Dr. Eva Kreisky, Institut für Politikwissenschaft - Universität Wien

Nachlese Politsche Theorien - Textwelten - Der Ideologiebegriff Althussers & der Cultural Studies



Thesen, Themen und Materialien zur achten Vorlesungseinheit vom 05.12.2002



Textwelten - Der Ideologiebegriff Althussers & der Cultural Studies und das Postulat der Historizität von Texten (Koselleck, Cambridge School of Political Thought)


Nachlese von ALBERT KRALER

[Das Problem des] immanent-geschichtlichen und zugleich transzendenten, allgemeinen Charakter[s] philosophischer Begriffe (...) erfordert (...) eine eingehendere Diskussion. Weit davon entfernt, nur eine abstrakte Frage der Erkenntnistheorie oder eine pseudokonkrete Frage der Sprache und ihres Gebrauchs zu sein, steht die Frage nach dem Status der Allgemeinbegriffe im Zentrum des philosophischen Denkens überhaupt. Denn die Behandlung der Allgemeinbegriffe offenbart die Stellung einer Philosophie in der geistigen Kultur - ihre geschichtliche Funktion.
(Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, München: DTV, 1998, 215)



1. IDEOLOGIE ALS STRUKTUR: LOUIS ALTHUSSER (1918-1990)
      A. Althusser und der Neomarxismus
      B. Althussers Theorie der Ideologie
2. IDEOLOGIE ALS ERGEBNIS VON BEDEUTUNGSKÄMPFEN: DIE BRITISCHEN CULTURAL STUDIES UND DAS CENTRE FOR CONTEMPORARY CULTURAL STUDIES, BIRMINGHAM
      A. Zur Begrifflichkeit: Kulturwissenschaften/ Cultural Studies/ Geisteswissenschaften
      B. Die britischen Cultural Studies/ das Centre for Contemporary Cultural Studies in Birmingham
3. GESCHICHTSWISSENSCHAFTLICHE INNOVATIONEN IN DER POLITISCHEN IDEENGESCHICHTE
      A. Allgemein
      B. Reinhart Kosellecks begriffsgeschichtliche "Grundlagenforschung"
      C. Der theoretische Ansatz der Cambridge School
4. LITERATUR UND WEBLINKS
5. BEGRIFFE ZUR VORLESUNG





1. Ideologie als Struktur: Louis Althusser (1918-1990)

A. Althusser und der Neomarxismus

Eine der einflussreichsten Theorien der Ideologie stammt vom französischen Marxisten Louis Althusser, der diese vor allem in seinem 1969 verfassten Text Idéologie et Appareils idéologiques d'État ("Ideologie und Ideologische Staatsapparate") ausgearbeitet hat.

Althussers Ideologiekonzeption stellt einen Versuch dar, den von ihm (und anderen) kritisierten "Vulgär-Ökonomismus" des orthodoxen Marxismus zu überwinden. Der Kern dieses Ökonomismus besteht in dem Axiom, dass letztlich alle kulturellen, geistigen und intellektuellen Erscheinungen sowie die rechtlichen und sozialen Institutionen (der sogenannte Überbau) einer Gesellschaft von den in ihr vorfindbaren Produktionsverhältnissen und Klassenstrukturen (der sogenannten Basis) abhänge. Die Kritik am Ökonomismus (man/frau kann auch sagen: Determinismus: die Basis determiniert den Überbau, d.h. die gesellschaftlichen Tiefenstrukturen bestimmen Form und Weise des Überbaus) bezweifelt die Vorrangstellung der Basis gegenüber dem Überbau und versucht die Eigenlogik sozialer, kultureller und ideologischer Phänomene herauszustreichen und ihr Verhältnis zu den basalen Strukturen einer Gesellschaft neu zu bestimmen.

Mit diesem Zugang bewegte sich Althusser in einem Feld, das vor ihm bereits andere "Eurokommunisten" bzw. (neo-)marxistische Theoretiker mit jeweils verschiedenen Ansätzen und Schwerpunkten beschritten haben. Als Gemeinsamkeit dieser Ansätze kann das Bestreben gesehen werden, der Frage nach der Bedeutung kultureller Phänomen (im weitesten Sinn) für die gesellschaftliche Entwicklung nachzugehen und insbesondere zu analysieren, inwieweit "Kultur" ein wesentlicher Faktor für die Veränderung bzw. für die Konservierung von gesellschaftlichen "Tiefenstrukturen" (Schichtungsgefüge, "Klassenstrukturen", Produktionsverhältnisse usw.) darstellt.

Abb. 1:


Abb.1: Vulgärmarxistisches Gesellschaftsbild


Als Vorläufer in diesem Sinn ist etwa der italienische Marxist, Politiker, Mitbegründer der KPI und "unfreiwillige" Theoretiker, Antonio Gramsci (1891-1937) zu nennen. Er wurde 1924 ins Parlament gewählt, vom Mussolini Regime 1926 verhaftet und 1928 schließlich zu 20 Jahren Haft verurteilt. Im Gefängnis, wo er 1937 verstarb, verfasste er zahlreiche kleinere Abhandlungen (die bearbeitete Sekundärliteratur zitierte er weitgehend aus dem Gedächtnis!) und entwickelte darin eine umfassende Theorie der Hegemonie und der Zivilgesellschaft. Ihm ging es darum zu zeigen, dass der das Scheitern des italienischen Kommunismus/ Sozialismus nicht zuletzt darauf zurückzuführen sei, dass der Kampf um die Vorherrschaft in Italien auf dem kulturellem Feld und in der Zivilgesellschaft verloren wurde. Gramsci analysiert die Vorherrschaft gesellschaftlicher Gruppen in der Zivil- und in der politischen Gesellschaft mit dem Begriff des "historischen Blocks". Ein historischer Block erweise sich eben dann als besonders "widerstandsfähig" und beständig, wenn es ihm gelingt, die Hegemonie über die Zivilgesellschaft ("Kultur", zivilgesellschaftliche Organisationen wie die Kirchen u.a.) zu erlangen. Eine besondere Rolle in der Artikulation von zivilgesellschaftlichen Anliegen kommt nach Gramsci den sogennanten "organischen Intellektuellen" zu - Intellektuelle, die in einer bestimmten gesellschaftlichen Klasse verortet sind, deren Horizont aber darüber hinausgeht und die somit in der Lage sind, Klasseninteressen/-positionen in Auseinandersetzungen mit gesamtgesellschaftlichen Positionen zu artikulieren. Die Hegemonietheorie Antonio Gramscis hat großen Einfluss auf Althusser ausgeübt. Sie fand ab den Sechziger Jahren auch große Resonanz in einem breiteren Kreis, unter anderem auch gerade bei Ansätzen, die sich mit Mikrostrukturen von Gesellschaften auseinandersetzen. Sein Ansatz erwies sich gerade für empirische, sozialgeschichtliche Arbeiten als äußerst fruchtbar und wurde zu einem wichtigen methodisch-theoretischen Bestandteil der britischen Cultural Studies (siehe unten).

Eine weitere, in der Vorlesung schon gestreifte (neo-)marxistische Theorierichtung, die sich fundamental mit der Bedeutung kultureller Phänomene für die Gesellschaft beschäftigte, nicht zuletzt aber aufgrund der Erfahrung der Nazi-Diktatur grundsätzlich eher pessimistisch ausgerichtet war, ist die sogenannte Frankfurter Schule, der Kreis von Intellektuellen um das Frankfurter Institut für Sozialforschung - u.a. Theodor W. Adorno (1903-1969), Max Horkheimer (1895-1973) und Herbert Marcuse (1898-1979), die aber zunächst vom französischen Neomarxismus kaum rezipiert wurde.



