Dr. Eva Kreisky, Institut für Politikwissenschaft - Universität Wien

Nachlese Politsche Theorien - Universalismus, Partikularismus, Eurozentrismus und Androzentrismus



Thesen, Themen und Materialien zur vierten Vorlesungseinheit vom 31.10.2002



Universalismus, Partikularismus, Eurozentrismus und Androzentrismus



1. Universalismus
2. Partikularismus und Universalismus
3. Konkrete Partikularismen - Eurozentrismus, Androzentrismus, Sexismus, Rassismus
4. Sind europäische Geisteswissenschaften eurozentristisch? Drei exemplarische Kontroversen - Saids Orientalism, Bernals Schwarze Athene und Amins Eurocentrism
5. Androzentrismus
6. Literaturtipps
7. Begriffe zur Vorlesung





1. Universalismus

___ Die Frage von Universalität, universeller Geltung und Universalismus sind von zentraler Bedeutung nicht nur für die Politikwissenschaft (siehe ausführlich zum Begriff die Rubrik Begriffe zur Vorlesung). Gleichzeitig erscheint es zunächst nicht gerade einfach, "sicher" durch verschiedene Begriffsdefinitionen von "Universalismus" und damit verbundenen Konzepten hindurchzunavigieren. Verweist der Begriff in soziologischer Lesart hauptsächlich auf Talcott Parsons und dessen strukturfunkionalistische Systemtheorie (dort erscheint Universalismus im Gegensatz zu Partikularismus und bezeichnet die Handlungsorientierung des Individuums), so ist er in der Volkswirtschaftslehre als Bezeichnung für eine bestimmte Theorierichtung bekannt, die vom österreichischen Philosoph, Soziologen, Nationalökonom und erbitterten Gegner Hans Kelsens, Othmar Spann, begründet wurde, an die katholische Soziallehre angelehnt war und eine ständische Sicht der Gesellschaft propagierte (er ist ein gutes Beispiel für die dominante Strömung des politischen Katholizismus in Österreich bzw. überhaupt für die innerhalb der katholischen Kirche - und des katholischen Lagers - dominierende konservative und antimodernistische Strömungen in der ersten Hälfte des 20.Jh)

___ Für die Politikwissenschaft stellt sich das Problem der Unversalität/ des Universalismus - abseits von bestimmten Theoriekonnotationen - in zweifacher Weise:

A) Universalismus als allgemein wissenschaftstheoretisches- bzw. erkenntnistheoretisches Problem
Wissenschaft beruht grundsätzlich auf einen universellen Geltungsanspruch. Das heißt, wissenschaftliche Aussagen heben sich von bloßen Meinungen ab, indem sie nicht nur "heute" und "hier" verständlich, nachvollziehbar und im Idealfall gültig sind, sondern dies auch morgen noch tun. Es ist also damit auch ein gewisser "Wahrheitsanspruch" verbunden. "Universelle Geltung" kann dabei verschiedenes bedeuten:

- Universelle Geltung einer Theorie/ einer konkreten Aussage:

- Die Aussage "Die Kernfamilie, bestehend aus Mann, Frau und Kind(ern) ist die kleinste und die fundamentalste soziale Einheit" (ähnliche Aussagen in bezug auf Familie - allerdings nicht die "Kernfamilie" - tätigten etwa Aristoteles und Jean Bodin) kann leicht als ideologisch bzw. historisch bedingt dechiffriert werden, man/frau braucht nur an die historisch unterschiedlichen Bedeutungen von "Familie", die verschiedenen Kontexte, in denen Familie vorkommt (als Produktions- und Reproduktionseinheit in der Antike, reduziert auf die Reproduktionsfunktion in der Moderne...) zu denken. Zum zweiten ist die Aussage eine Definition, die zwar mehr oder weniger begründet bzw. plausibel, aber im Grunde nie falsch sein kann, weil sie zum dritten ein normatives Element enthält (d.h. man/frau kann die Aussage auch so lesen: es soll so sein, dass die Familie die kleinste und fundamentalste soziale Einheit darstellt).

- Seriöse wissenschaftliche Aussagen müssen daher immer die Bedingungen angeben, unter denen eine Aussage zutrifft und welcher Art die Aussage ist (ob sie analytischer oder normativer Natur ist, ob Kausalverhältnisse behauptet werden oder nur wahrscheinliche Zusammenhänge usw.). In diesem Sinn wird es nur auf einer sehr abstrakten Ebene sozialwissenschaftliche Theorien geben können, die auf jede Gesellschaft, unabhängig vom spezifischen Kontext anwendbar sind. Die Beobachtung, dass Menschen in direkter Kommunikation sich nicht nur sprachlich (linguistisch) untereinander verständigen, sondern auch mit ihren Körpern "sprechen" (Körpersprache) kann als solch eine universell gültige Behauptung angesehen werden. Welche Zeichen wie verwendet werden, ist dann freilich je nach kulturellem Kontext verschieden.

- Universell i.S. von nachprüfbar: Wenn auch nicht jede wissenschaftliche Aussage universell gilt (weil nicht alles beliebig verallgemeinerbar ist - wissenschaftliche Aussagen treffen meistens nur auf eine bestimmte und beschränkte Anzahl von Dingen/ Phänomenen zu), so ist doch auch bei Aussagen über etwas "Besonderes", über "partikulare" Verhältnisse immer der Anspruch damit verbunden, dass die getroffenen Aussagen zumindest nachvollziehbar sind, weil die innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft (Scientific Community) anerkannten Regeln und Methoden angewendet worden sind.


B) Universalismus als Problem praktischer Politik:

- Dabei geht es darum, ob "Handlungsregeln für Politik" (= Normen, moralische Grundsätze...) verallgemeinerbar sind, also den Anspruch auf universelle Gültigkeit erheben können oder nicht. Das dahinterstehende Problem ist recht alt und immer wieder haben Philosophen versucht, die Verallgemeinerbarkeit moralischer Grundsätze aus der "Natur" des Menschen bzw. aus der Vernünftigkeit der zu Debatte stehenden Grundsätze abzuleiten - zu den einflussreichsten Begründungsversuchen zählt derjenige von Immanuel Kant ("Kategorische Imperativ", ausgeführt in Metaphysik der Sitten), der sogenannte Utilitarismus (als Begründer gilt John Stuart Mill) und in neuerer Zeit John Rawls (mit einer vertragstheoretischen Begründung) und Jürgen Habermas (der eine "diskurstheoretische" Begründung entwickelt hat).

