Dr. Eva Kreisky, Institut für Politikwissenschaft - Universität Wien
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Wissenschaftliches Arbeiten

Howto: Begriffe

 


"Brecht hat von Begriffen als Griffen gesprochen, mit denen Dinge und Verhältnisse in Bewegung gesetzt werden - ganz entsprechend dem Verhalten eines Handwerkers, der Werkzeuge benutzt, um das Material zu bearbeiten und ihm eine den Zwecken angemessene Gestalt zu geben. Gehen diese Griffe verloren, büßen auch die Begriffe und Worte ihre verlässliche Wirkungsweise ein."
(Oskar Negt/ Alexander Kluge, Maßverhältnisse des Politischen, Frankfurt/M, 1992, 57)


Warum Begriffe?

Wie das eingangs erwähnte Zitat nahe legt, sind Begriffe zentral für jede kritische Wissenschaft bzw. für jede Sozialkritik im allgemeinen. Die Verhältnisse müssen be-griffen werden, um sie verändern zu können.
Begriffe sind nun auch das notwendige Rüstzeug für jede Politologen/ jede Politologin, gleich ob man/frau nun eine kritische Absicht verficht oder nicht. Es geht einerseits darum, die Verhältnisse mit möglichst treffenden Begriffen möglichst klar und konsistent zu beschreiben. Andererseits geht es auch darum, zu erkennen welche Begriffe in der wissenschaftlichen Diskussion oder auch im Alltagsdiskurs mit welchen Konzepten und Theorien verknüpft sind, also die Bedeutung eines Begriffes herauszuarbeiten und Assoziationsketten/ Naheverhältnisse/ Begriffscluster zu "entdecken".

Nicht selten stehen Definitionsfragen am Ausgangspunkt politischer und wissenschaftlicher Auseinandersetzungen. "Bürger" kann man/frau z.B. als Staatsbürger(In!) - als volljährige(n) Staatsangehörige(n) -, als Staatsbürger(In) im Sinne eines Trägers von sozialen, ökonomischen und politischen Rechten, aber auch als männlichen Bourgeois (d.h. in ökonomischer Weise) definieren. Wenn Andreas Kohl von "Bürgergesellschaft" redet, hat er etwas ganz anderes im Sinn als regierungskritische Organisationen, wenn sie von "Zivilgesellschaft" sprechen (die sich ja auch auf den Bürger bezieht).


Begriffe sind Konventionen.

Genau wie Masseinheiten oder Farben sind auch Begriffe das Ergebnis von Verhandlungen. Begriffe sind weder naturgegeben noch immerwährend. Ihre Bedeutung kann sich ändern. Nicht zuletzt die Neuauflagen der Lexika zeugen davon, dass Begriffe "leben".
Einerseits heisst das, dass wir den Bedeutungen von Begriffen nicht "ausgeliefert" sind, sondern diese durchaus ändern können, dass es verschiedene Ansichten geben kann und dass Begriffe eine Geschichte und eine Zukunft haben. Andererseits bringt das auch Schwierigkeiten mit sich:
Begriffe sind an einen Kontext gebunden, an eine Zeit und an das jeweilige Wissen dieser Zeit.

 


Tipps zum Umgang mit Begriffen


Kategorien
Fremdwörter, die einfach (in einem Fremdwörterlexikon) nachzuschlagen sind bzw. schon bekannt sind (z.B. antagonistisch)
Theoriespezifische Ausdrücke, wobei der theoretische Hintergrund bekannt sein muss, um die spezifische Bedeutung des Wortes zu erschließen (z.B. Arbeitsbegriff - ist für Locke's Theorie zentral; von in gewisser Weise an Locke anknüpfend, aber in anderer Bedeutung und Zusammenhang findet der Begriff sich bei Marx, ebenso an zentraler Stelle).
Philosophische und metatheoretische (wissenschaftstheoretische) Fachausdrücke (Philosophie-Lexika befragen) - z.B. heuristisch
Wörter, die in der Alltagssprache vieldeutig sind oder einen abweichenden Bedeutungsgehalt haben als im politikwissenschaftlichen Jargon. Hier gilt es die Differenzen festzuhalten bzw. auch sich die Tatsache bewusst zu machen, dass es auch in verschiedenen theoretischen Ansätzen Bedeutungsunterschiede gibt. (z.B. Arbeit, Politik, Anerkennung)


