Dr. Eva Kreisky, Institut für Politikwissenschaft - Universität Wien

Nachlese Politsche Theorien - Ideologie - Ideologiekritik



Thesen, Themen und Materialien zur siebten Vorlesungseinheit vom 21.11.2002



Ideologie - Ideologiekritik


"Ideologische Meinungen sind ja nicht einfach [...] falsche Theorien. Dies um so weniger, als ja sogar wahre Aussagen ideologisch verwendet werden können. [...] Die Wahrheit der Ideologie (das heißt: die wahre Erfüllung des ihrer Herstellung zugrundeliegenden Interesses) ist die falsche Praxis. Eine Theorie, die unfähig bleibt, falsche Praxis einzuspuren oder aufrechtzuerhalten, ist mithin keine 'wahre Ideologie', sondern nur eine wahre oder falsche Theorie; freilich, gleich ob sie wahr oder falsch ist, eine falsche aus der Perspektive des Ideologie-Produzenten. Was nichts nutzt, ist unwahr."
Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen II, C.H. Beck, München 1995 [1980], S.190-191

[Nachlese von Thomas Iacopino
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Inhalt:

1 Überblick

  1.1 Zur Geschichte des neuzeitlichen Ideologiebegriffs

  1.2 Francis Bacon

  1.3 Die Ideologenschule

  1.4 Marx und Engels

  1.5 Ideologiekritik im 20. Jahrhundert

2 Links zum Thema

3 Begriffe der Vorlesung




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1 Überblick


Diese Nachlese gibt einen groben Überblick über die verschiedenen Ideologiebegriffe, die für den Ansatz der Idoeologiekritik relevant sind. Weiterführend sei auf die Links dieser Nachlese verwiesen, sowie auf die 8. Einheit, die sich mit dem Ideologiebegriff Althussers & der Cultural Studies beschäftigt und die 11. Einheit, welche den Ansatz der Ideologiekritik am Beispiel des Themas "Gerechtigkeit" erläutert.


Die Ideologiekritik ist, wie die Hermeneutik oder die Diskursanalyse, ein Interpretationsansatz der Humanwissenschaften.

Die Ideologiekritik geht davon aus, dass die Wahrnehmung der gesellschaftlichen Realität durch Ideologien verdeckt wird. Der Ansatz der Ideologiekritik will somit den Blick für die "wahren" Verhältnisse frei machen, indem er die verblendende Ideologie als solche benennt.

Die praktische Ideologiekritik könnte also wie folgt aussehen:
Ein Text wird auf seine Interessensgeleitetheit hin befragt und diese, oftmals verborgenen und nicht klar ausgesprochenen Interessen, werden sichtbar gemacht.
So können z.B. Parteiprogramme ideologiekritisch analysiert werden, indem "hinter" den Programmpunkten die Absichten oder Interessen erkannt und aufgezeigt werden.

Der Ideologiebegriff, den der Ansatz der Ideologiekritik voraussetzt, ist ein negativer: Im Sinne Bacons als "Irrung" oder "Täuschung" des Geistes, im Sinne Napoleon Bonapartes als "unnützer und praxisfremder" Begriff, im marxistischen/neomarxistischen Sinne als "falsches Bewusstsein" verstanden.
Dieser Begriff der Ideologie trägt die Bacon'sche Hoffnung in sich, dass es ein Wissen ohne Irrtum und Trugbilder geben könne. Die Ideologie ist in dieser Sichtweise die Grenze, hinter der sich die Wahrheit befindet.
Etwas überspitzt formuliert: Wahrheit wird nicht als Produkt von Wissenschaft verstanden, sondern als "bereits vorhandene" Wahrheit, die lediglich durch gesellschaftliche oder ökonomische Determinanten verschüttet wurde.

Die Position der Ideologiekritk wäre somit "ausserhalb" der Produktion von Wahrheit angesiedelt. Die Macht liegt in dieser Sichtweise bei "jenen" die die Wahrheit verschleiern, die Ideologiekritik sieht sich auch in diesem Punkt nicht eingebunden in die Macht, sondern wiederum "ausserhalb" stehend.


Es zeigt sich somit bereits, dass der Ansatz der Ideologiekritik von der Bedeutung des Ideologiebegriffs abhängt. Der Ideologiebegriff selbst ist aber keineswegs eindeutig zu definieren. Seine Bedeutung ändert sich einerseits in der Wertung, dh. eher negativ oder neutral besetzt, andererseits in der Bedeutung selbst, etwa im Sinne der Ideologenschule als "Lehre der Ideen".