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B. Althussers Theorie der Ideologie

Für Althusser nimmt Ideologie einen zentralen Stellenwert ein. Während er sie weiterhin dem gesellschaftlichen Überbau zuordnet (er spricht allerdings von Überbau-Basis als Metapher), zeigt er ihre bestimmende Funktion für die Reproduktion der Produktionsverhältnisse (der Basis) auf. Er unterscheidet dabei historisch unterschiedliche und konkrete Ideologien von einer abstrakten Ideologie. Letztere bezeichnet den Platz, den konkrete, geschichtliche Ideologien in der Gesellschaftsstruktur einnehmen. Die IDEOLOGIE (großgeschrieben) ist demnach geschichtslos, weil der Begriff im oben skizzierten Sinn ein strukturalistischer, man könnte sagen "systemtheoretischer" ist:


Zuvor einige Worte zur Begründung und Rechtfertigung eines solchen Unternehmens der Formulierung einer Theorie der Ideologie im Allgemeinen und nicht einer Theorie der spezifischen Ideologien, die, in welcher Form auch immer (religiöser, moralischer, rechtlicher oder politischer) immer nur Ausdruck von Klassenpositionen sind. Unter doppeltem Aspekt also, wie soeben gezeigt wurde, gilt es, eine solche Theorie der Ideologien in Angriff zu nehmen. Man wird sehen, dass eine Theorie der Ideologien in letzter Instanz auf der Geschichte der Gesellschaftsformationen basiert, also der in einer Gesellschaftsformation zusammengefassten Produktionsweise und der in ihnen sich entwickelnden Klassenkämpfe. In diesem Sinne ist es klar, dass von einer Theorie der Ideologien im Allgemeinen nicht die Rede sein kann, denn die Ideologien, in der obigen zweifachen Weise bestimmt, klassenmäßig und regional, haben eine Geschichte, deren Bestimmung in letzter Instanz außerhalb der durch sie determinierten einzelnen Ideologien liegt, obwohl sie sie betrifft. Wenn ich jedoch den Versuch unternehme, eine Theorie der Ideologie im Allgemeinen zu formulieren, und diese Theorie eines der Elemente ist, von denen die Theorien der Ideologien abhängen, so unterliegt dem eine paradox erscheinende Auffassung, die ich folgendermaßen formuliere: Die Ideologie hat keine Geschichte. Wie man sich erinnern wird, findet sich diese Formulierung wörtlich in einem Abschnitt der "Deutschen Ideologie". Marx sagt dies im Zusammenhang mit der Metaphysik, die, so heißt es dort, ebenso wenig eine Geschichte besitzt wie die Moral (wir können hinzufügen: und alle anderen Formen der Ideologie). (Louis Althusser, Ideologie und Ideologisches Staatsapparate, erstmals 1969, deutsch, Printformat in: Marxismus und Ideologie, Westberlin 1973: VSA, S.111-172.)

 

Ideologie ist nach Althusser eine bestimmte Organisation sinngebender Praxis, die den Menschen als gesellschaftliches Subjekt konstituiert. Sie ist ein Produkt gelebter Verhältnisse und zugleich ein essentieller Mechanismus, mit dessen Hilfe die gesellschaftlichen Strukturen reproduziert werden. Sie gehört also gewissermaßen zur Gesellschaftsstruktur.

Ideologie ist nicht bloß eine Form des Bewusstseins, sondern gewissermaßen materiell. Ihr Platz ist demnach nicht (nur) in den Köpfen von Menschen, sondern in konkreten Institutionen, die er "Ideologische Staatsapparate" nennt. Zu diesen zählt er u.a. die Schule (als den wichtigsten ideologischen Staatsapparat), die Familie, das Justizsystem, das politische System (Parteien) usw. Althusser hat demnach auch einen weiten Begriff von Staat, dessen Aufgaben er nicht allein auf seine repressiven Funktionen (Zwangsgewalt, Gewaltmonopol) und seine regulatorischen Funktionen (Regelung der Ökonomie) beschränkt wissen will. Vielmehr ist der Staat in einem gewissen Sinn all das, das die Reproduktion der gesellschaftlichen Verhältnisse erlaubt. Althusser verschiebt dadurch auch die Grenze von "privat" und "öffentlich" und begründet diese Operation damit, dass das Öffentliche erst durch den Staat konstituiert wird, indem der Staat sich in seinem Regelungsanspruch bewusst auf das Öffentliche beschränkt und sich (produktiv) vom Privaten zurückzieht (Vgl. die feministische Kritik am Begriffspaar öffentlich-privat!). Althussers Ideologietheorie ist somit auch eine Theorie des Staates.

Ideologie ist nicht eine verkehrte, illusionäre Repräsentation der wirklichen Verhältnisse, sondern sie repräsentiert das imaginäre Verhältnis der Menschen zu ihren Existenzbedingungen. Imaginär heißt dabei eben nicht nichtexistent oder irreal, sondern bezeichnet lediglich, dass Verhältnisse (egal welcher Art) immer produktiv mit Sinn erfüllt werden. Dieser Sinn wird aber imaginiert, er ist nicht von vornherein in den Dingen oder in Beziehungen zwischen verschiedenen Dingen. So ist die Bedeutung einer Gehaltserhöhung aus sich selbst heraus nicht verständlich. Gehaltserhöhungen haben einen bestimmten Platz in der Reproduktion kapitalistischer Gesellschaften - es gibt sie nur bei unselbständig Beschäftigten und sie ist mehr als ein bloßer Zuwachs des Lohns, sondern vermittelt Status, Anerkennung usw. , also Dinge, die für das Selbstverständnis des Subjekts durchaus wesentlich sein können. Ideologie wirkt also produktiv. Das heißt aber auch, Ideologie ist nicht einfach etwas, das man/frau hat, z.b. ein bestimmtes gesellschaftliches Bewusstsein, eine Identität, sondern Ideologie trägt wesentlich zur Konstitution des Individuums bzw. seiner Identität, seines Selbst bei.

In Anlehnung an Jacques Lacans linguistische Psychoanalyse bezeichnet Althusser diesen Konstitutionsprozess als "Anrufung" der Individuen durch die Ideologie. Ideologie ist dabei immer verbunden mit ritualisierten Praxen der Wiedererkennung. Das fängt auf einer ganz banalen Ebene an (ich treffe einen Freund auf der Straße, der mich erkennt und dem ich zu erkennen gebe, dass ich wiederum ihn erkenne, das ICH es bin, den er grüßt), kann aber selbst im Alltag bereits komplexere Formen annehmen (ein Polizist schreit mich an: "He sie da" - diese Alltagssequenz ist ein komplexes Ritual der Kontrolle, das nicht nur mich in der konkreten Situation betrifft und eine Beziehung zwischen mir und dem Polizisten etabliert, sondern mich - und alle anderen Individuen - als kontrollbedürftige Subjekte konstituiert und staatlicher Repression zugänglich macht).

Ideologie in diesem abstrakten und weitem Sinn ermöglicht die Wiedererkennung der eigenen Subjektivität - als SELBST, als BürgerIn, als Angehörige(r) einer Nation usw. Sie ermöglicht, dass das Subjekt gesellschaftliche Verhältnisse als sinnvoll wahrnimmt.

Nach Althusser, erfüllen ideologische Staatsapparate eine fundamentale Funktion in bezug auf die Reproduktion gesellschaftlicher Verhältnisse. Wie kann man/frau sich das vorstellen? Und wie anschlussfähig ist der Theorieansatz für den sozialwissenschaftlichen Mainstream? Das Schulsystem ist, wie oben angeführt, eine der von Althusser angeführten ideologischen Staatsapparate, und der für ihn wichtigste. Warum? Zum einen weil die Schulpflicht universal ist, für alle Kinder ab einem gewissen alter gilt. In der Schule werden Fertigkeiten (Skills) vermittelt (Lesen, Schreiben, Rechnen, Befolgen von Aufgabenstellungen, Arbeiten innerhalb einer rigiden Zeitstruktur), die die Heranwachsenden für den späteren Eintritt in das Berufsleben vorbereiten. Zugleich vermittelt die Schule aber auch Wertvortstellungen in einem direkten "dicken" Sinn (indem etwa im Deutschunterricht explizit bestimmte Sprachformen des Deutschen als wertvoll und andere als minderwertig dargestellt werden - das selbe gilt für Literatur, Musik, Geschichte usw.). In subtiler Weise vermittelt sie aber weitere, für das Funktionieren kapitalistischer Gesellschaften fundamentale Werte, z.B. legitimiert das Schulsystem Ungleichheit und Ungleichbehandlung in einem allgemeinen Sinn (durch Schulnoten, Aufnahmeprüfungen, Aufrückungsverfahren usw.), gleich wie sie in einem spezifischen Sinn Statusunterschiede rechtfertigt (es wird als legitim angesehen, dass Personen mit einem Pflichtschulabschluss für gewöhnlich einen niedrigeren Berufsstatus (als Hilfsarbeiter, angelernte oder Facharbeiter) einnehmen als Abgänger von höherbildenden Schulen oder Universitäten). Die Schule vermittelt Werte, Einstellungen und Fertigkeiten, die wesentlich für die "Verwendbarkeit" der so Sozialisierten im Produktionsprozess sind. In einer kritischen Stoßrichtung kann so gezeigt werden, wie Menschen "konditioniert" werden, um bestimmte Anforderungen zu erfüllen und wie bestimmte Vorstellungen davon, was als "notwendiger" Bestandteil der Ausbildung erachtet wird, durchgesetzt werden. Aus der Sicht der Mainstream-Ökonomie/Sozialwissenschaft stellen sich grundsätzlich ähnliche Fragen: welches "Humankapital" ist erforderlich, um Wettbewerbsfähigkeit und im weiterer Folge, Wirtschaftswachstum zu befördern? Wie müssen Ausbildungssysteme gestaltet werden, um eine möglichst breite Eingliederung der SchulabgängerInnen in das Berufsleben zu ermöglichen? Die Tatsache, dass auf allen Ebenen Menschen erst für "die Wirtschaft" tauglich gemacht werden müssen, wird also durchaus nicht geleugnet, jedoch nicht kritisch hinterfragt. Hochdifferenzierte Gesellschaften bedürfen jedenfalls eines bestimmten Menschentypus - und der kommt nicht von allein.

