Dr. Eva Kreisky, Institut für Politikwissenschaft - Universität Wien
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Kreisky, Eva, Demokratie, Markt und Geschlecht. Die maskuline Welt des Joseph A. Schumpeter
in: Andrei S. Markovits/Sieglinde K. Rosenberger (Hg.): Demokratie. Modus und Telos, Wien-Köln-Weimar, 39-60


Eva Kreisky:

Demokratie, Markt und Geschlecht.

Die maskuline Welt des Joseph A. Schumpeter


Schon früh hatte ich drei Ziele:

der größte Ökonom der Welt,

der größte Reiter Österreichs

und der beste Liebhaber Wiens

zu werden 1

Joseph A. Schumpeter




Dieser Text fokussiert auf den "Politikwissenschafter" Joseph A. Schumpeter2. Vor allem sein Beitrag zur Ökonomisierung von Demokratie interessiert, zumal aktuell Wirtschaftsliberalismus und Marktradikalismus en vogue sind und gleichfalls Demokratie ökonomistisch zu verkürzen trachten. Schumpeters Demokratietheorie ist aber nicht nur für politische Debatten relevant, sie hat überdies auch politikwissenschaftliche Resonanz gefunden. Mittlerweile zählt sie zum engeren Kanon der Disziplin, weil sie als Prototyp der "ökonomischen Theorie der Demokratie" (Anthony Downs) gilt. Schumpeters Patenschaft für den Public-Choice-Ansatz scheint also bedenkenswert (Swedberg 1994, 223; Schmidt 1995, 129).


Schumpeter war kein üblicher, eng "fachwissenschaftlicher", Ökonom, stets war er offen für wirtschaftshistorische wie sozialwissenschaftliche Weiterungen. Zu seiner Zeit zählte er zu den wenigen nicht-marxistischen Ökonomen, die Marx dennoch ernst nahmen. Ökonomen betrachteten ihn als historisch arbeitenden Gesellschaftswissenschafter und Sozialwissenschafter wiederum sahen in ihm vor allem den marktapologetischen Wirtschaftstheoretiker. Sein methodischer Pluralismus, seine thematische Weite wie sein Grenzgängertum zwischen den Disziplinen faszinieren – selbst kapitalismuskritische – Sozialwissenschafter auch heute noch. Schumpeters Œevre ist schwer einzuordnen, weshalb er in Vergangenheit wie Gegenwart die widersprüchlichsten Zuschreibungen erfahren hat und nach wie vor erfährt: So finden sich in der Literatur Etikettierungen als Marxist wie als Nicht-Marxist, als Sozialist wie als Nicht-Sozialist. Genauere Lektüre läßt aber kaum an seiner konservativen, ja bisweilen reaktionären Grundeinstellung zweifeln.


Faszinierend an Schumpeters Arbeiten bleibt aber wohl das besonderes Ausmaß an "Interdisziplinarität" in seinem Denken, die Art und Weise, wie er in Anlehnung an Max Weber Wirtschaftstheorie und soziale Problemlösungen ineinander zu verquicken vermochte. Er war davon überzeugt, daß es zwar nur eine soziale Wirklichkeit, aber mehrere sozialwissenschaftliche Ansätze gebe: "Das soziale Geschehen ist eine einheitliche Erscheinung. Aus seinem großen Strom hebt die ordnende Hand des Forschers die wirtschaftlichen Tatsachen gewaltsam heraus" (Schumpeter 1964, 1) – wie dies eben auch der androzentristisch verfahrende Ökonom und "Politologe" Joseph A. Schumpeter tat.


So changierend wie sein Werk war auch seine Persönlichkeit. Schumpeter war ein Mann mit seltsamen Eigenschaften, die aber als solche in Nachrufen zumeist ausgespart bleiben (anders Swedberg 1994). Biographie und Werk werden voneinander abgespalten, als ob sie nichts miteinander zu tun hätten. Neu oder vielleicht auch nur anders an meiner Perspektive ist, daß hier immer wieder auch die Geschlechterfrage anklingt, als Thematisierung von Schumpeters Androzentrismus wie auch in bezug auf Ver- bzw. Ent-Geschlechtlichung des "demokratischen Marktes". Text ist stets im Kontext sowie unter Berücksichtigung möglichst vieler Subtexte zu lesen. Also muß auch die Biographie Schumpeters3 wertvolle Einsichten und Interpretationshilfen für seine vergeschlechtlichten politischen wie ökonomischen Denkmuster bieten. Eine geschlechterkritische Lesart von Schumpeter wie der Auswirkungen des maskulinistisch inspirierten Marktmodells auf die Organisation der Geschlechterverhältnisse wird dem geschlechtsblinden und geschlechtsverleugnenden Mainstream der Politikwissenschaft zunächst fremd erscheinen. Sie ist aber dennoch den Analyseversuch wert.



Schumpeters Relevanz in einer Ära neo-liberaler Globalisierung


Neo-liberale Globalisierung zielt auf Entgrenzung von Kapitalismus, auf Bewegungsfreiheit für Kapital, Waren, Dienstleistungen und Arbeitskräfte, auf möglichst unbehindertes Passieren nationalstaatlicher Begrenzungen. Zugleich aber werden (national-)politische Entscheidungs- und Handlungsräume verengt, Staatlichkeit wird wieder systematisch rückgebaut. Die Dominanz in diesen komplexen Vorgängen liegt fraglos in der strukturellen Vor-Macht kapitalistischer Ökonomie und ihren marktfundamentalistischen wie monetaristischen Wertdiktaten. Hatte also Joseph A. Schumpeter die Kapitulation der Politik vor der Ökonomie bloß antizipiert oder wurden solche Tendenzen durch Vor-Denker wie Schumpeter gar angestoßen und angeleitet?


"Freier Markt" und Unternehmertum, wie Schumpeter sie im Sinne hatte, werden auch zur Zeit nahezu weltweit wieder als "wichtigste Kräfte einer funktionierenden Volkswirtschaft wie auch einer prosperierenden Gesellschaft" hochstilisiert (Swedberg 1994, 11). Anläßlich des 50. Todestages Joseph A. Schumpeters zelebrierte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" nicht nur das Lebenswerk des Wirtschaftswissenschafters aus Österreich, sondern lobte mit ihm auch das "effiziente marktwirtschaftliche System, das eine Verunglimpfung als 'Kapitalismus' nicht verdient" (Horn 2000). Kein Wunder, daß man nun auch Schumpeter abermals verstärkt Aufmerksamkeit widmet. Seine Ideen und Konzepte scheinen gerade in der aktuellen Ära von Neo-Liberalisierung und Globalisierung interessanten Gebrauchswert aufzuweisen. "Die Wirtschaftstheorie nach Keynes hat an Ansehen verloren; der Liberalismus ist als dominierendes ökonomisches Gedankengebäude an seine Stelle gerückt" (Swedberg 1994, 11). In dieser Hinsicht ist aber keineswegs nur der "Väter" des Neo-Liberalismus, Friedrich A. Hayek oder Milton Friedman, sondern auch Joseph A. Schumpeters zu gedenken. Denn auch letzterer hat zur "Erneuerung" des Liberalismus bemerkenswerte Denkhilfen geboten.


Schumpeter plädierte stets für Zügelung von Staatsintervention und äußerte Skepsis gegenüber staatlicher Ausgabepolitik, zumal hohe Besteuerung die Dynamik der Wirtschaft lähme (Bass 1999, 218). Die Doktrin der Nichteinmischung, unverfälschter Wettbewerb wie "freier Markt" waren hoch idealisierte Fixpunkte in Schumpeters Gedankenwelt und Ziele im Verhältnis von Politik und Ökonomie, die auch heutzutage wieder lautstark propagiert werden. Auch wenn Schumpeter (1987, 430) einigermaßen realistische Einschätzungen "freier Marktwirtschaft" vornahm, weil er Konkurrenz als niemals "vollkommen" konzedierte, ist er mitnichten als ihr Gegner anzusehen; auch wenn er "intelligente Monopole" hinzunehmen vermochte, muß er als ideologischer Proponent "freien Unternehmertums" und "freier Marktwirtschaft" gelten.


Schumpeter zweifelte freilich am Gleichgewichtsparadigma der Neo-Klassiker und ging stattdessen davon aus, daß moderne Ökonomien sich immer in dynamischem Ungleichgewicht befänden. Was ihn vornehmlich beschäftigte, war der permanente strukturelle Wandel kapitalistischer Wirtschaft. Dies macht ihn vielleicht auch so interessant zum Verständnis der sich gegenwärtig globalisierenden Wirtschaft, des komplexen Überganges von Nationalmärkten zum Weltmarkt.


In der Suche nach den "Akteuren" dynamischer Wirtschaftsprozesse wurzelt auch Schumpeters Vergötterung des kapitalistischen "Innovators", seine Verherrlichung unternehmerischen Denkens und Handelns. Schumpeter versuchte – anders als Marx – zu zeigen, daß Gewinn nicht – den Arbeitern abgepreßter – "Mehrwert", sondern jene "Quelle" sei, aus der künftige Arbeitsplätze generiert würden (Schumpeter 1964). Gewinne seien kurzlebig und unternehmerische Innovation als Neukombination von Produktionsmitteln erfordere "schöpferische Zerstörung". Stilisierung wirtschaftlicher Destruktion als Kreativität rechtfertigt selbst Inhumanitäten in der Struktur des Kapitalismus. Wenn unternehmerischer Gewinn, wie gerade in neo-liberalen Zeiten propagiert wird, die einzige Möglichkeit zur Erhaltung und Neuschaffung von Arbeitsplätzen sei, könne "Kapitalismus" wegen seiner Qualität als "moralisches System" sogar entlastet werden (Drucker 2000). Hans H. Bass (1999, 216) erscheint es aber "paradox", daß gerade der Entrepreneur, die Zentralfigur des Kapitalismus, "nicht-kapitalistischen Motiven folgen soll".