- In der sogenannten Kommunitarismusdebatte, die besonders in den Achtziger Jahren des 20.Jh. geführt wurde, kritisierten die sogenannten "Kommunitaristen" die von liberalen Theoretikern vorgeschlagenen Begründungsversuche als zu abstrakt und außerdem fehlgeleitet: Moral sei nicht etwas, das mit Hilfe rationaler Methoden "gefunden" oder "erfunden" werden könne und ausnahmslos für alle gelte, sondern immer die Moralvorstellungen einer konkreten Gesellschaft bzw. Gemeinschaft (engl. community - deshalb Communitarians, bzw. dt. Kommunitaristen). Eine mit rationalen Methoden gefundene Moral könne zudem selbst schwer über abstrakte Regeln hinausgehen. Dagegen verfügen konkrete Gesellschaften über ein dichtes Netz an moralischen Handlungsregeln, die den Ausgangspunkt für ethisch-normative Debatten darstellen sollten. Tatsächlich waren die Fronten weniger klar, als es hier in der gerafften Darstellung erscheinen mag. John Rawls etwa, der 1971 eine Theorie der Gerechtigkeit vorgelegt hatte und sie mit einer fiktiven Gesellschaftsvertragssituation theoretisch zu begründen suchte, gestand in späteren Schriften durchaus ein, dass seine Annahmen durchaus nicht so abstrakt waren, wie von ihm suggeriert, sondern seine Theorie sowie die Begründung (natürlich) auf liberaldemokratische Gesellschaften zugeschnitten waren, also in gewisser Weise auch aus diesen Gesellschaften bzw. noch konkreter, aus dem Kontext des amerikanischen "Linksliberalismus" kommt.

- Ein besonderer Fall des Geltungsanspruches universeller Normen stellen die Menschenrechte dar. Einerseits haben sie eindeutig ihren Ursprung in der westlichen Moderne. Ihr Ursprung kann bis in die christliche Naturrechtslehre zurückverfolgt werden.

In der "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte" der Vereinten Nationen von 1948 findet sich die heute wohl bekannteste Kodifizierung von Menschenrechten . Diese hatte ihre Vorläufer wiederum in der Virginia Bill of Rights von 1776 und der französische Déclaration des Droits de l'homme et du citoyen von 1789.

Andererseits waren die Menschrechte seit jeher mit einem universellen Geltungsanspruch verbunden (d.h. sie beanspruchen Gültigkeit für alle Menschen), auch wenn über weite Strecken der Geschichte große Teile der Bevölkerung bzw. der Menschheit nicht als Menschenrechtssubjekte wahrgenommen wurden (z.b. Afro-AmerikanerInnen, Indigene Völker, Kolonisierte). Nach dem zweiten Weltkrieg wurden sie in der Form von Deklarationen kodifiziert (wie der angesprochene Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen; darüber hinaus gibt es auch entsprechende Erklärung von Regionalorganisationen wie der Organisation für Afrikanische Einheit, OAU und anderen). Teilweise erlangten die Menschenrechte auch bindenden Charakter (z.B. in der Europäische Menschenrechtskonvention, EMRK). Sowohl die Existenz unverbindlicher Erklärung als auch verbindlicher Rechtsinstrumente auf internationaler Ebene ist ein starker Ausdruck dafür, dass die in diesen Dokumenten vorfindbare Minimalversion von Menschenrechten auf der internationalen Ebene als allgemein gültig, als universell akzeptiert wird, wenn auch mit gewissen Einschränkungen. Dennoch kommen von verschiedenen Seiten z.T. durchaus begründete Einwände eben gegen diesen universellen Geltungsanspruch. Sehr oft aber werden Einwände gegen Menschrechte aus einem politischen Kalkül heraus erhoben (wenn zum Beispiel Regime keine Demokratisierung zulassen wollen oder von Folter und willkürlichen Verhaftungen nicht absehen wollen; dies geschieht häufig unter der Berufung auf sogenannte "asiatische Werte" oder "afrikanische Traditionen", um nur zwei gängige Beispiele zu nennen). Umgekehrt werden diverse politische Handlungen auch mit dem Verweis auf Menschenrechte legitimiert (z.B. sogenannte "humanitären Interventionen" oder Handelsembargos gegen bestimmte Staaten - z.B. jenes der USA gegen Kuba)


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2. Partikularismus und Universalismus

- Der Wortbedeutung nach bedeutet "partikular" "einen Teil betreffend" und ein Partikularist demnach jemand, der sich auf ein Teil von etwas konzentriert, sich darum sorgt.

- Nach Talcott Parsons ist Partikularismus eine Wertorientierung, bei der sich das Individuum nicht - um es tautologisch zu formulieren -an universellen Werten (z.B- Menschenrechte, öffentliches Wohl....) orientiert, sondern eben an partikularen Werten, d.h. an den Werten seines konkreten Lebensumfeldes (z.B. das Wohl der konkreten Gemeinschaft, der Familie, Freunde....).

- Auch in der Frage der Universalität wissenschaftlicher bzw. der universellen Geltung normativer Aussagen (= ethisch/moralische Handlungsregeln) sind immer beide Pole - das Universelle und das Partikulare präsent.
Man kann sich das Verhältnis zwischen Universalismus und Partikularismen (um ganz abstrakt zu bleiben) vielleicht mit folgender Graphik vorstellen:



<U> ist eine Theorie oder Aussage mit universellem Geltungsanspruch, die sich auf jeweils partikulare (besondere) Bedeutungen bzw. Kontexte bezieht. Die einzelnen partikularen Elemente verbindet, dass die universelle Aussage/ Theorie einen gewissen Teil ihrer "Beschaffenheit" Ausdruck verleiht. In Hinsicht auf den Inhalt des Universalismus entsprechen sie sich. Es mag aber Elemente geben, die mit der universellen Aussage überhaupt nicht zu verbinden sind, weil sie z.B. außerhalb des Gegenstandes einer bestimmten, als universell angesehenen Satzes liegen (in der Graphik: Nicht-C).
Gleichzeitig ist das Einzelne immer mehr als das Ganze, weil es zusätzlich über besondere Eigenschaften verfügt, die in der universellen Aussage nicht berücksichtigt werden (In der Graphik: die einzelnen Elemente A, B, C... sind immer noch nicht gleichbedeutend mit U - der universellen Aussage). Der Satz "Alle Menschen sind gleich" ist ein Paradebeispiel für dieses vertrackte Verhältnis von Partikularem und Universellem. Es kann leicht gezeigt werden, dass jeder Mensch verschieden von seinem Mitmenschen ist, aber das wird gemeinhin nicht als Widerspruch zu dem (normativen) Satz verstanden. Am breitesten akzeptiert ist der Satz in der Form "Alle Menschen (meistens: BürgerInnen) sind vor dem Gesetz gleich", in dem Sinn, dass jede(r) BürgerIn prinzipiell die selben Rechte besitzt und in selber Weise Zugang zu Gerichten usw. hat. Auch hier kann gezeigt werden, dass der Zugang einzelner BürgerInnen zum Rechtssystem u.a. von seinem/ihrem sozialen Status/ der Ausbildung usw. abhängt, dass also Menschen auch in diesem eingeschränkten Sinn nicht völlig gleich sind. Der allgemeine Satz schaut also je nach Perspektive unterschiedlich aus, auch wenn immer noch ein gewisser universeller Gehalt bleibt, der zumindest erahnbar und daher auch immer wieder neu einforderbar ist (z.B. indem eine Reform des Rechtssystems gefordert wird, die den Zugang zu Rechtsmitteln für benachteiligte Gruppen erleichtert).