Abb. 2:


Abb.2: Ideologische Staatsapparate



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2. Ideologie als Ergebnis von Bedeutungskämpfen: Die Britischen Cultural Studies und das Centre for Contemporary Cultural Studies, Birmingham


A. Zur Begrifflichkeit: Kulturwissenschaften/ Cultural Studies/ Geisteswissenschaften

Der Begriff der "Cultural Studies" ist zunächst einmal vieldeutig. Zwar ist er einerseits klar mit dem Forschungsprogramm des Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS) verbunden. Andererseits wurde er zunehmend auch anderswo rezipiert und als Namen für alle möglichen Studien- und Forschungsrichtungen adoptiert. Die Namensänderung der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien in Geistes- und Kulturwissenschaftliche Fakultät ist nur ein Beispiel bzw. Indikator für die derzeitige Hochkonjunktur des Begriffs "Kulturwissenschaften", mithin Ausdruck für einen "Cultural Turn" in den Sozial- und Geisteswissenschaften. Dieser ist kann auch als Anzeichen für ein starkes Bedürfnis gelesen werden, Kultur in einem übergreifenden Sinn (also nicht nur in beschränkt soziologischer, ethnologischer oder philologischer Hinsicht) zu einem Thema zu machen . Im Deutschen wird der Begriff "Cultural Studies" - wenn nicht der englische Begriff im expliziten Bezug auf das CCCS beibehalten wird - mit "Kulturwissenschaften" wiedergegeben. Die so genannten "Kulturwissenschaften" speisen sich dabei aus verschiedenen Quellen: der amerikanischen Kulturanthropologie, den britischen Cultural Studies, deutschen geistes-, ideen- und mentalitätsgeschichtlichen Quellen, der französischen Annalschulen u.a. mehr:


Kulturwissenschaften präsentieren sich so in der aktuellen Debatte als "pluralistischer Dach- und Rahmenbegriff" (Böhme), unter dem sich eine Vielzahl begrifflich-methodischer Varianten versammeln wie z. B. Kulturwissenschaft als Reformprogramm zur interdisziplinären Erweiterung der geistes- und sozialwissenschaftlichen Einzeldisziplinen; als Sammelbegriff zur Erweiterung des Methoden- und Begriffsarsenals in den traditionellen Sprach- und Literaturwissenschaften; als Bezeichnung für theoretische und methodische Ansätze, die aus dem Themen- und Theoriefundus der anglo-amerikanischen Cultural Studies und der Cultural Anthropology übernommen werden; als empirische Kulturwissenschaften im Sinne einer reformierten Volkskunde bzw. europäischen Ethnologie; als Bezeichnung für neuere Forschungsansätze in der Kultur- und Mentalitätengeschichte, den Gender Studies und der historischen Anthropologie; als Memoria-Forschung, die sich mit den kollektiven und kommunikativen Strukturen des kulturellen Gedächtnisses beschäftigt (...), sowie Kulturwissenschaft als kultursemiotisches Forschungsprogramm, das Kulturen als Texte und Literaturen als Texte der Kultur (...) zu verstehen sucht und sich interpretativer Verfahren bedient, um die sozial signifikanten Wahrnehmungs-, Symbolisierungs- und Kognitionsstile in ihrer lebensweltlichen Wirksamkeit zu analysieren (Böhme/Scherpe 1996). (Lutz Musner, Gotthard Wunberg, 1999, "Vorwort: Kulturwissenschaften - eine Momentaufnahme", Beiträge zur historischen Sozialkunde, Sondernummer 1/99)



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B. Die britischen Cultural Studies/ das Centre for Contemporary Cultural Studies in Birmingham

Der Ursprung der "Cultural Studies" liegt in den Arbeiten von Raymond Williams, Richard Hoggart, E.P.Thompson und Stuart Hall, mit dem institutionellen Zentrum in Birmingham in der Form des "Centre for Contemporary Cultural Studies" (CCCS). Der geistesgeschichtliche Hintergrund der Cultural Studies ist dabei in der britischen Bewegung der "Neuen Linken" (New Left) in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre zu suchen, mit der "New Left Review" als ihrem vorrangigen Sprachrohr (Der spätere Direktor des CCCS in den Siebziger Jahren, Stuart Hall, war ihr erster Herausgeber; andere bekannte Vertreter der Neuen Linken waren etwa E.P.Thompson, Eric Hobsbawm und Perry Anderson). Allerdings bekam die Gruppe des 1964 gegründete CCCS erst ab Ende der 60er Jahre, eine dezidiert neomarxistische Ausrichtung (insbesondere durch die Rezeption der Althusser'schen Ideologietheorie).

Der Ansatz der Cultural Studies ist ein inter- bzw. multidisziplinärer, das heißt es geht nicht lediglich um eine soziologische oder politilogische oder literaturwissenschaftliche Deutung von sozialen Phänomenen und Texten, sondern möglichst viele Dimensionen sollen in diese einfließen. Der Schwerpunkt lag zunächst freilich auf eine kulturwissenschaftliche Zugangsweise im engeren Sinn. Richard Hoggart, der erste Direkter des CCCS, Literaturwissenschaftler und Kritiker der Engstirnigkeit damaliger universitärer Studienangebote für englische Literatur, skizzierte 1963 in seiner Antrittsvorlesung an der Universität Birmingham seine Vorstellungen von dem möglichen Inhalten und Ansätzen von Cultural Studies (zunächst sprach er von"Literature and Contemporary Cultural Studies"). Cultural Studies würden aus drei Teilen bestehen, "one is roughly historical and philosophical; another is, again roughly, sociological; the third - which will be the most important - is the literary critical" (Richard Hoggart, 1970, "Schools of English and contemporary society", in Speaking to each other, Vol.2, London: Chatto & Windus).

Dieser inter-/multidisziplinäre Ansatz leitete sich vom Forschungsinteresse des CCCS ab, nämlich Phänomene wie Popularkultur, Massenmedien, Geschlecht, Ethnizität, "Rasse", Nation zu deuten und dabei einen Kulturbegriff zugrunde zu legen, der keinen Unterschied zwischen "Hoch-" und "Massen-" bzw. "Popularkultur" machen würde. Das CCCS verstand sich in dieser Weise auch als einen Angriff auf ein elitäres Kulturverständnis, wie es v.a. die Literaturwissenschaften dominierte.

  - Zunächst lag der Fokus des CCCS auf die Untersuchung und Darstellung der "Kultur" der Arbeiterklasse (Working Class Culture). Vier Studien markieren den Beginn der britischen Cultural Studies und gaben die Richtung vor, in die sich das CCCS entwickelte, nämlich Richard Hoggarts (1967) [1958]: The Uses of Literacy (London: Chatto & Windus), Raymond Williams' (1958): Culture and Society (London: Chatto & Windus), Raymond Williams' (1961): The Long Revolution (London: Chatto & Windus), E.P.Thompson (1964): The making of the English working class (New York: Pantheon Books).
  - Ende der Sechziger Jahre trat zunehmend die Beschäftigung mit Massenmedien in den Vordergrund, die als Beispiel dafür angesehen wurden, wie sich Ideologien dominanter (hegemonialer)Gruppen "in die Gesellschaft" einschreiben.
  - Ab den Achtzigern erweiterte sich der Fokus nochmals, indem die Populärkultur als ganzes mit ihren individuellen Ausdrücken (Musik, Jugendmagazine....) ins Blickfeld gerückt wurden.