Schumpeters Arbeiten erweisen sich als Fundgruben, um auch die Analyse gegenwärtiger Politik- und Wirtschaftsdynamiken voranzutreiben. Der Titel von Schumpeters prominentestem Text, verfaßt zwischen 1938 und 1941, hat freilich seine historische Gültigkeit eingebüßt: Geht es doch in momentanen politischen und ökonomischen Debatten immer weniger um Schumpeters Dreigestirn "Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie", vielmehr scheint mit dem 1989 sichtbar werdenden Zerfall der "staatssozialistischen" Hemisphäre und deutlichen Krisentendenzen auf dem sozialdemokratischen "dritten Weg", dem Sozialstaatskompromiß, nur noch die Dualität von "Kapitalismus" und "Demokratie" von Bedeutung. Die Gegenwart wurde offenbar zurückgeworfen auf Schumpeters Sicht, wonach die moderne Demokratie nicht nur ein "Produkt" des kapitalistischen Prozesses sei (Schumpeter 1987, 471), sondern speziell zum Kapitalismus in Analogie stehe (Waschkuhn 1998, 35). Schumpeter hat zwar Sozialismus und Demokratie als prinzipiell kompatibel betrachtet, freilich galt sein praktisches Interesse der Verknüpfung von Kapitalismus und Demokratie. Insgesamt bescheidet sich daher Schumpeter mit einem "mageren" Demokratiebegriff (Schmidt 1995, 137), der von allen sozialen Inhalten entkernt ist und nur ein – Unternehmertum und Markt nicht irritierendes – formales, minimales Regelwerk für die Sphäre des Politischen bietet.



Joseph A. Schumpeter: ein "kultivierter Konservativer"


Schumpeter verstand sich als "durch und durch politischer Mensch" (Swedberg 1994, 72), definierte sich im engeren aber als "kultivierter Konservativer", der den Sozialismus zeitlebens "verachtete" (ebd., 201). Ihm wurde auch "kruder Antisemitismus" und selbst "naive Sympathie für den Faschismus" nachgesagt (ebd., 14). Schumpeter betonte stets, "man muß den politischen Mut haben, in Grundfragen konservativ zu sein und entschlossen danach zu handeln" (Schumpeter, zit.n. Swedberg 1994, 81). So sah denn auch sein gesellschaftliches wie politisches Weltbild aus: "Das Niveau ist in jeder Beziehung gesunken, in der Kunst – dies bezeugen die dadaistischen und expressionistischen Exzesse – und auch in der Sexualmoral, bis hin zu den Regeln für zivilisiertes Benehmen im Privaten. Eine Welt war untergegangen. Eine Jazz-Kultur erhob sich, und so war es überall" (Schumpeter 1941, zit.n. ebd., 201, Hervorhebung im Original). Sein Konservativismus gipfelte nach 1918 in einer schlichten Rezeptur für das Post-Weltkriegs-Verhältnis von Ökonomie und Politik: "Die Steuern sollten niedrig sein, die Industrie galt es zu fördern, und für das Wohlfahrtswesen dürften keine zusätzlichen Mittel aufgewendet werden" (Schumpeter, zit.n. ebd., 80). Prinzipien, wie sie auch gegenwärtig von Neo-Konservativen und Neo-Liberalen weltweit verfolgt werden.


Karl Kraus (zit.n. ebd., 89) nannte Schumpeter einen "Austauschprofessor seiner Überzeugungen", der "mehr Gesinnungen hatte, als zum Vorwärtskommen nötig waren". Schumpeter pendelte zwischen der Existenz eines "wohlbekannten Opportunisten" (Karl Kraus, zit.n. ebd.) und der Position eines weithin, bei Konservativen wie bei führenden Sozialisten, akzeptierten "Ehrenmannes" (Swedberg 1994, 73)4. Schumpeter war aber in Wahrheit in Wien recht "unbeliebt" (ebd., 94), er galt als "wenig vertrauenswürdige Person" (ebd., 89); man hielt ihn für "illoyal" und "intrigant" (ebd., 89; 92). Schumpeter "nahm nichts im Leben schwer", meinte dagegen sein Freund Felix Somary (1959, 170f., zit.n. Swedberg 1994, 23), war er doch im Theresianum dazu erzogen worden, "die Spielregeln aller Parteien und Ismen [zu] beherrschen, aber keiner Partei oder Richtung an[zu]gehören. Und Schumpeter verstand es virtuos, jedes politische Spiel von der äußersten Linken bis zur äußersten Rechten zu spielen". Ein österreichischer "Wendehals", der "Herr Professor Karl" der Wiener Schule der Ökonomie?


"Moderne Politik" erforderte für Schumpeter, die breite Öffentlichkeit zu "faszinieren", zu "beeindrucken" und "für sich zu gewinnen", was ihm am besten durch den (selbstverständlich maskulin geformten) Parlamentarismus gewährleistet schien (Swedberg 1994, 78). Freilich hatte er eine "aristokratische Demokratie" nach englischem Muster im Sinne. Seine politischen Interventionen waren zum Teil "kurios" und so betrachtete man ihn auch als einen "Don Quichote der Politik" (ebd., 95). Insgesamt galt Schumpeter als "rätselhafte Persönlichkeit" (ebd., 15). Unzweifelhaft sind seine Schriften deutlich von seiner Persönlichkeit wie seiner persönlichen Entwicklung geprägt, was auch sein Biograph betont (ebd., 13). Selbst Schumpeter ist das enge Wechselspiel zwischen Person und Werk nicht verborgen geblieben, zumindest hat er am Beispiel Vilfredo Paretos konstatiert, daß "Persönlichkeit und Lebensumstände von so großem Einfluß [waren], daß es notwendig erscheint, auf diesen Mann und was ihn bewegte, näher einzugehen, als man es in Würdigungen wissenschaftlicher Leistungen zu tun gewohnt ist" (Schumpeter 1951, 112f., zit.n. Swedberg 1994, 13).



Joseph A. Schumpeter: Bonvivant und "Frauenheld"


Nach seiner Promotion 1906 pilgerte Joseph A. Schumpeter zu "großen alten Männern der Nationalökonomie" (Swedberg 1994, 29). So nahm er am wirtschaftswissenschaftlichen Seminar der Universität Berlin teil und besuchte auch die "London School of Economics". Ein Freund aus jenen Tagen stellte die Zeit in England als für Schumpeter angenehmes Leben dar: "Die Türen zur besseren englischen Gesellschaft standen ihm offen. Er lebte als modebewußter junger Mann in London, besuchte Landhäuser und machte zur Abwechslung auch gelegentlich Ausflüge nach Oxford und Cambridge" (zit.n. Swedberg 1994, ebd.). In seinen Wiener Tagen als Kurzzeit-Finanzminister soll dann Schumpeter einen äußerst extravaganten Lebensstil gepflegt haben, er mietete ein Schloß und erwarb einen Rennstall. Es hieß in Wien auch, das Schicksal der kleinen Leute wäre ihm gleichgültig (Swedberg 1994, 94), was – neben anderen Mißgriffen und politischen Fehlern – für einen auch von Sozialdemokraten nominierten Finanzminister politisch letal sein mußte.


Der "extravagante Lebensstil" hatte selbst Schumpeters "Liebesleben" geprägt (ebd., 100). Ein Freund erzählte später, daß Schumpeter nur gelacht habe, "als man ihm riet, sich diskreter zu verhalten und in der Wiener Öffentlichkeit nicht mit Prostituierten in Erscheinung zu treten". Er reagierte auf diesen freundschaftlichen Rat, indem "er einen offenen Fiaker [mietete] und [...]um die Mittagszeit mit einer attraktiven blonden Prostituierten auf dem einen und einer brünetten auf dem anderen Knie die Kärntnerstraße - [...] – auf und ab [fuhr]" (Allen 1991, I, 190, zit.n. Swedberg 1994, 100f.). Seinen Freunden gegenüber rühmte er sich häufig seiner sexuellen Abenteuer und vieler Begegnungen mit "Damen der Nacht" (Allen 1991, I, 190, zit.n. ebd., 355). So berichtet sein Freund Richard Goodwin, daß ihm Schumpeter "einmal eine genaue, [...] verblüffende Zahl von Frauen an[vertraute], mit denen er sexuellen Kontakt gehabt" haben soll. Schumpeter wäre von dieser Zahl so beeindruckt gewesen, daß er in seinem Tagebuch vermerkte: "Okay, ich habe ein Talent für Frauen" (Goodwin 1983, 611, zit.n. ebd., 349). In Harvard noch unterhielt er seine Kollegen gerne mit Geschichten über seine "außerakademischen Aktivitäten" in Czernowitz, über "ausgelassene Feiern" und "erotische Abenteuer". Bei Fakultätssitzungen soll er schockiert haben, weil er gelegentlich auch in Reitstiefeln erschien (Swedberg 1994, 32). Selbst die Rede von einem in Czernowitzer Zeiten gewonnenen Duell machte in Harvard die Runde


Schumpeter (1944, zit.n. Swedberg 1994, 15) bemerkte in einem Interview, daß er "schon in jungen Jahren [...] eine sehr genaue Vorstellung von einem erfüllten Leben [hatte], in dem Politik, Wissenschaft, Kunst und Liebe eine Einheit bilden". Als seine "Hauptinteressen im Leben" zählte er gewöhnlich auf: "Frauen – Kunst – Sport – Wissenschaft – Politik – Reisen – Geld" (Schumpeter 1942, zit.n. ebd., 199). Schumpeter galt an der Harvard University ebenso als "brillanter Wirtschaftswissenschaftler" wie als leichtlebiger "Entertainer und Dandy", "großer Showman", "Snob" und "Schürzenjäger" (Swedberg 1994, 13, 159, 167f.). Manche seiner Schüler bewunderten "seine angenehmen, manchmal übertrieben höflichen, manchmal wunderlich anmutenden altmodischen Umgangsformen" (Haberler 1950, 335, zit.n. Swedberg 1994, 23).