Der Begriff der Ideologie steht heute alltagssprachlich für das Denk-, Wertungs- und Normensystem einer Gesellschaft. Im pejorativen Sinne wird unter Ideologie Weltfremdheit und Dogmatismus verstanden. Gesellschaftliche Probleme werden auf wenige Ursachen zurückgeführt und demgemäß "einfache" Lösungsvorschläge unterbreitet.

Um die Möglichkeiten und Grenzen des Ideologiekritischen Ansatzes zu verstehen, gilt es zunächst den Begriff der Ideologie zu klären. Ein nicht einfaches Unterfangen, denn der Begriff weist keineswegs eine einheitliche Bedeutung auf.

 

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1.1 Zur Geschichte des neuzeitlichen Ideologiebegriffs

Die Entstehung des "Ideologieproblems" ist historisch eng mit den Emanzipationsbestrebungen des frühen europäischen Bürgertums verbunden:

Mit dem Zerfall der mittelalterlichen Ständegesellschaft und der Erosion ihrer festen, religös fundierten Wert- und Legitimationsstruktuen sowie dem Aufblühen einer "neuen Wissenschaft" in der Renaissance richtete sich allmählich die Aufmerksamkeit auch auf soziale und politische Funktionen von Meinungen und Vorstellungen.

Parallel zur Entwicklung der kapitalistischen Geld- und Marktwirtschaft gingen auch Zirkulation und Austausch von (politischen) Ideen einher.

Bildung (bislang Privileg von Priestern und Mönchen) wurde säkularisiert und von einer neuen humanistischen Gelehrtenschicht getragen.

Naturwissenschaftliches Denken als systematisches, auf Empirie gegründetes Erkennen erhielt gegenüber scholastischen Spekulationen den Vorrang.

Das Verhältnis von Theorie und Praxis gestaltete sich nun völlig neu: Theorie und Kontemplation hatten in der griechischen und mittelalterlichen Philosophie einer menschlicher Praxis überlegenen Sphäre angehört. Nunmehr aber wurden sie (auch) auf ihren praktisch verwertbaren Erkenntnisgehalt hin befragt.

Die metaphysischen Tendenzen der Philosophie stießen nun vermehrt auf Skepsis. Die Trübung des Denkens durch "Idole" wurde thematisiert und kritisiert: Da "wahre Erkenntnis" als durch Trugschlüsse und Idole verstellt wahrgenommen wurde, galt es zunächst, diese Trugbilder zu erkennen, um sie vermeiden zu können.

 


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1.2 Francis Bacon


Francis Bacon (1561 -1626) forderte im "Novum Organum" (1620) eine vorurteilsfreie, auf Erfahrung gegründete Wissenschaft. Scharf kritisierte er daher "Götzenbilder und falsche Begriffe", die den Geist "besetzt" halten, so daß "die Wahrheit nur schwer einen Zutritt findet".
Bacon stellt im Novum Organon vier "Idole" als Quelle menschlichen Irrtums vor:

Idola tribus: Trugbilder des menschlichen Stammes. Irrtümer, zu die uns die menschliche Natur verführt. Umschrieben werden kann das einfach mit "Irren ist menschlich" oder "Wir sehen, was wir sehen wollen".
Idola specus: Trugbilder der Höhle. Zu dieser Bezeichnung gelangt Bacon in Anlehnung an Platons Höhlengleichnis. Irrtümer, die aus der Lage und Verfasstheit des einzelnen Individuums entstehen.
Idola fori: Trugbilder des Marktes. Irrtümer, die aus dem "Zwischenmenschlichen" hervorgehen - also gesellschaftliche Trugbilder. Auch und gerade die Sprache wird hier als "Fehlerquelle" erkannt.
Idola theatri: Trugbilder des Theaters. Irrtümer, die aus den überlieferten Lehrsätzen entstehen. Nicht die Wissenschaft, sondern die Fabel oder das Theaterstück setzen sich durch.
Menschliche Irrtümer haben also, laut Bacon, vier Quellen: Die Gattung, das Individuum, die Gesellschaft, die Tradition.