Die dem CCCS angehörenden bzw. nahestehenden ForscherInnen betonten immer wieder, dass sie keineswegs eine Schule mit einer kodifizierten Theorie darstellen würden. Gleichzeitig ergibt sich aus dem Forschungsprogramm des CCCS aber durchaus eine konsistente Linie, die ein ehemaliger Direktor des Centres (das mittlerweile ein besser ausgestattetes und abgesichertes Department geworden ist), Stuart Hall, in Hinsicht auf einen Schwerpunkt des CCCS, Massenmedien, folgendermaßen skizziert hat:

    i. Die Cultural Studies brachen mit traditionellen Herangehensweisen an das Thema "Kommunikation", "Texte", insbesondere mit behavioristischen Paradigmen

    ii. Zum zweiten hinterfragten die Cultural Studies die Auffassung von massenmedialen Texten als transparente Bedeutungsträger (à la McLuhan "the medium is the message") und interpretierten massenmediale Texte als komplexe Zeichensysteme (d.h. in semiotisch/strukturalistischer Manier)

    iii. Drittens, brachen die Cultural Studies mit der Festschreibung des Publikums als passives und undifferenziertes Konstrukt und betonten dagegen die Kreativität und die Vielfalt, mit der Konsumenten von Massenmedien, Inhalte und Texte kontextuell dekodieren würden.

    iv. Zuletzt betonten die Cultural Studies, dass auch Massenmedien ein differenziert zu betrachtendes und komplexes Phänomen darstellen würden. In der Sicht des CCCS, zirkulieren und zementieren Massenmedien dominante ideologische Definitionen und Repräsentationen. (Stuart Hall, 1984, Introduction to media studies at the Centre, in ders. (Hsg): Culture, media, language, London: Hutchinson, pp.117-121, zitiert nach: Norma Shulman (1993): Conditions of their own making: An intellectual history of the Centre for Contemporary Cultural Studies at the University of Birmingham, Canadian Journal of Communications, 18, 1)

In theoretischer Hinsicht bedeutend für die Arbeiten des CCCS war die Rezeption der Werke Althussers (insbesondere für die Untersuchung von Ideologie als Struktur), jene Gramscis (speziell für die Interpretation von Populärkultur als Austragungsort für Kämpfe um kulturelle Hegemonie) und, in jüngerer Zeit, diejenigen Michel Foucaults. In seiner Bestehenszeit, veränderte sich der Fokus und der theoretische Zugang des CCCS mehrmals, die angeführten Theoretiker blieben aber für das Verständnis von Ideologie prägend:

    i. Althussers strukturalistische Ideologietheorie, die am CCCS ab Ende der Sechziger Jahre verstärkt rezipiert wurde, stellt das Problem der Ideologie als Problem der Repräsentation. Warum? Wie oben dargestellt, geht Althusser von der Vorstellung kohärenter Personen ab. Die soziale Person zerfällt in eine Reihe von sozial konstruierten Egos, die durch Ideologien (z.B. Nation, Geschlechterideologien....) "angerufen" und so mit Leben erfüllt werden.

    ii. Ideologie ist dabei keine Botschaft, noch ist sie transparent, sondern Ideologie (wie jeder Text) ist zunächst (auch) Struktur und diese Strukturiertheit kann analysiert werden. Wenn nach Ideologie als Repräsentationsproblem gefragt wird, rücken Verbindungslinien, umfassende Bedeutungsstrukturen in den Vordergrund, die sowohl materielle als auch "geistige"/kulturelle Bestandteile hat.

    iii. Beispiel: In den siebziger Jahren formierte sich am CCCS eine Woman Studies Group, die den bis dahin in der Arbeit des CCCS vernachlässigten Gender-Aspekt in den Vordergrund rückten. In den Arbeiten der Gruppe ging es u.a. um die Analyse von "weiblichen" Genres wie Serien (Soap Operas), Modemagazine, "Hausfrauenliteratur". An diesen Beispielen konnte gut gezeigt werden, wie die Durchsetzung von bestimmten Weiblichkeitsvorstellungen durch die gleichzeitige Berücksichtigung der

         a) strukturellen Position von Frauen - in der Familie (z.B. stärkere Reglementierung des Freizeitverhaltens junger Mädchen gegenüber demjenigen der Burschen durch Eltern), im Bildungssystem (mit frauenspezifischen Bildungsangeboten), im Arbeitsleben (frauentypische Berufe) und in der weiteren Gesellschaft; und
         b) ideologischen Angeboten im engeren Sinn (eben Soap Operas, Frauenmagazine...)

nachvollzogen werden kann.

Die Lebenslagen der untersuchten Frauengruppen, ihr Medienkonsumverhalten und ihre Selbstwahrnehmung und Zukunftsvorstellungen können als ein relativ kohärenter Komplex interpretiert werden - als Ideologie im Althusser'schen Sinn.

    iv. In einer streng althusserianischen Lesart, erscheint Ideologie als, wenn auch nicht omnipotent, so doch als unausweichliches (und zudem negativ konnotiertes) Phänomen, gegen die Aktivismus naiv und zwecklos erscheint. Der große Anteil, den empirische Studien an den Arbeiten des CCCS ausmach(t)en, hat gegenüber diesem pessimistischen theoretischen Ansatz jedoch immer wieder als Korrektiv gewirkt, was durch die Rezeption von Gramscis grundsätzlich "optimistischeren" Hegemonietheorie zusätzlich verstärkt wurde.



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3. Geschichtswissenschaftliche Innovationen in der politischen Ideengeschichte


A. Allgemein

Die verschiedenen, in dieser Vorlesung vorgestellten "Innovationen" im Bereich der politischen Ideengeschichte als Disziplin sind ein Ausdruck für das Unbehagen mit traditionellen Zugängen zur Ideengeschichte und signalisieren gleichzeitig eine Abkehr von tradierten, heute zunehmend methodisch wie theoretisch als unzulänglich erkannten "musealen" Paradigmen (Erstellung umfassender "Ahnenreihen" politischer Denker, Kanonisierungen etc.) bzw. traditionellen textimmanenten Auseinandersetzungen mit historischen Texten. Die Gemeinsamkeit dieser neueren Ansätze besteht im Postulat, die Historizität von Texten ernst zu nehmen.

Traditionellerweise widmete sich die Ideengeschichte der Rekonstruktion historischer Gedankengebäude, deren Auswahl größtenteils durch Konvention und die Zufälligkeiten der Tradierung historischer Texte bestimmt war. Zunehmend geriet (hauptsächlich während des 20. Jahrhunderts) der historische Kontext des Entstehens der politiktheoretischer Werke in das Blickfeld der Ideengeschichtler. Tatsächlich blieb aber das Verhältnis von Biographie, Werk und Gesellschaft unklar und häufig implizit. Geschichtliche Fragestellungen wurden bestenfalls thematisiert, wenn es das entsprechende Werk nahe legte, oder aber um Fragen der Chronologie des Werkes bzw. Fragen zur Biographie des Autors aufzuwerfen und zu klären. Zudem blieb (und bleibt heute noch) politische Ideengeschichte einer spezialisierten Gruppe von Wissenschaftlern innerhalb der Universitäten überlassen, die eine von anderen weitgehend abgeschottete Disziplin praktizier(t)en. Nur wenige Historiker interessierten sich für (politische) Ideengeschichte, und wenige Philosophen für das Verhältnis von historischen Gesellschaften und philosophischen Werken - jenseits des Theoretisierens über Geschichte. Politische Ideengeschichte fand überdies kaum Anbindung an eine allgemeinere, holistische Geistes- und Kulturgeschichte, und blieb somit eine eher a-historisch als historische Disziplin. Diese 'Disziplinierung' der Ideengeschichte verlief weitgehend in konventionsgeregelten Bahnen, sodass eine Debatte über die sinnvolle Abgrenzung bzw. über den Charakter von Abgrenzungen der Subdisziplinen der Geistesgeschichte kaum aufkamen. Primär historische Fragestellungen blieben damit weitgehend ausgeklammert und galten als gefährlich, in dem Sinn, dass sich die Beschäftigung mit Klassikern nur lohne, wenn die Zeitlosigkeit der Texte (und der Ideen) als garantiert gelten könne. In diesem Sinn war (und ist vielerorts) Ideengeschichte selten eine Disziplin, die dem Denken als einer Aktivität gewidmet ist, sondern vielmehr eine Geschichte von Fiktionen fertiger Gedankengebäude (Siehe John Dunn, 1980: Political Obligation in its historical context. Essays in political theory Cambridge: Cambridge University Press, Introduction)

Gegen diesen eher textualistischen (d.h.: nur der Text zählt) und auf Klärung von Widersprüchen zielenden und kohärenzbestrebten Ansatz wurden zunehmend Einwände und Gegenargumente laut, und dies aus mehreren Richtungen. Zum einen entdeckte die Wissenschaftstheorie die Problematik der Produktionsbedingungen von Wissen, woraus sich unter vielerlei Einflüssen eine eher soziologisch orientierte Wissenschaftstheorie herausbildete. In dieses Umfeld gehört auch die Entdeckung, dass Wissenschaft ein im höchsten Maßen an Konventionen gebundenes Unternehmen ist. Diese Beobachtung bildete die Hauptthese der in der Wissenschaftsforschung paradigmenmachenden Abhandlung des amerikanischen Physikers und Wissenschaftstheoretikers Thomas S. Kuhn "Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen".Zum anderen führte der 'Linguistic Turn' zuerst in der Philosophie (namensgebend, soweit rekonstruierbar, war der von Richard Rorty (1967) hsg. gleichnamige Sammelband mit Texten zur Sprach- und analytischen Philosophie) und ab den 60ern auch in den Sozialwissenschaften, zu einer Problematisierung des Beschreibungsapparats von Wissenschaft: der Sprache. In diesem Kontext der Sprachphilosophie begann sich ab den 60er Jahren In Cambridge eine Gruppe von Historikern, Politikwissenschaftlern und Philosophen zu formieren, deren Gemeinsamkeit hauptsächlich darin besteht, das Verhältnis von Texten, Sprache(n) und Politik in der Ideengeschichte zu beleuchten.