Schumpeter selbst aber sah sich – trotz all seiner Salonerfolge – immer wieder als "Versager" (ebd., 190, 192, 199f.), der als Ökonom für die Disziplin niemals jene Bedeutung erlangte, "die er immer hatte haben wollen" (ebd., 14, 200). Schumpeter beurteilte sein Leben im gesamten als "Mißererfolg", weil er keine "Fähigkeit zur Führung" gehabt hätte. Er sah sich als "Mann ohne Aura" und "ohne Antenne": "Mit einem Bruchteil meiner Ideen hätte eine neue Ökonomie begründet werden können" (Schumpeter 1942, zit.n. Swedberg 1994, 200). Neben männlich charakteristischer Selbstüberschätzung dominierte aber "Resignation" sein Verhalten, "dunkle Charakterzüge", wie er meinte, die vom Vater herrührten (Haberler 1950, 334, zit.n. ebd., 19).


Schumpeters Versagensängste entwickelten sich direkt zur Manie (Swedberg 1994, 259). In mehr oder weniger "sexistischen" Bildern näherte er sich auch seiner Existenz als Wissenschafter an: "Lohnschreiberei" und "bezahltes Vortragswesen" betrachtete Schumpeter als "Form der 'Prostitution'" (zit.n. Swedberg 1994, 110). Die Sinnlosigkeit seines Lebens kam ihm immer wieder hoch: "Worauf letzten Endes doch alles hinausläuft: Das Modell, aus dem das Bild der Menschheit entworfen werden kann, ist die Prostituierte" (Schumpeter 1946, zit.n. ebd., 259). In seinem Tagebuch vermerkte Schumpeter auch Aphorismen mit höchst eigenartigen sexuellen Anspielungen: "Wenn Sie jemals die sexuelle Bedeutung von 'Schönheit' anzweifeln, dann stellen Sie sich einfach zwei genau wie 'schöne' Brüste aussehende Gewächse auf einem Mann oder einfach ohne jede sexuelle Konnotation vor" (Schumpeter, Aphorismen5, zit.n. ebd., 261).


Oft sprach er auch über seine wirtschaftstheoretischen Ambitionen in erotisch gefärbten Metaphern. So berichtete er über einen Besuch bei Alfred Marshall: "Im Jahre 1907 sah ich ihn über seinen Frühstückstisch an und sagte ihm: 'Herr Professor, nach unserem Gespräch (über meine wissenschaftlichen Pläne) fühle ich mich wie ein unbesonnener Liebhaber, der sich auf eine abenteuerliche Heirat einlassen will. Sie aber sind wie ein wohlwollender alter Onkel, der mich überzeugen will, den Plan aufzugeben'" (zit.n. ebd., 29).


Tatsächlich ging Schumpeter zu dieser Zeit in England seine Eheschließung mit einer um 12 Jahre älteren Frau, Gladys Ricarde Seavers, ein. Schumpeter stilisierte sich als "junges, unschuldiges Opfer einer älteren und viel erfahreneren Frau" (Swedberg 1994, 30). Später freilich betrachtete er diese Ehe als "Fehler" (ebd.). Schumpeter galt als "Frauenheld" und nahm es auch mit der Treue nicht so genau, hatte er doch zahlreiche, wenn auch zumeist kurze Affären. Lediglich zu einer Wiener Prostituierten pflegte er eine länger dauernde Beziehung. Die Frau bezeichnete sich daher in der Öffentlichkeit als Schumpeters Ehegattin und nannte sich demgemäß "Nelly Schumpeter".


1924 verliebte Schumpeter sich aber ernsthaft und heiratete 1925 – nach einer in formaler Hinsicht zwielichtig bleibenden Scheidung von seiner ersten Frau – zum zweiten Mal. Nur 10 Monate später starb seine Frau Annie im Kindbett, nachdem etwas mehr als einen Monat zuvor schon seine Mutter verstorben war (ebd., 106f.). Die Mutter war ihm "emotionales Zentrum" im Leben gewesen, was er in seinen Aufzeichnungen jedoch niemals besonders hervorhob (ebd., 20f.). Seine Kollegen und Freunde bekundeten, daß Schumpeter "fassungslos und doch in männlicher Haltung [...] an der Bahre seiner jungen schönen Frau [stand], die, einer Madonna gleich, mit ihrem Knäblein im Arm auf ihrem Totenbett lag, das er mit roten Rosen geschmückt hatte" (Spiethoff 1950, 289f., zit.n. Swedberg 1994, 108).


In der Folge erhob Schumpeter seine Frau und seine Mutter, die er fortan als "Hasen" titulierte, in einer Art von "persönlichem Kult" zu "Privatheiligen" (Swedberg 1994, 14). Er verklärte sie als "Schutzengel" und baute um sie ein Ritual mit regelrecht "religiösen Zügen". So bat er "um den Schutz 'Mamis' und 'Annerls' vor körperlichen Bedrohungen wie beispielsweise Zug- und Bootsunfällen, oder wandte sich an sie, um Hilfe bei der Abfassung einer Vorlesung oder eines Manuskripts zu erlangen" (Schumpter, zit.n. Swedberg 1994, 109). So notierte Schumpeter etwa: "O Mutter und Herrin – o seid über mir. Und laßt mich nicht blamieren in der Mathematik" (Schumpeter 1931, zit.n. ebd., Anm. zu Abb. 5). Nach seiner heftig akklamierten Rede als Präsident der "American Economic Association" vermerkte er in seinem Tagebuch: "Dank Euch, Hasen, dafür, daß ihr mich unterstützt habt, und für eines der reichsten Geschenke. Alle erhoben sich nach meiner Präsidialrede" (Schumpeter 1948, zit.n. ebd., 260).


In seiner Bonner Zeit war Schumpeter von Mia Stöckel umsorgt worden, seiner Sekretärin an der Universität, die nach dem Tod seiner Frau "für ihn Haushälterin und Gefährtin in einem" war (Swedberg 1994, 152). 1932 nahm Schumpeter einen Ruf nach Harvard an, um mit seiner (persönlichen) Vergangenheit zu brechen und quälende Depressionen zu überwinden (ebd., 155). In Briefen an Freunde behauptete er freilich, Deutschland aus rein "wissenschaftlichen Motiven" verlassen zu haben (ebd., 364). Beides aber dürfte für den "Bruch mit Europa" (ebd.) eine Rolle gespielt haben: Die persönliche Krise zu überwinden, um endlich auch die quälende Schaffenskrise zu beenden.


In den USA vermochte Schumpeter – nach einigen schwierigen Anläufen – wieder intensiv zu arbeiten. So schrieb er damals an einen Freund: "Die Arbeit ist mein einziges Interesse im Leben" (Schumpeter 1936, zit.n. Swedberg 1994, 153). Er arbeitete "ohne Unterbrechung und ohne Rücksicht auf sich selbst – tagsüber, abends, an den Wochenenden und während der Ferien – [...]. Jeden Tag gab er sich selbst in seinem privaten Tagebuch Zensuren, und er heiratete eine Frau, Elizabeth Boody Firuski, eine Ökonomin am Radcliffe College, die er möglicherweise gar nicht liebte, die ihm aber ein Heim und den Komfort verschaffen konnte, den er für seine Arbeit benötigte" (Swedberg 1994, 153).


Die wissenschaftlichen Lebemänner Harvards hatten offenbar nicht bemerkt, in welch schwieriger psychischer Verfassung Schumpeter sich tatsächlich befand. Anders Elizabeth, die sich gleich nach seiner Ankunft in den USA in ihn verliebt und es sich zu ihrer Aufgabe gemacht hatte, "sein Leben angenehmer zu gestalten" (ebd., 169). In Harvard ging zudem das Gerücht, daß Elizabeth die Studenten dazu benutzte, um Schumpeter "näherzukommen" (ebd., 170). Der studentische Kreis um Schumpeter lehnte sie jedoch als "reaktionär und borniert" ab. Freundinnen und Kolleginnen bewunderten sie und meinten, sie wäre "ihr ganzes Leben lang eine Gelehrte gewesen", doch "ihr Interesse für den Beruf [hätte] ihr nichts von ihrer Weiblichkeit [genommen]" (zit.n. Swedberg 1994, 170).


"Schumpeters Vorstellungen idealer Weiblichkeit waren eher schlicht", meint sein Biograph Richard Swedberg (1994, 169), "und er scheint zunächst nicht recht gewußt zu haben, wie er mit einer so ernsthaften und etwas unscheinbaren Person [...] umgehen sollte". Nach ihrer Heirat "kümmerte sich [Elizabeth] um Schumpeter für den Rest seines Lebens" (ebd.), sie tat alles, um "seine Nerven und seine Gesundheit" zu schonen (Elizabeth Boody Schumpeter 1937, zit.n. Swedberg 1994, 171). So befand sich das einzige Telefon im Hause in der Küche, damit ihn das Läuten nicht störe (Swedberg 1994, 171). Elizabeth war "Chauffeuse, Forschungsassistentin und Haushälterin in einem" (ebd., 172). Ihre eigene wissenschaftliche Karriere gab sie de facto auf und arbeitete vor allem ihrem Mann zu. Zufrieden bemerkte Schumpeter: "Elizabeth regelt meine weltlichen Dinge" (Schumpeter 1949, zit.n. Swedberg 1994, 172). Elizabeth gab sich für ihn, den "charmantesten und exzellentesten Ökonomen der Welt" (Elizabeth Boody Schumpeter 1949, zit.n. ebd., 172), geradezu auf. Hingebungsvoll sorgte sie sich um alle Banalitäten seines Lebens, selbst darum, ob er auch "genug ißt und schläft" (ebd.). Seine wirkliche Leidenschaft galt freilich nicht Elizabeth, sondern weiterhin seiner Mutter sowie Annie, seiner verstorbenen zweiten Frau (Swedberg 1994, 172).