- Eine andere Dimension von Partikularismus gründet in der Feststellung, dass universelle Gesichtspunkte daran kranken, immer nur gewisse Aspekte zu betonen, mithin ungerechtfertigter Weise überzubetonen. Jede/r hat seine je eigene Lesart des Politischen und Kulturellen, die auch seine/ ihre Identität ausmachen: man/frau besitzt nicht nur eine, sondern komplexe, "multiple" Identitäten (z.B. geschlechtliche Identität, berufliche Identität, politische Identität, nationale Identität usw.). Der amerikanische Philosoph Michael Walzer beschreibt das in seinem Buch "Zivile Gesellschaft und amerikanische Demokratie" (Berlin 1982) so:

"Wenn ich mich sicher fühlen kann, werde ich eine komplexere Identität erwerben [...]. Ich werde mich selbst mit mehr als einer Gruppe identifizieren; ich werde Amerikaner, Jude, Ostküstenbewohner, Intellektueller und Professor sein. Man stelle sich eine ähnliche Vervielfältigung der Identitäten überall auf der Welt vor, und die Erde beginnt, wie ein weniger gefährlicher Ort auszusehen. Wenn sich die Identitäten vervielfältigen, teilen sich die Leidenschaften" (p.136.)


Abbildung 2: Multiple Identitaeten - Wir gehoeren gleichzeitig vielen Kategorien-Gruppen an: unsere Identitaeten sind immer mehrschichtig

- Der Gegensatz Universalismus/ Partikularismus ist durchaus nicht wertneutral, vielmehr ist er ideologisch belastet und tritt häufig in Verbund mit ähnlich konstruierten Gegensätzen auf, v.a. wenn es darum geht, ein idealisiertes Bild "des Westens" zu zeichnen:


Abb. 3: Universalismus - Partikularismus. Gegenueberstellung

Eine bekannte Neuauflage solcher kategorischer Zuschreibungen vertritt der amerikanische Politikwissenschaftler und -berater Samuel P. Huntington in seinem 1993 erstmals publizierten Werk "Kampf der Kulturen".
Die so getroffenen Zuschreibungen sind im einzelnen durchaus nicht erst neueren Datums, sondern haben ihrerseits eine lange ideengeschichtliche Tradition. Die Sichtweise, dass etwa Despotismus die Herrschaftsform der "Anderen" ist, kann bis in die griechische Antike zurückverfolgt werden.


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3. Konkrete Partikularismen - Eurozentrismus, Androzentrismus, Sexismus, Rassismus

- Unter Partikularismus werden auch solche Denkrichtungen/ Verhaltensmuster gefasst, die das Eigene über "das" Andere stellen, also die eigene, meist eindimensional verstandene Identität (Geschlecht, Nation, ethnische Gruppe, "Rasse" usw.) über alles andere Stellen. Partikularismen müssen allerdings nicht manifest auftreten (wie im Rassismus, der offen andere als minderwertig sieht oder im Sexismus, wo Frauen offen Beleidigungen oder Diskriminierung ausgesetzt sind). Partikularismen können auch den Mantel des Universalismus tragen (z.B. Androzentrismus: darunter wird eine Perspektive verstanden, in der Frauen nicht aufscheinen, gleich ob dies bewusst oder unbewusst geschieht; selbiges gilt für den Eurozentrismus, der eine europäische Perspektive "selbstverständlich" als universell annimmt; in allgemeiner Form wird das Phänomen "Ethnozentrismus" genannt, der keineswegs auf europäische Gesellschaften beschränkt ist).

Manifest: Sexismus, Rassismus
Latent: Androzentrismus, Ethnozentrismus, Eurozentrismus

- Alle genannten Partikularismen haben ihre eigene Geschichte und stehen im Zusammenhang mit konkreten gesellschaftlichen Entwicklungen, so ist etwa die Ethnisierung von Ungleichheit in der Form von Xenophobie oder Ungleichheit ein modernen Gesellschaften eigener Zug, selbst wenn gewisse Ethnisierungstendenzen schon früher feststellbar war - z.B. in bezug auf Sklaven in den Mittelmeerländern des Hochmittelalters (Vgl. zur Geschichte und dem Stellenwert von Sexismus, Rassismus etc. die eigenen Vorlesungsmitschriften).


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4. Sind europäische Geisteswissenschaften eurozentristisch? Drei exemplarische Kontroversen - Saids Orientalism, Bernals Schwarze Athene und Amins Eurocentrism
(Literaturangaben sind unter der Rubrik Literaturtipps zu finden)

__Edward Said, Orientalismus: Eine Korrektur imperialistischen Denkens und Handelns versuchte der Literaturwissenschaftler Edward W. SAID in seinem Buch Orientalism von 1978. Seine These: Es gebe im westlichen Denken die ungebrochene Tradition einer tief sitzenden Feindseligkeit gegenüber dem Islam. Diese Einstellung, und nicht bloß die akademische Disziplin der Orientstudien, bezeichnet SAID als "Orientalismus". Orientalismus wird als ein westlicher Diskurs gedeutet, in dem der "aufgeklärte" Westen den "mysteriösen Orient" verhandelt und auch beherrscht. Das Überlegenheitsgefühl gegenüber dem Orient, so SAID, sei immer noch Teil der modernen politischen wie intellektuellen Kultur unserer Gegenwart. Seine Analyse richtete sich gegen ein pauschales Feindbild "des" Westens.

In seiner großen Orientalismus-Studie definiert Edward W. SAID Orientalismus als einen Ausdruck westlicher Herrschaft über eroberte Gebiete. Er stützt sich dabei auf das Diskurskonzept von Michel FOUCAULT, indem er behauptet, der "orientalistische Diskurs" lasse keine andere Art des Denkens zu als die vom Orientalismus vorgegebene.