Tabelle 1: Neue Ideengeschichtliche Traditionen

  Deutschland Frankreich Großbritannien/USA Deutschland
Theoretische Richtung Begriffsgeschichte Diskursanalyse Conceptual History Metaphern-
geschichte
RepräsentantInnen Reinhart Koselleck Michel Foucault Cambridge School of Political Thought (Q.Skinner, J.G.A.Pocock) Hans Blumenberg
"Disziplin" Geschichtswissenschaft Philosophie, Geschichte der Philosophie Analytische Philosophie, Geschichte der Philosophie Literaturwissenschaften
Forschungsgegenstand/ Beispielhafte (mögliche) Fragestellung Die soziale und politische Sprache im Wandel der Zeit, z.B.: Begriffsgeschichte von "Staat": wie wird der Begriff ideologisierbar? Wie wird der in der Vormoderne heterogene und konkrete Begriff "Status" zur Bezeichnung der dominanten politischen Organisationseinheit, also politisiert? .... Diskurse, verstanden als weitläufige, thematische Cluster, die bestimmte (sich verändernde) Strukturen aufweisen, z.B. Kriminalitätsdiskurse: wie verändern sich Vorstellungen von Kriminalität (als Krankheit, als behebbares soziales Übel) und einhergehende Praktiken (vom Kerker und Folter zur Überwachungs- und Disziplinarinstitution Gefängnis); Geschichte der Sexualität Ideengeschichte als Geschichte einer Aktivität/ als Geschichte sozialen Handelns, Große Paradigmen politischen Denkens; z.B. : Die gättliche Komädie Dantes nicht als literarisches Werk, das scholastisches Denken repräsentiert (obwohl es innerhalb des geltenden politischen Paradigmas verfasst ist), sondern als soziale, philosophische und politische Kritik an den herrschenden Umständen im Hochmittelalter (häufige Kriege zwischen italienischen Städten; weltliches Machtstreben geistiger Führer...; Metapher als kognitions- und wahrnehmungsleitendes, gleichzeitig aber geschichtlich wandelbares und gewachsenes Phänomen, z.B: der Staat als Unternehmen (im Neoliberalismus), der Staat als Bauernhof (im Austrofaschismus), Gehirn als Maschine....


Die Liste der drei oben angeführten Forschungsrichtungen soll nicht den Eindruck vermitteln, dass es sich um hermetische Disziplinen handelt (tatsächlich arbeiten Ideengeschichtler durchaus mit Bezug auf alle oder mehrere der oben dargestellten Ansätze), noch dass sie eine erschöpfende Aufzählung neuerer Ansätze darstellen würde. Neuere Ansätze in der Untersuchung politischer Ideen sind auch vor dem Hintergrund des allgemeinen Wandels der Geschichtswissenschaften hin zu historischen Sozialwissenschaften zu sehen, wofür die französische Annales- Schule einen nicht zu unterschätzenden Beitrag geleistet hat (etwa durch die Erschließung neuer Forschungsfelder wie Mentalitätsgeschichte, Geschichte des Imaginären usw.)



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B. Reinhart Kosellecks begriffsgeschichtliche "Grundlagenforschung"

Begriffsgeschichte an sich ist nichts neues, schon bei griechischen Philosophen finden sich begriffsgeschichtliche Passagen - meistens (abenteuerliche) Versuche der etymologischen Herleitung und dem Nachspüren der Verwendungsweise bestimmter Begriffe bei früheren Philosophen, freilich mit dem expliziten Ziel, so zum "wahren" Sinn eines Begriffes vordringen zu können. Der Terminus "Begriffsgeschichte" selbst geht auf Hegel zurück - überhaupt erlebte Begriffsgeschichte im Kontext des Historismus des 19. Jh. einen Höhenflug, der sich nicht lediglich auf die entstehenden Geschichtswissenschaften im engeren Sinn beschränkte, sondern auch in philologisch ausgerichteten Disziplinen spürbar wurde (in der Germanistik - vgl. etwa Grimms Wörterbuch der deutschen Sprache; in der Altphilologie etc.)

Begriffsgeschichte als ein genuin historisches Unternehmen ist dagegen jüngeren Datums. Eine genuin historische Analyse von Begriffen beschränkt sich nicht auf das Aufspüren von Traditionslinien (welcher Begriff stammt von wem, wer hat ihn wie verwendet...), sondern versucht Begriffe in ihrem jeweiligen historischen Kontext zu erörtern, also Begriffe geistes-, sozial-, kulturgeschichtlich zu situieren, einen Bezug zur politischen Geschichte herzustellen usw. (welche Gruppen/ Personen haben einen Begriff benutzt? Was wollten sie damit? Wer waren die Adressaten? Was waren die materiellen Strukturen, auf die sich Begriffe bezogen? Welche Theorien von Gesellschaft finden in einer gewissen Begrifflichkeit ihren Ausdruck....)

Reinhart Koselleck hat für diesen Zugang einen bedeutenden Beitrag geleistet, vor allem mit dem, zusammen mit Otto Brunner und Werner Conze initiierten Opus Magnum "Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland" (8 Bde, Stuttgart: Ernst Klett, 1972-1997). Darüber hinaus hat er auch mehrere theoretisch angelegte Werke zur "historischen Semantik" verfasst. Das Werk ist eine unverzichtbare Quelle zur Genealogie ("Etymologie"), zum Bedeutungsverständnis sowie zu Bedeutungsverschiebungen moderner politischer Grundbegriffe. Dem Lexikon zugrunde liegt ein pragmatisch ausgewählter Katalog von Begriffstypen, mit Hilfe derer etwa 130 Grundbegriffe ausgewählt werden:
    o Zentrale Verfassungsbegriffe
    o Schlüsselworte der politischen, der wirtschaftlichen und der gesellschaftlichen Organisation;
    o Selbstbenennungen entsprechender Wissenschaften
    o Leitbegriffe politischer Bewegungen und deren Schlagworte
    o Bezeichnungen dominierender Berufsgruppen und sozialer Schichtung;
    o Theoretisch anspruchsvolle Kernbegriffe, auch der Ideologien, die den Handlungsraum und die Arbeitswelt gliedern und auslegen

In der Einleitung zum ersten Band skizziert Koselleck den Zugang folgendermaßen:


Das vorliegende Lexikon hat Anregungen der Sprachwissenschaft und der philosophischen Terminologiegeschichte aufgenommen, beruht aber auf einer weiterentwickelten historischen Methode, um die Begriffsgeschichte für die Geschichts- und Sozialwissenschaften fruchtbar zu machen. Insofern erhebt diese Begriffsgeschichte nicht den Anspruch, eine völlig selbständige Disziplin der historischen Wissenschaften zu sein. Ihre Methode ergibt sich aus dem Zweck des Vorhabens, sie ist begriffsgeschichtlich. Diese Methode zielt weder auf eine Wortgeschichte, noch auf eine Sach- oder Ereignisgeschichte, noch auf eine Ideen- oder Problemgeschichte. Freilich bedient sie sich deren Hilfen. In erster Linie ist sie historisch kritisch.(Reinhart Koselleck, Einleitung, in: Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart Koselleck (Hsg): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd.1. A-D, Stuttgart: Ernst Klett, pp.XIX-XX).

Die Grundannahme besteht darin, dass

[d]ie soziale und politische Sprache, speziell ihre Terminologie, als Faktor[..] und als Indikator[..] geschichtlicher Bewegung betrachtet [werden kann] (ebenda: XIV)


Die Methode besteht in einem zweistufigem Verfahren:
    o Zunächst wird in historisch kritischer Absicht die jeweilige historische Bedeutung ermittelt, indem
        - Die Wortgeschichte als Einstieg verfolgt wird,
        - Mit Hilfe von Textanalysen die Bedeutungsgehalte eingegrenzt werden,
        - Der Wortgebrauch untersucht wird
        - Und so Adressaten und Intentionen offengelegt werden
    o In einem zweiten Schritt, werden die jeweiligen Bestandsaufnahmen eines Begriffs zu einem gewissen Zeitpunkt (synchrone Perspektive) in eine diachrone Perspektive übergeführt:

Indem die Begriffe aus ihrem Kontext gelöst werden und ihre Bedeutungen durch die Abfolge der Zeiten hindurch verfolgt und dann einander zugeordnet werden, summieren sich die jeweiligen historischen Begriffsanalysen zur Geschichte des Begriffs. (...) Nur so kann z.B. die soziale Dauer einer Bedeutung und können dem korrespondierende Strukturen in den Blick kommen. Durchgehaltene Worte sind für sich genommen kein hinreichendes Indiz für gleichbleibende Sachverhalte. Erst die diachronische Tiefengliederung eines Begriffs erschließt langfristige Strukturänderungen. (....) Die Begriffsgeschichte klärt die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen auf, die in einem Begriff enthalten ist. Die geschichtliche Tiefe, die nicht identisch ist mit ihrer Chronologie, gewinnt einen systematischen oder einen strukturellen Charakter. Diachronie und Synchronie werden also begriffsgeschichtlich verflochten" (ebenda: XXI)


Die Begriffsgeschichte

(...) erarbeitet (...) keine Sachverhalte aus den sprachlich vorgegebenen Quellen. Ebensowenig beschränkt sie sich auf die geistigen Äußerungen vergangener Zeitgenossen. Sie vermeidet die Geistesgeschichte als eine Geschichte der Ideen oder als Reflexhistorie materieller Prozesse. Sie führt vielmehr heran an die in den jeweiligen Begriffen enthaltene Erfahrung und an die in ihnen angelegte Theorie, sie deckt also jene theoriefähigen Prämissen auf, deren Wandel sie thematisiert. (ebenda: XXIV, Hervorhebung A.K.)