Nach Schumpeters Tod im Jahre 1950 brachte Elizabeth, selbst schwer krank, noch sein unfertiges Buch, "History of Economic Analysis", zu Ende. Sie wußte zwar zunächst wenig über den Stand des Manuskriptes, da Schumpeter "ihr vor der Fertigstellung des gesamten Textes keinen Einblick gewähren" wollte (ebd., 242). Mit Hilfe mehrerer Freunde Schumpeters ordnete sie aber das verstreute und höchst unübersichtliche Manuskript. Elizabeth starb noch vor Veröffentlichung des Bandes 1952 (ebd., 243).



"Herrische" Akzente in Schumpeters Gedankenwelt


Schumpeter operierte implizit in seinen Darstellungen mit wirtschafts- und wissenschaftsgemäßen Männlichkeitsentwürfen. Zur Explikation der Klassentheorien bediente er sich männlicher Figuren wie etwa jener des Anwaltes oder der des "einfachen Arbeiters", immer in männlichen Formen beschrieben und auch nur als solche gedacht (Swedberg 1994, 144). Weibliche Lebenswelten schienen ihm nicht wissenschafts- und theoriefähig. Entgeschlechtlichung oder bestenfalls vermeintliche Geschlechtsneutralität waren für seine Denkfiguren angesagt. Dies hinderte ihn aber nicht, zuweilen auch sexistische Einsprengsel in seinen Texten anzubringen.



Der Unternehmer als politisches Subjekt der wirtschaftlichen Entwicklung


Die soziale Figur des eigenständigen "Geschäftsmannes" war im Zuge der Industriellen Revolution inner- und außerhalb größer werdender Unternehmen hervorgetreten. Der selbständige Unternehmer und Geschäftsmann galt als entschiedener Individualist und wurde vom ökonomischen, sozialen und politisch-ideologischen Selbstverständnis angetrieben, "eigener Herr zu sein" und aus eigener Kraft voranzukommen. Der "Geschäftsmann" lebte demnach von ständiger Hoffnung auf eine wirklich große Chance. Die politisch-ideologische Denkfigur des "freien Unternehmers" war zudem aber auch in geschlechtlicher Hinsicht in besonderer Weise aufgeladen, denn in ihr war ein über die Maßen idealisiertes Bild "unabhängiger" Männlichkeit eingelassen. Der sukzessive ökonomische und soziale Niedergang des "freien Unternehmertums" bedeutete daher nicht nur Abstieg des selbständigen, heroischen Einzelnen, sondern auch Aufkommen des neuen gesellschaftsdurchschnittlichen Typus des "kleinen Mannes". So war der ökonomische und soziale Niedergang des "freien Unternehmers" auch von einem Prozeß "sozialer Entmännlichung" begleitet, im Zuge derer das Konstrukt "unternehmerischer", "unabhängiger" Männlichkeit in "abhängiges" Angestelltentum transformiert wurde.


Das Angestelltentum war in sozialer Hinsicht gespalten: in die kleine Schicht "leitender Angestellter" und die große "Masse" kleiner Angestellter. Diese scharfe soziale Trennung folgte einem auch vergeschlechtlichten Leitsystem: Die – immer auch männlich metaphorisierte – männliche Führungsschicht "leitender Angestellter" wurde kontrastiert zur – im Grunde unverkennbar weiblich konnotierten – "Masse" kleiner Angestelltenmänner. Die Berufswelt der Angestellten wurde also "entmännlicht", indem zunächst durch Etikettierung mittels Metaphern, die die gesellschaftliche Minderbewertung des "Weiblichen" zum Ausdruck bringen, die "kleinen" Angestellten in "bildlicher" Hinsicht entgeschlechtlicht wurden. Dadurch läßt sich dann aber auch das Berufsfeld insgesamt vergeschlechtlichen, also ökonomisch entwerten, so daß schließlich der metaphorishen Entmännlichung bruchlos die reale Verweiblichung folgen konnte.


Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich die soziale Kategorie des "Managers" herausgebildet, der – in der Regel selbst ohne Kapitalbesitz und in einem vertraglichen Arbeitsverhältnis – mit effektiver Leitungs-, Entscheidungs- und Kontrollgewalt zwischen Eigentümer und Arbeitnehmer getreten war. Der Manager verfügte de facto über Einsatz und Verwendungsweise von Produktionsmitteln und Geldkapitalien. Das Größenwachstum der Unternehmen während der Industriellen Revolution hatte dazu geführt, daß Eigentümer längst nicht mehr direkte Leitungsgewalt über Arbeiter auszuüben vermochten. Auch in räumlicher und lebensweltlicher Hinsicht entfernte sich der "Geschäftsmann" zunehmend von jenem Ort, an dem sein Reichtum erarbeitet und erwirtschaftet wurde. Die Eigentümer betrachteten die Manager daher als ihre "Geheimagenten" vor Ort, nur sie konnten über den Verlauf der Geschäfte wirklich Bescheid wissen. Die Manager wiederum fühlten sich als Architekten eines betrieblichen "Labyrinths", zu dem alleine sie auch den "Schlüssel" besaßen. Gewinn von Verfügungsgewalt durch Manager und Verlust des Einflusses von Eigentümern korrespondierten also in direkter Weise (Sampson 1996, 40ff.).


Auch Schumpeter befaßte sich ausführlich mit diesen umfassenden sozialökonomischen Transformationen des Unternehmertums. Soziale Klassen resultierten für ihn nicht ausschließlich aus "objektiven Faktoren", vielmehr betonte er "individuelles, schöpferisches Handeln" (Swedberg 1994, 149). Schumpeter integrierte seine "Theorie des Unternehmers", sein Ideal des Unternehmers, direkt in die soziologische Analyse des Unternehmertums. Schumpeters Unternehmer, eine "zentrale Figur im Wirtschaftsleben" wie "in der Gesellschaft" (ebd., 60f.), erscheint so als "imponierendes", "starkes" Individuum, implizit eigentlich ausschließlich männlich konnotiert, zumal er eine "außergewöhnliche Persönlichkeit" sein, "Kühnheit", "Stärke und Mut" aufweisen muß. "Siegerwille", "Kämpfenwollen", "Erfolghabenwollen" zeichnen "heroische" Unternehmer aus, allesamt tatenfrohe "Carusos". Die Analogien zum "charismatischen Führer" Max Webers liegen auf der Hand (ebd., 57, 149, 157).


Die "Kraft des führenden Mannes" schien Schumpeter zum damaligen Entwicklungsstand des – insbesondere us-amerikanischen – Kapitalismus aber nicht länger gefragt. Der "Führende" hätte keine Gelegenheit mehr, "sich in den Kampf zu stürzen. Er wird zu einem Bureauarbeiter mehr" (Schumpeter 1987, 216). Die Moderne würde dem klassischen Typus des Unternehmers, der mit traditionellen Männlichkeitsidealen kongruierte, immer weniger Raum lassen: Unternehmerfiguren würden beharrlich effeminiert und Manager, die dem sozialen Modell des Büroangestellten entsprechen, würden den freien Unternehmerhelden aus dem Feld der Wirtschaft verdrängen.


Die Dynamik marktwirtschaftlicher Ordnung ergibt sich für Schumpeter ausschließlich aus dem Denken und Handeln des Unternehmers. Dieser gilt Schumpeter als "Pionier" und "Erneuerer", der jedoch im Unterschied zum investierenden Kapitalisten keinerlei finanzielles Risiko eingehe. Solange das Aktive und "Schöpferische" dominiere, seien die heroisch-scharfen Konturen des Unternehmers noch zu erkennen; wenn aber Routine vorzuherrschen beginne, sei nur noch die maskenhafte Fassade des "bürokratisierten", passivierten, mithin eigentlich "feminisierten" Managers auszumachen (Swedberg 1994, 236; Ferguson 1984). Schumpeter mystifizierte und romantisierte die Bedeutung der Kreativität des Unternehmers, dem er Heroismus wie Aristokratismus unterlegte (Swedberg 1994, 241), und unterschätzte zugleich die expandierende Macht der Manager. Selbst zu Schumpeters Zeit war diese Idealisierung längst überkommen, sein Unternehmer mußte geradezu wie ein "abgenutztes individualethisches Vorbild" für "freies" Unternehmertum erscheinen (Horn 2000).


Sein maskulin unterfüttertes Unternehmerbild speiste sich aus unterschiedlichen ideenhistorischen Quellen seiner Zeit: aus Einflüssen Friedrich Nietzsches, aus der Idee des "charismatischen Führers" bei Max Weber und aus "Oswald Spenglers 'faustisch' unternehmerischem Herrenmenschen" (Bass 1999, 216). Es entspricht im Grunde einem Rettungsversuch von Männlichkeit in einer Welt, an der auch Frauen zunehmend beteiligt werden wollten.