"Mit dem späten 18. Jahrhundert als ziemlich grob definiertem Ausgangspunkt kann der Orientalismus als die korporative Institution für die Beziehung zum Orient begriffen und analysiert werden - durch Aussagen, die über ihn getroffen werden, und autorisierte Ansichten über ihn, die ihn beschreiben, über ihn unterrichten, ihn feststellen und über ihn regieren. Kurz, der Orientalismus ist ein westlicher Stil der Herrschaft, Umstrukturierung und des Autoritätsbesitzes über den Orient. Ich sah es als nützlich an, hier Michel Foucaults Begriff eines Diskurses anzuwenden, wie er von ihm in 'Die Archäologie des Wissens' und in 'Überwachen und Strafen' geprägt wurde, um den Orientalismus zu identifizieren. Es ist für mich entscheidend, daß man, ohne den Orientalismus als einen Diskurs zu überprüfen, unmöglich verstehen kann, durch welche enorme systematische Disziplin die europäische Kultur fähig war, den Orient politisch, soziologisch, militärisch, ideologisch, wissenschaftlich und imaginativ während der Zeit nach der Aufklärung zu leiten - und selbst zu produzieren. Darüber hinaus war dem Orientalismus eine so autoritäre Position zu eigen, daß ich glaube, daß niemand, der über den Orient schrieb, über ihn nachdachte oder für ich handelte, dies tun konnte, ohne auf die Grenzen von Denken und Handeln Rücksicht zu nehmen, die durch den Orientalismus gegeben waren. Kurz gesagt, der Orient war kein (und ist kein) freies Objekt des Denkens und Handelns; dies wurde durch den Orientalismus verhindert." (Edward W. Said, Orientalismus. Frankfurt/M.-Berlin-Wien 1981, 10, engl. Orig. 1978)

- In den knapp 25 Jahren seit dem erstmaligen Erscheinen des Buches hat die Studie zahlreiche kritische Einwände provoziert und provoziert sie noch heute. So wurde etwa angemerkt, dass Said die Rolle arabischer, indischer und anderer "orientalischer" Intellektueller an der Entstehung der Orientalistik bzw. "des Orientalismus" verkennt, genauso wie er den veränderten Charakter und Stellenwert moderner Orientwissenschaften nicht behandelt und somit suggeriert, diese würden nach wie vor "orientale" Gesellschaften ein Weltbild (eine Sicht der Gesellschaft) aufoktroyieren, die nicht deren eigenem (authentischen) Weltbild entspreche. Tatsächlich müsste man/frau auch eher von Orientalismen, denn von einem monolitisch gedachten und absolut gesetzten Orientalismus sprechen. In gewisser Weise überbetont Said den Gegensatz zwischen Fremd- und Selbstsicht des "Orients" und stellt letzteren als passives Opfer westlicher Diskurse dar. Das Buch hat also durchaus eine polemische Stoßrichtung, die es allerdings auch zu einer sehr erfrischenden Lektüre macht.

- Eine damit verbundene Frage ist jene, wie "europäisch" bzw. umgekehrt, wie "orientalisch" eigentlich Europa ist. Die Bedeutung, die arabische Gelehrte wie Avicenna oder Averroes für die Entwicklung der Wissenschaften im Hochmittelalter hatten (Überlieferung aristotelischer Schriften, Mathematik, Philosophie, Geographie....) ist mittlerweile weitgehend anerkannt. Aber selbst in der Phase der europäischen Expansion war die Beziehung Europas zum Orient nie eine "Einbahnstraße" und umfasste materielle Aspekte genauso wie "geistige" und kulturelle. So hatte etwa die Einfuhr von neuen Konsumgütern wie Tee, Kaffee, Seide und andere Textilien sowie von Gewürzen einen wesentlichen Anteil an der Veränderung von Konsumgewohnheiten in Europa und einen großen Einfluss auf die Entstehung neuer Industrien; Wesentliche "Moden" in Kunst und Kultur waren von östlichen Kulturen beeinflusst. (Vgl.: J.Nederveen Pieterse, 1994,"Unpacking the West: How European is Europe?", in Racism, Modernity and Identity. On the Western Front. Hsg. Ali Rattansi, Sallie Westwood, Polity Press, Cambridge, Oxford pp.129-149).

- Ein bemerkenswerter arabischer Gelehrte, der in seiner "soziologischen" Methode und Denken äußerst modern erscheint, ist Ibn Khaldun, im vollen Namen Abu Zaid Abd ar-Rahman ibn Muhammed ibn Khaldun Wali ad-Din at-Tunisi al Hadrami al-Ishbili al-Maliki (1332-1406). In seiner "Muqaddima" (Buch der Beispiele) entwickelt er eine Zivilisationstheorie, in der der Gegensatz zwischen nomadischen/ländlichen und sesshaftem/städtischen Leben eine prominente Rolle spielt und wo er auch ausführlich auf antike und andere Denker eingeht. In der Tradition der arabischen Geschichtsschreibung nimmt er einen besonderen Platz ein. Allerdings wurde er außerhalb dieser weitgehend vergessen (außer im Kontext des osmanischen Reichs, das seine Zivilisationstheorie für das eigene imperiale Projekt gut gebrauchen konnte). Erst im 19.Jh., in der Phase der Herausbildung eines arabischen "Protonationalismus" wurde das Buch der Beispiele wieder breiter rezipiert und als Beispiel für den "hohen Entwicklungsstand" arabischen Gelehrtentums und mögliche Quelle "arabischer Erneuerung" wiederaufgegriffen (in deutscher Übersetzung liegt der erste (theoretische) Band des mehrbändigen Werkes vor: Ibn Khaldung, (1992): Buch der Beispiele, Reclam Leipzig: Leipzig)


__Martin Bernal, Black Athena/ Schwarze Athene: 1987 veröffentlichte der britische, in den USA lehrende Historiker Martin BERNAL (auf dem Gebiet der Altertumsforschung ein Novize) den ersten und 1991 den zweiten Band seines mehrbändig angelegten Werkes zum Einfluss der alten Hochkulturen Ägyptens und Phöniziens auf das antike Griechenland und der seiner Ansicht nach massiven Geschichtsfälschung in der westlichen Historiographie im 19. und 20. Jahrhundert, durch die die bis dahin unbestrittene bedeutende, ja führende Rolle dieser Hochkulturen für die Entwicklung der westlichen Kulturen aus dem kulturellen Gedächtnis der westlichen Welt eliminiert worden sei - als Ergebnis und aber auch als ein fundierender Baustein der vorherrschenden imperialistischen und rassistischen Ideologie des Westens, zu der vor allem auch die deutsche Geschichtsschreibung entscheidend beigetragen habe.

