint, wenn Habermas von der "kritischen Selbstreflexion" spricht, die durch Hermeneutik und Ideologiekritik vorangebracht werde.

Der Literaturwissenschaftler Karlheinz Stierle kritisiert die 'Methodenfeindlichkeit' der gegenwärtigen, durch Gadamer geprägten Hermeneutik. Für ihn ist es unerläßlich, den hermeneutischen Zirkel zu einem "struktural-hermeneutischen Zirkel" zu erweitern. In einem solchen Zirkel käme sowohl die methodenbezogene Erfassung der Struktur als auch die lebensweltliche Erfahrung literarischer Werke zur Geltung. Damit schlösse sich auch die Kluft zwischen sogenannter wissenschaftlicher Erkenntnis und ästhetischem Genuß.

Jürgen Bolten schließlich plädiert für den Begriff der "hermeneutischen Spirale", den er für angemessener hält als den des hermeneutischen Zirkels. Im Grunde, so Bolten, werde doch der Vorgriff auf das Ganze des Textes durch ein genaueres Verständnis des Einzelnen immerzu korrigiert. Der Verstehensprozeß führe genaugenommen stets zu einem Verstehenszuwachs und sei damit kein zirkuläres Zurückkehren zu seinem Ausgangspunkt.

Um den Zuwachs an Verständnis im Rahmen der hermeneutischen Spirale zu forcieren fordert Bolten, die Entscheidung für philologisches oder literarisches oder wirkungsgeschichtliches Verstehen zugunsten eines "integrativen Verstehens" aufzuheben.
"Einen Text verstehen heißt demzufolge, Merkmale der 'Textstruktur' bzw. des '-inhaltes' und der 'Textproduktion' unter Einbeziehung der 'Text-' und 'Rezeptionsgeschichte' sowie der Reflexion des eigenen 'Interpretationsstandpunktes' im Sinne eines wechselseitigen Begründungsverhältnisses zu begreifen. Daß es dabei weder 'falsche' noch 'richtige', sondern allenfalls mehr oder minder angemessene Interpretationen geben kann, folgt aus der [...] Geschichtlichkeit der Verstehenskonstituenten und der damit zusammenhängenden Unabschließbarkeit der hermeneutischen Spirale. [...] Der Spiralbewegung entsprechend, unterliegt die Interpretation hinsichtlich ihrer Hypothesenbildung diesbezüglich einem Mechanismus der Selbstkorrektur. Daß dieses Verfahren stets dem roten Faden eines spezifischen Erkenntnisinteresses folgen und man dementsprechend bei der Behandlung der Interpretationsaspekte nicht methodenpluralistisch-additiv, sondern durchaus selektiv vorgehen sollte, versteht sich von selbst." (S. 362f.)

Jürgen Bolten: Die Hermeneutische Spirale. Überlegungen zu einer integrativen Literaturtheorie, in: Poetica 17 (1985), H. 3/4.


Quelle: http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/hermeneutik/hzirkel.htm



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10. Hermeneutische Differenz



Quelle: http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/hermeneutik/hermdif.htm

Der Ausdruck 'hermeneutische Differenz' oder auch 'Distanz' macht auf ein Grundproblem aller sprachlichen Kommunikation wie auch der reflektierten Interpretation aufmerksam: Das was verstanden bzw. gedeutet werden soll, ist zunächst fremd, abständig, distanziert, und muß erst im Verstehens- bzw. Deutungsakt 'angeeignet' werden.

Dabei sind graduelle Unterschiede sehr erheblich: In der eingelebten Alltagskommunikation wird die hermeneutische Differenz nicht oder nur punktuell, im Falle einer Störung bewußt. Deshalb ist, wie schon der Philosoph Schleiermacher bemerkte, bei "Wettergesprächen" in der Regel keine Hermeneutik nötig (die Differenz gleich Null). Am anderen Extrem ist keine Hermeneutik möglich, wo die Differenz unendlich wird: etwa bei einer Äußerung in einer mir völlig unbekannten Sprache. Hermeneutik findet demnach, einer berühmten Formulierung von Hans-Georg Gadamer folgend, "zwischen Fremdheit und Vertrautheit" statt: "In diesem Zwischen ist der wahre Ort der Hermeneutik." (S.279)

In literaturwissenschaftlicher Sicht sind drei verschiedene Varianten oder Komponenten der hermeneutischen Differenz von besonderem Gewicht. Zunächst die linguistische Differenz: Verstehen und Auslegung setzten die Zugehörigkeit zur Sprachgemeinschaft der jeweiligen Äußerung bzw. die spezifische Sprachkompetenz voraus. Deshalb ist die Übersetzung von Werken in eine andere Sprache einerseits Voraussetzung der Interpretation, aber auch selbst schon ein interpretierender Akt.