Bacons "Idolenlehre" bildet eine Vorstufe der Aufklärungsphilosophie. In der Bacon'schen Forderung nach einer verläßlichen wissenschaftlichen Methode des Forschens nach Wahrheit steckt bereits die Wendung zur praktischen Funktion von Theorie. Bacon hat der Aufklärungsphilosophie des 17. und 18. Jahrhunderts entscheidende Impulse gegeben.

 

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1.3 Die Ideologenschule

Der Begriff "Ideologie" wurde erst 1796 von Antoine Louis Claude Destutt de Tracy (1754-1836) als Bezeichnung für eine neue Wissenschaft von den Ideen gepägt. Destutt de Tracy gehörte mit E.B. de Condillac, P.J.G. Cabanis und A. Helvétius zu einer Gruppe von Philosophen, die auch als Ideologen bezeichnet wurden. Napoleon kritisierte die Ideologen seiner Zeit als Visionäre und Tagträumer. Diese kritische Charakterisierung der Ideologen ist der Ursprung einer bis heute verbreiteten negativen oder pejorativen Konnotation des Ideologiebegriffs.

Der Ideologiebegriff der Ideologenschule ist weit entfernt vom heutigen (negativen) Wortgebrauch. Ihr Ziel war über eine Wissenschaft der Ideen (Vorstellungen) eine Klassifikation der Welt zu erreichen. Zentraler Ausgangspunkt der Ideologie in diesem Sinne ist die Sprache - so ist es nicht verwunderlich, dass Destutt de Tracy sich in seinem vierbändigen Werk "Éléments d'idéologie" weniger mit Politik, als vielmehr mit Grammatik beschäftigte. Die Vorstellung der Ideologen sah das Denken als "Empfinden" an (dieser Auffassung diametral gegenüber steht das dualistische Konzept Kants, das sich gegenüber dem sensualistischen Modell durchsetzen wird).
Die Ideologen waren auch in das Projekt der alphabetischen Enzyklopädie (Encyclopédie, ou dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers) eingebunden.


 

 

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1.4 Marx und Engels

Der klassische Ideologiebegriff wird durch Marx und Engels geprägt. Der Ideologiebegriff hat in der Verwendung durch Karl Marx (1818 - 1883) und Friedrich Engels (1820 - 1895) bereits eine eindeutig kritisch-negative Bedeutung.

In den sog. "Frühschriften", insbesondere der "Deutschen Ideologie" (1845/46), entwickeln Marx und Engels ein Konzept von Ideologie als "falsches" Bewußtsein, das heißt der (ökonomischen) Wirklichkeit nicht entsprechend. Dieses "falsche Bewußtsein" täuscht die Individuen über ihre Lebensverhältnisse und lähmt ihre politische Kraft. Damit wird, reaktionslos, die Macht der herrschenden Klasse gestützt.

Ihre berühmte Definition: "Die Produktion der Ideen, Vorstellungen, des Bewußtseins ist zunächst unmittelbar verflochten in die materielle Tätigkeit und den materiellen Verkehr der Menschen, Sprache des wirklichen Lebens. Das Vorstellen, Denken, der geistige Verkehr der Menschen erscheinen hier noch als direkter Ausfluß ihres materiellen Verhaltens. [...] Wenn in der ganzen Ideologie die Menschen und ihre Verhältnisse wie in einer Camera obscura auf den Kopf gestellt erscheinen, so geht dies Phänomen ebensosehr aus ihrem historischen Lebensprozeß hervor, wie die Umdrehung der Gegenstände auf der Netzhaut aus ihrem unmittelbar physischen." (Karl MARX/ Friedrich ENGELS, Die deutsche Ideologie, Berlin 1953, S. 22)

Die Ideologien sind hier die falschen Vorstellungen, die der "materielle Verkehr" den Menschen eingibt.

Der Marxsche Ideologiebegriff hat drei Wurzeln:

+ Kritik an Hegels Staatsphilosophie (an Hegels Versuch, den Gegensatz von Vernunft und Wirklichkeit mittels des philosophischen Begriffs aufzuheben)

+ Kritik an Feuerbachs Anthropologie (an Feuerbachs Reduktion der religiösen Vorstellungswelt auf das Wesen des Menschen, das es als abstraktes, von gesellschaftlichen Prozessen losgelöstes eben nicht gibt)

+ Kritik an der klassischen Nationalökonomie (an der Arbeitswerttheorie von Adam Smith und David Ricardo, in der die ökonomischen Formen des Kapitalismus als Naturformen menschlicher Produktion verstanden werden)

Der Hegelianismus galt Marx als die höchste Form idealistischen Denkens. Er wollte daher mit seiner Kritik den illusionären Charakter einer bloß "theoretischen Revolution" aufzeigen, die sich nach vollzogener Kritik an begrifflichen Konstrukten "zur Ruhe begibt". Die Ideologiekritik kann also nicht mit der blossen Erkenntnis des "falschen Bewußtseins" beendet sein, sondern muss auch an den gesellschaftlichen/ökonomischen Ursachen rütteln.