BERNALs provokante Thesen versetzten die Fachwelt vor allem in den USA in hellen Aufruhr und sind seitdem Gegenstand heftiger Kontroversen zwischen dem althistorischen, weitgehend "weißen", akademischen Establishment einerseits und vor allem afroamerikanischen Historikern und Politikern andererseits. Dabei geht es vor allem um folgende Fragen:

- Welchen Einfluß hatten die beiden älteren Hochkulturen, die ägyptisch-afrikanische und die phönizische, auf die Herausbildung der griechischen Antike?
- Waren sie die Mutterkulturen Griechenlands und damit die afro-asiatischen Wurzeln der europäischen Kultur?
- Ist das alte Ägypten eine genuin (schwarz-)afrikanische Kultur?
- Gab es einen Trend zu mythischer Überhöhung des antiken Griechenlands und zu Abwertung Ägyptens/Afrikas in der europäischen Neuzeit, und wenn ja, warum?
- Wie steht es um den Ideologiecharakter der Geschichtswissenschaften in verschiedenen Epochen, also auch heute? Gibt es eine Berechtigung für "(kultur-) relative" Geschichte?
- Welche Bedeutung hat Geschichte für die Identitätsbildung von Individuen und Gruppen?


Die Thesen sind eigentlich nicht neu, sondern werden in der afrikanischen und afroamerikanischen Fachliteratur schon seit langem der "imperialen" bzw. "weißen" Geschichtsschreibung entgegengesetzt und haben auch längst Eingang in schulische und universitäre Curricula gefunden ("Black Studies"). In den fünfziger Jahren etwa schrieb der Senegalese Cheik Anta Diop ein Buch, das in ähnlicher Weise (Schwarz-) Afrika als die Quelle aller Zivilisation (er bezog sich insbesondere auf die ägyptische) darstellte. Sein 1954 veröffentlichtes Werk "Nations Nègres et Culture. De l'Antiquité Négre Égyptienne aux Problèmes Culturels de l'Afrique Noir d'Aujourd'hui" wollte er eigentlich als Dissertation an der Sorbonne (wo er studierte) einreichen, sie wurde aber mehrmals (mit gutem Recht) zurückgewiesen. Es ist allerdings interessant, dass sich die etablierte Fachwelt erst mit BERNALs Veröffentlichungen herausgefordert sah.


Auch Bernals Buch wurde nach Strich und Faden auseinandergenommen und praktisch jede einzelne darin getätigte Behauptungen mit ziemlich eindeutigen Fakten widerlegt (vgl. die Textsammlung, die von Mary Lefkowitz und Guy McLean Rogers unter dem Titel "Black Athena Revisited", University of North Carolina Press, 1996, herausgegeben wurde). Der "Wert" des Buches liegt zum einen darin, dass er eine intensive Debatte über die "Ursprünge" der griechischen Zivilisation ausgelöst hatte, in der z.B. die bislang unterbeleuchtete Rolle des vorderen Orients (Palästina, Persien....) für die Entwicklung Griechenlands herausgestrichen wurde. Zum anderen hat es die Debatte über die Universalität von Wissenschaften neu aufgeworfen, d.h. es wirft gerade auch auf einer Metaebene interessante Fragen auf (v.a. in bezug auf Identitätspolitik und der Universalität wissenschaftlicher Methoden).

Gleichzeitig ist das Denken in Ursprüngen und Genealogien, bezogen auf ganze Kulturen, selbst in gewisser Weise rassistisch, nämlich insofern, als dass es davon ausgeht, dass Kultur unweigerlich am Menschen "hafte" und über Wanderungen von Völkern andernorts durch "Vermischung" oder Eroberung verbreitet werde. Nur so können eindeutige Ursprünge festgemacht werden. In dieser Denkungsart wird die eigenständige Entwicklung komplexer Kulturtechnologien an verschiedenen Orten als unplausibel von vornherein ausgeschlossen oder gar nicht einmal bedacht. In der Ethnologie ist diese Sichtweise, die insbesondere in der zweiten Hälfte des 19.Jh. und der ersten Hälfte des 20.Jh. Furore machte, als "Diffusionismus" bekannt.

Ein fundamentaler Kritikpunkt besteht darin, dass sich die Beschäftigung mit der Frage, welchen Ursprungs die eine oder andere "Hochkultur" ist, den zugrundeliegenden Begriffsraster und die Gegenübersetzung von Hochkulturen mit einer Geschichte, die es Wert ist, erforscht und erinnert zu werden vs. Primitiven/ geschichtslosen Kulturen fraglos übernimmt und insofern hochgradig problematisch ist.


__ Samir Amin, Eurozentrismus: Überaus interessant ist es auch, Samir AMINs Buch "Eurocentrism" (1988) zu lesen. Samir AMIN gehört zu den bedeutendsten und einflussreichsten Intellektuellen der Dritten Welt. Das zentrale Credo seiner wissenschaftlichen Arbeiten ist die Forderung nach "autozentrierter Entwicklung" der Länder der Dritten Welt ("Abkoppelung" als Entwicklungsoption).

- AMIN ist ein ägyptischer marxistischer Intellektueller (geb. 1931 in Kairo, Vater Ägypter/ Mutter Französin), der seine Studien (Politikwissenschaft, Ökonomie und Statistik) zwischen 1947 und 1957 in Paris absolvierte. Er wurde in dieser Zeit Mitglied der KPF und war in die intellektuellen und politischen Auseinandersetzungen der Linken seiner Zeit involviert.

- Eurozentrismus versteht AMIN als ein "kulturalistisches" Phänomen, zumal er die Existenz kultureller Unterschiede annimmt, die verschiedene Entwicklungswege hervorgebracht haben (VII). Eurozentrismus erscheint AMIN aber "anti-universalistisch", weil er nicht nach allgemeinen Gesetzen menschlicher Entwicklung sucht. Er präsentiert sich jedoch als "universalistisch", weil er weltweite Imitation des rationalistischen, humanistischen, christlichen "westlichen" Entwicklungsmodells beansprucht. Der Westen wird zum Ideal stilisiert, "der Orient" gilt fortan als das "Andere", das "Fremde". "Der Orient" verkörpert das analoge Konstrukt (90). Die Schöpfer der "westlichen Kultur" sind auch als Erfinder des "Orientalismus", als ideologische Konstruktion eines mythischen "Orients", zu identifizieren (92f.). Die "orientalischen" Wurzeln des christlichen Westens werden bewusst ausgeblendet.