Eine Zielstellung der Begriffsgeschichte besteht zudem darin, die Mehrschichtigkeit gegenwärtiger sozialer und politischer Leitbegriffe aufzuzeigen, deren unterschiedliche Bedeutungsschichten unterschiedlichen Zeiträumen entstammen, um so die

Auflösung der alten und die Entstehung der modernen Welt in der Geschichte ihrer begrifflichen Erfassung zu untersuchen (...). Das Lexikon ist insofern gegenwartsbezogen, als es die sprachliche Erfassung der modernen Welt, ihre Bewusstwerdung und Bewusstmachung durch Begriffe, die auch die unseren sind, zum Thema hat." (ebenda: XIV).

Das Lexikon beruht dabei auf der

Vermutung, dass sich seit Mitte des achtzehnten Jahrhunderts
ein tiefgreifender Bedeutungswandel klassischer Topoi vollzogen, dass alte Worte neue Sinngehalte gewonnen haben, die mit Annäherung an unsere Gegenwart keiner Übersetzung mehr bedürftig sind. Der heuristische Vorgriff führt sozusagen eine "Sattelzeit" ein, in der sich die Herkunft zu unserer Präsenz wandelt. (ebenda: XV)


Begriffe sind also sozial verortet, sie geben Ausdruck über das Selbstverständnis von Gesellschaften bzw. gesellschaftlichen Gruppen, ohne dass freilich das Verhältnis von Begriffen zur Gesellschaft ein klares, transparentes und spannungsfreies wäre. Im Gegenteil.



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C. Der theoretische Ansatz der Cambridge School

Die sogenannte Cambridge School um Quentin Skinner, J.G.A Pocock, John Dunn u.a. ist, wie die Bezeichnung irreführend vermuten lässt, keine wirkliche Schule mit einer rigiden Theorie oder Methodologie (die Systemtheorie Luhmann'scher Prägung dagegen schon, die auch diesen Anspruch hat). So wie im Falle des Centre for Contemporary Cultural Studies zeichnet diese "Schule" eher ein Forschungsprogramm aus, in dem einheitliche Interessen bzw. eine einheitliche Stoßrichtung sichtbar werden.

Am Ausgangspunkt steht die Vermutung, dass die politische Sprache nicht nur ein Ausdruck politiktheoretischer Diskussion und der Problematisierung politisch relevanter Ereignisse, politischer Ziele usw. ist, sondern vielmehr selbst eine normativ-konstitutive Rolle für die soziale Wirklichkeit einnimmt. Von dem ausgehend, wird versucht, historische politische Theorien als "politische und linguistische Handlungen in einem jeweils historisch und kulturell, politisch und linguistisch genau zu bestimmenden Kontext" zu begreifen (Hartmut Rosa, "Ideengeschichte und Gesellschaftstheorie: Der Beitrag der 'Cambridge School' zur Metatheorie", PVS, 35, 1994 (2): 198). J.G.A Pocock charakterisiert in einem Aufsatz von 1972, was dieses Vorgehen von der traditionellen Philosophiegeschichte unterscheidet, folgendermaßen:

[T]he philosophical explanation of how the ideas in a system are related to one another is generically different from, and only contingently coincident with, the historical explanation of what the author meant to say, let alone of why he wanted to say it or chose to say it in that way; the two are arrived at by different procedures and answer different questions." [Die philosophische Erklärung, in welcher Beziehung die Ideen eines Gedankensystems zu einander stehen, ist grundsätzlich verschieden von einer historischen Erklärung davon, was der Autor sagen wollte, geschweige denn, einer Erklärung, warum er etwas so und nicht anders gesagt hat. Die historische Erklärung fällt nur zufällig mit jener zusammen. Unterschiedliche Vorgehensweisen werden verwendet, um zu der einen oder anderen Erklärung zu kommen; nicht zuletzt beantworten sie unterschiedliche Fragen , Übersetzung A.K.](John G.A. Pocock, 1972, "Languages and their Implications: The Transformation of the Study of Political Thought", in ders. Politics, Languages and Time, London: Methuen, p.9)


Mehr als die bisher vorgestellten Ansätze ist die Cambridge School von der Sprachphilosophie, wie sie von Philosophen wie Gottlob Frege, Ludwig Wittgenstein, Rudolf Carnap (Beide: im Umkreis des "Wiener Kreises"), John Austin und John Searle entwickelt wurde, beeinflusst. Ein 1967 vom Philosophen Richard Rorty herausgegebenes Sammelwerk hat die zunächst in der analytischen Philosophie antizipierte Entwicklung treffend (und wirkmächtig) mit "Linguistic Turn" bezeichnet (so der Titel der Publikation). Dementsprechend geht es in den Untersuchungen der Schule um das Aufspüren und um die Analyse der politischen Sprache historischer Zeitabschnitte und spezifischer Metiers.

Das Verhältnis von sozialer Welt und Konzepten wird als Kontext zueinander gedacht (Konzeptualisierungen der sozialen Welt bilden ihr Kontext und umgekehrt) und das Denken von Individuen wird - so wie ihr Handeln - als ein soziales Ereignis aufgefasst. Sprache tritt damit in ein privilegiertes und mehrdeutiges Verhältnis zur Praxis, ja konstituiert sie wesentlich mit. Sprache bildet einerseits das Material, mit der Handeln (sprachliches Handeln miteinbegriffen) konzeptualisiert (und damit: beschrieben) wird, andererseits fungiert Sprache als Vehikel für Werte und Bewertungen. Zentraler Ausgangspunkt der Cambridge School ist damit die "Einbettung des politischen Denkens [als Realisiation einer nach bestimmten Kriterien strukturierten sozialen Sprache, Anm. A.K] in den Zusammenhang des politischen Lebens und Handelns einer politischen Gemeinschaft (Hartmut Rosa"Ideengeschichte und Gesellschaftstheorie: Der Beitrag der 'Cambridge School' zur Metatheorie", PVS, 35, 1994 (2): 199). Linguistische Traditionen und Konventionen bilden dann das Grundgerüst, in dem sich politisches Denken vollzieht

In der Schwerpunktsetzung unterscheiden sich die einzelnen Theoretiker der Cambridge School in einigen Punkten maßgeblich (hier sollen nur die zwei bedeutendsten, Q.Skinner und J.G.A Pocock charakterisiert werden: während es Quentin Skinner eher darum geht, wie einzelne Autoren mit bestehenden Paradigmen umgehen, geht es Pocock eher um die Erforschung bzw. Identifizierung historisch wirkmächtiger Paradigmen über lange Zeiträume. Quentin Skinner entwickelt zudem in seinen methodologischen Texten eine ausgefeilte, sprechakttheoreitsche Methode des Textverstehens, während Pocock einen pragmatischeren, weniger komplexen und eher wissenschaftshistorischen Zugang wählt. Q. Skinner ist relativ skeptisch, inwieweit historische Texte außerhalb ihres historischen Kontexts sinnvoll zu verstehen sind (dafür wurde er auch kritisiert: ihm wurde vorgeworfen, den Sinn einer vom historischen Kontext abstrahierten Auseinandersetzung mit historischen Texten überhaupt in Frage zu stellen).

In den Arbeiten Pococks geht es darum, politische Sprachen im Sinne von Paradigmen (nach dem Begriff des Wissenschaftshistorikers Thomas Kuhn) aufzuspüren, nämlich als große Traditionszusammenhänge, innerhalb derer bestimmte Regeln der Argumentation, bestimmte "Textstrukturen" und Textsorten vorherrschen, die also einen normativen (d.h. bindenden/regelhaften) Charakter haben. Der Gegenstand der Schule ist also die Untersuchung dieser unterschiedlichen politischen Diskurssysteme. Diskurse oder Sprachen erfüllen paradigmatische Funktionen in der Gesellschaft. Sie konstituieren eine Neuordnung sozialer Wirklichkeit. Pocock interessiert sich in der Folge auch für Verschiebungen und Subversionen bestehender "Paradigmen" durch einzelne Denker. Ein Beispiel für eine solche subversive Überschreitung der Regeln eines Paradigmas ist "Der Fürst" von Niccolo Machiavelli. Das Genre, das Machiavelli benutzt ist dasjenige des Fürstenspiegels, das im Mittelalter vielleicht das politisch-literarische Genre überhaupt war und in der eine Art Klugheitslehre bzw. Tugendlehre vertreten wurde. Das Skandalöse an Machiavellis Buch bestand darin, dass er es vermied, normative Bewertungskriterien anzulegen (religiöse Normen, "Anstand") und dagegen rationale Kriterien (Machterhalt) setzte.