Sodann die historische Differenz. Sie gerät oft als erste in den Blick und bringt erhebliche Schwierigkeiten für Textverständnis und Interpretation dar: Jeder einmal fixierte Text altert unaufhaltsam - die historische Differenz zwischen ihm und dem (gegenwärtigen) Interpreten wächst also. Verständnisschwierigkeiten entstehen in sprachlicher Hinsicht (z.B. veraltete Wörter und Ausdrucksformen, Bedeutungsveränderungen) wie in sachlicher (z.B. erklärungsbedürftige Fakten, Namen, Zusammenhänge). Diese Erklärungen bereitzustellen ist traditionell Aufgabe des philologischen Kommentars.

Schließlich ist, besonders für die literaturwissenschaftliche Hermeneutik, auch eine poetologisch/rhetorische Differenz zum üblichen Sprachgebrauch relevant: die Tatsache also, daß besonders (aber nicht nur) dichterische Texte 'künstliche' Ausdrucksformen, z.B. rhetorische Mitteln benutzen. Deren Funktion und Bedeutungspotential muß erkennen, wer den Text verstehen und angemessen interpretieren will.

Vielfach spielen diese Differenz-Komponenten ineinander: So muß etwa der Text der Bibel aus dem Hebräischen bzw. Griechischen ins Deutsche übersetzt werden, um dort zur Textgrundlage einer theologischen Hermeneutik zu werden, die dann auch die inhaltlichen Verstehensprobleme bearbeiten kann und eine spezifisch protestantische Auslegung ermöglichen. Dabei sind auch die sprachlichen, peotologischen und rhethorischen Mittel des Textes zu beachten. So benutzt etwa das biblische Hohe Lied eine ausgeprägte erotische Metaphorik, die jedoch auf religiöse Sachverhalte verweist und deshalb angemessen ausgelegt werden muß.

Wilhelm Dilthey glaubte noch, in einem Akt der Einfühlung die hermeneutische Differenz überspringen und unmittelbares Verstehen gewinnen zu könnnen. Seit Gadamer hat sich jedoch eine Auffassung durchgesetzt, die den "Abstand der Zeit als eine positive und produktive Möglichkeit des Verstehens" nutzbar zu machen und "immer auch [...] die geschichtliche Situation des Interpreten" zu reflektieren (S.280f.). Die Einsicht in diese historische Gebundenheit nicht nur des zu verstehenden Textes, sondern auch des jeweiligen Verstehens selbst öffnet - Gadamer zufolge - die Dimension der Wirkungsgeschichte.

Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik, 3. Aufl. Tübingen 1972.


Quelle: http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/hermeneutik/hermdif.htm



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11. Literatur zum Thema


Alexander, Werner: Hermeneutica generalis. Stuttgart 1993.

Apel, Karl-Otto (u.a.): Hermeneutik und Ideologiekritik. Frankfurt am Main 1971.

Betti, Emilio: Die Hermeneutik als allgemeine Methodik der Geisteswissenschaften. Tübingen 1962.

Birus, Hendrik (Hg.): Hermeneutische Positionen. Schleiermacher, Dilthey, Heidegger, Gadamer. Göttingen 1982.

Bubner, Rüdiger (u.a.) (Hg.): Hermeneutik und Dialektik. Festschrift für Hans-Georg Gadamer. Tübingen 1970.

Bühler, Axel (Hg.): Unzeitgemäße Hermeneutik. Verstehen und Interpretation im Denken der Aufklärung. Frankfurt am Main 1994.

Davidson, Donald: Wahrheit und Interpretation. Frankfurt am Main 1986.

Dilthey, Wilhelm: Die Entstehung der Hermeneutik. In: Ges. Schriften, Bd. 5. Stuttgart (u.a.) 1957.

Droysen, Johann Gustav: Historik. Vorlesungen über Enzyzlopädie und Methodologie der Geschichte. München 1937.

Gadamer, Hans-Georg: Wahrheit und Methode. Frankfurt am Main 1960.

Gadamer, Hans-Georg / Boehm, Gottfried (Hg.): Seminar: Philosophische Hermeneutik. Frankfurt am Main 1979.

Grondin, Jean: Einführung in die philosophische Hermeneutik. Darmstadt 2001.

Heidegger, Martin: Sein und Zeit. Halle 1927.

Ineichen, Hans: Philosophische Hermeneutik. Freiburg (u.a.) 1991.