- Eurozentrismus erscheint AMIN keinesfalls als banaler Ethnozentrismus. Eurozentrismus ist ein Phänomen der Moderne, dessen Wurzeln zwar in die Renaissance und die Ära der Aufklärung zurückgehen, jedoch erst im 19. Jahrhundert wirklich zu sprießen begannen. Eurozentrismus ist Teil des ideologischen Konstrukts "Kapitalismus" (IX).

- AMINs Kritik am westlichen Ethnozentrismus, einschließlich eurozentristischer Varianten des Marxismus, ist nicht von einem relativierenden Diskurs kultureller "Differenz" her geschrieben. AMINs Kritik des eurozentrischen Marxismus zielt nicht gegen dessen (unerfülltes) Streben nach Universalität, sondern geht eher davon aus, dass dieser Marxismus nicht universal genug ist. Amin sucht einen "Weg, die universalistische Dimension des historischen Materialismus zu stärken".


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5. Androzentrismus


Dieser Begriff wurde von Charlotte PERKINS GILMAN in ihrem Buch "The Man-Made World or Our Androcentric Culture" 1911 geprägt. Männliche Lebensmuster und Denksysteme erheben einen Universalanspruch.

Ganz allgemein versteht man darunter eine (männliche) Sichtweise, die Männer als Zentrum und Maßstab bzw. Norm nimmt; Androzentrismus ist die gesellschaftliche Fixiertheit auf den mann bzw. das "männliche Prinzip". Eine androzentristische Perspektive charakterisiert Frauen und deren Lebenszusammenhänge als "minderwertig" und deviant. Androzentrismus in der Wissenschaft zeigt sich in theoretischen Konzepten oder empirischen Forschungen.


"Frauen können nicht logisch denken". "Frauen gehören nach Hause an den Herd". Das ist "Sexismus". Sexismus ist dumm, ärgerlich und lästig. Aber es ist nicht der offene Sexismus einzelner Männer, der Frauen daran hindert, gleichberechtigt am ökonomischen, politischen, kulturellen Leben teilzunehmen. Als viel schwerwiegender erweist sich etwas anderes, was dem gesamten System innewohnt: Androzentrismus. Während Sexismus offen die Minderwertigkeit von Frauen ("Frauen können nicht logisch denken") und die Rechtmäßigkeit von Rollenstereotypen ("Kinder, Küche, Kirche") propagiert, kommt der Androzentrismus unauffällig daher und setzt stillschweigend Mensch und Mann gleich. Frausein ist "das Andere". Man nimmt einfach an, daß die männliche Sicht der Welt die allgemeine und für alle gültige sei.

"Androzentrismus" nennen wir die Wahrnehmung allen Lebens von einem männlichen Standpunkt aus - mit der daraus folgenden Unfähigkeit, das Leben von Frauen richtig beschreiben oder auch überhaupt wahrnehmen zu können. Androzentrismus bedeutet auch: Der Normalfall ist männlich, weiblich ist Zusatzeigenschaft, Sonderfall, Ausnahme. Die Gleichsetzung von Mensch und Mann geschieht weitgehend unterbewußt. Deshalb ist Androzentrismus weit weniger leicht als der offene Sexismus zu erkennen und diese Sichtweise ist vielfach auch von Frauen selbst verinnerlicht.

Der Begriff "Androzentrismus" stammt aus der Wissenschaftskritik. In den 80er Jahren erforschten Wissenschaftlerinnen nicht mehr nur einzelne Themen aus feministischer Sicht, sondern begannen, die Institution Wissenschaft selbst kritisch zu untersuchen. Eine von ihnen war Evelyn Fox Keller. Sie ist u.a. durch ihre Arbeit über die Genetikerin und spätere Medizin-Nobelpreisträgerin Barbara McClintock bekannt geworden.

Evelyn Fox Keller kritisiert den herrschenden Wissenschaftsbetrieb auf vier Ebenen:
- Weitgehende Abwesenheit von Frauen in den Wissenschaften (später Zugang zu den Universitäten und zum Wissenschaftsbetrieb)
- Androzentrismus führt zu Einseitigkeiten in der Auswahl und Definition der Probleme. Wissenschaft ist nicht wirklich universell.
- Bei wissenschaftlichen Experimenten wird mit einseitig gewählten Faktoren gearbeitet.
- Fundamentale Wissenschaftskritik: die Voraussetzungen der Wissenschaft selbst werden in Frage gestellt: Objektivität und Rationalität. Auch in den grundlegenden Prinzipien der Wissenschaft sind männliche Voreingenommenheiten enthalten.

Auch die feministische Wissenschaftskritik ist in gewisser Weise polemisch, indem es nämlich (zumindest heute) nicht (mehr) darum geht, eine feministische Wissenschaft (also etwas völlig neues und anderes) zu gründen, sondern eine gewisse Perspektive einzufordern und die Perspektivität bisheriger Sozialwissenschaften aufzuzeigen. Feminismus verbindet mit anderen kritischen Strömungen (Afrozentrismus, Orientalismus-/Eurozentrismuskritik), dass aufgezeigt wird, dass viele Theorien und Analysen den eigenen Universalitäts- und Neutralitätsanspruch bei weitem nicht einlösen. Was gefordert wird, ist in gewisser Weise (wie bei Samir Amin) ein mehr an Universalität.


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6. Literaturtipps

a. Besprochene Literatur:

Edward Said (1978): Orientalism, New York: Vintage Books; dt. (1995): Orientalismus. Frankfurt/M: Fischer (dt. Originalausgabe von 1981 bei Ullstein ist vergriffen)

Da keine der Wiener Universitätsbibliotheken über eine deutsche Ausgabe von Saids "Orientalismus" verfügt, sei auf einen kurzen deutschsprachigen Artikel verwiesen, der den Zusammenhang zwischen kolonialen Interesse, europäischer Politik und den verschiedenen Konjunkturen in der deutschsprachigen Orientalistik (i.S. der wissenschaftlichen Disziplin) behandelt. Said selbst behandelt in seinem Buch lediglich den französischen und den englischen "Orientalismus" - aus pragmatischen Gründen (Notwendigkeit der Beschränkung), aber auch aus einer erkenntnistheoretischen Position heraus: Der französische und britische Orientalismus sei, anders als der deutsche, den Said für primär philologisch motiviert hält ein Resultat/ Ausdruck direkter imperialer Interessen und realer Machtbeziehungen, könne also viel offensichtlicher als Ausdruck eines Macht-Diskurses im Foucault'schen Sinn gelesen werden. Der deutsche Afrikawissenschaftler, Orientalist und Islamwissenschaftler Roman Loimeier zeigt in seinem Artikel "Edward Said und der deutschsprachige Orientalismus" (erschienen in "Stichproben. Zeitschrift für kritische Afrikastudien 2/2001, pp.63-85 - erhältlich am Institut für Afrikanistik der Universität Wien, AAKH/ Campus, Hof 5), dass Saids Position diesbezüglich korrigiert werden müsse - auch die deutschsprachige Orientalistik stand durchaus im Dienste kolonialer Interessen und trug wesentlich zur akademischen Disziplin, aber auch zum westlichen Orientbild überhaupt bei. Loimeier untersucht überdies die zunehmende Ausblendung des afrikanischen und süd-/südostasiatischen Islam, die er in den Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg und den politischen Erfordernissen der Allianz der Mittelmächte (Deutschland, Österreich-Ungarn, Bulgarien und das Osmanische Reich) stellt.