Hilfreich ist auch die Unterscheidung in Begriff / Konzept / Theorie, die man sich als unterschiedlich weitreichend vorstellen kann.
Ein Begriff (wenn man ihn als Terminus Technicus versteht) besitzt demnach per se die geringste Reichweite - er bezeichnet zunächst nur ein mehr oder weniger eingeschränktes Phänomen. Der Begriff "Legislative" bezeichnet zunächst eine relativ eindeutige Sache. Nahestehende Begriffe sind Judikative und Exekutive, die wiederum auf den Begriff der Gewaltenteilung verweisen. Letzterer ist nun alles andere als eindeutig, auch wenn das vorerst so erscheint.
Unter "Gewaltenteilung" versteht man üblicherweise die Trennung zwischen Judikative, Exekutive und Legislative. Bei genauerer Hinsicht ist es gar nicht immer so einfach, die Behörden des Staates einer "Gewalt" zuzuordnen oder die Gewaltenteilung auch nur in den Begriffen der Trennung zwischen den drei Gewalten zu sehen. Sehr häufig wird etwa der Begriff der Gewaltenteilung in Verbindung zum Konzept des "checks and balances" gebracht, das einem U.S.-amerikanischen Kontext entstammt. Gewaltenteilung im Sinne von "checks and balances" betrifft nicht nur jene zwischen den drei Staatsgewalten, sondern auch zwischen Zentralstaat und Gliedstaaten (Föderalismus) und hat somit ganz spezifische Implikationen.
Sehr häufig lassen sich also Begriffe gar nicht unabhängig von weiterreichenden Konzepten oder Theorien verstehen (der Begriff "Gewaltenteilung" lässt sich nicht sinnvoll ohne ein bestimmtes Konzept bzw. Theorie von Gewaltenteilung diskutieren).



Hinweise zum Aufarbeiten der Begriffsliste:

1. versucht mal eine Zuordnung zu den o.g. Kategorien
2. banale Fremdwörter, die nicht bekannt sind, nachschlagen
3. Begriffspaare und -gruppen finden und bilden
3a. Gegensatzpaare (z.B. Allgemeininteresse vs. Einzelinteresse)
3b. Gruppierung miteinander verbundener Begriffe: Kapitalismus, Feudalismus und anschließende Zuordnung zu einem Überbegriff z.B. Wirtschaftssysteme
oder anderes Beispiel: Staats- oder Verfassungsformen: Demokratie, Aristokratie, Monarchie, Oligarchie, ...
3c. Synonyme identifizieren (z.B. Egoismus, Eigensucht)

Im wesentlichen geht es bei den meisten Begriffen aber darum, dass man sie einigermaßen zuordnen kann und eigenständig Assoziationsketten zusammenspinnen kann.

Beispiel: "bürgerliche Gesellschaft" wird in den Vertragstheorien synonym für den Staat verwendet, im Gegensatz zum Naturzustand; wurde historisch mal versucht zu verwirklichen durch eine bürgerliche Revolution, bekannt als die Französische Revolution 1789; die Träger / zentralen Akteure dieser Revolution bezeichneten sich selbst als Bürger / den Dritten Stand und beanspruchten in diesem Sinne auch (Staats-)Bürgerrechte; der Dritte Stand ist im Kontext einer Ständeordnung eine Bevölkerungsgruppe, die sich sozial ansiedelt zwischen der Aristokratie und dem Bauernstand; ökonomisch betrachtet entwickelten sich Teile dieses Standes vom mittelalterlichen Stadtbürgertum durch die Entstehung des Kapitalismus und die industrielle Revolution zur sogenannten Bourgeoisie; das sind in einer Klassengesellschaft die Kapitalisten (die Eigentümer von Produktionsmitteln), im Gegensatz zur Arbeiterklasse bzw. dem Proletariat (die Eigentümer der Arbeitskraft); in der Arbeitswerttheorie entsteht Wert jedoch nur durch Arbeit, wodurch Marx zu dem Schluss gekommen ist, dass sich die Kapitalisten mehr Wert (den sogenannten Mehrwert) aneignen als sie den Arbeitern durch Lohn abgelten, um zu Gewinn zu kommen, d.h. es findet Ausbeutung statt, usw.



Lexika: Mit Begriffen zu arbeiten, bedeutet mit Lexika zu arbeiten.

Es gibt je nach Fachbereich oder Wissensgebiet verschiedene Nachschlagequellen.
Es ist also ratsam, je nach Begriff, zu wissen, welches Gebiet und Naschlagewerk für "deinen" Begriff in Frage kommt. Ausgangspunkt einer solchen Suche ist oftmals ein Herkunftswörterbuch, eine Enzyklopädie oder ein einfaches Fremdwörterbuch.
TIP: Solche Wörterbücher werden auch als kostengünstige einbändige Ausgaben (von mehreren Verlagen) angeboten.
Nachdem du weisst, wo das gesuchte Wissen zu finden ist, sollte ein fachspezifisches Wörterbuch konsultiert werden, zb. das "Lexikon der Politik" oder das "Philosophie Lexikon".

Eine sehr gute Literaturliste zur Politikwissenschaft findet sich auf http://www.political-science.at/lehre/index.htm. Hier ein Auszug aus dem Bereich 'Handbücher und Lexika':


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