Die Familie als Hort männlicher Bürgerlichkeit


Als "Individuum der Klassentheorie" figurierte für Schumpeter nicht eine "physische Person", sondern "die Familie" (Swedberg 1994, 145). Er war davon überzeugt, daß "klassenübergreifende Mobilität [...] der Struktur von Familien [entsprach]" (ebd., 146), denn "gleichgeordnete Familien" würden "zur sozialen Klasse zusammen[wachsen]" (ebd., 148). Am relativen Bedeutungsverlust von Familie und Kindern machte Schumpeter auch den "Niedergang" des Kapitalismus fest: Während es für das Bürgertum des 19. Jahrhunderts noch selbstverständlich gewesen wäre, ebenso wie Unternehmen auch Familien zu gründen, würden die Mitglieder der zeitgenössischen herrschenden Klasse, die "modernen Individuen", einem bloßen Utilitarismus frönen. Kinder würden ihnen nicht länger als "wirtschaftliches Aktivum", sondern nur als Kostenfaktor gelten. Dadurch würde das Bürgertum "eine Art unausgesprochener Kostenrechnung" auch in das Privatleben einführen (ebd., 217, 254). Familie erscheint bei Schumpeter im wesentlichen als ein "Unternehmen" von Männern, bedacht auf Kinder, die ihr Lebenswerk fortführen und innovieren sollen (ebd., 259f.), denn Männern obliegt "das zaubervollste [der] bürgerlichen Ziele, die Gründung einer industriellen Dynastie" (ebd., 252).


So kann Schumpeter – als Mann – die "Auflösung der bürgerlichen" Familie durchaus beklagen und mit einem "Verlust an Behaglichkeit, an Sorgenfreiheit" identifizieren, auch wenn er die Eröffnung durchaus neuer Möglichkeiten des Lebens erahnt (ebd., 255). Obwohl Schumpeter, wie zuvor ausgeführt, "Kinderlosigkeit" als eine Form "neuer Gelüste" irritierte, konnte er es sich aber nicht verkneifen, aktuelle Neuerungen der Empfängnisverhütung aus einem männlich-sexistischen Blickwinkel zu glossieren: "[D]ie kapitalistische Erfindungskraft [bringt] empfängnisverhütende Mittel von stets zunehmender Wirkungskraft hervor, die den Widerstand überwinden, den sonst der stärkste männliche Trieb entgegengesetzt hätte" (ebd., 255f.).


Das Bürgertum befand sich in der Sicht Schumpeters aber auch im Stadium der "Zersetzung", weil es von der Gleichheit aller überzeugt sei und es daher bevorzuge, in einfachen Wohnungen statt in – soliden Unternehmern gemäßen – "Stadthäusern" und "Landsitzen" (ebd., 256) zu leben. Statt der "Annehmlichkeiten des bürgerlichen Hauses" werde der "kleine, mechanisierte Haushalt" favorisiert (ebd., 257) und die "Last der täglichen Kleinigkeiten des Daseins" werde "auf die kräftigen Schultern hoch spezialisierter Organisationen" abgewälzt (ebd.). Es wäre also das Ende des tüchtigen Mannes gekommen, "der in erster Linie für seine Frau und seine Kinder arbeiten und sparen will" (ebd., 259, Hervorhebung im Original).


Mit dem Verlust des (familien)"moralischen Aspekts des Geschäftsmannes" entstehe daher eine "andere Art des homo oeconomicus", der sich "für anderes interessiert und anders handelt": "Er geht der einzigen Art von Romantik und Heroismus verlustig, die in dieser unromantischen und unheroischen Zivilisation des Kapitalismus noch übrig geblieben ist – des Heroismus von navigare necesse est, vivere non necesse est 6. Und er geht auch der kapitalistischen Ethik verlustig, welche für die Zukunft zu arbeiten einschärft, unabhängig davon, ob man die Ernte selbst einbringen wird oder nicht" (ebd.). Der Bourgeois wäre also "unheroisch" geworden (ebd., 223).


Das Bürgertum sei auch nicht mehr bereit, in der Arena der Politik für seine Rechte zu kämpfen, ja, es wage nicht einmal, "eine Gans zu verscheuchen" (ebd., 224). Da die bürgerliche Ordnung für die Bourgeoisie keinen Sinn mehr habe, tendiere sie zur "Sanftmut" (ebd., 261). Der Erosion bürgerlicher Arrangements entspreche eine Aushöhlung der "Unternehmer- und der Kapitalistenfunktion", wodurch sich der Kapitalismus insgesamt "selbst zerstöre" (ebd.). Selbst Privateigentum und Vertrag schienen Schumpeter im "Niedergang" begriffen, zumal der Kapitalist nicht länger durch seine Fabrik ginge und die Wände anfasse, "wie der Landmann die Erde gerochen habe. Heute [...] besitze man Aktien und keine konkreten Objekte mehr" (ebd., 216).



Der Krieger als historisch überkommene Figur


Schumpeters "Universum bestand aus wenigen starken Werten: Liebe, Haß, Sieg und Rache – eine Welt ohne Moral, Barmherzigkeit und Vergebung. Diese Werte galten ihm als Zeichen der Schwäche, und schwache Individuen waren in gleichem Maße minderwertig, wie Idealisten Narren waren. Die Macht war immer im Recht, und der Mann der Feder war dem Mann des Schwerts ein Bruder" (ebd., 262). Die Metapher des Kämpfens spielt in fast allen Texten Schumpeters eine herausragende Rolle, sie verbindet das Aristokratische mit dem Unternehmerischen ebenso wie den Kapitalismus mit dem Imperialismus.


In den klassentheoretischen Abhandlungen taucht daher auch immer wieder das Phänomen des Kriegerischen auf. Insbesondere am Beispiel der absteigenden Feudalklasse betont Schumpeter Bedeutung und Niedergang "kriegerischer Natur". Der Aufstieg der "handeltreibenden Schichten" hätte jedoch eine "allmähliche Demilitarisierung" bewirkt. Zugleich aber hätten auch die Adeligen selbst das "Interesse an ihren militärischen Aufgaben verloren" (Schumpeter 1953, 194). Das Kriegsgeschäft wäre zunehmend Lohnkriegern ("Söldner") überlassen worden und die Adeligen hätten sich immer häufiger einer Tätigkeit in der Staatsverwaltung zugewandt. Schumpeter mokierte sich darüber, daß der adelige Herr "schließlich die Rüstung nur mehr für den Maler anzog" (ebd., 195). Ihn faszinierte dieser Prozeß der "Entkriegerung", die er als Erosion der adeligen Grundfunktion sowie als Aushöhlung ihrer "sozialen Wichtigkeit" empfand. Aus der Beobachtung dieses Vorganges entwickelte Schumpeter seine analytische Struktur für den sozialen Niedergang des Kapitalismus (Swedberg 1994, 148). In beiden Fällen aber scheint evident, daß dieser Prozeß zugleich auch als Prozeß sozialer Entmännlichung auszumachen ist. Jedenfalls sind die gesellschaftlichen Übergänge auch als Transformationen sozial und politisch konstruierter Männlichkeiten zu deuten.


Von ähnlicher Relevanz sind freilich auch Schumpeters Überlegungen zum strukturellen Zusammenhang von Imperialismus und Kapitalismus, deren verbindende Klammer ihm ebenfalls im Kriegerischen (oder seiner Aufhebung durch Friedfertigkeit) angelegt schien. Imperialismus definierte er als "objektlose Disposition eines Staats zu gewaltsamer Expansion ohne angebbare Grenze" (Schumpeter 1953, 74). Aus diesem Grunde hatte Imperialismus für Schumpeter auch nichts mit theoretischer Ökonomie als Beschreibung und Systematisierung "rationalen" Verhaltens ökonomischer Akteure gemeinsam: Imperialismus galt Schumpeter vielmehr als (irrationales) Verhalten eines politischen Akteurs, des Staates, das Gewalt impliziere, die in der ökonomischen Theorie aber stets tabuiert blieb (Swedberg 1994, 137). Um effektiv zu sein, bedürften imperialistische Kriege der Unterstützung der Bevölkerung, weshalb sich der Imperialismus an die "dunklen Gewalten des Unterbewußtseins" richten und den "Haßbedarf" bedienen müßte (Schumpeter 1953, 118, 78).Für Schumpeter lagen Ursache und Anlaß etwa von Hexenverfolgungen oder Antisemitismus niemals bei kirchlichen oder weltlichen Mächten, vielmehr "entstanden [sie] aus der Seele der Massen selbst" (Schumpeter 1987, 382), aus "tiefstverwurzelten populären Haltungen" (ebd., 383), aus den "verbrecherischen Anlagen" oder der "Dummheit" des "Pöbels" (ebd., 385). Die Machtfrage stellte sich ihm nicht.


Schumpeter konstruierte Imperialismus als Widerspruch zum Kapitalismus. Im Kapitalismus würden die Menschen ihre Energien in Arbeit investieren, so daß wenig Kraft für kriegerische Aktivitäten verbleibe (Schumpeter 1953, 123). Der Kapitalismus wäre daher "seinem Wesen nach antiimperialistisch" (ebd., 126). Schumpeter wandte sich mit seiner Theoretisierung des Imperialismus gegen ausschließlich ökonomisch argumentierende marxistische Imperialismustheorien und sah im Gegensatz zu diesen Imperialismus nur mit der Sozialstruktur der Gesellschaft in Verbindung (Swedberg 1994, 139). Schumpeter verfolgte diese Idee an einer Geschichte des Imperialismus, die auf die Sozial- und Politikform des Absolutismus rekurrierte: Weil die soziale Gruppe der Krieger durch eigene Arbeit nicht überleben hätte können, war der absolutistische Staat gezwungen, "eine Art Kriegsmaschine" auszubilden (Schumpeter 1953, 104).


Aber auch der moderne Imperialismus schien ihm nur indirekt mit ökonomischen Faktoren verknüpft. In einer "rein" kapitalistischen Gesellschaft würde kein Imperialismus möglich sein. Vielmehr wären es die historischen Produktionsverhältnisse des absolutistischen Staates, Handelsregulierungen, Schutzzölle usw., die als "künstliche" Maßnahmen die ökonomische Logik des Marktes verzerren und zur "ökonomischen Aggression" von Staaten führen. Der Imperialismus erschien Schumpeter als "Atavismus" der sozialen Struktur wie "individualpsychologischer Gefühlsgewohnheiten" (ebd., 119f.). Mit der sozialen und politischen Konstruktionsweise von Männlichkeit brachte Schumpeter diese Vorgänge jedoch nicht in Verbindung.