Martin Bernal (1987): Black Athena: The Afroasiatic Roots of Classical Civilization. Bd.1. The Fabrication of Ancient Greece 1785-1985; dt. - Bd.1 (1992): Schwarze Athene. Die afroasiatischen Wurzeln der griechischen Antike; wie das klassische Griechenland "erfunden" wurde. München: List
* Samir Amin (1989): Eurocentrism. London: Zed Books

b. Weiterführende Literatur:

Ein lesenswerter und kurzer Artikel, der auch in der englischen Originalfassung gut verständlich ist, ist Occidentalism von Avishai Margalit und Ian Buruma, erschienen in der New York Review of Books, 17 January 2002, und downloadbar unter http://www.nybooks.com/articles/15100. Die beiden Autoren konstatieren einen weitverbreiteten "Okzidentalismus", ein stereotyper und negativer Diskurs über "den Westens" (man könnte auch sagen: die Moderne), der sich inmitten westlicher Gesellschaften ebenso findet wie außerhalb deren Grenzen. In ähnlicher Weise wie der "Orientalismus" den Orient "erfunden" hat (so zumindest Saids Vorwurf), erfindet der Okzidentalismus einen fiktiven Westen (wobei durchaus westliche Diskurse, z.B. Idealisierungen des Westens, aufgegriffen werden).

Ebenfalls sehr zu empfehlen und auch sehr kurz gehalten sind drei Aufsätze von Immanuel Wallerstein in dem von ihm 1991 erschienen Buch "Unthinking the Social Sciences" (Cambridge: Polity Press; auf deutsch erschienen unter dem Titel: "Die Sozialwissenschaften kaputtdenken"), nämlich "What is Africa?" (pp.127-129), "Does India exist?" (pp.130-134) und "The Invention of TimeSpace Realities: Towards and Understanding of our Historical Systems" (pp.135-148). In allen Aufsätzen geht es darum, dass die scheinbar "objektivsten" Bezugspunkte von Sozialwissenschaften, Zeit und Raum, durchaus auch historisch konstruiert sind. Die Bedeutung von Zeit und Raum erschließt sich demnach erst nach einer gründlichen Analyse der Zeit- und Raumstrukturen. Kalendarische Zeit bzw. ein rein geographisch verstandener Raum sind hingegen Scheinobjektivitäten, die ehr verwirren denn erhellen.

Wer nach diesen Titeln immer noch nicht genug hat und einen interessanten Ansatz dazu kennen lernen möchte, wie die Universalität von Menschenrechten bzw. von ethischen Normen begründet werden kann, dem sei der Aufsatz "Menschliches Tun und soziale Gerechtigkeit. Zur Verteidigung des aristotelischen Essentialismus" der U.S.-amerikanischen Philosophin Martha Nussbaum empfohlen. Er findet sich in dem von Micha Brumlik und Hauke Brunkhorst herausgegebenen Sammelband "Gemeinschaft und Gerechtigkeit", Frankfurt/M: Fischer, 1993, pp.321-361. Sie argumentiert darin, dass ohne ein Grundverständnis darüber, was Menschsein bzw. "ein gutes Leben" ausmacht (z.B. in der Form eines Katalogs von Grundbedürfnissen, die befriedigt sein müssen, um überhaupt eine Mindestlebensqualität zu haben), Politik notwendigerweise zu einer reinen Macht- und Interessenspolitik wird und auf dieser Basis letztlich keine stabile und v.a. als legitim wahrgenommene Ordnung gebaut werden kann.

Zum Androzentrismus/ zur feministischen Wissenschaftskritik stellen Sandra Hardings 1986 erstmals erschienenes Buch "Feministische Wissenschaftstheorie" (3. Aufl. der dt. Ausgabe 1999, Hamburg: Argument Verlag) bzw. ihr erstmals 1991 veröffentlichte Werk "Das Geschlecht des Wissens" (Frankfurt/M: Campus, 1994) Standardwerke dar.

Ebenfalls zu empfehlen ist das Werk "Liebe, Macht, Erkenntnis" von der in der Vorlesung vorgestellten feministischen Wissenschaftlerin Evelyn Fox Keller, erschienen auf dt. 1986 bei Hanser (Wien), neuaufgelegt 1998 bei Fischer, Frankfurt/M.

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7. Begriffe zur Vorlesung

Universalismus, universal/universell
Partikularismus, partikular
Orientalismus
Okzidentalismus
Konnotation
Sexismus
Rassismus
Androzentrismus
manifest
latent
Ethnozentrismus
Revisionismus

Die exemplarische Begriffsdefinition (am Beispiel Universalismus) ist dieses mal etwas länger als üblich, da sich am Begriff Universalismus sehr gut zeigen lässt, dass Definitionen aus Wörterbüchern/ Lexika gar nicht so "einfach" zu lesen sind, wie es entsprechend griffig formulierte Einträge suggerieren mögen. Vielmehr fängt hier die Begriffsarbeit oft erst an, zumal bei Begriffen, die bestimmte Konzepte bezeichnen und/oder aus einem bestimmten theoretischen Kontext entlehnt sind. Auch der Umgang mit Wörterbüchern und Lexika will gelernt sein! (Siehe zum Umgang mit Begriffen den Bereich Wissenschaftliches Arbeiten)

Sieht man/frau die fünf hier angeführten Begriffsbestimmungen durch, so zeigt sich, dass der
Begriff "Universalismus" in einigen Disziplinen (z.b. Soziologie, Volkswirtschaft) mit spezifischen theoretischen Ansätzen verknüpft ist), während er andernorts sehr stark mit einer bestimmten christlich-religiösen Richtung assoziiert wird (z.B. in Websters International Dictionary, aber auch in dem hier nicht wiedergegebenen Eintrag aus der Microsoft Encarta 98), während die Stoßrichtung des Lexikoneintrages aus dem Lexikon der Politik wieder eine völlig andere ist (hier geht es um den universellen Geltungsanspruch von Theorien). Grundsätzlich empfiehlt es sich bei derart "aufgeladenen" Begriffen von der rein semantischen Bestimmung (= reine Wortbedeutung) auszugehen, wozu ein etymologisches Wörterbuch recht gut geeignet ist, weil es auch die Bedeutungsveränderungen von Begriffen nachvollzieht. Erst in einem nächsten Schritt sollte man/frau daran gehen, mit dem Begriff verbundene Konzepte und Theorien aufzuspüren. Letztlich haben Begriffe aber immer einen bestimmten Kontext und ihr werdet beim Durchlesen der fünf Lexikoneinträge leicht merken, welcher der Einträge für unsere Vorlesung am brauchbarsten ist.