Zugleich wollte Marx die Notwendigkeit der idealistischen Theoreme und ideologischen Begriffskomplexe aus den gesellschaftlichen Verhältnissen, im speziellen aus den deutschen Zuständen erklären.

Geschichte erscheint bei Hegel als ein Werk von Ideen ("Weltgeist") und nicht als Ergebnis konkreten Handelns von Menschen. Diese Verkehrung im Bewußtsein der deutschen Ideologen ist für Marx theoretischer Ausdruck einer realen Verkehrung in der kapitalistischen Warengesellschaft:

· In ihr haben sich Produktion und Reproduktion materiellen Lebens - im Verhältnis zu den Bedürfnissen der Menschen - verselbständigt. Die von den Menschen erzeugten Dinge werden im Tauschprozeß zu selbständigen Dingen ("Waren"), die einen von der Tätigkeit der Menschen losgelösten Wert haben.

· Die Gesetze des Marktes erscheinen als naturhafte Gewalten, hinter denen sich freilich gesellschaftliche Machtverhältnisse verbergen.

· Die Wertform der Waren wird nicht Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse, sondern als Eigenschaft der Dinge erfahren ("Fetischisierung" der Warenwelt). In Analogie werden die Produkte menschlichen Denkens (Ideen) zu selbständigen Mächten verdinglicht, die die Geschichte zu lenken scheinen.

Die Marxsche Ideologiekritik besteht nun darin, die fetischisierten ökonomischen Formen und die scheinbar autonomen Ideen auf ihren spezifisch menschlichen, d.h. gesellschaftlichen, Ursprung hin zu analysieren. Sie geht davon aus, daß allein Menschen Träger der historischen Entwicklung sein können. Diese Zusammenhänge zu durchschauen, anzuprangern (und damit auch schon politisch zu bekämpfen) heißt im Sinne von Marx und Engels Ideologiekritik zu betreiben.

In der Theorie der Ideologien erscheint die marxistische Theorie wenig konsistent. So haben etwa Lenins und Marx' Definition von Ideologie kaum etwas miteinander zu tun. Für Lenin waren Ideologien Ideensysteme bzw. Theorien, die die Protagonisten des Klassenkampfs für ihre Zwecke benutzen. Das hat mit der Marxschen Definition wenig gemeinsam.


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1.5 Ideologiekritik im 20. Jahrhundert

Das Konzept der Ideologiekritik wird im 20. Jahrhundert von zahlreichen westeuropäischen Neomarxisten aufgenommen; so von Ernst Bloch (Geist der Utopie, 1918), von Georg Lukács (Geschichte und Klassenbewußtsein , 1923) und von den Begründern der sog. "Frankfurter Schule", Max Horkheimer und Theodor W. Adorno (Dialektik der Aufklärung, 1945), dem Mitglied der "Frankfurter Schule" Herbert Marcuse (Beiträge zur Phänomenologie des Historischen Materialismus, 1928). Die "Kritische Theorie" hat auf Grund der historischen Erfahrungen mit einer "totalen" Ideologie und einer totalitären gesellschaftlichen Entwicklung den Maßstab ihrer Ideologiekritik nur noch aus der Negation des bestehenden Verblendungszusammenhanges zu gewinnen vermocht. Über die neomarxistische "Kritische Theorie" wurde Ideologiekritik - besonders durch Jürgen Habermas, seinerseits "Schüler" der "Frankfurter Schule", um 1968 auch in die Hermeneutik-Debatte eingeführt.


Nach 1945 gab es einen starken Trend gegen jede Art der Ideologisierung im Sinne einer umfassenden Weltanschauung. Der "kritische Rationalismus" wandte sich gegen die Ausweitung und Übertragung von wissenschaftlich oder sonstwie begründeten Teilaussagen auf die gesamte Lebenswelt (Karl R. Popper, H. Albert). Die Skepsis gegenüber politischen Programmatiken nahm deutlich zu, so wurde das "Ende der Ideologien" (Shils, Bell) beschworen.