Der Wissenschafter als menschliche Maschine


Interessanterweise vermochte Schumpeter aber sehr wohl die befremdende maskuline Grundnatur des im akademischen Betrieb dominierenden Wissenschaftlertypus zu beobachten und auch kritisch zu kommentieren, ohne freilich auch sich selbst damit zu meinen. In einer Arbeit über John Maynard Keynes, dem er als konjunkturtheoretischem Antipoden stets abfällig und mit großer Abneigung begegnete (Swedberg 1994, 165f.), ihn ansonsten aber als "gefälligsten Burschen" bewunderte, "angenehm, freundlich und gutgelaunt" (ebd., 153), beschrieb er minutiös – auch aus eigener Erfahrung und Anschauung – die in ihre Arbeiten eingesponnenen Wissenschafter, allesamt Männer: "Im allgemeinen haftet menschlichen Maschinen, die sich zum Letzten verausgaben, etwas Unmenschliches an. Solche Männer sind meistens unterkühlt im persönlichen Kontakt, unnahbar und ganz mit sich beschäftigt. Ihre Arbeit ist ihr Leben, sie haben keine weiteren Interessen, abgesehen von ganz oberflächlichen" (Schumpeter 1951, 272).


Auch dem Ideal von Männerfreundschaft sowie männerbündischer "Erotik" im Wissenschaftsfeld schien Schumpeter nicht abgeneigt. Als er 1932 nach Cambridge kam, lud ihn der große alte Ökonom Harvards, Frank William Taussig, ein, zunächst mit ihm in seinem Haus zu wohnen. Schumpeter machte aus dem Provisorium eine Dauerlösung und wohnte bis zu seiner Heirat 1937 bei Taussig. Schumpeter schrieb damals an einen Freund: "In meinen Freund und Hausherrn verliebte ich mich. Wo denken Sie hin – das ist kein elegantes junges Jüdlein, sondern der berühmte 72jährige Nationalökonom, der aus dem ökonomischen 'Department' von Harvard – vielleicht die erste Pflanzstätte dieser Wissenschaft in der Welt gemacht [...] hat" (Schumpeter, zit.n. Swedberg 1994, 156).


Die höchst oberflächliche männerbündische Kultur von Wissenschaft durchlebte Schumpeter, wenn er sich mit Mitgliedern einer der vielen informellen "Forschungsgruppen" in Harvard traf. Eine solche Gruppe am ökonomischen Department nannte sich "Seven Wise Men". Schumpeters Biograph beschreibt derartige soziale Ereignisse am Campus: "Es waren typische Herrenabende mit Fachgesprächen, Unterhaltung und Späßen besonderer Art" (Swedberg 1994, 167). Robert Loring Allen hat Schumpeters Freunde aus jener Zeit interviewt und beschreibt die Freitagabendtreffen folgendermaßen: "Nach ein paar Drinks und einem guten Essen, anschließendem Brandy und Konversation zog sich die Gruppe in das Haus, in die Wohnung oder die Räume eines der Teilnehmer zurück. [...] Obwohl Gespräche über ökonomische Fragen an diesen Abenden im Mittelpunkt standen, war das alles nicht sehr ernsthaft. Die Teilnehmer führten Schumpeter in die Freuden des amerikanischen Nachtlebens ein, indem sie ihn zu den Striptease Shows [...] mitnahmen. Später wurde noch mehr getrunken und bis in die späte Nacht geredet" (Allen 1991, II, 4, zit.n. Swedberg 1994, 168).


Primitiver Sexismus blühte aber offenbar nicht nur bei Schumpeter und seinen Kollegen, sondern auch bei vielen seiner Schüler. Abwertung von Frauen gehörte zur akademischen Kultur. So berichtet ein ehemaliger Student in einem Interview, daß auf dem Campus die Fama umging, "Schumpeter gebe drei Gruppen von Studenten grundsätzlich die beste Note [...]: allen Strebern, allen Frauen und allen anderen" (Carl Kaysen, zit.n. , 159).



Schumpeters Ressentiments


Während des Zweiten Weltkrieges nahm die Exzentrik Schumpeters nicht wie bis dahin nur "snobistische" und asoziale Züge, sondern auch ausgeprägt politisch rechte Formen an. Auch seine Frau Elizabeth galt als äußerst rechtsgerichtet (Swedberg 1994, 196). Schumpeter wurde seiner "prodeutschen Tendenzen" wegen auffällig und daher auch vom FBI observiert (ebd., 197). Selbst von Studierenden wurde beobachtet, daß er "häufig für Hitler Stellung bezogen" habe. In einem Brief schrieb er: "Ich weiß einiges über die Regierung vor Hitler und ich kann nur sagen, im Vergleich dazu bin ich bereit, ihm manches zu vergeben" (Schumpeter 1933, zit.n. Swedberg 1994, 205).


Antinazistisch war Schumpeter insoweit, als er offenen Österreich-Patriotismus an den Tag legte. Um die politische Entwicklung war er besorgt, weil er befürchtete, daß "Österreich von Berlin aus regiert werde, sollten die Nationalsozialisten an die Macht kommen" (Schumpeter 1934, zit.n. ebd., 203). Er hielt den Verlust der Souveränität Österreichs im Jahre 1938 für ein Unglück, konnte jedoch verstehen, daß viele Österreicher den "Anschluß" begrüßten, zumal das "neue Österreich" im wesentlichen die "deutschsprachige Bevölkerung" umfaßte (Swedberg 1994, 203).


Anläßlich der Gründung eines Hilfskomitees für deutsche Flüchtlinge sah Schumpeter sich zu einer seltsamen Klarstellung veranlaßt: "Um einem sehr naheliegenden Mißverständnis vorzubeugen: Gestatten Sie mir festzustellen, daß ich deutscher Staatsbürger, aber weder Jude noch von jüdischer Abkunft bin. Außerdem bin ich kein Anhänger der gegenwärtigen deutschen Regierung, deren Vorgehen auf jemanden wie mich etwas anders wirkt, weil ich meine Erfahrungen mit den vorangegangenen Regierungen gemacht habe. Meine konservativen Überzeugungen machen es mir unmöglich, die fast einstimmige Verurteilung der Hitler-Regierung in der ganzen Welt zu teilen" (Schumpeter 1933, zit.n. Swedberg 1994, 205). Lediglich "Verpflichtung einstigen Kollegen gegenüber" rechtfertigte für ihn in gewissem Maße Hilfestellung für Flüchtlinge, "Kollegialität" (unter Männern) und nicht Solidarität mit Verfolgten war für Schumpeter tolerierbar. Eigentlich aber hatte Schumpeter den Deutschen geraten: "Kollaboriert, kollaboriert und unterwandert von innen" (Wolfgang Stolper über Schumpeter, zit.n. ebd., 374). Noch bis 1944 war Schumpeter "von Hitlers Sieg überzeugt" (so Paul Samuelson, zit.n. ebd., 205, 374). Als er aber seine Fehleinschätzung der Situation einsehen mußte, klagte er, "daß wir den falschen Feind bekämpften [und] Stalin am Ende des Krieges alles an sich reißen würde" (ebd.). "Die Weltzivilisation ist einem schrecklich gerüsteten, hirnlosen Riesen ausgeliefert" (Schumpeter 1945, zit.n. ebd., 206). Wie Schumpeters Tagebuchaufzeichnungen zu entnehmen ist, "irritierte" ihn der Sieg der Alliierten über Nazideutschland, "weil die Briten und die Juden den Krieg mit Hilfe der Vereinigten Staaten gewonnen hätten", es wäre also ein "jüdischer Sieg" gewesen (Schumpeter 1945, zit.n. ebd.). Und "er sagte jedem, der es hören wollte, Roosevelt7 und Churchill hätten mehr Zerstörungen angerichtet als Dschingis Khan" (Goodwin 1983, 610, zit.n. ebd., 195).


Schumpeter scheute sich nicht, auch in aller Öffentlichkeit "Judenwitze" zum Besten zu geben (Swedberg 1994, 206). Nicht wenige antisemitische Äußerungen Schumpeters sind belegt. Kaum glaubwürdig war es daher, wenn er sich Kollegen8 gegenüber als Nicht-Antisemit präsentierte (ebd.). Denn selbst nach der furchtbaren Erfahrung mit den Greueln des Nationalsozialismus lehnte Schumpeter die Berechtigung von Kriegsverbrecherprozessen ab; ebenso hielt er die Zahl der ermordeten Juden für übertrieben: Nicht sechs, sondern nur zwei Millionen Juden sollen es seiner Einschätzung nach gewesen sein (Allen 1991, II, 166, zit.n. Swedberg 1994, 232). Zudem hielt er es für einen schweren Fehler, daß die westlichen Alliierten nach der Niederlage Hitlers Rußland nicht angegriffen hätten (Swedberg 1994, 233).