--> universal/universell: "auf das Ganze bezogen, (all)umfassend, weltweit, allgemeingültig"
(16.Jh.), "überall verwendbar, allseitig gebildet" (17.Jh.), entlehnt aus dem lateinischen "universalis" ("zum Ganzen, zur Gesamtheit gehörig, allgemein"), abgeleitet vom lat. "universus" ("ganz, sämtlich", eigentlich "in eins gekehrt, in eine Einheit zusammengefasst" (siehe Universum), vgl. Lat. "unus" ("ein, einzig") und "versus" (Part.Perf. von "vertere", "kehren, wenden, drehen, umdrehen")
(aus: Wolfgang Pfeiffer (Hsg), Zentralinstitut für Sprachwissenschaft, Berlin (1995): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, München: DTV, pp.1486f)

--> Universalismus: Philosophische, theologische, anthropologische, kulturelle, ethische und
politische Theorien, die nicht exklusiv sind, sondern für alle Menschen Gültigkeit beanspruchen. Aus der Perspektive anderer Kulturen werden universalistische Standards oftmals dem ideologieverdacht des Eurozentrismus und kulturellen Kolonialismus ausgesetzt. Eine kritische Selbstthematisierung der westlichen Moderne legt zudem die kulturellen, klassen- und geschlechtsspezifischen Defizite des Universalismus offen. Gleichwohl stellt der Universalismus der Menschenrechte die einzig erkennbare Chance dar, die künftige Politik der Weltgesellschaft einer normativen Verbindlichkeit zu unterwerfen. Die Fortentwicklung des Universalismus ohne dessen metaphysische Implikationen durch Rekonstruktionen vertrags-, diskurs-, und systemtheoretischer Art versucht dafür ein theoretisches Fundament zu erarbeiten.
(aus: Lexikon der Politik, hrsg. Von Dieter Nohlen, Bd.7, Politische Begriffe, hrsg. Von Dieter Nohlen, Rainer-Olaf Schultze und Suzanne S. Schüttemeyer, München 1998: C.H.Beck, p.661)

--> Universalismus: neoromantische Schule, ganzheitliche Schule, Zweite Wiener Schule.
I.Charakterisierung: Von dem österreichischen Soziologen und Nationalökonomen Spann [Othmar Spann, 1878-1950, Anm. A.K.] u.a. in starker Anlehnung an Müller [Adam von Müller, 1779-1829, Anm. A.K.] soziologische und nationalökonomische Richtung, die in Deutschland starken Anklang gefunden hat. Der U. setzt der atomistischen (nach Spann: individualistischen) Betrachtungsweise die ganzheitliche (nach Spann: universalistische), organische, organizistische) entgegen ("die Wirtschaft ist ein Gefüge, das aus Ganzheiten besteht, die sich ihrerseits wieder in Unterganzheiten, Gliedern und Organen aufgliedern"); er erklärt das Individuum lediglich als Glied der Gesellschaft als sinnvoll existent. Dem einzelnen Gesellschaftsmitglied sind demzufolge Rechte und Pflichten auferlegt; befürwortet wird hierzu eine ständische Ordnung. Die unbeschränkte Handlungsfreiheit liberaler Prägung (...) wird als der Gesellschaft, dem Ganzen schädlich bezeichnet. Die Volkswirtschaft, wie auch die Gesellschaft sind Ganzheiten, die wie Organismen nicht kausal erklärt, sondern lediglich untersucht werden können. II: Bedeutung: 1. Der U. wurde in der Volkswirtschaftslehre besonders weitgehend anerkannt seitens der katholischen sozialökonomischen Literatur (....) 2. (...) In der soziologischen Richtung der Betriebswirtschaftslehre sind Einflüsse des U. festzustellen, in betonter Abweichung vom Kollektivismus. Die Auffassung von einer natürlichen Unterschiedlichkeit der Gesellschaftsmitglieder (nicht deren Gleichheit) und ihre organische Einordnung in das Ganze wird z.T. auf das betriebliche Arbeitsleben übertragen.
(aus Gablers Wirtschaftslexikon, 8 Bde., 13. Auflage, Wiesbaden 1994 (Nachdruck von 1993), pp.3379f)

--> universalism:
1. a: a theological doctrine that all men will eventually be saved or restored to holiness and happiness b: the principles and practices of Universalists [eine amerikanische Sekte aus dem 18.Jh., Anmerkung A.K.] including centrally the belief that all men will ultimately be saved.
2. a thing universal in scope; also: addiction to universal knowledge or pursuits.
3. the state of being universal: universality
4. a: a theory according to which the whole is logically or valuationally prior to its parts b: an ethical theory that the good of all men should take precedence over that of an individual - contrasted with individualism c: a social relationship in which behaviour is determined by an impersonal code or standard - contrasted with particularism.
(aus: Websters Third International Dictionary, Cologne: Könnemann 1993, reprint from 1961)

--> universalism: universalism versus particularism. Von T.Parsons eingeführte Begriffe zur Kennzeichnung von Handlungsalternativen.
(aus: Gerd Reinhold, Siegried Lamnek, Helga Recker (Hsg) (1992): Soziologie-Lexikon. München. Wien: R.Oldenbourg)

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Nachlese Politsche Theorien - Universalismus, Partikularismus, Eurozentrismus und Androzentrismus


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onlinereihe: geschichte des politischen denkens





Die "Nachlesen" zur Vorlesung "Politische Theorien" sind im Wintersemester 2002/2003 entstanden. Die Nachlesen bilden einen guten Einstieg in Themen und Problemstellungen der politischen Theorie. Vielen Dank an den Autor der meisten Nachlesen, Albert Kraler.

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