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2. Links zum Thema:

 

Eva Kreisky über den Verschleiß des Utopischen im 20. Jahrhundert:
http://www.oezp.at/oezp/aktuell/2000_1.htm

Ideologiekritik in der Literaturwissenschaft:
http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/hermeneutik/ideologiekritik.htm

Ideologie/Ideologiekritik in der Semiotik:
http://www.uni-kassel.de/fb8/privat/noeth/handbuch/VII/VII5IDEO.DOC

Bacon's "Novum Organum":
http://www.constitution.org/bacon/nov_org.htm
Bacon "Essays":
http://darkwing.uoregon.edu/~rbear/bacon.html


Über Destutt de Tracy:
http://cepa.newschool.edu/het/profiles/tracy.htm

Destutt de Tracy "Éléments d'idéologie I":
http://gallica.bnf.fr/Fonds_Frantext/T0088155.htm

Einführender Text zur Enzyklopädie:
http://www.geocities.com/tillbergner/dde.html

Friedrich Nietzsche [Texte - Übersicht]:
http://www.gutenberg2000.de/autoren/nietzsch.htm

Rezension über Hyondok Choe's "Ideologie. Eine Geschichte der Entstehung des gesellschaftskritischen Begriffs":
http://iasl.uni-muenchen.de/rezensio/liste/ertler.htm

Karl Marx-Friedrich Engels "Die deutsche Ideologie":
http://www.mlwerke.de/me/me03/me03_009.htm

Jürgen Habermas "Hermeneutische und analytische Philosophie - Zwei
komplementäre Spielarten der linguistischen Wende":
http://www.radiobremen.de/online/habermas/hermeneutik.pdf



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3. Begriffe der Vorlesung


Pejorativ
Fetisch
Determination
Materialismus

Privileg
Idol
Wahrheit
Fabel
Enzyklopädie
Verblendung
Sensualismus

Exemplarische Begriffserklärung:


Wahrheit (englisch truth, französisch vérité, griechisch aletheia, lateinisch veritas), die Übereinstimmung einer Aussage oder eines Gedankens mit der Wirklichkeit oder einem durch Konventionen und Normierung festgelegten Regelwerk, etwa dem der Mathematik ("zwei und zwei ist vier"). Gemeinhin wird als wahr all das angesehen, was dem Satz "Diese Aussage ist falsch" widerspricht. Danach ist ein Satz oder auch ein Gedanke dann wahr, wenn er einen Sachverhalt formuliert, der tatsächlich besteht. Diese Auffassung von Wahrheit wird als Korrespondenztheorie der Wahrheit bezeichnet. Der Wahrheitsbegriff der Korrespondenztheorie entspricht auch dem alltagssprachlichen Verständnis von Wahrheit. In der Philosophie ist diese Definition allerdings nicht unumstritten. So wurde dagegen vor allem im 19.Jahrhundert eingewandt, dass unklar bleibe, wie die Übereinstimmung (das Korrespondenzverhältnis) zwischen Aussage und Gegenstand zu verstehen sei.
Wahr sein können nur Aussagen, die sprachlich in Form von Sätzen erscheinen. Den Gehalt dieser Aussagen bzw. Sätze nennt man Proposition. Einzelne Ausdrücke können weder wahr noch falsch sein. Vergleiche hierzu auch analytische Philosophie und Sprachphilosophie.