Eine interessante Implikation des Paradigma-Begriffs ist, dass wissenschaftliche Entwicklungen nicht mehr ausschließlich als linear, kumulativ und der eigenen Logik folgend verstanden werden können (Altes wird als falsifiziert verworfen, bessere Beschreibungsmodelle gefunden usw.), sondern ebenso als diskontinuierlich und bruchhaft. Während in sogenannten "Normalphasen" von Wissenschaft (Thomas Kuhn) wissenschaftliche Entwicklungen durchaus Weiterentwicklungen bestehender Modelle darstellen, (die allerdings auf grundlegende, nicht weiter erklärbare Annahmen basieren), können fundamentale Weitentwicklungen (z.B. das kopernikanischen System, die Newton'sche Mechanik, die Quantenphysik) nicht aus der Logik eines geltenden wissenschaftlichen Paradigmas erklärt werden. Die vorkopernikanische Astronomie ging beispielsweise überaus erfinderisch mit den von dem geozentrischen Weltbild aufgeworfenen Problemen um - innerhalb der vorkopernikanischen Astronomie war es etwa durchaus möglich, die Bahnen der bekannten Himmelskörper zu berechnen, man benötigte dazu "lediglich" einige zusätzliche, meist ad-hoc getroffene Annahmen, um Anomalien (die Rückkehrbewegung mancher Himmelskörper) erklären zu können sowie relativ aufwendige Berechnungsmethoden. Aus der Sicht vorkopernikanischer Wissenschaftler war es daher keineswegs nötig, eine andere Weltsicht vorzuschlagen - die Welt konnte auch "gut" im geltenden Paradigma erklärt werden. Eine weitere Implikation des Paradigmenbegriffs besteht darin, dass es denkbar wird, dass es gleichzeitig mehrere nebeneinander bestehende Beschreibungsmodelle für ein und dasselbe Phänomen gibt. Die Beschreibung wird damit zu etwas, das wesentlich von der Perspektive bzw. der Fragestellung abhängt, die man/fau an den Forschungsgegenstand heranträgt. Damit wird freilich eine einheitliche Weltsicht, wie dies von manchen Enthusiasten wie Stephen Jay Hawkings - (in den Sozialwissenschaften tendiert die Systemtheorie durchaus in diese Richtung - als möglich und wünschenswert gesehen wird, mehr als fraglich, nicht zuletzt, weil der Sinn einer solchen nicht unbedingt nachvollziehbar ist. Technische Wissenschaften, beruhen beispielsweise weiterhin weitgehend auf dem Newton'schen Modell der Mechanik, einfach weil es praktikabler ist als die Quantenmechanik bzw. weil letztere kaum für technische Fragestellungen nutzbar ist.

In ähnlicher Weise wie in bezug die Entwicklung der Naturwissenschaften muss die Entwicklung politischen Denkens als diskontinuierlich, bruchhaft angesehen werden - wenn auch politisches Denken nicht in gleicher Weise durch Regeln bestimmt ist wie die Wissenschaften es sind. In bezug auf politische Theorien (wissenschaftliche/ philosophische Theorien sind wohlgemerkt nur ein Teil politischen Denkens!) kann diese Feststellung sehr gut gezeigt werden. Mit der Renaissance verlor etwa die bisherige aristotelische Trias von Staatsformen (Monarchie, Oligarchie/Aristokratie, Demokratie) langsam, aber sicher ihre Bedeutung. Die einzelnen Staatsformen wurden zunehmend nicht mehr als gleichwertig wahrgenommen, die Bewertungskriterien für die "Güte" einer Staatsform veränderten sich usw. - es traten zunehmen rationalistische z.B. Effizienzkriterien in den Vordergrund, während normative Bewertungskriterien an Bedeutung verloren (z.B. war die Lehrmeinung bis weit in die Neuzeit hinein die, dass der Sinn der Politik darin bestehe, für den einzelnen die Verwirklichung des "guten Lebens" zu gewährleisten. Nicht zuletzt wurde der Charakter des Staates als anders wahrgenommen. Die angesprochenen Veränderungen, sowie der Aufschwung staatszentrierter Perspektiven (z.B. Hobbes) und das Wichtigerwerden gesellschaftstheoretisch begründete Politiktheorien (z.B. Tocqueville) beruhen fundamental auf gesellschaftliche Veränderungen und nicht auf bessere Einsichten der WissenschaftlerInnen und PhilosophInnen (auch vormoderne Staatsgebilde können durchaus herrschaftssoziologisch untersucht werden, nur kam diese Betrachtungsweise vormodernen TheoretikerInnen meist nicht in den Sinn). Die Einsicht, dass politische Theorien in einem fundamentalen Sinn gesellschaftlich geprägt, wenn nicht gar bedingt sind, kann umgekehrt für den kritischen Umgang mit gegenwärtigen Theoriemodellen fruchtbar gemacht werden, wie das die in der vierten Einheit diskutierten Universalismusdebatten eindrucksvoll zeigen.

Paradigmen sind daher operativen Charakters. Sie sind nicht nur abstrakt-beschreibender Natur, sondern auch handlungsanleitend bzw. handlungsblockierend. Das Hauptcharakteristikum operativer Paradigmen ist die

unauflösliche Verflechtung von normativen und deskriptiven Elementen [, zumal sie] die Autoritäts- und Wertstrukturen einer Gemeinschaft bestimmen und dabei eine normativ-regulative Funktion haben. (J.G.A. Pocock,1975, The Machevellian Moment, p.200)


Das neoliberale Paradigma etwa impliziert etwa eine gegenüber einem früheren staatsinterventionistischen Paradigma scheinbar notwendige Beschränkung der Fähigkeit staatlicher Akteure, ins Wirtschaftsleben einzugreifen. Gleichzeitig greift der Staat durchaus weiter maßgeblich in die Ökonomie ein (durch Steuern, Gebühren, Sozialpolitik, Arbeitsrecht, Insolvenzrecht, Copyright-Bestimmungen usw.), nur sind die Formen der Intervention sowie die konkreten Akteure andere. Während es früher durchaus vorstellbar war, dass der Staat z.B. Wirtschaftsunternehmen aufkauft, also direkt wirtschaftlich aktiv wird, ist heutiges staatliches Handeln vielmehr auf regulatives Handeln beschränkt bzw. ausgelagert (auf Stiftungen, Nationalbanken usw.). Paradigmen haben also direkte Implikationen für die Möglichkeit und die Form politischen Handelns.

Große politische Theorien auf hohem Abstraktionsniveau können nach Pocock als Reaktionen auf Legimitationskrisen des operativen Paradigmas gesehen werden, welche selbst wieder eine Reaktion auf gesellschaftliche Entwicklungen (Holocaust, Zusammenbruch des Kommunismus....) interpretiert werden können.

Die ideengeschichtliche Analyse in der Folge der Cambridge School kann zusammenfassend als aus zwei komplementären Dimensionen bestehend interpretiert werden:
    i. Die Erforschung/ Rekonstruktion der Geschichte der jeweils herrschenden Paradigmen und "Sprachen" in Normalphasen gesellschaftlicher Entwicklung
    ii. Das Verständnis der das operative Paradigma kritisierenden, verändernden oder rechtgertigenden reaktionen der politischen Denker: Wie gehen Denker mit gegebenen Strukturen um, wie manipulieren oder verändern sie diese? Es geht um Untersuchung der Umbrüche, Veränderungen und Rechtfertigungen dieser Paradigmen in "Krisenzeiten".