Jung, Matthias: Hermeneutik zur Einführung. Hamburg 2001.

Lenk, Hans: Philosophie und Interpretation. Frankfurt am Main 1993.

Nassen, Ulrich (Hg.): Klassiker der Hermeneutik. Paderborn (u.a.) 1982.

Pöggeler, Otto: Heidegger und die hermeneutische Philosophie. Freiburg (u.a.) 1983.

Ricoeur, Paul: Zeit und Erzählung. 3 Bde. München 1988-1991.

Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst: Hermeneutik und Kritik mit besonderer Beziehung auf das Neue Testament. Berlin 1838.

Scholz, Oliver R.: Verstehen und Rationalität. Untersuchungen zu den Grundlagen von Hermeneutik und Sprachphilosophie. Frankfurt am Main 22001.

Seiffert, Helmut: Einführung in die Hermeneutik. Die Lehre von der Interpretation in den Fachwissenschaften. Tübingen 1992.

Vattimo, Gianni: Jenseits der Interpretation. Frankfurt am Main 1997.




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12. Links zum Thema


http://www.stangl-taller.at/ARBEITSBLAETTER/

http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/hermeneutik/main.html

http://buecherei.philo.at/herm.htm

http://www.capurro.de/forschun.htm#Hermeneutik

http://www.ai.mit.edu/people/jcma/papers/1986-ai-memo-871/tableofcontents3_1.html

http://www.mac.edu/~rpalmer/compendium.html



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13. Begriffe der Einheit

Reflexion
Kritik
Mainstream
Malestream
Allegorie
Analogie
Induktion
Deduktion
Kanon
Topos
Utopie
hermeneutische Differenz



Topos, 'feste Wendung, Bild' (< 20 Jh.). Entlehnt aus gr. tópos, eigentlich 'Ort, Stelle'. Zunächst so bezeichnet als 'die Orte, an denen man bestimmten Redeschmuck finden kann'; dann metonymisch übertragen auf die Redefiguren selbst. [siehe > Utopie]
(Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Walter de Gruyter, Berlin - New York 1999)


Utopie [griech.], ein dem Kunstwort "Utopia" ("Nirgendort") im Titel von T.Mores Staatsroman "De optimo reipublicae statu deque nova insula Utopia" (1516) nachgebildeter Begriff zur Erfassung 1. einer die Realitätsbezüge ihrer Entwürfe bewusst oder unbewusst vernachlässigenden Denkweise sowie 2. einer literar. Denkform, in der Aufbau und Funktionieren idealer Gesellschaften und Staatsverfassungen eines räumlich und/oder zeitlich entrückten Orts, oft in Form fiktiver Reiseberichte, konstruiert werden. Bevorzugte Gattungen der literar. Utopie ist der utop. Roman (Zukunftsroman), in dem meist ein in den Augen des Verfassers ideales Gegenbild zu den sozialen, polit. und wirtschaftl. Verhältnissen der jeweiligen Gegenwart entworfen wird. Als Vorbild gilt Platon ("Politeia", etwa 374 v.Chr.), ihm folgten u.a. T.More, T.Campanella ("Sonnenstaat", 1623), F.Bacon ("Neu-Atlantis", hg. 1627), J.Schnabel ("Insel Felsenburg, 1731-43), J.Swift (Des Capitains Lemuel Gulliver Reisen ...", 1726), Louis Sébastian Mercier ("Das Jahr 2440. Ein Traum aller Träume", 1771), É.Cabet ("Reise nach Ikarien", 1842) und Edward Bellamy ("Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf das Jahr 1887", 1888). Die techn.-naturwissenschaftl. Entwicklung im 19.Jh. bildete den Hintergrung zu der mit J.Verne einsetzenden Sciencefiction. Im 20.Jh. überwiegen die Antiutopien, in denen die Schreckensvisionen einer totalitär beherrschten Gesellschaft dargestellt werden, u.a. J.I. Samjatin ("Wir", frz. 1924, russ. 1952), A.Huxley ("Schöne neue Welt", 1932), G.Orwell ("1984", 1949), S.Lem ("Der futurolog. Kongreß", 1972).
(c) Lexirom / Meyers Lexikonverlag 1997.



Nachlese Politsche Theorien - Hermeneutik


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onlinereihe: geschichte des politischen denkens





Die "Nachlesen" zur Vorlesung "Politische Theorien" sind im Wintersemester 2002/2003 entstanden. Die Nachlesen bilden einen guten Einstieg in Themen und Problemstellungen der politischen Theorie. Vielen Dank an den Autor der meisten Nachlesen, Albert Kraler.

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