Wahrheitskriterien
Im Zentrum philosophischer Wahrheitstheorien steht die Suche nach hinreichenden Wahrheitskriterien. Dabei geht es um die Frage, aufgrund welcher Dispositionen wahre und falsche Aussagen unterschieden werden können. Folgende Kriterien kommen in Betracht: a)Die Übereinstimmung (Konsens) einer Gemeinschaft (von Experten oder auch von Laien), die darüber entscheidet, was in dieser Gemeinschaft jeweils für wahr und falsch gehalten wird. b)Die praktische Nützlichkeit einer als wahr behaupteten Ansicht. Danach ist eine Aussage über einen Sachverhalt wahr, wenn die Annahme sich im Umgang mit diesem Sachverhalt als erfolgreich erweist. Nützlich, gut und wahr werden somit zu synonymen Begriffen, eine Position, die etwa die Tugendlehre des Sokrates bestimmte. Heute wird diese Position vor allem von der Philosophie des Utilitarismus vertreten. c)Der innere Zusammenhang (Kohärenz) eines Gesamtsystems von Aussagen. Eine einzelne Aussage, die ein Element im Zusammenhang mehrerer Aussagen darstellt, ist demnach wahr, sofern sie mit anderen Elementen zusammenstimmt und sich widerspruchslos in das Gesamtsystem der Aussagen einfügt. d)Die intuitive Evidenz einer Aussage (siehe Intuition). Demzufolge ist die Wahrheit einer Aussage darin begründet, dass sie dem gesunden Menschenverstand unmittelbar einleuchtet und plausibel ist (Common sense). Eine solche Evidenz wird vor allem bei Aussagen über unmittelbar wahrnehmbare Ereignisse (so genannte Beobachtungssätze) sowie bei mathematischen Grundsätzen (siehe Axiomen) und Schlussfolgerungen in Anspruch genommen (siehe Logik).
Gegen jedes Kriterium können jedoch plausible Einwände erhoben werden. a)So spricht gegen den ersten Wahrheitsbegriff, dass ein Konsens zwischen den Mitgliedern einer Gemeinschaft durchaus auf einem Irrtum beruhen kann. Der Konsens sagt noch nichts über die objektive Wahrheit einer Aussage aus. Dies heißt, dass aufgrund einer übereinstimmenden Ansicht nur darüber entschieden ist, dass etwas jeweils für wahr gehalten wird, nicht aber auch darüber, ob der jeweils behauptete Sachverhalt tatsächlich besteht. Dieser Einwand wird vor allem von Vertretern des Empirismus erhoben. b)Gegen den Aspekt der Nützlichkeit als Wahrheitskriterium spricht die Tatsache, dass sicherlich auch Irrtümer und Täuschungen nützlich sein können, und nicht auszuschließen ist, dass auch fehlerhafte Ansichten zu erfolgreichem Handeln führen. Dieser Einwand wurde bereits von Platon vorausgesehen, der Sokrates in seinen Dialogen den Beweis antreten lässt, dass was falsch ist, nicht nützlich sein kann und umgekehrt. c)Die Kohärenz eines Aussagensystems ist als Wahrheitskriterium deshalb nicht geeignet, weil es zu jedem in sich schlüssigen SystemA von Aussagen ein alternatives, ebenfalls kohärentes SystemB geben kann, das sich zwar auf denselben Gegenstand bezieht, aber zugleich mit SystemA unverträglich ist, so dass dann mehrere Wahrheiten nebeneinander bestünden. d)Gegen das Kriterium der Evidenz spricht, dass es sich gerade im Bereich der Intuition auch um Täuschungen handeln kann.
Offenbar liegt die Problematik bei der Auffindung von Wahrheitskriterien darin, dass man bei jedem Kriterium entweder auch die Möglichkeit von Irrtümern bzw. Täuschungen einräumen muss, oder aber die Kriterien sich ebenso wenig eindeutig feststellen lassen, wie dies auf den Begriff der Wahrheit selbst zutrifft. Aus diesen Gründen herrscht in der Philosophie die Auffassung vor, dass man keine allgemeinen Wahrheitskriterien angeben kann, sondern die obigen Kriterien als sichere Kennzeichen von wahren Aussagen zu verstehen sind.
Aus den mit einer allgemeinen Definition von Wahrheit verbundenen Schwierigkeiten zog der deutsche Mathematiker und Philosoph Gottlob Frege den Schluss, dass der Begriff der Wahrheit ein einzigartiger und undefinierbarer Grundbegriff unserer Erkenntnis ist (siehe Erkenntnistheorie). Frege wendet sich auch gegen eine Korrespondenztheorie der Wahrheit. Nach seiner Auffassung ist unter Wahrheit vielmehr eine Eigenschaft zu verstehen, die einem Gedanken kraft seiner Beziehung auf die Wirklichkeit zukommt.

Verfasst von:
Jörg Hardy

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onlinereihe: geschichte des politischen denkens





Die "Nachlesen" zur Vorlesung "Politische Theorien" sind im Wintersemester 2002/2003 entstanden. Die Nachlesen bilden einen guten Einstieg in Themen und Problemstellungen der politischen Theorie. Vielen Dank an den Autor der meisten Nachlesen, Albert Kraler.

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