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4. Literatur und Weblinks

Den Text "Ideologie und Ideologische Staatsapparate von Louis Althusser, auf deutsch erstmals veröffentlicht in: Marxismus und Ideologie, Westberlin 1973: VSA, S.111-17, findet ihr unter http://www.txt.de/b_books/texte/althusser/ .Wenn auch seine marxistische Diktion manchen die Freude am Lesen verderben mag, ist er sicherlich nicht das schlimmste Beispiel (sprachlich gesehen) deutschsprachiger bzw. von ins Deutsche übersetzter marxistischer Literatur und ist im allgemeinen leicht lesbar. Empfehlung!
Zu den britischen Cultural Studies gibt es, ebenfalls online, einen guten, allerdings englischsprachigen Text zur intellektuellen Geschichte des Zentrums: Norma Shulman (1993): Conditions of their own making: An intellectual history of the Centre for Contemporary Cultural Studies at the University of Birmingham, Canadian Journal of Communications, 18, 1
Einen breiteren Fokus auf die Thematisierung & Theoretisierung von Kultur im Neomarxistismus legt der englischsprachige und online verfügbare Text des südafrikanischen Kommunikationswissenschaftler Keyan G. Tomaselli (1995): "The Marxist Legacy in Cultural and Media Studies. Implications for Africa" (ursprünglich veröffentlicht in Africa Media Review, 9, 3, pp.1-31) downloadbar unter: http://www.und.ac.za/und/ccms/media/commstudies/amr.htm . Im Aufsatz werden neben den britischen Cultural Studies die Ansätze von Althusser & Gramsci sowie jene der Frankfurter Schule diskutiert.
Schlüsseltexte der britischen Cultural Studies vereinigt der in mehreren Universitätsbibliotheken erhältliche, von Roger Bromley und Gabriele Kreuzner (1999) herausgegebene und übersetzte Sammelband "Cultural Studies. Grundlagentexte zur Einführung." (Lüneburg: Zu Klampen).
Die Homepages des in "Department for Cultural Studies and Sociology" umbenannte ehemalige CCCS findet ihr hier.
In Österreich hat sich im Bereich der Cultural Studies bzw. im weiteren Feld der Kulturwissenschaften besonders das Internationale Forschungsinstitut für Kulturwissenschaften (IFK) hervorgetan. Es lohnt sich, auf die Homepage des Instituts zu schauen (http://www.ifk.ac.at), zumal das Institut immer wieder interessante Vorträge zu kulturwissenschaftlichen Themen veranstaltet.
Das Ministerium für Wissenschaft, Bildung und Kultur (unter http://www.bmbwk.gv.at/start.asp) finanziert seit mehreren Jahren Forschungsschwerpunkte im Bereich der Geistes und Sozialwissenschaften (es lohnt sich die entsprechenden Sites anzuschauen, zumal immer wieder mehr oder umfangreiche Materialien online veröffentlicht werden sowie allgemeine Informationen zu den durchgeführten Projekten zu finden sind). Zuletzt gab es einen Schwerpunkt zu Cultural Studies, für den eine eigene Homepage mit einer Projektdatenbank, Literaturneuerscheinungen, Veranstaltungshinweisen etc. eingerichtet wurde. Die Homepage findet ihr hier.
Zur Cambridge School gibt es einen gut lesbaren und relativ neuen Artikel von Eckhart Hellmuth und Christoph von Ehrenstein (2001): "Intellectual History made in Britain. Die Cambridge School und ihre Kritiker", erschienen in der Zeitschrift Geschichte und Gesellschaft, 27, 1
Es lohnt sich jedenfalls, einmal in die wissenschaftshistorische Untersuchung zu wissenschaftlichen Umbrüchen von Thomas Kuhn hineinzuschmökern (sie hat einen begrenzten Umfang und ist auf deutsch erhältlich). Auf sie beruft sich, wie oben dargestellt, die Cambridge School (vor allem J.G.A Pocock). Ihr Leitbegriff, "Paradigmenwechsel", ist heute zu einem Leitbegriff und Schlagwort geworden, ohne dass freilich den Autoren immer ganz klar ist, wovon die Rede ist und was eigentlich gemeint ist: Thomas S. Kuhn (1973): Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Frankfurt/Main: Suhrkamp
Dass der Ansatz der Cambridge School, zumindest in Hinsicht auf das Konzept politischer Sprache bzw. politischer Paradigmen, auch fundamentale Probleme aufwirft, zeigt ein (trotzdem empfehlenswertes) Buch zur Geschichte des modernen politischen Denkens in Afrika vom Niederländer Pieter Boele van Hensbroek (1999: "Political Discourses in African Thought, 1860 to the Present", Westport/Connecticut; London: Praeger; eine Besprechung zu dem Buch, von A.Sonderegger und A.Kraler, der die fundamentalen Probleme des Ansatzes aufzeigt, findet ihr in der Zeitschrift Stichproben. Wiener Zeitschrift für kritische Afrikastudien, 2/2001, pp.109-116, erhältlich am Institut für Afrikanistik und dessen Fachbibliothek). Das methodische Problem besteht kurzgesagt darin, dass die Identifizierung eines Paradigmas (bzw. politischer Sprachen/ Traditionen/ Diskurse) immer ein mehr oder weniger an Willkür beinhaltet, der mitunter zu weitreichenden Verzerrungen führen kann, m.a.W. es gibt kein gesichertes methodisches Instrumentarium, wie paradigmatische Diskurse ausfindig zu machen sind (in den Naturwissenschaften mit hochformalisierten Modellen und klar erkennbaren Axiomen - jedoch nicht alle Naturwissenschaften (z.B. die Humananthropologie) sind so beschaffen! - ist dies vergleichsweise einfach, weil ein bestimmtes Modell, etwa die Newton'sche Mechanik als Paradigma, innerhalb dessen sich praktisch alle Forschung bewegt, einfach "erkannt" werden kann).




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5. Begriffe zur Vorlesung

Basis-Überbau
Produktionsverhältnisse, Produktivkräfte
Ideologische Staatsapparate
Hegemonie
Transparent
Repräsentation/Repräsentanz
Konnotation
New Left
Paradigma
Etymologie
Semantik
Linguistic Turn
Cultural Turn



Beispielhafte Begriffserklärung:

-->Hegemonial (Adj.): die Hegemonie betreffend, auf ihr beruhend, sie erstrebend: -e
Bestrebungen, Ansprüche; Hegemonialstaat, der: Staat, der die Vorherrschaft, eine Vormachtstellung innehat, auszubauen trachtet; Hegemonie, die: -, -n [griech. hegemonía, eigtl. = das Anführen]: 1. Vorherrschaft, Vormachtstellung, die ein Staat gegenüber einem oder mehreren anderen Staaten besitzt. 2. faktische Überlegenheit politischer, wirtschaftlicher o.ä. Art: kulturelle, politische, militärische H.; die wirtschaftliche H. einer Gesellschaftsschicht (aus: Duden. Deutsches Universalwörterbuch: Bibliographisches Institut Mannheim/Wien/Zürich: Dudenverlag, 1983)

--> Hegemonie (griech. hegemonía = das Anführen, Oberbefehl, Heerführerschaft), [1]: die
Überlegenheit bzw. Vorherrschaft einer Person oder eines Kollektivakteurs, die auf verschiedenen Ressourcen, z.B. kulturellen, wirtschaftlichen, polit. Aber auch militärischen (wie deren Kombination) beruhen kann.
[2] In der >Internationalen Politik die Vormachtstellung eines Staates über einen oder auch mehrere andere, ohne deren >Souveränität formell in Frage zu stellen, beispielsweise die (teils und zeitweilig erfolgreichen) Versuche Spaniens, Frankreichs, Russlands oder auch Preußen-Deutschlands zur Hegemonialmacht aufzusteigen, die seit dem Dreißigjährigen Krieg/Westfälischer Frieden (1648) stets zu >Gegenmacht-Koalitionen und zu (militärischen) Konflikten um das >Gleichgewicht im europ. Staatensystem führten. Nach dem II. Weltkrieg wuchs als Folge der >Globalisierung die Bedeutung von v.a. ökon. Faktoren für die H. im internat. System, etwa die der USA oder auch der industrialisierten Staaten über die > Dritte Welt.
[3] In der > Politischen Soziologie die Fähigkeit einer herrschenden > Schicht, > Klasse, ihre Dominanz über die Gesellschaft aufrechtzuerhalten, ohne auf direkte Formen der Repression oder > Gewalt angewiesen zu sein (> Autoritäre Regime, > Totalitarismus). Anknüpfend an den marxistisch inspirierten Theorieentwurf A. Gramscis wird dabei zur Herstellung und Steuerung der H. der Kultur, polit.-ideologischen und polit.-administrativen Faktoren ein höhrerer Stellenwert zugewiesen als üblicherweise im sterilen > Basis-Überbau-Schema des > Marxismus.
(aus: Lexikon der Politik, hrsg. Von Dieter Nohlen, Bd.7, Politische Begriffe, hrsg. Von Dieter Nohlen, Rainer-Olaf Schultze und Suzanne S. Schüttemeyer, München 1998: C.H.Beck, p.247).

 

Nachlese Politsche Theorien - Textwelten - Der Ideologiebegriff Althussers & der Cultural Studies


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onlinereihe: geschichte des politischen denkens





Die "Nachlesen" zur Vorlesung "Politische Theorien" sind im Wintersemester 2002/2003 entstanden. Die Nachlesen bilden einen guten Einstieg in Themen und Problemstellungen der politischen Theorie. Vielen Dank an den Autor der meisten Nachlesen, Albert Kraler.

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