Trotz der politisch wohl einschlägigen Aussagen hielt Kenneth Galbraith Schumpeter keinesfalls für einen Antisemiten; er stellte ihn als jemanden dar, der lediglich "von einer ethnisch bedingten jüdischen Überlegenheit und einer Monopolisierung des ökonomischen Denkens durch die Juden überzeugt" gewesen wäre und jüdische Intellektuelle daher für "Imperialisten" gehalten habe (Galbraith 1988, zit.n. Swedberg 1994, 206). Paul Samuelson (1988, zit.n. ebd., 206f.) berichtet von der – verwunderlichen – Sicht Schumpeters, wonach Juden früh "aufblühen" würden, während Nicht-Juden beträchtliche Zeit zur Reife und zur Ausbildung ihres Talents benötigten. Juden wären schneller und erzielten deshalb einen ungerechtfertigten Vorsprung im akademischen Leben. Sowohl Galbraith wie auch Samuelson schienen aber davon überzeugt, daß die politische Philosophie Schumpeters frei von Antisemitismus wäre, und daß er lediglich "seinem persönlichen Groll gegen Juden" freien Lauf gelassen hätte, "wenn er emotional labil und depressiv war" (Swedberg 1994, 207). In ihrer Gesamteinschätzung Schumpeters differieren die beiden jedoch: Während Galbraith (1986, 288, zit.n. Swedberg 1994, 207) ihn für den "klügsten Konservativen dieses Jahrhunderts" hielt, war Samuelson (1970, 75, zit.n. ebd.) weniger ehrfürchtig: "Trotz seiner objektivistischen Diktion war Schumpeter ein Reaktionär. Aber wie Holmes von Spengler sagte: Er gehörte zu der Sorte von Gaunern, die man schwer zu fassen bekommt".


Schumpeter äußerte sich nicht nur in antisemitischer Weise, er war auch sonst keineswegs frei von ethnischen, sozialen oder geschlechtlichen Vorurteilen. So lehnte Schumpeter Slawen als ethnische Gruppe ab und zeigte sich über deren hohe Geburtenrate besorgt. Lenin galt ihm als "blutbefleckter mongolischer Despot" und die Sowjetunion als Exempel "orientalischen Despotismus" (Schumpeter 1933, zit.n. ebd., 202). Schumpeters – politisch wohl gerechtfertigte – Ablehnung des Stalinismus scheint aber nicht unwesentlich rassistisch begründet gewesen zu sein. In einem Vortrag prognostizierte er, "der weiße Teil der Menschheit wird sich, falls er mit seinem Verhalten fortfährt, zwar behaupten – allerdings wird er eines Tages nur noch aus Russen bestehen; alle anderen werden aussterben" (Schumpeter 1941, zit.n. ebd., 202). In seinem Tagebuch memorierte er zugleich: "Warum bin ich so deutschfreundlich? [...] und dieser Haß gegen Rußland, woher stammt der?" (Schumpeter 1941, zit.n. ebd., 372). Antworten darauf blieb er freilich schuldig.


Auch räsonierte Schumpeter gegen "Nigger, Juden und Abartige" (Schumpeter, Tagebuch 1942/43, zit.n. ebd., 196). In höchst pejorativer Weise äußerte er sich auch immer wieder gegen die heraufkommende "Jazz-Zivilisation" und zog polemische Analogien zu rezenten ökonomischen Diskursen: "Ebenso wie der Niggertanz der Tanz der heutigen Zeit ist, so ist auch der Keynesianismus die ökonomische Lehre der Gegenwart" (ebd.). Weil er sich aber der Tabuierung und Deplaciertheit derartiger Äußerungen schon auch bewußt war, mahnte er sich selbst in seinem Tagebuch zur Vorsicht: "Man soll niemals die Juden und die katholische Kirche angreifen [...]. Solche Angriffe sind böse Vorzeichen" (ebd.).


Schumpeter war ganz und gar Konservativer und nicht einmal für das soziale, geschweige denn für ein geschlechtliches Gleichheitsprinzip zu begeistern. Vielmehr war er geradezu von der "stimulierenden Wirkung der Ungleichheit" angetan (Swedberg 1994, 159), womit er auch seine studentischen Bewunderer immer wieder konfrontierte. Die Idee der Frauenemanzipation erschien ihm als Greuel. So war er stets bestrebt, zwischen höflicher Behandlung von Frauen und Geschlechtergleichheit exakt zu scheiden: "Der Mann, der seine Frau mit ausgesuchter Höflichkeit behandelt, ist in der Regel nicht der Mann, der eine Kameradschaft zwischen den Geschlechtern auf dem Fuße der Gleichheit akzeptiert. In Tat und Wahrheit ist die höfliche Haltung gerade eine Methode, um dies zu vermeiden" (Schumpeter 1987, 441).


Männlicher Elitarismus prägte ganz wesentlich sein Welt- und Menschenbild. Er teilte die Menschen in "heroische Führer" und in schwache, verachtenswerte Massen: "Gleichheit ist das Ideal der geistig Minderbemittelten, aber selbst die geistig Minderbemittelten wollen eigentlich keine Gleichheit, sondern einfach nur, daß niemand besser ist als sie selbst" (Schumpeter, Aphorismen, zit.n. Swedberg 1994, 261). "Die Gleichheit der Menschen ist der dümmste aller Glaubenssätze" (Schumpeter, Aphorismen, zit.n. ebd., 283). Auch in geschlechtlicher Hinsicht wies er äußerst traditionelle chauvinistische Einstellungsmuster auf: "Was der Mann will, immer schon wollte und wozu er am besten geeignet war: Nahrung und Frauen jagen und Feinde töten; das ist das größte Glück für die meisten" (Schumpeter, Aphorismen, zit.n. ebd., 260). Oder: "Frauen und Arbeiter sehnen sich nach etwas" (Schumpeter, Aphorismen, zit.n. ebd., 272).



Das Geschlecht des demokratischen Marktes


Die breite Akzeptanz klassisch-demokratischer Werte deutete Joseph A. Schumpeter als Bedarf nach Religionsergänzung oder gar Religionsersatz westlicher Intellektueller und Politiker (Schumpeter 1987, 421). Schumpeter hegte offene Aversion gegen normative Demokratiekonzeptionen und versuchte daher das eigentlich Unmögliche, nämlich Wertsetzungen und utopische Überfrachtungen durch Formalisierung zu vermeiden. Er verstand sich auch in dieser Hinsicht als Wissenschafter, der sich in seiner Arbeit politischer Wertungen enthalte. Demokratie per se könne kein Ziel sein, Intention von Demokratie wäre nur breit legitimierte und effiziente Produktion von Entscheidungen (vgl. auch Niklas Luhmanns systemtheoretische Fassung von Politik).


In eigentlich resignativer Weise bestimmte Schumpeter Demokratie nicht als politisches Ideal, das Freiheit, Gleichheit oder Menschenrechte beinhaltet, vielmehr reduzierte er sie minimalistisch auf eine politische "Methode", worunter er "diejenige Ordnung der Institutionen zur Erreichung politischer Entscheidungen" versteht, "bei welcher einzelne die Entscheidungsbefugnis vermittels eines Konkurrenzkampfs um die Stimmen des Volkes erwerben" (Schumpeter 1987, 428). Demokratie soll demnach die "Herrschaft des Politikers" dann heißen, wenn er "frei" gewählt wurde (ebd., 452). Die politische Praxis westlicher Demokratien spiegelt sich in Schumpeters Theoretisierung, die zugleich aber die passende "Hintergrundsideologie" eben dieser Demokratieentwürfe des Westens abgibt. Aus diesem Grunde wird Schumpeters Ansatz nicht selten auch als empirische Demokratiebestimmung mißverstanden. Schumpeter ging es letztlich vor allem um Aussöhnung von Demokratieansprüche und Elitismus (Waschkuhn 1998, 29f.).


In jener Zeit, als Schumpeter "Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie" verfaßte, war es doch schon evident, daß es auch Frauen gibt, die auf dem "demokratischen Markt" flanieren wollen, also Teil des Wahlvolkes zu sein beanspruchen. Bei Schumpeter ist jedoch immer nur von Männern die Rede. Erst recht nennt er ausschließlich Männer, wenn die Führungsfrage thematisiert wird9. Auch demokratische Institutionen sind für ihn wie selbstverständlich "bemannt". Aus dem Sprachduktus schon wird ersichtlich, daß es vor allem "Männer" sind, die "in das Kabinett zu berufen" sind (ebd., 428), und die "die Entscheidung zu treffen haben" (ebd., 427). Frauen scheinen in "Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie" als politische Subjekte nahezu nicht auf, sie finden nur in ihrem "privaten" Verhältnis zu Männern oder Kinder Erwähnung, nicht aber als eigenständige politische Individuen. Die "Ordnung der Institutionen" wurde unter männlicher Regie von Männern für Männer errichtet. Auf dem Marktplatz der Demokratie tummeln sich daher vornehmlich "Marktmänner". Max Weber hatte noch gegen "Marktweiber" polemisiert, bei Schumpeter werden diese nicht einmal mehr in einer abwertenden Weise wahrgenommen. Sie sind einfach nicht existent – weder auf wirtschaftlichen Märkten noch auf "demokratischen Märkten".


Schumpeters Demokratieverständnis impliziert, wie er meint, den "Verzicht" auf die Postulate der klassischen Demokratietheorien des 18. Jahrhunderts (ebd.), wobei ihm freilich auch zum Vorwurf gemacht wurde, daß er die politische Theorie dieser Ära "generalisiert", ja "mythologisiert" habe (so etwa Pateman 1970). Vor allem das politische Ziel des "Gemeinwohls" schien Schumpeter suspekt, weil es im Grunde unbestimmbar bleibe (ebd., 399). Schumpeter negierte, daß Wähler in politischen Fragen rational handeln würden, er belächelte daher auch offen das verbreitete Bild vom "mündigen Bürger". Im "privaten Bereich" könnten Bürger zwar vernünftig handeln, doch, sobald sie "das politische Gebiet [betreten]", würden sie "auf eine tiefere Stufe der gedanklichen Leistung" fallen, sie würden inkompetent, "infantil" und "primitiv" (ebd., 416).


Das Schumpetersche Modell der Demokratie ist, da es vor allem technisch restriktiv gedacht wird, sehr simpel: Demokratie ist "Konkurrenzkampf um die Führung", also "Konkurrenz, [...], um die Gefolgschaft des Volkes" (ebd., 430). Im Kern von Schumpeters Überlegungen steht die Annahme, daß Kollektive nur handlungsfähig seien, wenn die Entscheidungsgewalt an "Führer" delegiert werde (ebd., 429) und diese Führer um die Stimmen der Bevölkerung konkurrieren. Daher hielt Schumpeter seine Demokratiekonzeption für "lebenswahrer" und "wirklichkeitsnäher" als jene der klassischen Theorie, die die Initiative der Wählerschaft zuweise und das Problem der Führung ignoriere (ebd.). Einzige Aufgabe der Bevölkerung auf dem "demokratischen Markt" wäre es, eine Regierung zu wählen und die Entscheidungsbefugnis dann an diese abzutreten. Inkludiert in diesen Mechanismus ist Kontrolle der Führer nur in Form von Abwahl der Regierung, nicht jedoch auch als laufende Kontrolle der politischen Geschäfte. Wurde die Wahl einmal getroffen, haben "die Wähler außerhalb des Parlaments [...] die Arbeitsteilung zwischen ihnen selbst und den von ihnen gewählten Politikern [zu] respektieren. Sie [...] müssen einsehen, daß wenn sie einmal jemanden gewählt haben, die politische Tätigkeit seine Sache ist und nicht die ihre" (ebd., 468). In der Bevölkerung spiegeln sich "latente" Willensäußerungen, die erst von einem politischen Führer "zum Leben erweckt werden" (ebd., 429). Schumpeters Demokratiekonzeption enthält einen autoritären Kern, wie er auch aktuell in rechtspopulistischen Politikkonzeptionen zunehmend vertreten wird.


Analog zum Marktverhältnis werden auch in der demokratischen Konkurrenz Interessen politischer "Konsumenten" (Wähler) von politischen "Unternehmern" (Führer, Parteien) aufgegriffen und in politische "Angebote" (Programme) bzw. "Produkte" (Gesetze, Verordnungen) umgesetzt, um ein Maximum an "Profit" (Wählerstimmen, Macht) zu erzielen. Das Verhältnis von Demokratie und Freiheit wird einschränkend definiert. Freiheit bedeutet bei Schumpeter nur, sich "um die politische Führung [...] bewerben" zu können, indem man "sich der Wählerschaft vorstellt" (ebd., 431). Sicherlich wäre dazu auch ein Mindestmaß an Diskussions- und Pressefreiheit erforderlich. Schumpeter bemerkt aber trocken, das wäre "Freiheit im gleichen Sinne, wie jedermann die Freiheit hat, eine weitere Textilfabrik aufzutun" (ebd.). Das erschien ihm "aber auch alles, was über diese Beziehung gesagt werden kann" (ebd., 432).


Freilich war auch Schumpeters Modell von Demokratie nicht frei von Glaubenskomponenten: Nach wie vor müßten Politiker den "Volkswillen" beschwören und die Bevölkerung Glauben machen, daß sie diesem gerecht zu werden und entsprechend umzusetzen vermögen. In den Wahlkämpfen westlicher Demokratien, die Schumpeter ja im Sinne gehabt hatte, wird eher der "Glauben" an Politiker propagiert, als daß es sich hierbei tatsächlich um Konkurrenzkämpfe zwischen politischen Alternativen handeln würde. Die Formung einer fähigen politischen und administrativen Führungsschicht steht – ganz ähnlich wie im politischen Denken Max Webers – im Zentrum von Schumpeters Demokratietheorie. Sie müsse "von hohem Rang, guter Tradition, starkem Pflichtgefühl und einem nicht weniger starken esprit de corps" geprägt sein (ebd., 465), alles Merkmale einer männerbündisch geformten Welt. Wichtig war Schumpeter aber auch Zurückhaltung und disziplinierte Selbstbeschränkung von Politik: Gesetzgebung sollte auf Kernbereiche der Politik begrenzt bleiben. Überflüssige Regulation und Intervention wäre zu vermeiden.


Schumpeter beanspruchte für seine Demokratietheorie größeren Realitätsgehalt, mehr "Lebenswahrheit" (ebd., 427). Freilich wurde auch seiner Theorie "mangelnder Realismus" vorgeworfen, zumal er nur den Markt als formalisierten Austauschmechanismus im Blick und das Interesse an politischer Beteiligung und zivilgesellschaftlichen Aktionsformen übersehen hatte (Schmidt 1995, 138). Schumpeters Demokratie als Methode ist für jede beliebige politische Ordnung geeignet, sofern sie ein Minimum an Spielregeln respektiert. Politik ist bei Schumpeter als ein Universum von (männlichen) Berufspolitikern im Dienste der Ökonomie konzipiert. Nur einige wenige Individuen, die regierungsmächtigen privilegierten Eliten, sind in Schumpeters Demokratieentwurf politisch auch tatsächlich frei (Waschkuhn 1998, 37).


Was sollen in einer solch maskulinen Welt überhaupt Frauen, wenn sie sich nicht in den sozialen Feldern von Prostitution oder patriarchaler Versorgungsehe betätigen? Joseph A. Schumpeter machte jedenfalls kein Hehl aus seinen männlichen Lebensinteressen und maskulinen Wertpräferenzen.


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Kreisky, Eva, Demokratie, Markt und Geschlecht. Die maskuline Welt des Joseph A. Schumpeter


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Fussnoten:


1 "Eigentlich habe ich fünf gehabt: Ich hatte auch ein vollendeter Kunstkenner und ein erfolgreicher Politiker werden wollen" (1943).

2 Vor allem folgende Texte weisen Joseph A. Schumpeter als auch für die Politikwissenschaft interessanten Autor aus: Die Krise des Steuerstaates (1918), Zur Soziologie der Imperialismen (1918/19), Die sozialen Klassen im ethnisch homogenen Milieu (1927) sowie "Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie" (1942). Schumpeter war einer der wenigen Ökonomen seiner Zeit, der auch den Staat in den Blick nahm. "Die politische Struktur einer Gesellschaft gehörte zu den Verhältnissen, die ein Ökonom voraussetzen, aber nicht verstehen mußte" (Swedberg 1994, 132). Schumpeter dagegen sah den Staats als "ökonomisch aktive Organisation" im Sinne Max Webers und trachtete daher danach, Genese und Wirkungsgweise des modernen Fiskalstaates zu begreifen.

3 Das in meinem Beitrag zitierte biographische Material entstammt fast ausschließlich der m.E. umfassendsten Recherche zum Thema (Swedberg 1994).

4 Aus dieser politischen Allianz heraus wurde Schumpeter 1919 auch zum ersten Finanzminister der neu gegründeten Republik gemacht.

5 Die meisten seiner Aphorismen verfaßte Schumpeter zwischen 1943 und 1946 (Swedberg 1994, 267).

6 "Seefahren ist notwendig, leben ist nicht notwendig" (Spruch an einem alten Haus in Bremen (Schumpeter 1987, 259).

7 Schumpeter stand Roosevelt wegen dessen New Deal-Politik ohnehin äußerst kritisch gegenüber. Er befürchtete nämlich, daß die Depression die USA beschleunigt in Richtung Sozialismus führen könnte, weshalb er dafür plädierte, der Depression einfach ihren Lauf zu lassen und in den Gang der Konjunkturzyklen nicht einzugreifen: "Die Erholung ist nur dann gesund, wenn sie aus sich selbst heraus geschieht" (Schumpeter 1934, zit.n. Swedberg 1994, 204). Den Eintritt der USA in den Krieg kritisierte Schumpeter in einem Brief an einen Freund auf das heftigste:"Zehn Jahre Krieg und zehn Jahre Roosevelt-Diktatur werden die Sozialstruktur vollkommen umstürzen. Daß Menschen wie wir von der Bildfläche verschwinden werden, ist dabei natürlich nur von untergeordneter Bedeutung" (Schumpeter 1941, zit.n. ebd.). 1942 empörte sich Schumpeter in "Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie" über die amerikanische Sozialgesetzbegung: Die Steuern würden auf "Konfiskation" hinauslaufen, "die mit der von Stalin durchgeführten vergleichbar sei"; auch die "Verteilung des verfügbaren Einkommens" in den USA würde sich mit der russischen durchaus vergleichen lassen. 1949 warnte Schumpeter in einer Rede vor der American Economic Association vor einem Sozialistischwerden der USA. Diesen "Marsch in den Sozialismus" wollte er in einem "Übergang der wirtschaftlichen Lebensfürsorge aus dem privaten in den öffentlichen Bereich" erkennen (Schumpeter, zit.n. Swedberg 1994, 233).

8 Wie etwa Ragnar Frisch gegenüber (Swedberg 1994, 206).

9 Als Illustration für die deutliche Männerlastigkeit des Denkens möge etwa folgender Absatz dienen: "Obschon begründete Erwartung besteht, daß ein Mann, der zu höchster Befehlsgewalt aufrückt, im allgemeinen ein Mann von beträchtlicher persönlicher Kraft ist, einerlei was er sonst sein mag - [...] - , folgt nicht daraus, daß dies immer der Fall sein wird. Deshalb soll der Ausdruck 'Führer' oder 'führender Mann' nicht implizieren, daß die solchermaßen bezeichneten Individuen notwendig mit Führerqualitäten begabt sind oder daß sie tatsächlich immer pesönlich anführen. Es gibt politische Situationen, die dem Aufstieg von Männern ohne Führerqualitäten (und ohne andere Qualitäten) günstig sind und ungünstig für die Errichtung starker individueller Positionen" (Schumpeter 1987, 434, Hervorhebungen, E.K.).

 

 

 

 

Bibliographie


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